Blinder-Fleck-Schwaechen-entdecken
"Was sind Ihre größten Schwächen?" - Die Frage kommt in der einen oder anderen Variation gerne mal im Vorstellungsgespräch. Die falsche Antwort hierauf wäre: "Ich habe keine Schwächen." Denn Tatsache ist nun mal: Jeder Mensch hat Schwächen. Trotzdem gehört das Thema zu den am meisten verdrängten. Schwächen sind eine Kampfansage an unser Selbstbewusstsein und Selbstwertgefühl. Sie konfrontieren uns mit der eigenen Unvollkommenheit, Fehlbarkeit, Menschlichkeit. Nicht wenige setzen das - fälschlicherweise - mit Minderwertigkeit gleich. Dabei kann die Beschäftigung mit den eigenen Schwächen - so unangenehm das auch ist - enorm nützlich sein für die Karriere...

Schwächen erkennen: Unsere verzerrte Selbstwahrnehmung

Wenn es um Schwächen geht, ist ein Phänomen immer wieder zu beobachten: Die Schwächen der anderen erkennen wir auf Anhieb und überdeutlich - gegenüber den eigenen Defiziten hingegen sind wir nahezu blind.

Es ist so, wie es schon in der Bibel steht: Wir sehen problemlos den Holzsplitter im Auge unseres Gegenübers, aber übersehen mühelos den Balken im eigenen Auge. Er ist unser blinder Fleck.

Blinder Fleck Definition Grafik

Schon vor einiger Zeit kamen die Psychologen Ethan Zell von der Universität von North Carolina und Zlatan Krizan von der Iowa State Universität in einer Analyse von 22 Meta-Studien zum Thema Selbstwahrnehmung zu dem Ergebnis: Die Mehrheit der insgesamt mehr als 200.000 Studienteilnehmer hatten bei ihrer Selbsteinschätzung deutliche Schwächen. Während sie ihre Stärken regelmäßig überschätzten, übersahen oder unterschätzten sie umso stärker die eigenen Schwächen.

Der Mensch ist eben nicht nur die Krone der Schöpfung, sondern leider auch Spitze darin, sich seine eigene Wirklichkeit zu schaffen: ein Universum aus Selbstbetrug, Schönfärberei, selektiver Wahrnehmung und Selbstgerechtigkeit.

Nicht selten verbirgt sich hinter dem vermeintlichen Selbstschutz ein aufgepumptes Ego, purer Narzissmus oder eine veritable Profilneurose. Und natürlich eine falsche Definition von Schwächen.

Die werden schließlich nicht besser, indem man sie verdrängt, verleugnet, verschweigt, versteckt. Im Gegenteil: Nur wer sie erkennt und sich diese eingesteht, kann daran arbeiten oder die blinden Flecken gezielt durch andere Menschen und deren Stärken kompensieren.

Wie viele Projekte und Ideen scheitern letztlich am Stolz und an der Eitelkeit (bis hin zur Arroganz) mancher, die lieber hoffnungslos weiterwurschteln, statt die Kollegen um Rat oder um Hilfe zu bitten.

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Erkennen Sie Ihre Schwächen

Für das Erforschen der eigenen Schwächen reichen fünf Fragen aus. Das klingt wenig. Die Fragen haben es aber in sich - erst recht, wenn Sie diese ehrlich und umfassend beantworten. Denn nicht alle Antworten und Erkenntnisse werden Ihnen gefallen.

Im Lauf des Prozesses entdecken Sie möglicherweise Schwächen, die Ihnen bisher gar nicht bewusst waren, die Ihnen ganz und gar nicht gefallen und die Sie lieber ignorieren würden. Das sollten Sie aber nicht: Zwar müssen Sie nicht an jedem Mangel laborieren und nicht jedes Defizit ausgleichen - manche Schwächen begleiten uns ein Leben lang. Andere aber behindern und belasten uns und unsere Entwicklung womöglich auch ein Leben lang. Diese zu ignorieren, wäre töricht.

Stellen Sie sich also den folgenden Fragen - und damit auch sich selbst. Und (an)erkennen Sie nicht nur - wie sonst üblich - die angenehmen Stärken, sondern vor allem jene blinden Flecken, an den sich zu arbeiten lohnt:

  1. Welche Aufgaben mögen Sie nicht?

    Diese Frage bezieht sich in erster Linie auf Ihr Arbeitsleben. Welche Aufgaben und Arbeiten erfüllen Sie aus reiner Notwendigkeit, ohne Begeisterung oder Motivation? Was fällt Ihnen schwer? Welche Abläufe stellen eine Belastung dar? Wozu müssen Sie sich erst lange aufraffen?

    Sicher können dafür auch Rahmenbedingungen verantwortlich sein, doch eine ehrliche Antwort auf diese Frage wird Ihnen erste Hinweise auf eigene Schwächen liefern.

  2. Welche Tätigkeiten vermeiden Sie häufig?

    Die Antworten in Bezug auf den Arbeitsplatz können als Ausgangspunkt dienen. Hier geht es allerdings um Aktivitäten in allen Lebensbereichen: Welche Aufgaben und Tätigkeiten vermeiden Sie besonders häufig und gerne? Was kostet Sie große Überwindung? Warum vermeiden Sie diese? Was sind die Folgen dieser Vermeidungsstrategie? Würde es Sie weiterbringen, wenn Sie sich überwinden könnten?

    Mit der letzten Frage sollten Sie sich auch die Konsequenzen Ihres Handeln vor Augen führen. Das kann zum Beispiel bedeuten, dass Sie regelmäßig in Verzug geraten, weil die Aufgabe sich letztlich doch nicht vermeiden lässt - oder dass Sie so immer wieder eine offene Flanke behalten, die Sie mit viel Energie regelmäßig kaschieren müssen.

  3. Was gelingt Ihnen so gar nicht?

    Reflektieren Sie bitte, wobei Sie regelmäßig Probleme haben, sich übermäßig anstrengen müssen - und am Ende doch nur suboptimale Ergebnisse erzielen. Was waren Ihre größten Misserfolge? Denken Sie dabei aber bitte nicht nur an Fertigkeiten, wie ein Ikea-Regal zusammenschrauben, sondern auch an Chraktermerkmale wie Ungeduld, Reizbarkeit oder Rechthaberei.

    Im zweiten Schritt fragen Sie sich bitte, wie Sie damit umgehen: Tun sie etwas dagegen? Arbeiten Sie an sich? Wenn nicht, warum nicht? Auch hier kann es helfen, wenn Sie sich - ehrlich - die Konsequenzen vor Augen führen. Aber nicht nur die schöngefärbten...

  4. Wovon lassen Sie sich provozieren oder verführen?

    So weit unsere Selbstbeherrschung reicht, so weit geht auch unsere Freiheit. Jeder Mensch hat aber auch hier ein paar blinde Flecken: Knöpfe, die andere nur drücken müssen - und schon ist es damit vorbei, seine Emotionen, sein Verhalten und seine Wünsche kontrollieren und diesen Impulsen widerstehen zu können.

    Fragen Sie sich, welche Knöpfe das sind: Wovon lassen Sie sich leicht provozieren oder verführen? Was hat (te) das für Folgen? Was tun Sie, um sich davor zu schützen? Manchmal reicht es schon, den Versuchungen aus dem Weg zu gehen. Manchmal aber müssen wir Strategien entwickeln und trainieren, die Selbstkontrolle zu behalten.

  5. Womit können Sie nicht umgehen?

    Gibt es Menschen, mit denen Sie nur schwer auskommen? Gibt es Situationen, die Ihnen schlagartig die Laune vermiesen? Natürlich muss man nicht mit allen Menschen gleich gut auskommen, manche toxische Typen sollte man sogar meiden.

    Manche Antipathien und Ärgernisse können aber auch gute Hinweise auf eigene Schwächen liefern. Zum Beispiel, weil diese Menschen uns durch ihre Stärken die eigenen Defizite bewusster machen und uns deshalb besonders reizen. Das ist dann allerdings nicht deren Problem, sondern unseres. Gleiches gilt für manche Umstände und Situationen.

Machen Sie sich aber auch bewusst: Schwächen sind relativ. Was Sie als Schwäche empfinden, ist für andere Menschen vielleicht normal oder völlig ausreichend oder gar eine Stärke. Überprüfen und verifizieren Sie Ihre eigenen Erkenntnisse daher bitte auch mittels Freunde und Bekannten, denen Sie sich anvertrauen können. Bitten Sie um Feedback und gleichen Sie die Selbstwahrnehmung mit der Fremdwahrnehmung ab. Die Wahrheit liegt - wie so oft - in der Mitte.

Für das, was dann als blinder Fleck noch übrig bleibt, haben Sie wiederum zwei Alternativen:

  • Akzeptieren Sie die Schwächen als das, was sie sind: menschliche Defizite, die wir alle haben. Nichts, dass uns die Lebensfreude dauerhaft rauben sollte. Nehmen Sie diese als individuelle Besonderheit, Spleen oder Markenzeichen wahr.
  • Oder aber Sie erkennen, dass Ihnen diese Schwächen dauerhaft im Weg stehen und Sie lähmen. Dann sollten Sie nicht resignieren ("Ich bin halt so!"), sondern daran arbeiten - eigenverantwortlich, konsequent und permanent. Jeder Mensch kann sich auch verändern, wenn er will.

Für den Umgang mit Ihren Schwächen können Ihnen die folgenden Artikel Tipps und Anregungen bieten:

[Bildnachweis: Doppelganger4 by Shutterstock.com]

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