Arbeiten in der Provinz?
Arbeiten in der Provinz: Die Vorstellung löst bei manchen Magenkrämpfe aus, andere versetzt sie eher in einen Zustand romantischer Schwärmerei. Alles gut durchdenken sollte in jedem Fall, wer die Stelle im Dorf annehmen und mit seinen sieben Sachen aufs Land ziehen will. Unsere Checkliste hilft. Und was sagen eigentlich Sie - Stadt oder Land? Bitte abstimmen...

Arbeiten in der Provinz: Pro und Contra

Der Duden definiert die Provinz so: "auf dem flachen Land, Hinterland; umgangssprachlich auch auf dem platten Land." Und das ist genau dort, wo sich die High Potentials von heute eher nicht sehen.

Bertelsmann-Personaler Nico Rose schrieb an dieser Stelle, dass er mittlerweile auf Bewerber treffe, die sinngemäß zu ihm sagen: "Hey, tolles Unternehmen, cooler Job. Ich will das gerne machen, aber ich kann mir einfach nicht vorstellen, in Gütersloh zu leben/arbeiten."

Dabei gibt es so viele Gründe, die für das Landleben sprechen. Ein klarer Sternenhimmel. Frische Luft, Wiesen und Wälder. Kein Bahnhofsviertel, durch das man sich schon tagsüber kaum hindurchtraut. Andererseits steppt in der Provinz kein Bär, es gibt maximal ein Kino und Beyoncé kommt auch nicht zum Konzert.

All diese Pros und Cons sind bekannt. Aber was muss ich sonst noch beachten, wenn ich vor der Wahl stehe: Ziehe ich aufs Land? Hier ist unsere Checkliste ...

Wie fällt Ihre Wahl aus: Stadt oder Land? Bitte voten! Siehe Box ganz unten ...

Arbeiten auf dem Land: 9 wichtige Aspekte

  1. Alternativen

    Viele Weltmarktführer, die in der Provinz beheimatet sind. Gerade im Schwäbischen oder in Ostwestfalen findet man ungeahnt viele Hidden Champions (siehe auch Kasten unten). Diese Dichte gibt es aber nicht flächendeckend.

    In der Provinz gilt meist: Ist man seine Stelle wieder los oder leid, gibt es nur wenige Alternativen. Die Chance, in München, Stuttgart oder Frankfurt unmittelbar nach dem alten wieder einen neuen Top-Job zu landen, ist ungleich größer — und dazu ist es noch nicht mal notwendig, seine Zelte abbrechen und den Umzugswagen reservieren zu müssen.

    Und: Auf dem Land ist die Wirtschaftsstruktur einheitlicher, es gibt keine Startup-Szene wie in Berlin, keine NGOs. Wenn für Sie nur eine bestimmte Branche in Frage kommt, schränkt das die Standortwahl naturgemäß ein.

    Überraschend aber: Im Jahresdurchschnitt 2016 war im Vergleich zum Vorjahr "die stärkste Zunahme gemeldeter Arbeitsstellen in den ländlichen Regionstypen (18 Prozent auf 143 000; gegenüber 2007 um 105 Prozent) zu verzeichnen, die schwächste in den städtischen Regionen (14 Prozent auf 304 000; gegenüber 2007 um 49 Prozent)." Das antwortete die Bundesregierung im März 2017 auf eine Kleine Anfrage der Grünen-Fraktion im Bundestag. Deutsche Unternehmen schaffen Jobs - vor allem auf dem Land!


  2. Karriere

    Die Alternativen sind zwar nicht so zahlreich, aber auch die Konkurrenz ist weniger massiv. Wenn es in Deutschland heute bereits Fachkräfteengpässe gibt, dann häufig auf dem Land. Wer als Top-Absolvent aus Harvard nach Nordhessen übersiedeln will, hat sicherlich nicht die schlechtesten Karten.

    Vielleicht wird er oder sie sogar mit Kusshand genommen. Und hat darüber hinaus auch eine gute Möglichkeit, im Unternehmen schneller aufzusteigen. Das lässt sich selbstverständlich nicht pauschalisieren, aber die Chancen dazu sind sicher nicht schlechter, sondern eher besser als in der Metropole.

    Auf der anderen Seite bedenkenswert: Wenn Sie nur einen kurzzeitigen Aufenthalt in der Provinz einplanen und hinterher noch bei den United Nations in New York anheuern wollen, könnte allein der Name Hintertupfingen im Lebenslauf einen Minuspunkt bringen.

    Provinz: Sie hat die geringsten Arbeitslosenquoten Deutschlands

    arbeiten-auf-dem-land-arbeitslosigkeitNoch im Jahr 2000 lag die Arbeitslosigkeit in den städtischen Regionen Deutschlands bei neun Prozent, in den ländlichen bei elf Prozent. Bis 2014 aber ging sie in den Städten auf 6,9 Prozent zurück, auf dem Land sogar bis auf 6,2 Prozent. So sagen es die Daten von Bundesagentur für Arbeit und IAB.

    Von allen Kreisen ist die Arbeitslosigkeit in Gelsenkirchen mit fast 14 Prozent am größten. Dahinter folgt Bremerhaven - ebenfalls eine mittelgroße Stadt - mit 13 Prozent. Mit Duisburg, Essen und Dortmund tauchen drei weitere Großstädte in den Top 15 auf.

    Die geringsten Arbeitslosenquoten gibt es dagegen auf dem Land, vor allem in Bayern. Pluspunkt Provinz. Das sind die Kreise mit der geringsten Arbeitslosenquote (Stand Dezember 2016):

    • Eichstätt: 1,39 Prozent
    • Erding: 1,73 Prozent
    • Pfaffenhofen an der Ilm: 1,79 Prozent
    • Neumarkt in der Oberpfalz: 1,84 Prozent
    • Regensburg: 1,88 Prozent
    • Ebersberg: 1,95 Prozent
    • Donau-Ries: 1,99 Prozent
    • Unterallgäu: 1,99 Prozent
    • Erlangen-Höchstadt: 2,05 Prozent
    • Freising: 2,07 Prozent

  3. Vernetzung

    Konferenzen, Messen, Tagungen -
    all das gibt es in der Provinz nicht oder nur in sehr kleinem Maßstab. Diese Branchentreffen aber sind wichtig, um sich zu vernetzen, eine Reputation als Experte oder Keynote-Speaker aufzubauen. Wenn Sie darauf nicht verzichten können oder wollen, ist ein Zuhause im Wald ein Standortnachteil.

    Auch hier wieder das Gegenargument: Vernetzung findet heute zum großen Teil online statt. Und Sie sind ja nicht aus der Welt, sondern können bequem mit dem Zug zur Cebit fahren. Insgesamt aber ein Punkt, den man einkalkulieren sollte.


  4. Internet

    Für Freiberufler (und andere) überlebenswichtig: eine schnelle, zuverlässige Internetverbindung. Im Deutschland des Jahres 2017 aber noch nicht allerorten Realität.

    Zwar sollen laut Europäischer Digitaler Agenda bis 2020 alle Haushalte flächendeckend mit Hochleistungsnetzen von 30 MBit/s versorgt sein. Deutschland selbst will seine Haushalte bis Ende 2018 mit mindestens 50 MBit/s versorgen, so sagt es die Digitale Agenda der Bundesregierung. Aber erstens ist das ein Plan und keine Realität und zweitens will auch die Zeit bis dahin noch überbrückt werden.

    Einen Überblick über den derzeitigen Stand bietet der Breitbandatlas des Bundesverkehrsministeriums.


  5. Führerschein

    Wesentlicher Punkt auf der Checkliste: Verfügen Sie über einen Führerschein? Wenn nicht, wird sich die Anfahrt zur Arbeit sehr schnell als großes Problem erweisen.

    Wer aus Berlin gewohnt ist, mit der U-Bahn zum Büro und zurück und auch sonst überallhin zu fahren, muss umdenken. Der öffentliche Nahverkehr ist - aus Städter-Sicht - eine Farce. Nicht ungewöhnlich, dass der Bus vom Ortskern zur nächsten Fahrt nur alle zwei Stunden fährt - oder zweimal täglich.

    Anrufbusse sind gerade im Kommen, lösen aber das Problem nicht. Ohne Führerschein und Auto ist das Landleben beschwerlich. Sagen Sie hinterher nicht, wir hätten Sie nicht gewarnt!


  6. Familie

    Die Provinz können Familien einerseits als Geschenk begreifen: Frische Luft, viel Grün, günstige Grundstücke und ein Garten zum Spielen, mehr Sicherheit und Raum.

    Andererseits: Vor allem die Städte legen sich ins Zeug, um die Kita-Quote nach oben zu treiben, alle Betreuungswünsche erfüllen zu können, die Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu verbessern. Die Betreuungsquote ist in den Städten deutlich höher als auf dem Land (was aber auch an der Nachfrage liegt).

    Ohnehin ist das gesamte Bildungsangebot, die ganze Infrastruktur professioneller: Es gibt Tagesmütter, Privatschulen, Sportgmynasien, Sprachschulen, Nachhilfelehrer, Universitäten, Fachhochschulen... - in Bremen mehr als in Meppen.


  7. Miete

    Ein Drittel des Gehalts für die Miete - das kennen wir als ungefähre Richtgröße. Gut möglich, dass der Anteil in der Provinz noch geringer ist, denn hier ist das Mietniveau nicht vergleichbar mit den horrenden Preisen, die in Frankfurt oder München abgerufen werden. Auch Bauland ist günstiger. Pluspunkt für die Provinz!

    An dieser Stelle wieder ein Aber: Das Unternehmen in Hamburg zahlt in der Regel auch besser als das im Alten Land. Ihre Kaufkraft ist auf dem Land also nicht zwingend größer.

    Möglicherweise ist sie es aber doch, hier empfielt sich bei einem entsprechenden Angebot der Griff zum Taschenrechner.

    4 Top-Jobs für die Provinz

    Top-Jobs für die ProvinzAuf dem Lande wird gemäht und geerntet, Bier und Wein ausgeschenkt, Landwirtschaft und Tourismus betrieben. Aber das ist längst nicht alles. Auch diese Kräfte haben in der Provinz gute Perspektiven:

    • Ärzte: Der Versorgungsmangel auf dem Land ist Legende. Immer weniger Mediziner sind bereit, sich in der Provinz niederzulassen. Vor allem Hausärzte haben Probleme, Nachfolger zu finden. Politik und Ärztevereinigungen versuchen seit Jahren gegenzusteuern. Klar scheint: Mediziner mit einem Faible fürs Landleben haben die freie Auswahl.
    • IT-Fachkräfte: Die Digitalisierung fordert sie ein: Informatiker, in rauen Mengen, quer durch alle Branchen. Das ist auf dem Land nicht anderes als in der Stadt. Gerade die vielen Familienunternehmen und Weltmarktfüher in der Provinz verzeichnen einen steigenden Bedarf an IT-Experten.
    • Ingenieure: Das Gleiche gilt für Ingenieurwissenschaftler. Die deutschen Hidden Champions aus der Provinz haben häufig einen technischen Hintergrund. Sie stellen Laser- oder Medizintechnik, Betonpumpen, Landmaschinen, Sensorsysteme oder Tunnelbohrmaschinen her - und benötigen gut ausgebildete Ingenieure.
    • Marketing-Experten: Die Industrie 4.0 erfordert nicht nur IT-Kompetenzen, auch das Marketing gewinnt in Zeiten weltweiter Vernetzung an Bedeutung. Ein Job für Marketing-Kräfte. Und auch das klassische Standortmarketing spielt auf dem Land weiterhin eine Rolle. Kreise und Gemeinden im Grünen wollen Betriebe anlocken - und mit Stadtmarketing um Touristen werben.

  8. Anbindung

    Als selbstständiger Unternehmensberater oder Staubsauger-Vertreter sind Sie ständig auf Achse. Ihr Hauptquartier muss dafür nicht in der großen Stadt, kann auch auf dem platten Land stehen.

    Aber: Die Anbindung sollte Ihnen erlauben, möglichst flott durch die Lande zu reisen. Wichtige Fragen: Ist ein ICE-Bahnhof in der Nähe? Wo verläuft die Autobahn? Wie weit ist es bis zum nächsten Flughafen?

    Dabei macht es einen Unterschied, ob dieser Kassel-Calden oder Flughafen Düsseldorf heißt. Prüfen Sie die Lage, bevor Sie umziehen.


  9. Klientel

    Das Landvolk ist eine deutlich homogenere Einheit. Dieser Punkt ist wichtig, wenn sie damit liebäugeln, ein Einzelhandelsgeschäft, eine Praxis oder Kanzlei zu eröffnen.

    Gibt es im Ort überhaupt die passende Klientel für mein Produkt/meine Dienstleistung? Und komme ich mit der Mentalität klar? Schwaben ticken anders als Ostfriesen, Franken anders als Pfälzer. Sozialmilieus, die Sie aus Hamburg kennen, gibt es im Weserbergland nicht.

Provinz: Heimat der Hidden Champions

Provinz: Heimat der Hidden ChampionsDas beschauliche Herzogenaurach steht synonym für Sneakers (Adidas, Puma), Ingelheim am Rhein für Medikamente (Boehringer Ingelheim), Walldorf für Business-Software (SAP).

Aber ist das noch Provinz oder schon Großstadt? Eine Frage der Definition. Herzogenaurach liegt immerhin unmittelbar neben Erlangen und Nürnberg, Ingelheim neben Mainz, Walldorf nahe an Heidelberg und Mannheim.

Viele Groß- und Familienunternehmen haben sich im Speckgürtel der Städte angesiedelt, manche aber auch in der tiefsten Provinz. Vor allem Baden-Württemberg ist als Tüftlerland bekannt, hat die vermutlich größte Dichte an Hidden Champions weltweit. Aber die Schwaben sind nicht alleine. Ein anderes herausragendes Beispiel ist Ostwestfalen. Im Dreieck Gütersloh-Bielefeld-Paderborn sind verblüffend viele Top-Unternehmen zuhause: Bertelsmann, Miele, Dr. Oetker ...

Wir möchten Ihnen exemplarisch sieben Städte vorstellen, deren Namen Sie noch nie gehört, die aber viel Arbeitsplatzpotenzial haben ...

  • Künzelsau: Im Nordosten Baden-Württembergs, rund 15.000 Einwohner. Über die Autobahn sind es bis nach Heilbronn - auch das im Übrigen keine Metropole - ca. 55 Kilometer. Künzelsau beherbergt nicht nur das Schrauben-Imperium Würth, sondern noch eine ganze Reihe anderer heimlicher Weltmarktführer.
  • Duderstadt: Mittelalterliches Städtchen im Landkreis Göttingen, Fachwerkhäuser, etwas mehr als 20.000 Menschen. Bis nach Kassel fährt man mit dem Auto ca. 70 Kilometer. Hier ist Medizintechniker Otto Bock zuhause.
  • Biberach an der Riß: Industrietechnik und Haushaltsgeräte sind nur zwei Geschäftsfelder der Liebherr Gruppe. Die Dachgesellschaft hat ihren Sitz in Biberach an der Riß in Oberschwaben. Nächste größere Stadt ist Ulm: 40 Kilometer gen Norden.
  • St. Wendel: Im Norden des Saarlandes hat die Globus-Gruppe ihren Sitz, deren Logo auf Fachmärkten und Warenhäusern prangt. Einzige größere Stadt weit und breit ist Saarbrücken: 40 Kilometer nach Süden. St. Wendel selbst hat immerhin ca. 25.000 Einwohner.
  • Haiger: Tief im Westerwald liegt Haiger. Die Stadt hat nur 20.000 Einwohner, aber gleich drei Hidden Champions: Schweißtechniker Cloos, Schleifmittel-Spezialist Klingspor und die Loh Group, Anbieter von Schaltschränken.
  • Kempten: Ländliches Flair versprüht auch das Allgäu. Von Kempten aus operiert Logistikdienstleister Dachser. München erreicht man auf schnellstem Wege erst nach 130 Kilometern. Kempten selbst hat fast 70.000 Einwohner.
  • Allendorf (Eder): Heiztechniker Viessmann hat seine Zentrale in der 5000-Einwohner-Gemeinde Allendorf in Nordhessen. Ein Ausflug in den schönen Nationalpark Kellerwald-Edersee bietet sich an - auch mangels urbaner Alternativen.

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