Beleidigungen: Was kann ich tun?

Herr Präsident, mit Verlaub, Sie sind ein Arschloch.Beleidigungen dieser Art hört man offensichtlich auch im Bundestag, wie das Beispiel Joschka Fischers zeigt. Und auch am Arbeitsplatz sind sie keine keine Seltenheit mehr – sehr zum Leidwesen der so angegangenen Kollegen und hin und wieder sogar Vorgesetzten. Was Mitarbeiter gegen Kollegen tun können, die mit Beleidigungen um sich werfen und wann man von einer Beleidigung im juristischen Sinne sprechen kann, erfahren Sie hier…

Beleidigungen: Was kann ich tun?

Was ist rechtlich eine Beleidigung?

Was ist rechtlich eine Beleidigung?Nicht jede unverschämte Bemerkung muss gleich eine Beleidigung sein, gegen die sich Arbeitnehmer vor einem Gericht wehren können. Sollten Arbeitnehmer, die sich beleidigt fühlen, den Gang vor ein Gericht in Erwägung ziehen, ist eine möglichst genaue Definition einer Beleidigung hilfreich.

Als eine Beleidigung verstehen die Gerichte regelmäßig eine Äußerung oder ein Verhalten, das die Ehre des anderen Mitarbeiters angreifen oder verletzen kann. Wichtig ist in diesem Zusammenhang die Objektivität. Ein unbeteiligter Zuhörer oder Zuschauer sollte das Verhalten oder den Kommentar als Ehrverletzung werten. Ein rein subjektives Gefühl des beleidigten Kollegen reicht dagegen nicht aus.

Rechtliche Regelungen dazu findet sich an mehreren Stellen im Strafgesetzbuch (StGB). So wird unterschieden zwischen:

  • Beleidigung

    Paragraph 185 StGB sieht bei einer Beleidigung bis zu einem Jahr Freiheitsentzug oder einer Geldstrafe vor, in Verbindung mit einer „Tätlichkeit“ wie Anspucken können sogar zwei Jahre Freiheitsentzug drohen. Im Gegensatz zu den folgenden Formen erfolgt hier die Beleidigung direkt gegenüber dem Betroffenen.

  • Üble Nachrede

    Paragraph 186 StGB sieht ein ähnliches Strafmaß vor für Fälle, in denen Menschen nachweislich die Unwahrheit über andere Personen erzählen, um diese „verächtlich“ zu machen. Üble Nachrede kann ein Jahr Freiheitsentzug oder Geldstrafe bedeuten, wenn sie im kleinen Kreis geschieht. Werden Schriften verbreitet oder passiert sie in öffentlichen Netzwerken, können bis zu zwei Jahre Freiheitsentzug drohen.

  • Verleumdung

    Paragraph 187 StGB verschärft das Strafmaß deutlich, wenn jemand wissentlich Lügen über eine Person verbreitet, die dazu geeignet sind, diese zu diskreditieren. Hier kann ein Verurteilter mit bis zu zwei Jahren Freiheitsstrafe oder einer Geldstrafe rechnen. Kommt es zur Verbreitung beziehungsweise Veröffentlichung dieser Unwahrheiten, können bis zu fünf Jahre Freiheitsentzug die Folge sein.

Weitere Aspekte bei Beleidigungen im Job

Daneben spielen im Arbeitsleben noch weitere Punkte eine Rolle bei der Bewertung der Kränkung:

  • Umgangston

    Wie wird generell in der jeweiligen Branche miteinander umgegangen? Auf dem Bau herrschen sicherlich andere Sitten als in einer Bank. Was hier als derber Umgangston gewertet wird, ist auf einer Baustelle vielleicht eine ganz normale Unterhaltung.

  • Vorgeschichte

    Haben die beteiligten Mitarbeiter immer mal wieder Reibereien oder provozierte ein Kollege den anderen, bevor die Beleidigung ausgesprochen wurde?

  • Form

    Gibt es Beweise für die Beleidigung? Wurde sie als E-Mail, SMS oder in anderer Weise niedergeschrieben oder fanden die Kränkungen im Job mündlich statt?

  • Zeugen

    Gibt es Personen, die die Beleidigung bezeugen können oder fand sie in einem 4-Augen-Gespräch statt?

  • Häufigkeit

    War die Beleidigung der erste Vorfall dieser Art oder haben die beiden Mitarbeiter in regelmäßigen Abständen Probleme miteinander?

  • Bildungsniveau

    Auch die schulische Ausbildung desjenigen Mitarbeiters, der die Beleidigungen ausgesprochen hat, spielt eine Rolle. Von Mitarbeitern mit einem hohen Bildungsabschluss ist eher zu erwarten, dass sie sich verbal zügeln.

Eine allgemeingültige Definition einer Beleidigung gibt es demnach nicht. Im Einzelfall müssen jeweils die genauen Umstände betrachtet werden. Einzelne Beleidigungen wie beispielsweise „Arschloch“ rechtfertigen nach Ansicht von Gerichten (Landesarbeitsgericht Schleswig-Holstein, AZ 4 Sa 474/09 und Landesarbeitsgericht Rheinland-Pfalz, AZ 2 Sa 232/11) noch keine Kündigung, während die Kombination aus verbaler Beleidigung und dem Zeigen des Mittelfingers eine Kündigung rechtfertigen kann.

Affront am Arbeitsplatz: Was sind die Konsequenzen?

Wenn ein Kollege den anderen am Arbeitsplatz beleidigt, kann das den Betriebsfrieden ganz erheblich stören. Vorgesetzte sind daher ganz besonders angehalten, gegen ein derartiges Verhalten einzelner Mitarbeiter vorzugehen, sobald ihnen das zu Ohren kommt – und das gleich aus mehreren Gründen.

Darf der Mitarbeiter seine Kollegen ungestört weiter beleidigen, könnte er sich in seinem Verhalten bestätigt fühlen und es nur noch bunter treiben.

Daneben hat der Arbeitgeber seinem Mitarbeiter gegenüber aber auch eine Fürsorgepflicht und muss schon allein deshalb darum bemüht sein, dass die Beleidigungen am Arbeitsplatz sofort beendet werden.

Sollte der Arbeitgeber nichts oder nicht ausreichend viel dagegen unternehmen, berechtigt das den Mitarbeiter, der den Beleidigungen ausgesetzt ist, zur fristlosen Kündigung seinerseits.

Wenn der Mitarbeiter sich noch weiter gegen die Beleidigungen wehren möchte, hat er ebenfalls gute Karten: Lässt das Arbeitgeber die Beschimpfungen zu, hat der Arbeitnehmer ein Anrecht auf Schadensersatz. Diesen Anspruch vor Gericht durchzusetzen, kann im Einzelfall aber schwierig werden.

Geht der Arbeitgeber indes gegen das Verhalten seines Mitarbeiters vor, hat er ebenfalls mehrere Optionen: Beleidigungen gegenüber Kollegen oder gar Vorgesetzten, müssen in keinem Fall toleriert werden und sind mindestens ein Grund für eine Abmahnung.

Da es sich bei Beleidigungen immer um Verstöße gegen die Pflichten aus dem Arbeitsvertrag handelt, rechtfertigt es in schweren Fällen auch die Kündigung des Arbeitsvertrags – in Ausnahmen sogar fristlos.

Wann ist eine Beleidigung strafbar?

brutale Beleidigung strafbarEinerseits lässt sich der genaue Schaden im Falle von Beleidigungen objektiv nur schwer einschätzen. Auf der anderen Seite gibt es zahlreiche Beispiele, die auch vom Antidiskriminierungsgesetz abgedeckt werden.

Strafbar sind Beleidigungen, …

  • die auf die Herkunft abzielen, beispielsweise wenn jemand Kollegen als „Spaghettifresser“ oder „Nigger“ tituliert.
  • die auf die sexuelle Identität abzielen, etwa wenn jemand als „Schwuchtel“ bezeichnet wird.
  • die auf eine Behinderung abzielen, etwa wie „Scheißkrüppel“.
  • die auf die (vermeintliche) politische Gesinnung abzielen, beispielsweise „Scheiß Stasimentalität (LAG Düsseldorf, Az. 10 Sa 1321/06).

Was viele Menschen fälschlicherweise unter freier Meinungsäußerung verbuchen, verstößt gegen die Menschenwürde, wenn jemand den Beschimpften gezielt herabwürdigen will. Strafbar sind daher nicht nur Ausdrücke aus der Fäkalsprache, sondern auch Gesten wie der ausgestreckte Mittelfinger oder das „Vogel zeigen“.

Um unabsichtliche Beleidigungen zu vermeiden, empfehlen wir als Lektüre außerdem noch diesen Artikel:

Beispiel für dramatische Konsequenzen

Wie eingangs erläutert, spielen unter anderem Branchen und Hierarchien eine Rolle. Das bedeutet allerdings nicht, dass Sie nur den Vorgesetzten fürchten müssen. Teuer können Beleidigungen aber auch unter Kollegen enden.

Das Landesarbeitsgericht Rheinland-Pfalz entschied in einem Urteil Az.: 4 Sa 350/15, dass massive Beleidigungen eines Arbeitnehmers einem Kollegen gegenüber sogar eine fristlose Kündigung rechtfertigen können.

In dem oben genannten Fall ging es um eine Krankenschwester, die eines Abends nach Feierabend einer Kollegin eine SMS mit erheblichen Beleidigungen schickte.

Nach der Anrede mit Hallo, Arschloch wurde die Frau noch weiter beleidigt und beschimpft. Die beleidigte Kollegin zeigte die Nachricht ihrem Arbeitgeber, woraufhin dieser der Absenderin der SMS fristlose kündigte.

Die Frau klagte gegen die Kündigung vor dem Landesarbeitsgericht, hatte damit jedoch keinen Erfolg. Bereits die Anrede der Kollegin stelle eine grobe Ehrverletzung da und müsse daher von dem Arbeitgeber nicht toleriert werden. Ein derartiges Verhalten verstoße in erheblichem Maße gegen die Pflichten des Arbeitnehmers, die sich aus dem Arbeitsvertrag ergeben. Ein derartiger massiver Verstoß rechtfertige eine fristlose Kündigung – so die Begründung des Arbeitsgerichts.

Ziemlich smarte bis lustige Beleidigungen und Sprüche

Es war mir eine Lehre, Sie kennengelernt zu haben.

Ich finde es gut, dass Sie sich nichts aus Mode machen.

SIE können das tragen!

Sie sind einzigartig – jedenfalls hoffen wir das alle.

Ich könnte Ihnen jetzt Recht geben, aber dann lägen wir beide falsch.

Wir werden Sie vermutlich vermissen. Trotzdem würden wir es gerne herausfinden.

Ein bisschen Ahnung würde Ihrer Meinung gut tun.

Kommen Sie auf mein Niveau – oder soll ich runterkommen?

Kommen Sie bitte nochmal wieder, wenn Sie weniger Zeit haben.

Sie sind nicht dumm. Sie haben nur Pech beim Denken.

Mit leerem Hirn spricht man nicht!

Einer von uns beiden ist klüger als Sie.

Darf ich Ihnen das „Tschüss“ anbieten?

Ich hab weder die Zeit, noch die Buntstifte, um Ihnen das zu erklären.

Sie verwechseln mich mit jemandem, den das interessiert.

Beleidigungen für Frauen und Männer unterschiedlich

So lustig manche Sprüche auch sind – wie funktionieren sie eigentlich? Wann wird aus einer Bemerkung eine Beleidigung?

Die Mechanismen sind in jeder Gesellschaft ähnlich und funktionieren über einen Tabubruch. Was tabu ist, entscheidet jede Gesellschaft für sich. Beleidigungen betreffen häufig diese Bereiche:

  • Exkremente
  • Geschlechtsorgane
  • Inzest
  • Krankheit
  • Religion
  • Sexualität
  • Speisen
  • Tod

Einige Beleidigungen sind typisch für Frauen wie etwa „dumme Kuh“, andere typisch für Männer wie etwa Weichei.

Andere diskreditieren einen ganzen Berufsstand („Sesselfurzer“ – oft für Beamte verwendet, denen mangelndes Engagement unterstellt wird), andere zielen auf den Charakter ab. So etwa „Korinthenkacker“ für eine sehr pedantische Person.

Beleidigungen sind immer auch Zeitzeugen: So tauchte vor wenigen Jahren die Bezeichnung „Alpha-Kevin“ auf, die 2015 zwischenzeitlich als Jugendwort des Jahres gehandelt wurde. Diese Beleidigung setzt sich einerseits aus Alpha(männchen) und dem Vornamen Kevin zusammen, der für einen extrem dummen Jugendlichen steht.

Analog zu Kevin kam „Chantal“ für Frauen auf – diese Vornamen werden häufig als Inbegriff für eher einfältige Menschen genannt. Sie implizieren, dass deren Träger in der Schule verhaltensauffälliger sowie leistungsschwächer seien und meist der Unterschicht entstammen.

Beschimpfungen durch Kollegen: Was soll ich tun?

Wenn es in Ihrer Firma einen Kollegen gibt, der Sie und/oder andere Mitarbeiter immer wieder beleidigt, sollten Sie sich dagegen wehren. Derjenige, der die Beleidigungen ausspricht, muss merken, dass er nicht ohne weiteres so weitermachen kann.

  • Führen Sie Buch

    Notieren Sie möglichst genau wann und mit welchen Worten Sie der Kollege beleidigt hat. Sollten Zeugen dabei gewesen sein, führen Sie diese unbedingt auf. Mit einer gut geführten Dokumentation haben Sie gute Argumente, um sich bei Ihrem Vorgesetzten über das Verhalten des Mitarbeiters zu beschweren. Und sollte es zu einer Gerichtsverhandlung kommen, ist das Tagebuch ebenfalls nützlich.

  • Geben Sie Kontra

    Natürlich soll die Situation am Arbeitsplatz nicht so ausarten, dass Sie und ihr Kollege sich gegenseitig Beleidigungen an den Kopf schmeißen. Manchmal sind Schmähungen auch subtiler und dann lohnt es sich, ebenso passiv-aggressiv zu reagieren, damit Ihr Gegenüber merkt, dass er sich nicht alles erlauben kann. Meint Ihr Kollege beispielsweise, dass seiner Meinung nach mit ihrer Arbeitsweise das Projekt kein Erfolg werden kann, weisen Sie ihn freundlich aber bestimmt darauf hin, dass er seine Meinung überdenken soll.

  • Spiegeln Sie den Kollegen

    Unter Umständen ist sich der Kollege gar nicht bewusst, was er mit seinen unterschwelligen Beleidigungen bei Ihnen auslöst. Ein einfacher Trick, ihm sein Verhalten vor Augen zu führen, ist sich genau so zu verhalten (siehe Spiegeltechnik). Oder anders ausgedrückt: Wie du mir, so ich dir! Geht Ihr Kollege Sie regelmäßig aggressiv an, machen Sie das auch einige Male. Mit etwas Glück macht sich Ihr Kollege Gedanken über seine Verhaltensmuster.

  • Gehen Sie auf Abstand

    Alle Bemühungen Ihrerseits bringen nichts? Dann sollten Sie dem Kollegen so gut wie möglich aus dem Weg gehen. Offene Auseinandersetzungen am Arbeitsplatz und Teamkonflikte sind nur selten erfolgsversprechend. Vermutlich werden Sie es hin und wieder nicht vermeiden können, mit dem Kollegen zusammenzuarbeiten. Aber auch in der Projektgruppe gibt es Mittel und Wege, um dem beleidigenden Kollegen zu entgehen. Wählen Sie ein anderes Team oder suchen Sie sich eine Aufgabe aus, die mit seiner in keinem direkten Zusammenhang steht. So müssen Sie wenigstens nicht Hand in Hand arbeiten.

  • Wenden Sie sich an Ihren Vorgesetzten

    Was auch immer Sie tun, die Beleidigungen durch den Kollegen werden nicht weniger. Dann gibt es nur noch einen Ausweg: Sie müssen sich an den Vorgesetzten wenden. Gehen Sie aber nicht unvorbereitet in dieses Gespräch. Sammeln Sie Beweise (Ihre Aufzeichnungen von oben) und wenn möglich auch Zeugen oder andere Betroffene, die die Beleidigungen bestätigen können.

    Gibt es in Ihrem Unternehmen einen Betriebsrat, können Sie auch diesen über das Verhalten des Mitarbeiters informieren. Unter Umständen kann der Betriebsrat vermitteln, bevor es zu einer weiteren Konflikteskalation kommt.

[Bildnachweis: Doppelganger4 by Shutterstock.com]
4. Juni 2019 Karrierebibel Autoren Logo Autor: Julia Sima

Julia-Eva Sima arbeitet als freie Journalistin und war mehrere Semester Dozentin an der Universität des Saarlandes. Danach wechselte sie in die Personalbranche und arbeitete unter anderem als Headhunter.


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