Oliver Pötzsch hat das geschafft, wovon viele Hobby-Schriftsteller träumen. Er hat das Schreiben zum Beruf gemacht - zum Hauptberuf. Seit 2008 hat der 44-jährige Münchener einen Vertrag beim altehrwürdigen Ullstein-Verlag in der Tasche, seine Historienromane haben es seitdem auf Millionen Nachttische in aller Welt geschafft. Aber wie kommt man da hin? Wie wird man eigentlich Romanautor? Wir haben ihn ganz einfach gefragt - und einige ernüchternde, aber auch motivierende Antworten erhalten.

"Man kann ein Buch nicht planen wie eine Suppe"

Herr Pötzsch, ich habe eine tolle Idee für eine Geschichte, will sie einem Verlag vorstellen und daraus unbedingt einen Roman machen. Wie stell’ ich das an?

Ich würde zunächst mal jedem davon abraten, ein ganzes Manuskript aufzusetzen, was ja im Übrigen auch ein halbes Jahr oder länger dauert, und es dann an zehn Verlage gleichzeitig zu mailen und zu glauben, dass sich irgendwer dafür begeistert. Das klappt in den allerseltensten Fällen und ist vemutlich noch unwahrscheinlicher als ein Sechser im Lotto. Man sollte sich besser an einen seriösen Literaturagenten wenden. Den findet man recht schnell, wenn man im Internet ein wenig googelt.

Aber da findet man doch bestimmt nicht nur ehrenwerte Herrschaften.

Natürlich tummeln sich da auch viele sinistre Gestalten, auf die man nicht hereinfallen sollte. Wenn jemand zum Beispiel eine Vorauszahlung von 3.000 Euro verlangt, dann ist er unseriös. Seriöse Agenturen arbeiten immer mit Provisionen, die meist zwischen 15 und 20 Prozent betragen. Der Agent bekommt also erst Geld, wenn Sie selbst welches bekommen. Man erkennt einen seriösen Agenten auch daran, dass er einem nicht das Blaue vom Himmel verspricht, das fängt schon mit der Gestaltung seiner Homepage an. Das wichtigste Merkmal ist aber eindeutig die Provisionsbasis.

Und über die Agenten komm ich dann ganz leicht an die Verlage ran, oder wie?

Naja, mittlerweile sind auch die Agenturen sehr wählerisch geworden, weil es einfach so viele Menschen gibt, die Schriftsteller werden wollen. Denen empfehle ich dann: Nerven Sie weiter! Allerdings wollen viele Agenturen heute erstmal 30 bis 40 Seiten Textproben sehen, eine gute Idee alleine reicht jedenfalls bei Weitem nicht.

Und wenn mich partout keiner haben will, was mach ich dann? Kann ich meinen Plan in Zeiten von E-Books nicht auch auf eigene Faust durchziehen?

Absolut. Ich selbst musste diesen Weg zwar nicht gehen, halte Selbst-Publishing aber für eine ganz tolle Sache. Und empfehle auch immer wieder, das zu versuchen. Verlieren kann man dabei ja nichts. Vor zehn, 20 Jahren musste man sein Buch noch im Eigenverlag drucken, wenn einen alle Verlage abgelehnt hatten. Das hatte zur Folge, dass die Bücher wahnsinnig teuer waren. Es gab Autoren, die 100 oder 200 Bücher von sich haben drucken lassen und sie dann für 30 Euro an irgendeinem Stand verkauft haben. Heute habe ich durch Amazon und Books-on-Demand die Möglichkeit, E-Books bzw. Bücher herstellen zu lassen. Ich muss vorher noch nicht mal eine Stückzahl angeben. Meine Bücher werden quasi on demand gedruckt bzw. sind als E-Book jederzeit erhältlich, das macht sie natürlich weitaus billiger. Ja, es ist also möglich, das heute ganz alleine zu machen und damit auch Geld zu verdienen.

Und das lohnt sich?

Sehen Sie: Wenn man zum Beispiel über Amazon ein E-Book verkauft, dann nimmt sich Amazon 30 Prozent und 70 Prozent bleiben beim Autor. Wenn ich dagegen bei einem normalen Verlag ein Taschenbuch rausbringe, dann bleiben bei mir vielleicht sieben Prozent hängen, wenn ich gut verhandelt habe. Das ist also schon eine verlockende Option.

Warum machen es dann nicht alle?

Man muss natürlich auch bedenken, dass das Internet ein Riesen-Meer ist. Wenn ich da mein Buch reinwerfe, dann muss es erstmal jemand finden. Die Leute stellen sich das zu einfach vor. Ein Verlag nimmt ja nicht umsonst Geld. Der hat einen Vertrieb, der macht die Presse, gestaltet das Cover und lektoriert. Das ist übrigens ganz wichtig und mehr als ein simples Rechtschreibprogramm. Ein Lektor ist ein professioneller Partner, der einen berät, auf den richtigen Weg bringt. Das sehen viele Leute nicht. Wenn man aber als Unternehmer denkt, seine eigenen Social Media-Auftritte professionell managed, sich um alles kümmert, auch einen Lektor mit ins Boot holt, einen Marketing-Plan macht und und und, dann ist man als Self-Publisher auf dem richtigen Weg.

Warum waren Sie doch gleich KEIN Self-Publisher und machen das ganz klassisch über einen Vertrag mit Ullstein?

Ich musste das schlicht und einfach nicht selbst machen. Ich hatte das Glück, dass ich sofort mit meinem ersten Buch einen Verlag gefunden habe. Ich glaube, Ken Follett hat zehn Bücher geschrieben, bevor er einen Verlag gefunden hat. Man soll aber nicht glauben, dass man seinen normalen Job mir nichts dir nichts kündigen und sich einen Porsche kaufen kann, wenn man einen Vertrag in der Tasche hat. Ich hab damals noch beim Fernsehen gearbeitet und kann ja mal eine Zahl nennen. Man bekommt in der Regel eine Vorauszahlung von 10.000 bis 15.000 Euro für ein Taschenbuch, die hat man also sicher. Wohlgemerkt für ein Buch, an dem man ein ganzes Jahr lang geschrieben hat. Jetzt muss aber nicht unbedingt viel mehr reinkommen. Je mehr Sie verkaufen, desto mehr bekommen Sie obendrauf. Sagen wir mal, Sie bekommen laut Vertrag 70 Cent für ein 10-Euro-Buch und verkaufen 20.000 Exemplare, dann sind Sie bei 14.000 Euro. Aber 20.000 Bücher müssen Sie erstmal verkaufen. Die wenigsten Autoren in Deutschland können vom Schreiben leben, für die meisten ist es ein sehr schlecht bezahltes Hobby.

Ich sehe schon, eine Karriere als Schriftsteller ist in keinster Weise planbar.

Nein, natürlich nicht. Das wäre ja auch eine schlimme Vorstellung, wenn man ein Buch planen könnte wie eine Suppe. Die wirklich großen Bücher waren immer die, bei denen die Verlage am Anfang abgewunken haben. Wer hätte gedacht, dass ein Buch über einen Jungen, der an eine Zauberschule geht, so ein Erfolg wird? Oder ein Buch über die SM-Praktiken einer Frau? Oder ein Buch über Vampirismus und erste Liebe? Das war alles nicht planbar. Das gilt auch für mich. Ein bayerischer Scharfrichter als Hauptfigur, da haben alle mit dem Kopf geschüttelt. Mittlerweile lesen das Menschen in China, den USA und Russland.

Und worin besteht das Geheimnis literarischen Erfolgs?

Ich glaube, dass ein erfolgreiches Buch nur zu 40 Prozent aus Können und Talent besteht, aber zu 60 Prozent aus Disziplin, Disziplin, Disziplin. Ich saß zum Beispiel schon oft in meinem Schreibstübchen und hab von meinem Fenster aus die anderen Familienväter beobachtet, wie sie mit ihrem Mégane zur Arbeit gefahren sind, und mir gedacht: 'Wie alt bist du eigentlich - 14?' 'Welchem Traum hängst du hier eigentlich nach?' Das Entscheidende ist aber, diesen Willen zu haben, zu brennen, das wirklich zu wollen. Diesen Willen haben alle großen Autoren, das zeichnet sie aus.

Wie sieht eigentlich der typische Tagesablauf eines Romanautoren aus?

Es ist wichtig, dass man sich selbst einen festen Arbeitsrhythmus vorgibt. Mein Glück ist, dass ich eine sehr protestantische Arbeitsethik habe. Ich sitze auch immer rasiert und angezogen in meinem Büro und nicht im Morgenmantel, aber das muss jeder selbst wissen. Um spätestens 9 oder 10 Uhr sitz’ ich am Schreibtisch und schreibe so drei bis vier Stunden, danach erledige ich noch meinen ganzen Bürokram bis 16 Uhr. Sechs Tage in der Woche arbeite ich, ein Tag ist für die Familie reserviert. Ich könnte auch nicht länger als drei, vier Stunden am Tag schreiben. Andererseits ist es als Schriftsteller so, dass man eigentlich immer arbeitet und irgendwelche Ideen ausbrütet.

Und wenn Sie mal keine mehr haben?

Das passiert nicht. Wenn ich Blockaden habe, dann hol ich mich da irgendwie raus. Ich geh laufen, ich geh spazieren, hab immer meinen Notizblock und mein iPhone dabei. Ideen finde ich am besten im Gehen. Und wenn gar nichts geht, dann leg ich mich in die Badewanne. Ich hab jeden Tag mindestens eine Idee.

Träumen Sie denn davon, Ihre Filme auch mal à la Harry Potter auf der großen Leinwand zu sehen?

Die Filmrechte sind verkauft. Aber historische Verfilmungen sind immer wahnsinnig teuer. Schauen Sie sich den Medicus an, der ist noch aus den 80ern von Noah Gordon und wurde kürzlich erst verfilmt. Das dauert immer ewig. Klar wünscht man sich das, aber das ist jetzt auch nicht der ganz große Traum von mir. Wenn ich es schaffe, mein Leben so durchzuziehen, dass ich vom Schreiben bis zu meinem hoffentlich noch weit entfernten Lebensende leben und nebenbei noch ein bisschen Geld für meine Kinder zur Seite legen kann, dann bin ich schon happy. Weil ich dann viel mehr geschafft hätte als die meisten anderen, die vom Schreiben geträumt haben.

Letztes Frage: Haben Sie ein Lieblingsbuch?

Ich empfehle jetzt mal keinen Roman, sondern ein Anleitungsbuch. Und zwar „Save the Cat“ von Blake Synder. Das lesen zur Zeit alle in Hollywood, weil es ein Rezept für erfolgreiche Verfilmungen ist. Jeder, der sich gerne Filme anguckt oder auch Bücher schreibt, kann daraus was mitnehmen.

Herr Pötzsch, danke für das Gespräch.

[Bildnachweis: Gerald von Foris]

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