Als 2006 die Mikro-Blogging Webseite Twitter an den Start ging, hatte ich große Zweifel, ob das überhaupt ein Erfolg werden kann. Blogs – ja, deren Sinn hat sich mir sofort erschlossen. Es war eine neue Mediengattung, eine neue Art der Kommunikation, keine kommunikative Einbahnstraße, sondern eine echte Gesprächsautobahn. Der Autor publiziert nicht nur – er kommuniziert mit seinen Lesern, er mutiert von einem distanziertem Namen am Ende eines Artikels zu einer lebenden Person, mit der man diskutieren kann und dessen Artikel über Kommentare, Links und Trackbacks selbst eine Metamorphose durchlaufen. Aber Twitter? Schlichte Alltagsimpressionen, infantile Kurzmitteilungen zum Gemütszustand und Meinungskakophonie begrenzt auf 140 Zeichen, die man rund um die Welt schickt – wen interessiert das?
Offenbar eine ganze Menge Leute. Rund drei Millionen „Tweets“ werden von inzwischen einer geschätzen Million Twitterern täglich veröffentlicht. Twitter ist – wenn auch bislang kein ökonomischer – so doch zumindest ein kommunikativer Erfolg.
Als Robert Basic vor ein paar Tagen eine Umfrage zum Nutzungsverhalten der Netz-Zwitscherer machte, zeigte sich, dass viele Twitter-Nutzer zugleich auch Blogger sind (46,5 Prozent, 533 Befragte). Und das, wie ich vermute, aus gleich mehreren guten Gründen.
Das wohl gängigste Argument gegen das regelmäßige Netz-Gezwitschere – die ununterbrochenen Unterbrechungen und damit verbundenen Konzentrations- und Produktivitätseinbußen – werden inzwischen wissenschaftlich bezweifelt. So kamen etwa amerikanische Wissenschaftler von den Universitäten in Irvine und Columbus in einer Studie über Instant Messaging im Büro, bei der sie 912 Büroangestellte beobachteten, zu dem Schluss: Mithilfe von Webtools wie Twitter & Co. werden unnötige Störungen sogar vermieden. Dann etwa, wenn man dem Kollegen (oder Freunden) ein paar Fragen stellen will oder muss und mit ihm darüber schnell Informationen austauscht. Statt zig Mails hin- und herzuschicken oder immer wieder anzurufen, twittert man das eben schnell. Und tatsächlich nutzen viele Twitter nicht nur um mal eben etwas Text loszuwerden, sondern vor allem um schnelle Antworten auf aktuelle arbeitsbezogene Fragen zu bekommen.
Die BusinessWeek wiederum veröffentlichte vor kurzem eine Titelgeschichte über Blogs, Titel: Beyond Blogs: What Business Needs to Know, in der fast beiläufig die Geschichte einer Frau erwähnt wurde, die über Twitter einen neuen Job gefunden hat. Dazu nutzte sie nicht etwa irgendwelche neuen Twitter-Tools, sondern beschrieb einfach in 140 Zeichen, dass sie gerade eine neue Herausforderung sucht. Die Kunde sprach sich unter ihren Followern herum – und voilà: Kurz darauf bekam sie ein Jobangebot.
Mit anderen Vorurteilen, wie etwa dass Twittern viel Arbeitszeit kostet, chaotisch ist sowie schlecht für die Online-Reputation hat PR-Blogger Klaus Eck vor einiger Zeit persönlich in seinen 18 Anti-Twitter-Thesen Stellung bezogen. Was freilich nicht bedeutet, dass es beim Twittern nicht auch einige Verhaltens-Grundregeln zu beachten gäbe.
Die Stenographie im Netz und ihr Nutzen
Dennoch: Trotz meiner anfänglichen Skepsis kann ich in dem Gezwitscher, Getriller und Geflöte heute vertitable Vorzüge erkennen, die auch Sie sich zu Nutzen machen können – ohne dass Sie gleichzeitig Blogger werden müssen (obgleich auch das Vorteile hat). Angeregt durch diesen Artikel von Guy Kawasaky hier also ein paar Argumente pro Twitter:
- Sammeln Sie so viele Follower wie möglich. Ich weiß, beim ersten Lesen klingt dieser Imperativ immer ein wenig nach Aufmerksamkeitsdefizit, nach einer digitalen Form des Am-I-Hot-Or-Not-Spiels, nach Manipulation. Aber darum geht es nicht. Wer meint seinen Selbstwert an eine solche Zahl zu knüpfen, hat Web 2.0 nicht verstanden. Je mehr Follower Sie haben, desto mehr vergrößern Sie Ihr Wissenspotenzial. Schon länger fällt mir eine gesellschaftliche Entwicklung auf, die sich am besten auf folgenden Konsens zusammenfassen lässt: Du musst heute nicht mehr alles selbst wissen, du musst nur die Leute kennen, die es wissen. Twitter ist so eine Art virtueller Publikumsjoker. Über diese Haltung kann man zwar abendfüllend streiten, Fakt ist aber: Twitter ist ein Kommunikations-Werkzeug. Und je mehr “Freunde” Sie abonnieren, desto mehr Funktionen bekommt es – wie bei einem Schweizer Taschenmesser. Ich habe über meinen Account schon ganz oft ein paar kurze Fragen abgesetzt und binnen weniger Minuten viele gute Tipps und Antworten bekommen. Wissen ist eben das einzige Gut, dass sich vermehrt, wenn man es teilt.
- Folgen Sie möglichst vielen Twitterern. Vor allem den einflussreichen. Dieser Rat ist nicht etwa nur die logische Ableitung aus dem ersten Punkt, Motto: Nehmen und Geben. Er enthält noch einen zweiten Aspekt: Twitter ist aufgrund seiner schieren Teilnehmergröße inzwischen schlicht in der Lage, Meinungen und Reputation zu prägen und zu potenzieren. Schon allein deswegen sollten Sie aufmerksam verfolgen, was über Sie, Ihre Marke oder Ihren Markt getwittert wird. Sei es, um neue Trends rechtzeitig zu erkennen, aber auch um bei negativer PR frühzeitig reagieren zu können. Mit Twilert können Sie etwa, ähnlich wie bei einem Google-Alert, sich per Mail über neue Tweets informieren lassen, die von Ihnen überwachte Suchbegriffe enthalten.
- Verbreiten Sie Informationen. Es gibt zwei soziale Twitter-Kanäle, die eigentlich immer parallel senden: Zum einen verfolgen Ihre Freunde alle Ihre Kurzmitteilung, gleichzeitig aber liest die Welt mit, was Sie gerade zwitschern. All das sind potenzielle Follower. Die interessieren sich aber nicht wirklich dafür, dass Sie gerade einen Kuchen backen, Kopfschmerzen haben oder hoffen, dass der FC Bayern verliert. Sie interessieren sich vielmehr für verwertbare Informationen. Je mehr Sie davon teilen, desto interessanter wird Ihr Profil, und desto mehr Freunde/Follower finden sie. Ich habe es mir deshalb etwa angewöhnt, interessante Netzfundstücke, Artikel oder Amüsantes, beziehungsweise die URLs dazu, regelmßig zu twittern. Und jedes Mal erhalte ich kurz darauf einige Mitteilungen über neue Follower auf meinem Account.
Machen Sie Marketing in eigener Sache. Daran ist überhaupt nichts Anstößiges, solange man es nicht übertreibt. Die britische BBC twittert ihre Technik-Nachrichten inzwischen ebenso wie dort auch CNN oder die New York Times präsent sind. Warum sollten Sie fehlen? Gerade Blogger können so Ihre Abonnenten auf neue Artikel, Publikationen oder Aktionen aufmerksam machen und den Seitentraffic steigern. Aber auch als Privatperson, die nicht bloggt und nur twittert (laut Basic-Umfrage sind das knapp 7 Prozent), können Sie so etwas für Ihre Reputation tun – etwa, indem Sie über interessante Forschungsergebnisse mikrobloggen, mit denen Sie sich gerade beschäftigen. Ich bin sicher, wer sich ebenfalls dafür interessiert, wird Ihnen daraufhin folgen und Sie als Ansprechpartner kennen und schätzen lernen. Und wer weiß, vielleicht profitieren Sie eines Tages ebenfalls davon. Zudem können so kleine Fachnetzwerke entstehen. Aufschlussreich sind in dem Zusammenhang übrigens auch die 8 Interviews, die Cem Basman mit namhaften Twitterern geführt hat.- Vereinfachen Sie die Twitter-Nutzung. Etwa, indem Sie ein Twitter-Tool in Ihren Browser einbinden. Ich persönlich habe Twitterfox in meinen Firefox-Brower integriert, auch bekannt als TwitterNotifier. Das Werkzeug funktioniert wie der GoogleNotifier und erzeugt im Browser rechts unten eine keine blaue Anzeige, mit dem man über das Gezwitscher seiner Follower und Freunde informiert bleibt. Sobald man den Browser öffnet, ruft Twitterfox in einem von Ihnen festgelegten Turnus die neusten Tweets ab und blendet Sie kurz unten rechts ein. Mit einem Klick auf das Symbol können Sie die gesamte Dialogbox öffnen und alle Tweets nachlesen, direkt auf diese Antworten oder gar private Nachrichten an Ihre Freunde mailen, ohne dass das Ihren sonstigen Workflow großartig belastet. Und natürlich können Sie darüber ebenfalls ganz einfach twittern. Sie müssen es ja nicht nutzen – aber Sie können. Mit TweetScan wiederum können Sie gezielt nach Twitter-Einträgen suchen. TwitterMeter wiederum ermöglicht, die Häufigkeit bestimmter Suchbegriffe bei Twitter zu untersuchen. Einfach ein Wort eingeben und herausfinden, wie oft darüber gesprochen wird. Und mit TwitterLocal finden Sie über die PLZ heraus, wer in Ihrer Nähe gerade ebenfalls twittert.
- Spüren Sie Trends auf. Es klang bei einem der anderen Punkt schon an. Mit Twitter können Sie ebenso Markt- oder Sozialforschung betreiben und so mögliche Trends aufspüren. Mit Tweetstats etwa können Sie sich Themen und Suchbegriffe relativ simpel und übersichtlich anzeigen lassen, aber auch Ihre eigene Twitter-Nutzung (falls Sie einen Account haben) oder die anderer Accounts (vorausgesetzt, Sie kennen deren Namen) auswerten lassen. So habe ich beispielsweise gelernt, dass einer meiner Kollegen besonders gerne donnerstags und meist nachmittags gegen 16 Uhr twittert. Ethisch vielleicht bedenklich, aber eben auch nicht unmöglich wäre es so auch seine eigenen Follower etwas besser kennenzulernen.
Ganz im Sinne dieser modernen Kommunikation frage ich nun Sie, liebe Leser, welche Vorzüge sehen Sie darüber hinaus? Wie nutzen Sie Twitter und wie hat sich das bereits auf Ihren Alltag ausgewirkt? Ich werde dazu sicher auch noch selber etwas twittern… und bin gespannt auf Ihre Kommentare und Tweets.



Frank Hamm
Dazu passend bekam ich gerade eben den Hinweis auf eine News Release der Ohio State University vom Juni 2008: “Instant messaging proves useful in reducing workplace interruption”
http://www.osu.edu/news/newsitem2021
Natürlich habe ich über Twitter davon erfahren :-) http://twitter.com/tglassne/statuses/1043580396
web2marketing
Klasse Artikel!
In einem Punkt muss ich allerdings widersprechen:
Twitter Accounts ganz OHNE persönlicher Information, Vorlieben, Abneigungen und “banalen Alltagsereignissen”, haben fast nur mehr den Status eines RSS-Feeds.
Das verfehlt für mich den sozialen Aspekt von Twitter.
Ich überlege immer mehr in diesen Fällen nicht zu followen, da mir der menschliche Aspekt fehlt.
Gutes “Business-Twittering” gedeiht für mich nur im sozialen Umfeld – ganz nach dem Motto: “People buy WHO you are, before they buy WHAT you’re selling! “
Jochen Mai
@Web2Marketing: Also da sehe ich keinen Widerspruch. Das stimmt natürlich was du sagst, allerdings kommt es auch auf den Twitterfeed an. Von einer BBC erwarte ich keine Informationen ob der Redakteur gerade Kekse bestellt oder Kopfweh hat, da erwarte ich nur Informationen. Und ich finde das überhaupt nicht problematisch über Twitter auch solche unpersönlichen Informationen zu beziehen. Das ist dann wie ein Newsstream.
Bei Personen (die ich kenne oder als Blogger schon lese) erwarte ich in der Tat mehr darüber hinaus.
Pingback: Twitter - wofür soll das denn gut sein? - Renates Welt
Horst D. Deckert
Danke, Herr Mai, Sie haben mir viel Aufklärungsarbeit bei meinen Kunden erspart. Ihr Artikel ist bereits auf meiner Webseite.
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heiko schwardtmann
Ich persönlich bin seit kurzer Zeit akitver Twitterer und muss sagen, dass ich den Sinn nie hinterfragt habe. Alle Punkte die Sie aufzählen wurden mir durch die kurze Anwendungszeit bewusst und es macht mir persönlich großen Spaß über Twitter Informationen zu bekommen und natürlich auch zu verbreiten. Die Anwender scheinen dieses Tool wirklich zu NUTZEN :-)
Ihr Artikel ist klasse, bietet er doch einen einfachen Einstieg und guten Überblick über die Welt es Twitterns. Mal sehen wie schnell und umfassend es sich in Deutschland ausbreiten wird.
Ein relativ gutes Einführungsvideo gibt es von einem User bei youtube (natürlich…) http://www.youtube.com/watch?v=OYHUOESHpVk (auf englisch)
Roland Kopp-Wichmann
Der springende Punkt ist der Nutzen der Nachricht. Und davon bekomme ich bei den meisten Menschen, denen ich bislang folge, zuwenig. Zuviel “bin dabei Präsentation vorzubereiten, habe Präsentation gehalten, freue mich aufs Wochenende etc.” Pure Zeitverschwendung für mich.
Ihre Hinweise auf neue Blogartikel, Herr Mai, sind eine der wenigen Ausnahmen. Bei den meisten anderen Tweets denke ich “Was soll’s?”
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