FuckUpNights: Scheitern als Spaß?

Wer als Junggründer ein Unternehmen an die Wand gefahren hat, durch eine unbedachte Äußerung in der Öffentlichkeit einen Shitstorm auf den Social Media-Kanälen seines Arbeitgebers losgetreten oder einen Studiengang nach dem anderen hingeworfen hat, redet nicht gerne. Zumindest nicht über diese schwarzen Löcher im Lebenslauf. Bei den FuckUpNights machen Betroffene hingegen aus ihren Tiefschlägen eine Show. Scheitern als Spaß präsentieren sie dabei indes nicht…

FuckUpNights: Scheitern als Spaß?

FuckUpNights: Die Psyche entlasten

Nur die wenigsten Geschäftsideen fallen auf fruchtbaren Boden. Doch davon weiß kaum jemand etwas. Denn berufliches Scheitern gilt als Tabu. Anders ist das bei den FuckUpNights. Hier präsentieren beruflich Gescheiterte ihre persönlichen Misserfolgserlebnisse auf der Bühne. Doch nicht, um den Voyeurismus des Publikums zu befriedigen. Mit ihren ehrlichen Geschichten beschleunigen sie die Lernerfolge anderer. Gleichzeitig tun sie auch etwas für die eigene Psychohygiene.

Themen des Abends sind klassischerweise:

  • In welchen Projekten lief was schief?
  • Was würde man heute anders machen?
  • Was wurde gelernt?

Auf diese Fragen liefern jeweils vier Speaker bei den FuckUpNights ihren gespannten Zuhörern Antworten. Viele von ihnen kommen, weil sie aus den Fehlern lernen wollen, andere schätzen die launige und lockere Atmosphäre bei den Veranstaltungen.

Das Konzept der FuckUpNight kommt ursprünglich aus Mexiko. Ein paar Freunde unterhielten sich eines Abends über ihre unternehmerischen Erfahrungen – besonders über die Fehler, die ihnen unterlaufen waren. Sie merkten rasch, wie wertvoll und fruchtbar der Austausch war. Und sie entdeckten vor allem Fettnäpfe, in die viele von ihnen aus ähnlichen Gründen getappt waren. Hätten sie das bloß eher gewusst…

Daraus entstand die Idee zu den FuckUpNights. Warum nicht offen über das ganz persönliche Scheitern sprechen, damit andere nicht in die gleiche Sackgasse rennen? Ganz offenkundig stand und steht die Gruppe mit ihren Erlebnissen nicht allein. Denn inzwischen gibt es die Veranstaltung in über 30 Städten und zehn Ländern, in Deutschland in Städten wie Frankfurt oder Düsseldorf.

FuckUpNights: Wenn die Millionen flöten gehen

Um welche Geschichten sich die FuckUpNights drehen? Zum Beispiel um Erfahrungen, wie die von Patrick Wagner. Eigentlich fing für ihn alles gut an. In den Neunzigern war Wagner Mitbegründer des Berliner Indie-Labels Kitty-Yo und Kopf der Band Surrogat. 2015 steht er wieder auf der Bühne, allerdings nicht vor frenetisch jubelnden Fans, sondern bei der FuckUpNight. Er erzählt, wie er Millionen in den Sand setzte. Dafür hat er sieben Minuten Zeit.

Die Geschichte im Schnelldurchlauf: Wagners Geschäftspartner und er starteten in den Neunzigern ihr Geschäft – ohne Businessplan, ohne Anwälte, ohne Verträge. Innerhalb weniger Jahre wuchs das Label Kitty-Yo auf 18 Angestellte an – mit einem weltweiten Vertrieb. Eine Erfolgsstory wie sie im Buche steht. Die Company war inzwischen millionenschwer.

Doch Wagner und sein Co-Founder waren sich irgendwann nicht mehr einig über die Zukunft der Firma. Der eine wollte vergrößern, der andere wollte alles belassen, wie es war. Es kam zum Bruch. Wagner ging – ohne einen Cent mitzunehmen: Vertraglich geregelte Anteile hatte er nicht, die er hätte verkaufen können. Und so hatte er durch jugendlichen Leichtsinn ein Millionenvermögen verspielt.

FuckUpNights: Emotionen müssen raus

Wagner erzählt emotional, lässt alles raus, die Zuhörer hängen gebannt an seinen Lippen, viele von ihnen sind selbst in der Gründungsphase und erfahren von Wagner, wie man es besser nicht machen sollte. Und genau das ist Sinn der Veranstaltungsreihe: Scheitern als etwas begreiflich zu machen, das jedem passieren kann, aber auch andere davor zu bewahren und zu warnen, was alles schief laufen kann. Nach ihm treten die drei anderen Protagonisten des Abends auf die Bühne und lassen andere an ihren Erfahrungen teilhaben.

Doch nicht nur das Publikum hat mit dem zugewonnenen Wissen etwas von dem Abend. Auch für die Gescheiterten hat er aus psychologischer Sicht durchaus seine Bewandtnis. Experten sprechen von einer Katharsis – einer Reinigung -, wenn innere Konflikte und verdrängte Emotionen herausbrechen und ausgelebt werden.

Und das ist bei den FuckUpNights durchaus der Fall. Die Erzählenden werden laut, sind mal leise und dann wieder fast den Tränen nahe. Und natürlich kommt auch eine gehörige Portion Selbstironie nicht zu kurz. Was die Zuhörer auf der einen Seite so in den Bann schlägt, führt eine Ebene höher auf der Bühne zu einer Reduktion innerer Spannungen.

Denn genau das ist es, was passiert, wenn man seinen Gefühlen endlich freien Lauf lässt: Erleichterung macht sich breit. Das eigene Scheitern wird vom Unausprechlichen zum Benennbaren, vom Tabu zum Thema. Während andere für einen solchen Effekt hinter verschlossen Türen auf einen Sandsack eindreschen, zieht es Leute wie Wagner in die Öffentlichkeit. Umso größer hinterher das Gefühl der Erleichterung: Jetzt wissen es alle, endlich ist es raus. Dieser gedankliche Befreiungsakt kann den Weg für einen Neuanfang ebnen.

[Bildnachweis: wavebreakmedia by Shutterstock.com]
5. Juni 2015 Autor: Sonja Dietz

Sonja Dietz arbeitet als freiberufliche Journalistin und Social-Media-Redakteurin. Die studierte Germanistin verfügt über eine vertiefte Expertise im Bereich HR-Management. Ihr besonderes Interesse gilt dem Thema Digitalisierung der Arbeitswelt.

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