Exklusiver Buchauszug von Matthias Nöllke

Ab-ins-Beet-Boss-Gärtner
Also, wenn Sie mich fragen: Das letzte, was wir auf Führungspositionen gebrauchen können, sind diese strahlenden Gewinnertypen. Leute, die sich selbst als Superstars betrachten und ihre Mitarbeiter als verhinderte Leistungssportler, aus denen sie die letzten Reserven herausholen müssen.

Warum Sie den Boss zum Gärtner machen sollten

Gerade in Zeiten, in denen ein rauerer Wind weht, der zudem ständig die Richtung wechselt, sind andere Qualitäten gefragt als die Belegschaft in den Burnout zu treiben. Für ein besseres Leitbild halte ich den Gärtner. Denn er verkörpert vielleicht am sinnfälligsten, was wir heute an Führungskräften oft vermissen: Unaufgeregtheit, Beharrlichkeit und vor allem Zugewandtheit.

Und eine wohltuende Bodenständigkeit: Der Gärtner in seinen Gummistiefeln ist keine eindrucksvolle Gestalt, kein Leader, der mit hochfliegenden Visionen seine Gefolgschaft „begeistert“ oder sie "inspiriert, das Unmögliche zu schaffen". Er hält sich an das Mögliche. Das ist schon kompliziert genug, sogar schon bei Pflanzen. Und so pflegt der Gärtner seinen Garten und nicht sein Ego. Er hat seine Pflanzen im Blick und nicht seine eigene Grandiosität. Der Garten soll erblühen, nicht der Gärtner.

Darüber hinaus sind es zwei Qualitäten, die einen guten Gärtner auszeichnen:

  • Ein besonderes Verhältnis zur Zeit: Der Gärtner muss langfristig denken und in Zyklen.
  • Die Fähigkeit, unterschiedliche Temperamente und Talente seiner Mitarbeiter zu kombinieren.

Ein Gefühl für Biorhythmen

Alles Lebendige hat seinen eigenen Rhythmus, seinen "Biorhythmus" sozusagen. Es schwingt zwischen Hoch- und Niedrigphasen hin- und her, Aufbau und Abbau, sich sammeln und entäußern. Führungskräfte, die immer nur "Hochphasen" dulden, laugen ihre Mitarbeiter aus – und sich selbst auch.

Nicht nur Pflanzen brauchen ihre "Saftruhe", um wieder zu Kräften zu kommen. Menschen benötigen ebenfalls ihre Ruhephasen. Und die müssen mit eingeplant werden. Allerdings nicht schematisch. Wie bei den verschiedenen Pflanzen, so sind auch die Phasenlängen der Menschen höchst unterschiedlich. Das gleiche gilt für Teams, Aufgaben und Projekte. Was wir entwickeln müssen, das ist ein Gespür für ihren jeweiligen Biorhythmus. Das heißt natürlich auch, der Gärtner hat die Gewissheit: Irgendwann geht es wieder nach oben. Mitarbeiter, die schwächeln, darf man nicht abschreiben.

Sonnenfresser und Halbschattengewächse

Vorgesetzte neigen dazu, bestimmte Mitarbeiter zu bevorzugen, vor allem solche, die ihnen ähnlich sind oder zumindest so tun. Dem Rest der Belegschaft geben sie zu verstehen: Ihr habt ein Defizit, weil ihr nicht so seid wie wir, die Guten.

Ganz anders der Boss als Gärtner: Monokulturen versucht er gar nicht erst aufkommen zu lassen. Er stellt sich auf die Eigenarten seiner Mitarbeiter ein, fördert ihre Talente und kombiniert sie mit Bedacht wie im Pflanzenbeet. Erdbeeren wachsen besser in der Gesellschaft von Knoblauch, Sellerie gedeiht inmitten von Schwertlilien.

Und so ergänzen sich gerade heterogene Mitarbeiter besonders gut. Wie die Pflanzen brauchen sie nur eine gemeinsame Grundlage, einen gemeinsamen Nährboden; und sie dürfen sich nicht in die Quere kommen, müssen also die Kompetenzen des andern respektieren.

Der Boss als Gärtner berücksichtigt aber noch etwas anderes: Seine Gewächse brauchen unterschiedlich viel Sonne. So gibt es ausgesprochene Sonnenfresser, die seine Aufmerksamkeit suchen, nach Anerkennung lechzen und keine Bedenken haben, ihre Kollegen beiseite zu schieben. Andere hingegen vertragen es gar nicht gut, im Mittelpunkt zu stehen und die Kollegen zu überragen.

Solche Halbschattengewächse fühlen sich wohler, wenn sie sich an anderen orientieren können. Dabei haben sie durchaus ihre eigene Meinung. Doch wagen sie sich damit nicht als erste vor, sondern beziehen sich lieber auf diejenigen, die sich schon geäußert haben. Denen reden sie keineswegs nach dem Mund. Sie haben nur eine andere Art, sich mitzuteilen. Gegenüber ihren extrovertierteren Kollegen geraten sie leicht ins Hintertreffen. Und genau das ist das Problem. Denn die zurückhaltenderen Mitarbeiter haben eher nicht die schlechteren Ideen.

Die innere Haltung

Was den Gärtner vor allem auszeichnet und zum Vorbild für Führungskräfte macht, das ist seine innere Haltung: Ein Gärtner herrscht nicht über den Garten, er pflegt ihn.

Er bereitet buchstäblich den Boden dafür dafür, dass seine Pflanzen wachsen und gedeihen – also ihre eigenen Kräfte gebrauchen. Sie sollen sich entfalten, allerdings nicht über ein zuträgliches Maß hinaus. Was allzu stark wuchert, wird zurückgeschnitten, vielleicht sogar als Unkraut ausgejätet, aber nicht als Turbogewächs zum Vorbild für alle andern erklärt.

Überhaupt geht es nicht darum, im Zeichen der Gartenpflege die letzten Ressourcen aus den Mitarbeitern herauszuholen. Vielmehr ist die Blickrichtung geradewegs andersherum. Führung und Management sollen etwas von der Entspanntheit, der Vitalität und der Lebensfreundlichkeit aufnehmen, deren angestammter Ort der Garten ist.

Über den Autor

Matthias Nöllke arbeitet für den Bayerischen Rundfunk und hat als Autor schon einige Bücher geschrieben, gerade ist sein neustes Werk im Haufe Verlag erschienen: In den Gärten des Managements. Für eine bessere Führungskultur. Darin gibt er Denkanstöße für eine neue Führungskultur, die Erkenntnisse aus der Bionik für den Erfolg nutzt. Ob Standortwahl, Haushalten mit Ressourcen oder Eingehen von Kooperationen - für Nöllke gibt es zahlreiche Parallelen zwischen Natur und Unternehmensführung, zwischen einem Gärtner und einem Manager. Oder auf einen Nenner gebracht: Pflegen Sie Ihr Unternehmen so wie eine Pflanze und lassen Sie es wachsen und gedeihen.

[Bildnachweis: Sofiaworld by Shutterstock.com]

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