Arbeiten in der Provinz: Tipps und Chancen auf dem Land

Arbeiten in der Provinz? Schon die Vorstellung klingt für viele unsexy. Irgendwo in der Pampa im Büro hocken, weit ab von kulturellen Angeboten und dem Glamour der Stadt. Aber stimmt das? Ja, wer in die Provinz zieht, um etwa im Mittelstand zu arbeiten, sollte wissen, worauf er oder sie sich einlässt. Aber ein Job in der Provinz hat auch Vorteile. Woran Sie im Vorfeld denken sollten, wenn Arbeiten in der Provinz eine Option für Sie ist…

Arbeiten in der Provinz: Tipps und Chancen auf dem Land

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Arbeiten in der Provinz: Pro und Contra

Der Duden definiert die „Provinz“ so: „auf dem flachen Land, Hinterland; umgangssprachlich auch auf dem platten Land.“ Das ist genau dort, wo sich die meisten High Potentials von heute eher nicht sehen. Die junge Generation zieht es vor allem in die Großstädte und schillernden Metropolen. Berlin, Hamburg, München… Da ist nicht nur am Tag was los. Gerade das Nachtleben, Bars und Clubs locken den Nachwuchs.

Arbeiten in der Provinz können sich nur wenige vorstellen. Nico Rose, Professor für Wirtschaftspsychologie und ehemaliger Bertelsmann-Personaler, erzählte uns, dass er häufig auf Bewerber traf, die meinten: „Bertelsmann? Tolles Unternehmen, cooler Job! Aber ich kann mir nicht vorstellen, ausgerechnet in Gütersloh zu leben und zu arbeiten.“ Entsprechend war der Fachkräftemangel dort immer wieder ein Thema.

Dabei gibt es gute Gründe, die für das Landleben und Arbeiten in der Provinz sprechen.

  • Natur
    Ein klarer Sternenhimmel. Frische Luft, Wiesen und Wälder. Kurz: Viele Vorzüge, die Städter regelmäßig vermissen und dafür extra aufs Land fahren. Weiterer Pluspunkt: Kein Bahnhofsviertel, durch das man sich schon tagsüber kaum hindurchtraut.
  • Ruhe
    Die Geräuschkulisse in kleineren Städten und ländlichen Gegenden ist eine andere. Die Ruhe reduziert den Stress, sorgt für mehr Entspannung und Zufriedenheit im Alltag.
  • Preise
    In ländlichen Gegenden ist das Leben billiger. Vor allem der Wohnungs- und Grundstücksmarkt ist weniger angespannt. Wohnen und leben im Eigenheim – das lässt sich in der Provinz meist früher finanzieren als in der Stadt.
  • Konkurrenz
    Wer einen Job sucht, findet in der Provinz gar nicht selten schneller Arbeit. Hier ist die Konkurrenz kleiner, die Bewerbungschancen entsprechend größer. Zumal sich in der Provinz viele sogenannte Hidden Champions tummeln – unbekannte Weltmarktführer mit exzellenten Jobperspektiven.

Der Nachteil ist allerdings nicht zu verleugnen: In der Provinz ist wenig bis gar nichts los – zumindest im direkten Vergleich zum Stadtleben. Je ländlicher die Gegend, desto geringer die Auswahl an Restaurants, Angeboten für Freizeit und Kultur. Arbeiten in der Provinz bedeutet zudem: Man ist weniger anonym. Auf dem Land kennt man sich – muss aber auch reinpassen.

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Arbeiten auf dem Land: 9 wichtige Aspekte

Arbeiten in der Provinz oder nahe der Stadt? Die Entscheidung sollten Sie nicht vorschnell und unüberlegt treffen. Um Ihnen dabei zu helfen, haben wir neun wichtige Aspekte aufgelistet, die Sie vorab bedenken und beachten sollten:

  1. Alternativen

    Die Provinz beheimatet viele Weltmarktführer. Gerade im Schwäbischen oder in Ostwestfalen gibt es zahlreiche Hidden Champions. Die Kehrseite: Wollen oder müssen Sie den Job wechseln, gibt es nur wenige Alternativen. Die Chance, in München, Stuttgart oder Frankfurt unmittelbar einen neuen Top-Job zu landen (und deshalb nicht umziehen zu müssen), ist ungleich größer. Zudem ist die Wirtschaftsstruktur auf dem Land einheitlicher. Es gibt weniger Startups wie in Berlin, keine NGOs. Wenn für Sie nur eine Branche infrage kommt, schränkt das die Standortwahl ein.

  2. Karriere

    Zwar gibt es in der Provinz weniger Jobalternativen, dafür sind die Aufstiegschancen im Mittelstand meist größer. Fachkräfte übernehmen hier früher Verantwortung und können mehr mitgestalten. Für die Karriere (und das Gehalt) sind das gute Aussichten. Auf der anderen Seite: Wer sich aus Hintertupfingen und aus einem unbekannten Unternehmen wegbewirbt, hat einen größeren Erklärungsbedarf und muss mehr für das Eigenmarketing unternehmen, als wenn Sie sagen: „Ich war Führungskraft bei Google.“

  3. Vernetzung

    Konferenzen, Events, Tagungen – all das gibt es in der Provinz nicht oder nur in kleinem Maßstab. Die Branchentreffen sind aber wichtig, um sich zu vernetzen, eine Reputation als Experte oder Keynote-Speaker aufzubauen. Wenn Sie darauf nicht verzichten wollen, ist ein Zuhause im Wald ein Standortnachteil. Zumindest offline.

  4. Internet

    Für Freiberufler (und andere) längst überlebenswichtig: eine schnelle, zuverlässige Internetverbindung. Leider ist sie in Deutschland längst noch nicht überall Realität. Geschweigedenn in der Provinz. Wer viel digital arbeitet, sollte sich im Vorfeld informieren, mit welcher Verbindung er in der neuen Heimat rechnen kann. Glasfaser und Highspeed-Leitungen sind dort teils noch „Neuland“ – in den Städten haben Sie weniger Probleme.

  5. Führerschein

    Wesentlicher Punkt auf der Checkliste: Verfügen Sie über einen Führerschein? Wenn nicht, könnte Anfahrt zur Arbeit zum Problem mutieren. Wer gewohnt ist, mit der S- oder U-Bahn zum Büro und zurück zu pendeln, braucht in der Provinz eher einen eigenen Pkw. Es gibt zwar auch Busse. Die fahren aber womöglich nur alle zwei Stunden. Natürlich können Sie ebenso mit dem Rad fahren. Das ist gesund und schont die Umwelt. Für den Wocheneinkauf ist das aber keine Option.

  6. Familie

    Für Familien hat die Provinz zahlreiche Geschenke: frische Luft, viel Grün, günstige Grundstücke und ein Garten zum Spielen, mehr Sicherheit und Raum. Andererseits: Betreuungsquote und Kita-Plätze sind in den Städten deutlich höher beziehungsweise zahlreicher als auf dem Land. Überhaupt: das Bildungsangebot und die Infrastruktur. In der Stadt gibt es Tagesmütter, Privatschulen, Sportgmynasien, Sprachschulen, Nachhilfelehrer, Universitäten, Fachhochschulen… – in Bremen mehr als in Meppen.

  7. Miete

    Ein Drittel ihres Gehalts zahlen die Deutschen allein für die Miete, so der Durchschnitt. Arbeiten Sie in der Provinz, bekommen Sie dafür in der Regel deutlich mehr Wohnraum. Das Mietniveau in der Provinz ist nicht vergleichbar mit den horrenden Preisen, die in Frankfurt, München oder Köln gelten. ABER: Das Unternehmen in Hamburg zahlt auch besser als das im Alten Land. Ihre Kaufkraft ist auf dem Land also nicht zwingend größer. Hier empfehlen wir bei entsprechendem Angebot den Griff zum Taschenrechner – und Brutto-Netto-Rechner.

  8. Anbindung

    Als selbstständiger Unternehmensberater oder Handelsvertreter im Außendienst sind Sie ständig auf Achse. Ihr Hauptquartier muss dafür nicht in der Stadt liegen. Es kann auch auf dem platten Land stehen. Die Anbindung sollte dafür erlauben, möglichst flott durch die Republik zu reisen. Wichtige Fragen: Ist ein ICE-Bahnhof in der Nähe? Wo verläuft die Autobahn? Wie weit ist es bis zum nächsten Flughafen? Es macht allerdings auch einen Unterschied, ob der Airport Kassel-Calden oder Düsseldorf heißt. Prüfen Sie die Lage, bevor Sie umziehen.

  9. Klientel

    Die Landbevölkerung ist deutlich homogener. Dieser Punkt ist wichtig, wenn sie damit liebäugeln, ein Einzelhandelsgeschäft, eine Praxis oder Kanzlei zu eröffnen. Gibt es im Ort überhaupt die passende Klientel für mein Produkt oder meine Dienstleistung? Und komme ich mit der Mentalität vor Ort klar? Schwaben ticken anders als Ostfriesen, Franken anders als Pfälzer. Sozialmilieus, die Sie aus Hamburg kennen, gibt es im Weserbergland nicht.

4 Top-Jobs für die Provinz

Auf dem Lande wird gemäht und geerntet, Bier und Wein ausgeschenkt, Landwirtschaft und Tourismus betrieben. Aber das ist längst nicht alles. Auch diese Kräfte haben in der Provinz gute Perspektiven:

  • Ärzte
    Der Versorgungsmangel auf dem Land ist Legende. Immer weniger Mediziner sind bereit, sich in der Provinz niederzulassen. Vor allem Hausärzte haben Probleme, Nachfolger zu finden. Politik und Ärztevereinigungen versuchen seit Jahren gegenzusteuern. Klar scheint: Mediziner mit einem Faible fürs Landleben haben die freie Auswahl.
  • IT-Fachkräfte
    Die Digitalisierung fordert sie ein: Informatiker, in rauen Mengen, quer durch alle Branchen. Das ist auf dem Land nicht anderes als in der Stadt. Gerade Familienunternehmen und Weltmarktführer in der Provinz verzeichnen einen steigenden Bedarf an IT-Experten.
  • Ingenieure
    Das Gleiche gilt für Ingenieurwissenschaftler. Die deutschen Hidden Champions aus der Provinz haben häufig einen technischen Hintergrund. Sie stellen Laser- oder Medizintechnik, Betonpumpen, Landmaschinen, Sensorsysteme oder Tunnelbohrmaschinen her – und benötigen gut ausgebildete Ingenieure.
  • Marketing-Experten
    Die Industrie 4.0 erfordert nicht nur IT-Kompetenzen, auch das Marketing gewinnt in Zeiten weltweiter Vernetzung an Bedeutung. Ein Job für Marketing-Kräfte. Und auch das klassische Standortmarketing spielt auf dem Land weiterhin eine Rolle. Kreise und Gemeinden im Grünen wollen Betriebe anlocken – und mit Stadtmarketing um Touristen werben.


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Provinz: Heimat der Hidden Champions

Wer beim Arbeiten in der Provinz lediglich an kleine Betriebe mit zwei Mitarbeitern denkt, liegt falsch. Das beschauliche Herzogenaurach steht synonym für Sneakers (Adidas, Puma), Ingelheim am Rhein für Medikamente (Boehringer Ingelheim), Walldorf für Business-Software (SAP). Ob das Provinz oder Großstadt ist? Eine Frage der Definition: Herzogenaurach liegt immerhin unmittelbar neben Erlangen und Nürnberg, Ingelheim neben Mainz, Walldorf nahe an Heidelberg und Mannheim.

Viele Groß- und Familienunternehmen haben sich im Speckgürtel der Städte angesiedelt, manche aber auch in der tiefsten Provinz. Vor allem Baden-Württemberg ist als Tüftlerland bekannt, hat die vermutlich größte Dichte an Hidden Champions weltweit. Aber die Schwaben sind nicht alleine. Ein anderes herausragendes Beispiel ist Ostwestfalen. Im Dreieck Gütersloh-Bielefeld-Paderborn sind verblüffend viele Top-Unternehmen zuhause: Bertelsmann, Miele, Dr. Oetker…

Wir möchten Ihnen exemplarisch sieben Städte vorstellen, deren Namen Sie vielleicht noch nie auf dem Radar hatten, die aber viel Arbeitsplatzpotenzial bieten:

  • Künzelsau
    Im Nordosten Baden-Württembergs, rund 15.000 Einwohner. Über die Autobahn sind es bis nach Heilbronn – auch das im Übrigen keine Metropole – etwa 55 Kilometer. Künzelsau beherbergt nicht nur das Schrauben-Imperium Würth, sondern noch eine ganze Reihe anderer heimlicher Weltmarktführer.
  • Duderstadt
    Mittelalterliches Städtchen im Landkreis Göttingen, Fachwerkhäuser, etwas mehr als 20.000 Menschen. Bis nach Kassel fährt man mit dem Auto circa 70 Kilometer. Hier ist Medizintechniker Otto Bock zuhause.
  • Biberach an der Riß
    Industrietechnik und Haushaltsgeräte sind nur zwei Geschäftsfelder der Liebherr Gruppe. Die Dachgesellschaft hat ihren Sitz in Biberach an der Riß in Oberschwaben. Nächste größere Stadt ist Ulm: 40 Kilometer gen Norden.
  • St. Wendel
    Im Norden des Saarlandes hat die Globus-Gruppe ihren Sitz, deren Logo auf Fachmärkten und Warenhäusern prangt. Einzige größere Stadt weit und breit ist Saarbrücken: 40 Kilometer nach Süden. St. Wendel selbst hat immerhin ca. 25.000 Einwohner.
  • Haiger
    Tief im Westerwald liegt Haiger. Die Stadt hat nur 20.000 Einwohner, aber gleich drei Hidden Champions: Schweißtechniker Cloos, Schleifmittel-Spezialist Klingspor und die Loh Group, Anbieter von Schaltschränken.
  • Kempten
    Ländliches Flair versprüht auch das Allgäu. Von Kempten aus operiert Logistikdienstleister Dachser. München erreicht man auf schnellstem Wege erst nach 130 Kilometern. Kempten selbst hat fast 70.000 Einwohner.
  • Allendorf (Eder)
    Heiztechniker Viessmann hat seine Zentrale in der 5000-Einwohner-Gemeinde Allendorf in Nordhessen. Ein Ausflug in den schönen Nationalpark Kellerwald-Edersee bietet sich an – auch mangels urbaner Alternativen.

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[Bildnachweis: Amanita Silvicora by by Shutterstock.com]

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