Diese Zeilen sind für alle, die meinen, perfekt sein zu müssen. Für die, die damit erfolgreich sind und das den Menschen in ihrer Umgebung gerne zeigen: Ihr Narren! Perfekt, erst recht besser zu sein als andere, ist brandgefährlich, keine Schwächen zu haben sogar tödlich. Denken Sie nur an das Schicksal von Sir Walter Raleigh: Er war einer der brillantesten Köpfe am Hofe Elizabeths I. von England. Der Mann schrieb Gedichte, die zu den schönsten seiner Zeit gezählt werden, er war ein begnadeter Wissenschaftler, ein großer Seefahrer, ein wagemutiger Unternehmer, er konnte erwiesenermaßen Menschen führen. Charmant war er auch. So sehr, dass er es mit seinen Gaben bis zum Favoriten der Königin brachte. Genutzt hat es ihm nichts. Irgendwann fiel er in Ungnade und wurde hingerichtet. Fürsprecher gab es nicht, Raleigh hatte sich mit seiner Perfektion zu viele Feinde gemacht.

Heute wird man zwar nicht mehr so leicht hingerichtet. Dafür können einem übermäßig viele Neider das Leben zur Hölle machen. Wer anderen – und sei es ohne böse Absicht – durch seine Vollkommenheit immer wieder ihre eigenen Unzulänglichkeiten vor Augen führt, erzeugt Minderwertigkeitsgefühle und Rachegelüste.

Erfolg ist etwas Relatives: Wer aufsteigt, lässt andere hinter sich. Das verstärkt bei jenen entweder das Gefühl der Stagnation oder – was auch nicht besser ist – sie ärgern sich darüber, dass ihnen dieser Erfolg versagt blieb. Beides schürt Wut und Neid, den der dänische Philosoph Søren Kierkegaard auch als die „unglückliche Bewunderung“ bezeichnete. Die Folgen spürt man vielleicht nicht sofort. Aber eines Tages erwachsen daraus Mobbing, Intrigen oder offene Feindseligkeiten.

Falls Sie gerade auf der Erfolgswelle surfen, seien Sie auf der Hut! Menschen, die von der Natur mit vielen Talenten ausgestattet wurden, haben nur vermeintlich ein leichtes Schicksal. Sie müssen am härtesten daran arbeiten, nicht zu hell zu strahlen. Sonst werden sie nicht trotz, sondern wegen ihres Geschicks abgedrängt. Klug ist daher, Missgunst erst gar nicht entstehen zu lassen, indem man gelegentlich Defizite zeigt oder seinen Erfolg dem Zufall zuschreibt. Mängel machen menschlich. Nur Göttern wird Perfektion zugestanden!