Die Zahl der Selbständigen in den Freien Berufen wächst von Jahr zu Jahr. Zwischen 2001 und 2009 nahm sie um 314.000 Personen auf weit über eine Million zu. Dies entspricht – nach Informationen des Instituts für Freie Berufe (pdf) – einem Anstieg von 42,5 Prozent.
Der Arbeitsmarkt ist im Umbruch, keine Frage. Einsteiger bekommen nur noch befristete Verträge, wenn sie nicht gleich mit einem Praktikum abgespeist werden. Nicht wenige ergreifen deshalb die Flucht nach vorn, gründen ein eigenes Unternehmen, das oft aus nicht viel mehr besteht als ihnen selbst, ihrem Laptop und viel Optimismus. Selbständigkeit – das klingt ja auch im ersten Moment nach Freiheit, Selbstverwirklichung, nach eigenem Chef, eigenem Büro und möglicherweise sogar irgendwann eigenen Mitarbeitern. Für Berufsgruppen wie Ärzte, Architekten, Rechtsanwälte oder Steuerberater ist dies nichts Ungewöhnliches, ebenso wie für Angehörige der Kreativbranche: Fotografen, Grafiker, Texter. Zunehmend trifft aber auch andere Berufe. Ingenieure etwa, Researcher, Controller. Welche Chancen damit verbunden sind, aber auch welche Herausforderungen, wollen wir in einer neuen Serie zur Zukunft der Arbeit analysieren – natürlich nicht, ohne Ihnen zugleich ein paar handfeste Tipps für die moderne Arbeitswelt mit auf den Weg zu geben:
Was kommt auf die neuen mobilen Arbeitskräfte zu? Wie wird sich ihr Alltag verändern? Werden die Grenzen zwischen Arbeits- und Freizeit weiter verschwimmen? Allein diese drei Fragen beschäftigen gerade so einige, Absolventen auf Jobsuche vor allem, aber auch Berufserfahrene, die einmal zu oft enttäuscht wurden und deshalb mit dem Gedanken spielen, ihr eigenes Ding zu drehen. Nun, wir fragen Sie – oder vielmehr: Wir bieten Ihnen ein paar Fragen an, die Sie sich selbst dazu stellen können:
- Können Sie sich vorstellen, künftig im Café um die Ecke Kalkulationen zu erstellen?
- Können Sie sich vorstellen, zuhause zwischen Privatraum und Bürofläche zu unterscheiden?
- Können Sie sich vorstellen, Meetings oder Kundengespräche virtuell etwa via Skype abzuhalten?
- Könnten Sie sich vorstellen, E-Mails und Telefonate in der Küche am Herd zu beantworten?
- Könnten Sie sich vorstellen, auch nachts noch Präsentationen vorzubereiten?
Falls Sie gerade bei der Mehrheit der Fragen still genickt haben, gehören Sie vermutlich zu jenen, die bereits Gedanken zur Selbstständigkeit mit sich herum tragen oder zu jenen 62 Prozent der Erwerbstätigen, die sich die Arbeit im Home Office bereits wünschen. In beiden Fällen hilft Ihnen die folgende Checkliste, zu überprüfen, ob die Arbeit fernab vom Großraumbüro für Sie eine lohnende Alternative darstellt:
Sind Sie fit für die neue Arbeitswelt?
-
[ ] Ich verfüge zuhause über einen ungestörten Raum (oder Bereich), um dort mein Büro einzurichten.
[ ] Ich kann mir auch vorstellen, mich (gelegentlich) in ein Coworking-Office einzumieten.
[ ] Ich verfüge über die nötige technische Ausstattung und Arbeitsgeräte (Laptop, Headset, Webcam, WLAN, Fon&Fax).
[ ] Ich bin in der Lage VPN-Verbindungen einzurichten oder kleinere Netzwerk-Probleme zu lösen.
[ ] Meine Familie akzeptiert, dass ich trotz körperlicher Anwesenheit auf der Arbeit bin.
[ ] Ich kann mich hervorragend selbst motivieren und Privates hinten anstellen.
[ ] Ich kann mich nicht nur selbst motivieren, sonder auch loben.
[ ] Ich bin in der Lage, nach dem täglichen Pensum Feierabend zu machen.
[ ] Ich ertappe mich selten bei Null-Bock-Phasen und eine Egal-Einstellung ist mir fremd.
[ ] Ich bin lernwillig, neugierig und bereit, mich auch selbständig weiterzubilden.
[ ] Ich nutze Mittagspausen, um nicht zu vereinsamen und treffe mich mit Kollegen oder Kunden.
[ ] Ich gehe Aufgaben eigenständig an und warte nicht auf gezielte Anweisungen.
[ ] Ich bin in der Lage neben realistischen Tageszielen auch ausreichende Deadlines zu setzen.
[ ] Ich lese morgens Zeitung, danach den Feedreader, kann dann aber abschalten und mich auf die Arbeit konzentrieren.
[ ] Was ich angefangen habe, bringe ich auch zügig zuende.
Und? Immer noch bereit und geeignet für eine Zukunft im Home-Office? Zumindest wären Sie nicht allein: Neben Marketing- und Vertriebs-Mitarbeitern tummeln sich dort auch zahlreiche Mitarbeiter aus dem IT-Bereich, dem technischen Support und der Verwaltung – sei es in Teilzeit oder Vollzeit-Stellen. Die Erfahrungen, die sie dabei machen sind unterschiedlich. Dennoch gibt es eine Reihe von Empfehlungen, wie die Arbeit daheim besser gelingt…
Home-Office Verhaltenskodex
Nicht die Zehn Gebote der Heimarbeit, aber zehn essenzielle Tipps:
- Simulieren Sie Büroatmosphäre – Es soll Freelancer geben, der jeden Tag daheim einen Anzug anziehen, kurz aus dem Haus gehen, um direkt danach wieder in ihr Heimbüro zurückzukehren. Soweit muss man zwar nicht gehen, um Privat- und Berufsleben besser trennen zu können, aber die Richtung stimmt: Hüten Sie sich auf jeden Fall davor im Bademantel zu arbeiten. Psychologisch macht es sogar schon einen Unterschied, ob Sie Schuhe tragen!
- Bleiben Sie organisiert – Aufgaben zu zerlegen, sich einen Überblick zu verschaffen mit Hilfe von To-Do-Listen oder Mindmaps, ist eine Sache. Besser ist: Sie konservieren diesen Zustand gleich und lassen ihn zur Gewohnheit werden.
- Deklarieren Sie spezielle Tage – Vergeben Sie für jeden Wochentag spezielle Aufgaben, etwa: dienstags Kundentermine koordinieren, mittwochs die Deadlines für nächste Woche setzen, freitags die Ergebniskontrolle.
- Erstellen Sie 3×3-Listen – Das ist ein Trick aus der Getting-Things-Done-Schule. Machen Sie am Vorabend drei To-Do-Listen mit je drei Punkten: Auf der ersten stehen jene Dinge, die Sie am nächsten Tag unbedingt erledigen müssen. Auf der zweiten stehen die Projekte, die Sie gerne realisieren würden, die aber Zeit haben. Auf der dritten Liste stehen die Aufgaben, die bald mal in Angriff genommen werden sollten.
- Fokussieren Sie sich auf das Wesentliche – Erledigen Sie nur eine Sache zur selben Zeit. Multitasking ist eine Lüge und zieht die zu erledigenden Aufgaben nur künstlich in die Länge.
- Führen Sie einen Kalender – Nicht nur Termine sollten notiert werden, auch Ihre spontanen Ideen (gerade nach “Arbeitsschluss”) sollten Sie schriftlich fixieren.
- Legen Sie Kundentermine auf einen Tag – Möglicherweise fällt es Ihnen schwerer nach der An- und Abreise in Ihren alltäglichen Rhythmus zu kommen. Es bietet sich daher an, mehrere Kundentermine an einem Tag zu erledigen.
- Nutzen Sie den Heimvorteil – Suchen Sie für den Tag Ihren individuellen Arbeitsrhythmus, der nahe an ihrem biologischen Rhythmus liegt und damit Ihre Leistungskraft enorm steigern kann.
- Beginnen Sie mit dem Unangenehmsten – In der Regel wird es die unangenehmste Aufgabe sein, die Sie die ganze Zeit vor sich herschieben. Warum nicht sofort morgens hinter sich bringen, wenn man noch frisch ist?
- Setzen Sie Prioritäten – Entscheiden Sie, was wirklich wichtig und dringend ist und was noch Zeit hat oder delegiert werden kann. Die Eisenhower-Methode, aber auch die ABC-Technik (siehe hier) sind dafür geeignet.
Home-Office Einrichtungstipps
Zehn Empfehlungen für ein optimales Heimbüro:
- Alltagsmöbel beseitigen:
Nicht nur aus steuerlichen Gründen sollte Ihr Homeoffice den Charakter einer Arbeitsstätte und nicht eines Hobbyraums haben. Auch psychologisch wirkt es sich leistungssteigernd aus, wenn Sie die Arbeitssituation simulieren. Mit Anzug in der Wäschekammer sitzen mildert den Effekt. - Aufgabengebiete klar abstecken:
Wissen Sie schon welche Aufgaben sie in Ihrem Heimbüro erledigen werden? Und für wie lange? Wenn Sie nur einen kleinen Schreibtisch kaufen und nach einem halben Jahr Kartenmaterial wie etwa große Lagepläne zur Arbeit benötigen, wird Ihnen der Platz fehlen. - Büro nicht überfrachten:
Möbel, Bilder und Accessoires sollten den Raum nicht zupflastern, das drückt nur auf die Stimmung, macht nervös und Sie fühlen sich bald eingeengt. Dennoch: Ein oder zwei Familienfotos schaffen Bindung und sollten nicht fehlen. - Denknische schaffen:
Falls Sie genügend Raum dazu haben, richten Sie sich eine Ecke fernab des Schreibtisches ein, in die Sie sich zum Denken und Inspirieren lassen zurückziehen können. Das können ein Sofa, ein Ohrensessel oder ein Stapel mit vielen großen, bunten, gemütlichen Kissen sein. - Für ausreichend Licht sorgen:
Ein gutes Lichtkonzept berücksichtigt dabei immer drei Faktoren: Natürliches Licht, indirekte Raumbeleuchtung und eine blendfreie Schreibtischbeleuchtung. Optimal: Tageslicht durch ein Fenster nahe am Schreibtisch. - In die Ausstattung investieren:
Ein schneller Internetzugang, ein großer Bildschirm, eine leise Tastatur, ein gutes Telefon mit starkem Akku, vernünftige Kopfhörer sowie ein professionelles Headset sind das Minimum. Übrigens: Auch ein guter Stuhl gehört zur Grundausstattung. - Mit Düften experimentieren:
Zitronenaroma etwa fördert die Konzentration, Lavendel hilft, mathematische Aufgaben schneller und Fehler freier zu lösen, Vanille oder Ylang-Ylang können Stress abbauen, Pfefferminze soll den Geist beleben und Jasminduft angeblich besser schlafen lassen. - Nicht mit dem Rücken zur Tür setzen:
Wenn Sie die Tür im Auge behalten, können Sie zum einen nicht hinterrücks überrascht werden, was beruhigt und zum anderen bekommt Ihr Arbeitsraum gleich etwas offizielles wie bei einem Empfang, was der Sache Nachdruck verleiht und sich wiederum fördernd auf Ihre Leistung im Heimbüro auswirken wird. - Pflanzen integrieren:
Pflanzen verbessern nicht nur das Raumklima, sie heben auch die Stimmung. Frische Schnittblumen zum Beispiel sorgen mit ihren Farben und Düften unmittelbar für eine einladende Atmosphäre. Aber auch sonst schadet es nicht, mit etwas anderem Lebendigem den Raum zu teilen. - Ventilator besorgen:
Achten Sie darauf, dass der Luftstrom Sie nur indirekt trifft. Im Winter verteilt er die Heizungswärme besser und im Sommer sorgt er für Erfrischung. Wichtig: Der Ventilator sollte nicht zu laut sein.
Dieser Artikel ist Teil der Serie Zukunft der Arbeit und beschäftigt sich mit der Heimarbeit und dem Phänomen der Coworking-Spaces. Interessierte Freiberufler finden hier ebenso Anregungen wie jene, die vorhaben, sich selbstständig zu machen. Bisher sind dazu erschienen:







Lukas Pustina
“Können Sie sich vorstellen …” — Die technischen Entwicklungen der letzten Jahre und insbesondere der kontinuierliche Ausbau des mobilen Internets, schaffen heute schon die Möglichkeit überall und jederzeit zu arbeiten. Die Frage wird also bald nicht mehr heißen, ob man sich vorstellen kann an anderen Orten als dem klassischen Firmenbüro zu abreiten, sondern eher wo man persönlich am besten arbeiten kann.
Ich glaube der große Vorteil dieser entstehenden Freiheit liegt darin, dass die Arbeit unserer Kreativität und Produktivität folgen kann; anstatt umgekehrt, wie es heute noch ist. Mal im Cafe, mal im Homeoffice, mal im Park; mal Abends, mal früh morgens: Arbeiten, wann und wo man es am besten kann, je nach Tagesform.
Bis es soweit ist, dass wir alle auf diese Weise arbeiten können, wird es aber sicherlich noch viele Veränderungen benötigen. Insbesondere wohl auch im Verständnis von Arbeit und der Art und Weise, wie man mit anderen zusammen arbeitet. Dennoch ist es vielleicht für viele jetzt schon interessant, diese orts- und zeitunabhängige Art des Arbeitens teilweise in die tägliche Arbeitswelt zu integrieren. Ich denke, dass man davon profitieren kann.
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