Durchstreichen: Distanz von der eigenen Meinung

Von allen menschlichen Tugenden ist die, sich von sich selbst zu distanzieren, wohl die schwerste. Und die nobelste. Das Eingeständnis eines eigenen Fehlers zeugt von Größe und charakterlicher Stärke. Auf dem Papier, im handgeschriebenen Wort, offenbart sich diese selbstlose Gesinnung bereits in der Art, wie sich der Autor von der entgleisten Vokabel, dem unrichtigen Satz entfernt: Tilgt er den Makel mit einem einfachen Strich, sodass der Malus als solcher – eingestanden – sichtbar bleibt oder radiert er ihn aus, um ihn vergessen zu machen, als sei er nie da gewesen? Oder tüncht er ihn mit weiteren wütenden Strichen bis zur inhaltlichen Unkenntlichkeit zwar, aber immer noch so, dass er dem Betrachter als visualisiertes Ärgernis ins Auge springt?

Durchstreichen: Distanz von der eigenen Meinung

Im Internet sieht das nicht anders aus. Meistens werden dort Kommentare gestrichen. Manchmal verschwinden auch Artikel ganz – weit weg im Abort des Backends. Teiweise geschieht dies aus Scham, mitunter auch aus Gründen intellektueller Hygiene. Und manchmal ist die Distanz schlicht nur geheuchelt: Ein demonstrativer Strich durch die Rechnung des Gesagten, um es hervorzuheben und sogleich zurückzuweisen. Um sich noch einmal zurück an den eigenen Text zu wenden und die Sprache darin augenzwinkernd nicht länger beim Wort zu nehmen. Der Durchstrich als Spaltung der eigenen Meinung…

So ist manches Durchstreichen spielerisch, zuweilen klügelnd. Und manchmal ist es einfach ehrlicher. Insbesondere, wenn man das Hohle im eigenen Gedanken bemerkt.

[Bildnachweis: Karrierebibel.de]
8. Januar 2019 Autor: Jochen Mai

Jochen Mai ist Gründer und Chefredakteur der Karrierebibel. Er doziert an der TH Köln über Social Media Marketing und ist gefragter Keynote-Speaker. Zuvor war der Diplom-Volkswirt als Journalist tätig - davon 13 Jahre als Ressortleiter der WirtschaftsWoche.



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