Darf man den Chef übergehen?

Heute schrieb uns ein Leser: Meine Situation hat sich in den letzten Monaten zugespitzt. In den Jahresgesprächen sprach ich bisher immer meine Entwicklungsmöglichkeiten im Unternehmen an und hatte immer das Gefühl, von meinem Chef vertröstet zu werden. Vor einem Monat kam es zum Eklat: Ich habe ihm mein Leid geklagt – doch er sagte mir im Kern, ich solle mich nicht so wichtig nehmen, es gäbe auch noch andere Kollegen. Seitdem werde ich – zumindest habe ich das Gefühl – subtil ignoriert…

Darf man den Chef übergehen?

Darf man den Chef übergehen?

Natürlich ist die Situation äußerst unbefriedigend. Kann man den Chef trotzdem noch einmal darauf ansprechen, wenn sich partout nichts ändert – oder kann sich das eher zum Schuss nach hinten entwickeln? Oder – was der Leser fragt – kann man sich in einem solchen Fall an den Chef-Chef wenden, also den Vorgesetzten eine Etage höher?

Zunächst einmal sollte jeder eine solche Lage ehrlich und selbstkritisch analysieren: Es könnte ja tatsächlich sein, dass man überehrgeizig ist und Geduld eine Schwäche. Ebenso gut wäre es möglich, dass man nicht nur gegenüber dem Chef zu forsch war, sondern sich auch selbst zu wenig Zeit für die eigene Entwicklung gibt.

Deswegen beginnt eine solche Selbstreflexion immer mit ein paar Fragen:

  • Wohin will ich mich eigentlich entwickeln?
  • Was ist mein mittel- und langfristiges Ziel, und kenne ich es selbst?
  • In welchem Zeitraum will ich das erreichen?
  • Und geht das grundsätzlich in dem aktuellen Umfeld und Unternehmen?
  • Ist es überhaupt sinnvoll, sich aktuell dort zu verändern?

Es könnte aber auch sein, dass das vorhandene Talent tatsächlich nicht erkannt wird – oder der Chef die betroffene Person nicht befördern möchte. Aus welchen – persönlichen oder fachlichen – Gründen auch immer.

Doch egal, was dahinter steckt: Es ist nicht klug den Chef zu übergehen, denn das fällt immer auf einen zurück.

Es ist ein Zeichen für Illoyalität und mangelndes Teamplay. Jeder (neue) Chef würde sich fragen: Macht er das bei mir dann auch wieder, wenn ihm was nicht passt?.

Überdies dokumentiert man damit Durchsetzungsschwäche. Auf dem normalem Weg konnte man nicht überzeugen, seine Interessen nicht wahren, also sind jetzt die Tricksereien dran… Das ist opportun und egoistisch. Hintergehen ist es sowieso.

Daher bleiben nur die klassischen drei Wege: Love it, leave it or change it.

  • Entweder, man boxt sich auf normalem Weg durch.
  • Hinterfragt sich, ob aktuell mehr Geduld nicht vielleicht angebrachter wäre.
  • Oder man sucht sich einen anderen Job.

Das ist sicher leichter gesagt, als getan. Aber darauf läuft es am Ende immer hinaus. Die Wahl kann einem keiner abnehmen.

[Bildnachweis: Borysevych.com by Shutterstock.com]
31. August 2011 Autor: Jochen Mai

Jochen Mai ist Gründer und Chefredakteur der Karrierebibel. Er doziert an der TH Köln über Social Media Marketing und ist gefragter Keynote-Speaker. Zuvor war der Diplom-Volkswirt als Journalist tätig - davon 13 Jahre als Ressortleiter der WirtschaftsWoche.

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