Ein Gastbeitrag von Nico Rose

Michael ist selbstständiger Vertreter für Finanzprodukte. Er kommt zu mir, weil er nach eigener Aussage „finanziell auf keinen grünen Zweig“ komme. Da sein Verdienst maßgeblich von seinem Selbstmanagement und seinen Verkaufsqualitäten abhängt, möchte er sich in dieser Hinsicht coachen lassen. Im Verlauf unseres Gespräches zeigt sich, dass er durchaus anständig verdient, in einem typischen Jahr etwa 80.000 Euro. Auf die Frage, wo denn sein persönlicher grüner Zweig liege, gibt er ein Bruttoeinkommen von 300.000 Euro an. Im Folgenden stellt sich heraus, dass Michael immer wieder sehr erfolgreiche Monate hat, in denen er so viel verdient, dass er hochgerechnet sein Ziel durchaus erreichen würde. Allerdings schildert er auch, dass er nur selten mehrere erfolgreiche Monate am Stück erlebe. Stattdessen falle er „regelmäßig in ein Loch“, wenn es eine Weile gut gelaufen sei. Er mache dann weniger Termine und sei überhaupt „irgendwie demotiviert“.

Ich lenke Michaels Aufmerksamkeit auf sein Elternhaus. Er sei in ärmlichen Verhältnissen aufgewachsen. Sein Vater war Arbeiter am Bau; seine Mutter putzt bis heute, um die Rente aufzubessern. Auch sein Bruder komme eher schlecht durchs Leben. Michael ist bisher das einzige Familienmitglied, das Abitur gemacht hat und der Mittelschicht angehört. Ich frage, wie früher in seiner Familie über Geld gesprochen wurde. Er berichtet, dass besonders sein Vater häufig oft „die da oben“ geschimpft habe, über die „Bürohengste“ und das „Bonzenpack“. Er erinnert sich, dass sein Vater sagte, es sei „okay, arm zu sein“, weil man so „sein Geld wenigstens ehrlich verdienen“ würde.

Ich schlage vor, Michaels Bedeutungshorizont bezogen auf das Thema „gut verdienen“ zu explorieren. Und so zeigt sich, dass er beziehungsweise ein Teil von ihm die vom Vater vorgelebten Glaubenssätze in puncto Geld internalisiert hat. Einerseits möchte Michael mehr verdienen, andererseits befürchtet er bewusst, dann zu der vom Vater verunglimpften Personengruppe zu gehören – was wiederum mit Ablehnung durch die Eltern verknüpft ist.

Wir arbeiten gemeinsam an der Entzerrung dieser Gedanken- und Gefühlswelten. Michael verinnerlicht im Laufe dieses Prozesses, dass er durchaus „gut verdienen“ und gleichzeitig ein „guter Sohn“ sein kann.

Wir sind immer von gestern

Der „Fall Michael“ ist symptomatisch: Ein Großteil unseren Wissens beruht auf ungeprüften, übernommenen Annahmen. Im Grunde wissen wir fast nichts; stattdessen glauben wir zu wissen. Das Gros unseres Wissenshorizontes besteht aus aufeinander aufbauenden Glaubenssätzen. Dies ist im Prinzip okay, es sei denn, ein Glaubenssatz ist nachweislich faktisch falsch; oder, wie oben beschrieben, einschränkend für unsere Handlungs- und Entwicklungsmöglichkeiten.

Viele Glaubenssätze dieser Kategorie stammen aus unserer Kindheit. Wir sind darauf programmiert, in den ersten Jahren alles aufzusaugen, was unsere Eltern uns anbieten; mit allen positiven und negativen Konsequenzen. Ohne hartnäckiges Hinterfragen bleibt vieles davon in uns wirksam, auch wenn sich unsere Lebenssituation – allein schon durch das Erwachsenwerden – grundlegend geändert hat.

Update für unsere Mentalsoftware

Im diesem Sinne ist es förderlich, ab und zu aktiv den eigenen Bedeutungshorizont zu explorieren. Es geht darum, die Annahmen Ihres Weltmodells kennenzulernen; die Vorbedingungen dessen, was Sie glauben müssen, um glauben zu können, was Sie glauben. Dies wird Ihnen helfen, einschränkende Glaubenssätze zu erkennen und zu neutralisieren.

Und Sie haben fünf Möglichkeiten, dies zu tun:

1. Vorannahmen hinterfragen

Fragen Sie sich: Was muss ich glauben, um glauben zu können, was ich glaube? Beispiel: Ein Mann bleibt lieber (unglücklich) allein, weil er sich für „die Richtige“ aufspart. Dahinter stehen zum Beispiel folgende Annahmen:

  1. Es gibt so etwas wie die eine Richtige.
  2. Ich werde mit ihr zusammenkommen, wenn ich sie treffe.
  3. Es ist falsch, in der Zwischenzeit mit einer Frau zusammen zu sein, die nicht die Richtige ist.

Alle diese Annahmen sind nicht zwingend zutreffend und können daher als Basis für Veränderung dienen.

2. Herkunft und Kontext klären

Fragen Sie sich:

  • Wer sagt das?
  • Woher weiß ich das?
  • Für wen gilt das?
  • In welchem Kontext gilt das?
  • Gilt das ausnahmslos?

Im Beispiel könnte der Mann feststellen, dass der Satz „Man muss sich für die Richtige aufsparen!“ ursprünglich von einem Onkel stammt – und nicht zwingend Allgemeingültigkeit besitzt.

3. Den systemischen Zusammenhang klären (Spezialfall von Punkt 2)

Fragen Sie sich:

  • Wem würde ich unähnlicher, wenn ich XY (nicht) glaube/tue?

Eine stärkere Variante der Frage lautet: Wen würde ich verraten, wenn ich XY (nicht) glaube/tue? Im Beispiel könnte der Mann feststellen, dass fast alle Männer in seiner Familie mit mehr oder weniger Erfolg auf die Richtige gewartet haben. Dies nicht zu tun, würde bedeuten, aus dieser Familientradition auszubrechen, was zumeist nur mit Widerwillen geschieht, weil es oft mit Schuldgefühlen verbunden ist.

4. Konsequenzen bei Modaloperatoren hinterfragen

Wenn der Glaubenssatz einen sogenannten Modaloperator, ein „muss“ oder „sollte“ enthält, lohnt es, nach der vermuteten Konsequenz für den gegenteiligen Fall zu fragen. Fragen Sie sich also: Was glaube ich wird passieren, wenn ich XY nicht tue? Im Beispiel könnte der Mann feststellen, dass er glaubt, dass die „falsche“ Frau ihn auf jeden Fall betrügen würde.

5. Konsequenzen eines Ziels hinterfragen

Diese Frage hilft sehr oft, wenn ein bestimmtes Ziel nicht erreicht wird, obwohl der Weg klar und frei erscheint. Sie lautet: Mit was oder wem müsste ich mich beschäftigen, nachdem das Ziel erreicht ist? Im Beispiel bleibend: „Wenn ich die Richtige gefunden habe, müsste ich sie ja irgendwann meiner Mutter vorstellen. Ich weiß aber jetzt schon, dass sie kein gutes Haar an ihr lassen wird – so wie an allen Frauen.“

Persönlichkeitsentwicklung als Ent-Deckung

Sie merken schon: Gelungene Persönlichkeitswicklung hat immer auch den Charakter einer „Ent-Deckung“: Es geht um das Freilegen dessen, was unter der Schicht von Primärsozialisation (Interaktion mit den Eltern, individuelle Erziehung) und Sekundärsozialisation (Schule, Konventionen, die Gesellschaft an sich) begraben liegt. Davon gilt es sich zu emanzipieren um anschließend bewusst zu entscheiden, was gut tut, nützlich ist und übernommen werden kann. Jedoch auch zu entscheiden, was zu entsorgen ist – selbst, wenn es einmal von Herzen und mit den besten Absichten gegeben wurde.

Über den Autor

Nico Rose ist Diplom-Psychologe und hat an der EBS Business School in Oestrich-Winkel über Organization Design promoviert. Er sammelte Erfahrung als Unternehmensberater und HR-Führungskraft in internationalen Konzernen. Der Experte für Positive Psychologie arbeitet seit 2008 bundesweit als Life Coach und Speaker. Er ist Autor zahlreicher Fachartikel und wurde 2010 mit dem deutschen „Coaching Award“ ausgezeichnet. Der Gastbeitrag ist ein überarbeiteter Ausschnitt aus seinem gerade erschienenen Buch “Lizenz zur Zufriedenheit“.