Es gibt sie in jedem Team: Zweifel und Zweifler. Kollegen, die alles skeptisch hinterfragen; stets sehen, was schief gehen könnte und gegen alles und jeden Bedenken anmelden. Solche Berufsskeptiker können nerven. Viel schlimmer aber ist, dass negative Erfahrungen mit Zweiflern dazu führen, dass andere ihre berechtigten und fachlich begründeten Zweifel gar nicht erst aussprechen. Wer will schon mit dem ewig nörgelnden Bedenkenträger und Schwarzseher auf einer Ebene stehen? Schade! So geht Teams und Unternehmen viel Potenzial verloren. Denn Zweifel können enorm wichtig sein. Übrigens auch für die eigene Karriere…

Zweifel: Definition

Was sind Zweifel überhaupt?

Laut Definition sind Zweifel zunächst nichts weiter als Warnsignale. Eine Mischung aus unterbewussten und bewussten Prozessen meldet damit: Irgendetwas stimmt nicht, das kann so nicht funktionieren, ist unklar oder seltsam.

Oft entstehen Zweifel rein auf Grund fehlender Informationen und lassen nach, so bald die nötigen Daten verfügbar sind. So einfach ist es jedoch nicht immer. Manchmal werden auch Zweifel laut, gerade weil jemand über zahlreiche Informationen verfügt. Aus Erfahrung sehen die Betroffenen dann Risiken und Probleme, die ihre Kollegen so gar nicht wahrnehmen.

Skepsis: Vorteile und Nachteile

Es gibt Menschen, die alles sorgfältig abwägen, bevor sie loslegen; eine Zweitmeinung einholen und stets alle Details prüfen, am Ende gerne ein Haar in der Suppe zu finden. Mindestens eins.

Der erste Teil ist durchaus klug, der zweite gefährlich. Nichts gegen eine gesunde Skepsis, aber Zweifel können auch destruktiv wirken, Entwicklungen ausbremsen und lähmen.

Genau betrachtet (aber leider oft übersehen) sind diese potenziell negativen Auswirkungen ein guter Grund dafür, sich aktiv und noch intensiver mit den vorhandenen Zweifeln zu beschäftigen. Jeder zweifelt früher oder später einmal – am Sinn des eigenen Jobs, am eingeschlagenen Karriereweg oder ganz konkret an einem Projekt. Richtig genutzt können solche Zweifel die Arbeitsqualität steigern und Sie in Ihrer Karriere deutlich voranbringen.

Jeder kennt die Floskel: Wenn ich doch nur…, dann … !

  • Wenn ich doch nur mehr Verantwortung hätte, dann könnte ich mehr erreichen.
  • Wenn ich mehr Macht hätte, dann würde sich hier einiges ändern.
  • Wenn ich mehr Geld hätte, dann wäre ich glücklicher.


Solche Wenn-dann-Phasen tauchen immer wieder im Leben auf. Meistens dann, wenn jemand mit sich und seiner Situation unzufrieden ist oder in einer beruflichen Sackgasse steckt. Doch Wenn-dann-Phasen sind heikel: Ihr Unheil beginnt mit der Überzeugung, vor einem stünde ein unüberwindbarer Berg an Bedingungen. Wir sehen nur noch den Berg und nicht mehr den Gipfel. Nicht wenige verharren anschließend vor dem Hindernis wie die Maus vor der Schlange, kehren um oder gehen lieber zahllose, vermeintlich leichtere Umwege.

Wer immerzu zweiflerisch und pessimistisch denkt, hat meist eine verzerrte Wahrnehmung. Obwohl sie gerne so tun, sind notorische Schwarzseher längst nicht mehr in der Lage, die Probleme aus einer neutralen Position und mit genügend Abstand zu betrachten. Sie sind längst (moralisch) motiviert und betreiben selektive Wahrnehmung.

Der beste Weg, solche Zweifel zu überwinden, ist, sie zu verstehen. Nutzen lassen sich Zweifel schließlich auch als Anlass zur Selbstreflexion. Die folgenden zehn Fragen helfen dabei:

  • Warum trauen Sie den Zweifeln mehr als dem ersten Impuls?
  • In welchen Situationen bekommen Sie Selbstzweifel?
  • Was genau lässt Sie so denken und fühlen?
  • Welche Meinungen oder Erfahrungen stecken hinter Ihrem Pessimismus: eigene oder die anderer Menschen, die Sie in der Vergangenheit geprägt haben: Eltern, Lehrer, Kollegen?
  • Wenn es nicht eigene Erfahrungen sind, was macht Sie so sicher, dass diese für Sie gelten?
  • Geben Sie den Zweifeln deshalb nach, weil Sie sich in der Rolle des Skeptikers sicherer fühlen?
  • Haben Sie Angst vor dem Neuen, vor Kritik oder vor dem Scheitern?
  • Was hindert Sie daran, an sich und Ihre Möglichkeiten zu glauben?
  • Oder haben Sie moralische Zweifel? Ist das, was Sie vorhaben, ethisch bedenklich oder falsch?
  • Was müssten Sie tun, um Ihr Gewissen zu beruhigen?


Lassen Sie sich von Zweifeln und vermeintlichen Bedingungen bloß nicht ins Bockshorn jagen, im Gegenteil: Gesunde und konstruktiv genutzte Skepsis kann im Job sogar zum Karrieremotor avancieren und beim Ausbau der eigenen Reputation hilfreich sein.

Nutzen Sie die aufkommenden Bedenken, um sich in Ruhe mit dem Problem zu beschäftigen. Prüfen Sie genau, welche Aspekte berechtigt sind, aber suchen Sie zugleich nach Möglichkeiten, das Problem zu lösen. Schritt für Schritt. Ein Gipfelsturm gelingt schließlich nur in Etappen.

Kurz: Seien Sie im Zweifelsfall nicht Teil des Problems, sondern Teil der Lösung. Am Ende waren so Sie es, der den entscheidenden Anstoß gab, wichtige Änderungen und Verbesserungen vorzunehmen.

Skeptiker: So wird der Bedenkenträger zum Entscheidungshelfer

SkeptikerSkeptiker genießen allerdings nicht gerade den besten Ruf: Immer wieder begegnen uns im Arbeitsalltag Typen, die sich in der Rolle des Kritikers und Advocatus Diaboli gefallen, weil sie dadurch selbst unangreifbar bleiben. Ein konkreter und konstruktiver Gegenvorschlag? Fehlanzeige. Nur chronisches Misstrauen. Ihr Mangel an Mut, Ihre Intoleranz und Innovationsfeindlichkeit tarnen solche Engstirnen durch wolkige Zweifel, (unbegründete) Gegenthesen und Rückfragen-Terror. Könnte ja schiefgehen… Muss aber nicht.

Ein klassisches Drama. Denn große Geschichten brauchen immer auch große Hindernisse: Perseus brauchte die Medusa, Odysseus seine Odyssee, Moses sein Meer und Kapitän Ahab Moby Dick.

Im Büro läuft das nicht anders: Wenn neue Projekte auf den Tisch kommen, Unternehmen fusionieren, umstrukturieren, Kosten senken und Posten verschieben müssen, dann kommt reichlich Bewegung in die Bude. Eine gute Sache ist das, in der Euphorie des Aufbruchs lässt sich schließlich viel alter Ballast über Bord werfen; die Karten werden neu gemischt; das Spiel wird wieder spannend. Doch es ist auch die Stunde der Bedenkenträger.

Indem Sie kleine Gefahren zu potenziellen Katastrophen hochreden, empfehlen sie sich zum Helden eine nahen Krise, die sie längst haben kommen sehen. Entsprechend kritteln sie überall rum, halten mit ihrer Das-sehe-ich-aber-anders-Attitüde auf, verursachen schlechte Laune und zehren an den ohnehin schon angespannten Nerven der Belegschaft. Oder wie Friedrich Schiller in seinem Wilhelm Tell räsoniert:

Wer gar zu viel bedenkt, wird wenig leisten.

Offenkundige Bremser mag keiner. Das weiß auch der Skeptiker. Daher umgibt er sich stets mit einer Aura des Intellektuellen: Mal verweist er auf Studien, mal führt er auf den ersten Blick einleuchtende Argumente an oder stellt misstrauische Fragen.

Clever! Denn wer fragt, muss sich nicht festlegen und sagt auch selber nichts aus. Dafür zwingt er die anderen in eine Rechtfertigungsspirale und bleibt selbst scheinbar neutral.

Keine Frage, so ein bisschen Argwohn hat seine Berechtigung, denn der bremst auch blinde Euphorie und hilft Fehler zu vermeiden. Doch ist es dabei wie bei jeder Medizin: Die Dosis macht das Gift. Die Rolle des Wächters und Prüfers, der alles auf die Goldwaage legt, kann auch eine Attitüde sein, um die eigene Unsicherheit oder gar Unflexibilität und mangelnden Mut zu vernebeln.

Bonus für Bedenkenträger: Wie mit Skeptikern umgehen?

Bedenkenträger-KritikerEs ist aber auch so: Bei vielen neuen Projekten sind üblicherweise auch viele unsinnige dabei, weil manchmal eben nur verändert wird, damit die jeweiligen Abteilungsleiter aktiv aussehen. Ganz nach der Devise: Das Neue ist das Alte ist das Gute, Hauptsache anders – basta.

Kritiker sind beim Wandel deshalb enorm wichtig. Sie sind zunächst (und im Idealfall) ruhige und nüchterne Beobachter. Sie untersuchen Vorschläge auf ihre Machbarkeit hin und wo unbedachte Risiken lauern. Dabei verlieren sie nie die Bodenhaftung, bleiben zäh, analytisch und konstruktiv.

In der Jetzt-wird-alles-besser-Euphorie lassen sie sich nicht von dem Virus anstecken, behalten einen klaren Kopf, hinterfragen Fragwürdiges und bewahren das Unternehmen, die Abteilung, die Kollegen so vielleicht vor schlimmen, kostspieligen Fehlern. Wer Skeptiker also vorschnell kalt stellt, verliert leicht die Bodenhaftung. Und kann abstürzen.

Ein Zusammenhang, den übrigens schon René Descartes Mitte des 17. Jahrhunderts aufklärte. Dessen eigentlicher Leitsatz war ja nicht etwa Ich denke, also bin ich, sondern vielmehr: Der Zweifel ist aller Weisheit Anfang.

Womöglich sind manche Skeptiker in Wahrheit Vordenker und somit wichtige Kräfte in der Auf- und Umbruch-Phase. Sie benötigen sicher mehr Aufmerksamkeit und Führung als andere, sind anstrengender und drosseln vereinzelt das Tempo. Sie können aber insgesamt helfen, das Ergebnis zu verbessern.

Damit die Geschichte die Chance erhält, wirklich groß zu werden, gehören sie gehört und zum Teil auch gepflegt, damit der Neustart nicht zum Ikarus-Kommando mutiert.

Skeptiker muss man einbeziehen

Beim Skeptiker gilt zunächst das, was für alle Diven im Büro gilt: Bloß nichts persönlich nehmen! Der Typ kann nicht anders. Lassen Sie ihn seine Bedenken vortragen, hören Sie aufmerksam zu und lassen Sie ihn den Berater spielen, das schmeichelt ihm.

Überhaupt eignen sich für ihn (wie für Pedanten und Erbsenzähler auch) am besten folgende Strategien:

  • Bleiben Sie stets sachlich.
  • Argumentieren Sie ebenfalls mit Zahlen, Studien, Fakten.
  • Vermutungen, Annahmen, Spekulationen sind tabu – Generelles stachelt den Skeptiker eher an.
  • Überzeugen Sie durch Detailtiefe.
  • Gehen Sie auf jede Frage einzeln ein.
  • Erkennen Sie in seinen Fragen bloße Rhetorik, fragen Sie zurück und bitten Sie ihn, seine Zweifel zu präzisieren.
  • Fragen Sie ihn, woher die Skepsis rührt – womöglich frühere Erfahrungen? Was ist diesmal anders?
  • Zeigen Sie dem Zweifler, dass auch Sie Vieles bedacht und abgewogen haben, das gibt ihm Sicherheit.
  • Geben Sie das Gefühl, einen Konsens sowie einen Plan B zu finden.
  • Spannen Sie ihn für diesen Sicherheitsplan B ein.
  • Übertragen Sie ihm Teilverantwortung für das Projekt.
  • Aber üben Sie allenfalls subtilen Druck aus.

Die letzten drei Punkte sind essenziell. Wie gesagt: Skeptiker zu sein und überall mögliche Risiken zu erkennen, ist leicht. Klappt alles, interessiert sich keiner mehr dafür; geht etwas schief, kann der Skeptiker als verkanntes Genie triumphieren: Seht ihr, ich hab euch gleich gewarnt!

Damit aus dem Argwohn und Misstrauen nicht nur Genörgel, sondern wirklich etwas Konstruktives wird, sollten Sie den Skeptiker aus seiner Komfortzone herausführen und konkret einspannen. Kritiker zu sein ist leicht. Wer aber mitmacht, steht auch in der Verantwortung und Pflicht, die Bedenken gar nicht erst eintreten zu lassen.

Sobald der Kollege das lernt, liefert der chronische Kritiker und notorische Zweifler auch wieder fundierte Entscheidungshilfen – und hilft dann wirklich allen, Zweifel (und die eigene Skepsis) zu überwinden.

[Bildnachweis: Skepticism, Detective by Shutterstock]