Ein-Euro-Job: Warum er Perspektiven schafft

Ein-Euro-Jobs: Sie sind so etwas wie das Prekariat unter den Beschäftigungsmaßnahmen. Hartz IV-Empfänger arbeiten dabei in Kleiderkammern und Sozialkaufhäusern, reinigen Parks und schneiden Hecken. Aber wo führt diese Arbeitsbeschaffungsmaßnahme eigentlich hin? Befragt man die Betriebe, sind ihre Erfahrungen mit Ein-Euro-Jobbern erstaunlich gut. Setzt man die richtigen Schritte, kann man einem festen Arbeitsverhältnis aus dem Ein-Euro-Job heraus offenbar wirklich näherkommen …

Ein-Euro-Job: Warum er Perspektiven schafft

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Ein-Euro-Job: Hilfreich?

Seit 2005 gibt es die Ein-Euro-Jobs. Sie haben in der Bevölkerung einen Ruf wie ihre Pendants aus dem Einzelhandel, den Ein-Euro-Läden: billig, ramschig, alles andere als hochwertig. Aber: So übel sind die Ein-Euro-Jobs offenbar gar nicht. Sie können – unter bestimmten Voraussetzungen – sogar den Einstieg in eine reguläre Stelle erleichtern. Das ist zumindest die Einschätzung vieler Arbeitgeber, die das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung für eine Kurzanalyse befragt hat.

Grundsätzlich kann man Ein-Euro-Jobs als eine Art Wiedereingliederungsmaßnahme verstehen. Sie richten sich speziell an Hartz IV-Empfänger, die sich wieder an einen geregelten Arbeitsalltag gewöhnen und sich ein paar Euro neben der Grundsicherung dazuverdienen können und sollen. Zielgruppe sind vor allem Langzeitarbeitslose und Geringqualifizierte.

Die Mehraufwandsentschädigung, die die Teilnehmer enthalten, beträgt in der Regel ein Euro pro Arbeitsstunde (daher der Name). Die wöchentliche Arbeitszeit wird individuell festgelegt, bis zu 30 Stunden sind möglich. Wichtig: Die Tätigkeiten müssen „zusätzlich“ sein, dürfen also keine regulären Arbeitsplätze verdrängen, und im öffentlichen Interesse liegen. Reinigungs- und Gartenbaudienste sind klassische Einsatzbereiche für Ein-Euro-Jobber.

Die Arbeitsmarktforscher vom IAB haben nun zwischen 2011 und 2013 Betriebe nach ihren Erfahrungen befragt. Demnach sind das die vorrangigen Ziele bei ihrer Beschäftigung …

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Ein-Euro-Jobs: Die Ziele

  1. Soziale Teilhabe: 74 Prozent.
  2. Erhaltung der Beschäftigungsfähigkeit: 70 Prozent.
  3. Aktivierung, Arbeitserprobung, Motivationsfeststellung: 67 Prozent.
  4. Heranführung an den Arbeitsmarkt: 65 Prozent.
  5. Qualifizierung: 19 Prozent.

In der Praxis ist es außerdem so, dass die Arbeitsagentur mit der Vergabe von Ein-Euro-Jobs die Arbeitswilligkeit von Hartz IV-Beziehern überprüft – und sie ihnen als Ausgleich anbietet, wenn keine anderweitigen Stellen oder Ausbildungsplätze frei sind.

Ein-Euro-Jobs: Die Fakten

  • Jährlich gibt es ca. 250.000 Menschen, die neu in Ein-Euro-Jobs vermittelt werden. Eine immer noch beachtliche Menge, wenngleich die Zahlen sinken: Kurz nach Einführung der Maßnahme um 2006 waren es schon einmal rund 800.000 Ein-Euro-Jobber.
  • Vor allem der Anteil der jungen Menschen sinkt. Die Quote der Unter-25-Jährigen an allen Ein-Euro-Jobbern sank von 25 Prozent im Jahr 2005 auf 20 Prozent (2010), 2014 lag sie nur noch bei neun Prozent.
  • In Westdeutschland sank die Zahl in den vergangenen Jahren deutlich stärker als im Osten. Mittlerweile liegen beide Landesteile ungefähr gleichauf, was die absoluten Zahlen angeht.

Ein-Euro-Job: Echte Chance?

83 Prozent der Betriebe, die Ein-Euro-Jobber beschäftigen oder beschäftigt haben, sind mit ihnen „sehr“ oder „eher“ zufrieden, 13 Prozent sind „eher unzufrieden“ und nur ein Prozent ist „sehr unzufrieden“. Die Erfahrungen der Unternehmen mit den Ein-Euro-Kräften sind also überwiegend positiv. Fehlendes Interesse an der Arbeit (9 Prozent), Unzuverlässsigkeit (7 Prozent), unzureichende Qualifikationen (6 Prozent) und mangelnde soziale Kompetenzen (4 Prozent) – diese Gründe wurden von den Unternehmen, die unzufrieden waren, am häufigsten genannt.

Ferner glauben 51 Prozent der teilnehmenden Betriebe, dass die Ein-Euro-Jobber für eine reguläre Beschäftigung in dieser oder einer ähnlichen Tätigkeit geeignet seien. 26 Prozent verneinen das, 23 Prozent möchten oder können sich keine abschließende Beurteilung erlauben. Die genannten Gründe für Nicht-Eignung waren geringe Leistungsbereitschaft (15 Prozent), geringer Bildungsstatus (11 Prozent), geringe soziale Kompetenzen (7 Prozent) und Unzuverlässigkeit (6 Prozent).

  • Beurteilung: Zwei Drittel der Betriebe, die bereits Ein-Euro-Jobber beschäftigt haben, glauben, dass die Maßnahme die Chance auf eine reguläre Beschäftigung erhöht, ein Drittel glaubt das nicht.
  • Region: In Westdeutschland glauben sogar drei Viertel der Betriebe an eine positive Wirkung, in Ostdeutschland sind es 57 Prozent.
  • Erfahrung: Besonders positiv ist die Einschätzung – logischerweise – in Betrieben, die bereits Ein-Euro-Jobber in ein Arbeitsverhältnis übernommen haben. Andererseits scheint der Fachkräftebedarf des Betriebs bei seiner Einschätzung keine Rolle zu spielen.
  • Branche: Betriebe im Gesundheits- oder Sozialwesen stehen Ein-Euro-Jobbern deutlich positiver gegenüber als solche im Bereich Erziehung und in der öffentlichen Verwaltung. Dies dürfte auch mit der Art der Beschäftigung zusammenhängen. Bedeutet: Im Gesundheitsbereich ist es leichter, aus einem Ein-Euro-Job heraus seine Perspektive zu verbessern – und vielleicht sogar übernommen zu werden.
  • Größe: Mittlere und größere Betriebe mit mehr als 50 Mitarbeitern bewerten die Beschäftigungschancen von Ein-Euro-Jobbern positiver als kleine Betriebe mit bis zu 50 Angestellten. Eine mögliche Erklärung, rein spekulativ: Kleine Unternehmen können sich in der Personalpolitik weniger Fehlgriffe leisten, weniger experimentieren – und geben daher auch Ein-Euro-Jobbern weniger Chancen.

Fazit

Ein-Euro-Jobs haben bei den Unternehmen gar keinen so schlecht Ruf. In bestimmten Branchen (Gesundheit) scheinen sogar die Übernahmechancen realistisch, wenngleich hier leider harte Zahlen fehlen. Ein Manko aber bleibt: Ohne entsprechende Qualifikation ist ein Ein-Euro-Job in den meisten Fällen wertlos. Auch nach Einschätzung der Betriebe können und sollten Ein-Euro-Jobber ihr Standing vor allem durch eine zusätzliche berufsfachliche Qualifizierung aufwerten.

Davon abgesehen ist völlig offen, wie es mit dieser Beschäftigungsmaßnahme weitergeht, ob es die Ein-Euro-Jobs in einigen Jahren überhaupt noch geben wird. Reformpläne wabern seit Längerem durch die Fraktionen. Aktueller Vorschlag: Ein-Euro-Jobs sollen nach dem Willen von Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles vermehrt Flüchtlingen angeboten werden. Ausgang ungewiss …

[Bildnachweis: DavidTB by Shutterstock.com]
1. Dezember 2015 Autor: Sebastian Wolking

Sebastian Wolking ist Redakteur der Karrierebibel. Er hat Geschichte, Politikwissenschaften und Germanistik studiert und als Online-Redakteur gearbeitet. Sein Interesse gilt den Veränderungen des Arbeitsmarktes durch die digitale Revolution.

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