Stellenanzeigen sind die Aushängeschilder der Unternehmen: Um auf interessante Bewerber attraktiv zu wirken, malen sie das Bild des Arbeitgebers in den leuchtendsten Farben. Manchmal tragen sie dabei aber so dick auf, dass die eigenen Mitarbeiter ihren Arbeitsplatz nicht wiedererkennen. Oft dreschen sie aber auch nur hohle Phrasen, um die eigene Planlosigkeit zu kaschieren.
Das ist besonders offenkundig, wenn es ums Beschreiben der Soft Skills geht, die der Kandidat mitbringen soll. So steht dort in der Regel, der Mitarbeiter in spe möge dynamisch, flexibel, belastbar, kommunikativ, leistungswillig, lernbereit und teamfähig sein. Das ist großes Kino, denn: Es ist absolut aussagefrei. Weil sich darunter jeder irgenwas vorstellen kann (aber wahrscheinlich keine zwei Personen das Gleiche darin sehen…), werden diese Floskeln endlos wiedergekäut. Natürlich auch vom Bewerber. Darüber beklagen sich dann aber die Personaler…
Phrasen entlarven
Dabei kann “belastbar” beispielsweise bedeuten, dass Sie gut mit Stress umgehen können. Oder aber, dass Sie schwere Gegenstände anheben und transportieren können. Und als flexibler Mensch sind Sie entweder biegsam und elastisch – oder wendig und anpassungsfähig. Vielleicht auch beides gleichzeitig. Was der Arbeitgeber von Ihnen erwartet, wissen Sie aber leider nicht.
Da hilft nur nachfragen. Schließlich ist Ihre Bewerbung nur dann sinnvoll, wenn beide Seiten unter einem Begriff das Gleiche verstehen. Erhalten Sie keine befriedigende Antwort, ist das durchaus ein Warnzeichen: Offensichtlich weiß man im Unternehmen selbst nicht genau, was man erwartet – und schreibt ab, was in allen anderen Stellenanzeigen steht. Ähnliches gilt, wenn die Stellenbezeichnung mehr Fragen offen lässt als beantwortet oder der Arbeitgeber Ihnen interessante Aufgaben oder reizvolle Inhalte verspricht. Andere Möglichkeit: Man läßt sie darüber bewusst im Unklaren, weil Sie sich bei eindeutigen Inhaltsangaben nicht bewerben würden.
Und dann sind da noch die Anglizismen: Weil englische Titel in der Regel einen Officer, Consultant oder Manager beinhalten, sind sie besonders geeignet, einen Job im grauen Mittelmaß aufzublasen. Sicher, in internationalen Konzernen sind englische Titel sinnvoll, damit überall auf der Welt verstanden wird, was die Aufgabe des Trägers ist. Wenn aber ein Gebäudedienstleister in der tiefsten deutschen Provinz einen Back Office Agent statt einer Bürokraft sucht, ist das einfach nur albern.
Manchmal entlarven Phrasen aber auch das Unternehmen: Die Tugenden Ehrlichkeit, Pünktlichkeit, Fleiß, Zuverlässigkeit und Ausdauer sind so selbstverständllich, dass sie nicht extra erwähnt werden müssen. Stehen sie trotzdem in einer Stellenanzeige, verrät das viel über die Einstellung eines Unternehmens gegenüber seinen Mitarbeitern. Vermutlich kann man im dortigen Betriebsklima erfrieren.
Wunschdenken dechiffrieren
Andere Stellenanzeigen lesen sich wie der Wunschzettel eines verwöhnten Kindes, das wie selbstverständlich Spielekonsole, MP3-Player, Smartphone, Markenklamotten, Fahrrad, Pferd und manches mehr auf dem Gabentisch erwartet. Ist der Katalog der Anforderungen an den Bewerber so ausführlich, dass wohl kein Sterblicher ihm genügen wird, haben die Personaler entweder unrealistische Erwartungen oder keine Ahnung, auf was es für die Ausübung der Stelle wirklich ankommt. Variante drei: Weil diese Stelle ausgeschrieben werden muss, obwohl der künftige Inhaber bereits ausgeguckt ist, sind die Anforderungen auf den Wunschkandidaten zugeschnitten, damit sie kein Anderer erfüllen kann.
Große Vorsicht ist geboten, wenn sich Anforderungen widersprechen oder gegenseitig ausschließen. Das kann nicht nur auf Schlamperei oder Unkenntnis, sondern auch auf interne Konflikte hinweisen: Viellicht konnten sich hier Fach- und Personalabteilung nicht auf ein gemeinsames Anforderungsprofil einigen – und der Chef war nicht in der Lage, diesen Dissens durch ein Machtwort zu bereinigen. Das ist fatal, denn dort winkt Ihnen damit ein Minenfeld. Vielleicht ist es auch nicht ganz so schlimm, weil die Ohnmacht des Bosses nur dazu führt, dass alle vor sich hinwursteln.
Verräterisch sind außerdem Stellenanzeigen, die wenige bis gar keine Angaben zur ausgeschriebenen Stelle enthalten. Hier hat der Arbeitgeber – wieder mal – entweder gar keine Ahnung, was er von einem Kandidaten erwartet, es ist ihm egal – oder er setzt seine Anforderungen unausgesprochen voraus. Motto: “Das weiß doch jeder, worauf es bei dem Job/bei mir im Unternehmen ankommt.” Ist das Inserat hingegen aus Kostengründen so kurz geraten, wird dieser Vorgesetzte vermutlich auch an weiteren Dingen sparen.
Aber es geht noch schlimmer: Wenn das Stellenangebot noch nicht mal verrät, um wen es sich beim ausschreibenden Unternehmen handelt, ist allergrößte Vorsicht geboten. Weil sich seriöse Unternehmen in der Regel nicht zu verstecken brauchen, gibt es eigentlich nur einen Grund, eine Position anonym anzubieten: Der jetzige Stelleninhaber soll nichts von der Ausschreibung erfahren. Weil Sie aber ebenfalls im Unklaren bleiben, sollten Sie sich die Bewerbung sparen.
Warnzeichen im Text erkennen
Ganz große Vorsicht ist geboten, wenn Sie auf eine der folgenden Formulierungen stoßen – denn die verheißen nichts Gutes:
- ““Entscheidungsstärke” oder “selbständiges Arbeiten”: Weil klare Vorgaben fehlen, müssen Sie selbst sehen, wie Sie Ihre Arbeit schaffen.
- “Bereitschaft zur Verantwortungsübernahme” oder “unternehmerisches Denken”: Mangels klarer Vorgaben dürfen – oder müssen – Sie Ihre Arbeit frei gestalten und fürs Ergebnis gerade stehen.
- “Außergewöhnlicher Einsatz”: Zeitdruck und Überstunden sind an der Tagesordnung.
- “Sehr dynamisches Arbeitsumfeld”: Das klingt nach ständig wechselnden Anforderungen – oder einer hohen Fluktuation.
- „Zum sofortigen Jobantritt“, “schnellstmöglich” oder “kurzfristig”: Der bisherige Stelleninhaber ist plötzlich ausgefallen.
- “Überschaubares/kleines Team”: Hier sind Sie Mädchen – oder Junge – für alles.
- “Gute Aufstiegsmöglichkeiten”: Weil es in diesem Betrieb keiner lange aushält, können sie nach kurzer Zeit Verantwortung übernehmen.
- “Flache Hierarchien”: Keiner übernimmt Verantwortung und steht fürs Ergebnis ein.
- “Assistentenfunktion” oder “enge Kooperation”: Sie sind der Zuarbeiter, der Anderen den Rücken freihält, aber keine Lorbeeren erntet – allenfalls Kritik.
- „Überdurchschnittliche Bezahlung“: Das sagt Ihnen weder, wie hoch (oder niedrig) der Durchschnitt ist, noch wie weit der gebotene Lohn über dem Durchschnitt liegt.
- “Leistungsgerechtes Gehalt”: Offensichtlich werden Sie nur für Ergebnisse bezahlt. Wenn Sie die liefern, können Sie von Ihrem Gehalt leben.
- “Übliche Sozialleistungen”: Für unsere Mitarbeiter tun wir nur, was wir unbedingt müssen.
Misstrauisch sollten Sie überdies werden, wenn kein Ansprechpartner für Rückfragen angegeben ist. Dann ist es nämlich wahrscheinlich, dass dort Bewerber (und folglich auch die Mitarbeiter) als lästige Bittsteller betrachtet werden, die es sich vom Hals zu halten gilt, weil sie nur nerven. Diesem Ansinnen sollten Sie im eigenen Interesse entsprechen – und von einer Bewerbung absehen.
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Marcel G.
Hallo Herr Schroff, vielen Dank für den Artikel. Bei einigen Punkten finde ich jedoch die Tipps etwas zu kritisch hinterfragt. Beispiel “Flache Hierarchien”. Wenn es sich um eine Agentur handelt, die nunmal naturgemäß eher flache Hierarchien haben, lässt sich das so treffend formulieren. Dabei muss ja nicht unbedingt etwas negatives dran sein. So sehe ich einige genannte Beispiele als etwas zu negativ betrachtet. Dennoch freue ich mich über einen Artikel, der sich mit den Fallen von Stellenanzeigen auseinander setzt.
Viele Grüße
Josef
Hallo,
ich habe auch schon wirklich sehr viele Stellen gefunden, die nur zu Werbezwecken ausgeschrieben wird. Da steht überhaupt keine Stelle hinter der Anzeige.
freundliche Grüße
Josef
Franz G
Finde den Text viel zu kritisch. Wenn man lange genug sucht, findet man hinter jeder Formulierung in einer Stellenausschreibung (oder auch in einem Fachzeugnis) etwas Negatives. Eigentlich ist eine Jobofferte an und für sich ja schon negativ, denn der Arbeitgeber bietet in erster Linie Arbeit und Plackerei und der Mitarbeiter bringt ihm mehr als er in Form von Lohn wieder zurückerhält (so sollte es zumindest öokonomisch sein). Also am besten gar nicht bewerben und jedem seine ICH-AG oder wie?
“Selbständiges Arbeiten” heisst auch, dass der Chef nicht jeden Handgriff vorgibt und den Mitarbeiter zum ausführenden Dummy degradiert.
“Überschaubares/kleines Team” heisst auch, dass es schnelle Entscheidungen gibt, wenn ein Mitarbeiter einen innovativen Gedanken hat. Man muss sich nicht durch 7 Konzernebenen und 13 interne Richtlinien hangeln, um etwas am Tagesablauf zu optimieren.
“Leistungsgerechtes Gehalt” sehe ich weniger als Output in bezug auf die “Leistung”, denn das Gehalt steht schon fest bevor der neue Mitarbeiter erstmals Leistung bringt, sondern eher als der “Verantwortungshierarchie der Stelle entsprechend”.
mfG
Franz
Christian Schroff
Hm. Ok, bei Stellenanzeigen gibt es sicherlich keine Codes wie in Zeugnissen. Dort, übrigens, sollte man unbedingt auf solche Geheim-Klauseln achten, weil irgendein Zeugnis-Leser sie dechiffrieren wird – auch wenn sie nicht so gemeint sind. In Stellenanzeigen schleichen sich zunehmend ähnliche Phrasen ein – dazu zählen die genannten Begrifflichkeiten. Ihr Zweck ist es, vornehm zu umschreiben, um das Eigentliche zu verhüllen. Natürlich ist das nicht allgemein gültig, sondern vom Kontext abhängig. Trotzdem ist es gut, die Floskeln zu kennen, um genauer hinschauen zu können, wenn sie auftauchen. Was damit anzufangen ist, muss dann natürlich jeder selbst entscheiden.
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