Kind krank: Welche Rechte haben Arbeitnehmer?

Ist das eigene Kind krank, leiden berufstätige Eltern doppelt. Auf der einen Seite steht das Pflichtgefühl, womöglich dringende Projekte, die auf ihren Abschluss warten, auf der anderen Seite hat das Wohl des Kindes oberste Priorität. Und so eine Erkrankung kann jederzeit vorkommen, gerade Eltern von kleinen Kinder in der Kita wissen das. Klar ist, dass Ihr Kind dann zuhause bleibt und das Bett hütet. Aber welche Rechte haben Sie als Arbeitnehmer in so einem Fall? Was sagt das Arbeitsrecht dazu? Darf ein Elternteil einfach zuhause beim kranken Kind bleiben? Die gute Nachricht ist: Ja, es gibt ein Recht darauf. Die schlechte: Es ist nicht uneingeschränkt…

Kind krank: Welche Rechte haben Arbeitnehmer?

Wann dürfen Arbeitnehmer zuhause bleiben?

Im Wesentlichen gibt es zwei Paragraphen, die Eltern die Abwesenheit von der Arbeit gestatten, wenn ihr Kind krank ist.

Paragraph 616 des Bürgerlichen Gesetzbuches (BGB) regelt die vorübergehende Verhinderung, sofern Arbeitnehmer „für eine verhältnismäßig nicht erhebliche Zeit“ an ihrer Dienstleistung verhindert sind.

Allerdings ist die Dauer hier unklar – deutlich konkreter ist Paragraph 45 Sozialgesetzbuch Fünftes Buch (SGB V). Er regelt den Anspruch und die Dauer von Krankengeld bei Erkrankung des Kindes.

Beides ist abhängig vom Familienstand:

  • Verheirateten

    Verheirateten Arbeitnehmern stehen pro Kind jeweils zehn Kinderkrankentage pro Kalenderjahr zu. Haben Sie und Ihr Partner zwei Kinder, können Sie also jeweils 20 Tage insgesamt zuhause ein krankes Kind versorgen. Bei weiteren Kindern ist der Anspruch auf maximal 25 Tage im Jahr begrenzt.

  • Alleinerziehende

    Als alleinerziehende Mutter oder alleinerziehender Vater haben Sie ein Anrecht auf bis zu 20 Tage Freistellung pro Kind, bei mehreren Kindern wird die Dauer auf 50 Tage begrenzt.

Diese Regelungen gelten für leibliche Kinder gleichermaßen wie für Stief- oder Adoptivkinder.

Folgende Voraussetzungen müssen erfüllt sein:

  • Sie und Ihr Kind sind in der gesetzlichen Krankenkasse versichert.
  • Ihr Kind ist 12 Jahre alt (oder jünger) oder behindert und auf Hilfe angewiesen.
  • Es gibt niemanden im Haushalt – etwa Großeltern oder Au-pair – der sich um das Kind kümmern kann.
  • Sie können durch ein ärztliches Attest nachweisen, dass Ihr Kind krank ist und Betreuung benötigt.

Leben also beispielsweise die Großeltern oder ältere Geschwister im gleichen Haus oder nebenan, muss der Chef den Pflegetag nicht akzeptieren. Das gilt aber nur für Verwandte – Nachbarn müssen Sie Ihr Kind nicht anvertrauen – egal, wie nett die sind.

Auch gelten diese Regelungen nicht, wenn Sie als Selbständiger in einer privaten Krankenkasse versichert sind. Meist sorgen in solchen Fällen Privatversicherte mit einer Zusatzversicherung vor.

Achtung Abmahnungsfalle!

Extra-Tipp-IconWährend Arbeitnehmer gesetzlich erst ab dem dritten Tag, also am vierten Tag, ein ärztliches Attest vorlegen müssen, ist dies bei erkrankten Kindern anders:

Vom ersten Tag an besteht Anzeige- und Nachweispflicht, das heißt, Sie müssen Ihren Arbeitgeber darüber informieren, dass Sie wegen eines erkrankten Kindes zuhause bleiben und wie lange. Außerdem benötigen Sie für das Kind eine Krankschreibung vom Kinderarzt.

Verstößt ein Elternteil gegen diese Pflichten, kann ein Arbeitgeber eine Abmahnung aussprechen und bei wiederholtem Vorkommen sogar die verhaltensbedingte Kündigung.

Wie lange bekomme ich mein Gehalt weitergezahlt?

Die Rechtslage ist für berufstätige Eltern mit kranken Kindern kompliziert: Ist Ihr Kind krank, haben Sie rechtlich betrachtet Anspruch auf Freistellung von der Arbeit durch den Arbeitgeber. Ob diese Freistellung allerdings vergütet wird, hängt von verschiedenen Aspekten ab.

Der erwähnte Paragraph 616 BGB regelt, dass Arbeitnehmer, die „für eine verhältnismäßig nicht erhebliche Zeit“ an ihrer Dienstleistung verhindert sind, ihren Anspruch auf Vergütung nicht verlieren. Heißt, Sie dürfen mit einer bezahlten Freistellung rechnen.

Die Sache hat zwei Haken:

  • Für welche Dauer diese Vergütung gilt, ist unklar.

    Teilweise wird es wie im Paragraph 45 SGB V interpretiert, das hieße: Bis zu 10 Tage Abwesenheit würden finanziert. Allerdings hat das Bundesarbeitsgericht (BAG) die Formulierung als fünf Tage Abwesenheit ausgelegt (BAG 5.8.2014 – 9 AZR 878/12).

  • Der Arbeitgeber ist nicht an die Regelung gebunden.

    Viele Arbeits- und Tarifverträge begrenzen diesen Anspruch nach § 616 BGB oder schließen ihn sogar ganz aus. Auch die ersten fünf Tage bei vollem Lohn sind kein Muss.

Sollte Ihr Arbeitsvertrag eine Ausschlussklausel hinsichtlich einer bezahlten Freistellung enthalten, verzichten Sie mit Ihrer Unterschrift auf eine Lohnfortzahlung bei Krankheit Ihres Kindes. Sie können zwar dann unter den genannten Bedingungen der Arbeit fernbleiben, um Ihr krankes Kind zu betreuen.

Ein Gehalt gibt es dafür aber nicht. Damit Sie finanziell weiterhin abgesichert sind, können Sie in diesem Fall das sogenannte Kinderkrankengeld (auch Kinderpflege-Krankengeld genannt) bei Ihrer Krankenkasse beantragen.

Es beträgt 70 Prozent des Bruttoverdienstes, maximal aber 90 Prozent des Nettoverdienstes. Durchschnittlich bekommen Versicherte etwa 75 Prozent des Nettoverdienstes.

Zwei Ausnahmen gibt es außerdem: Auszubildende mit kleinen Kindern haben bis zu sechs Wochen Anspruch auf Lohnfortzahlung, wenn sie ein erkranktes Kind pflegen und daher der Arbeit fernbleiben müssen.

Bei der Pflege schwerstkranker Kinder wird das Kinderkrankengeld zeitlich unbefristet bezahlt.

Was tun, wenn ein Elternteil die schon ausgeschöpft hat?

Sind die Krankheitstage ausgeschöpft oder wollen Eltern nicht schon wieder in der Arbeit anrufen und sich wegen eines kranken Sprösslings krank melden, ist das Vorspielen einer eigenen Erkrankung kein Kavaliersdelikt. Kommt das heraus, ist das im Zweifel ein Grund zur fristlosen Kündigung.

Erlaubt ist aber Folgendes: Wenn beispielsweise die Mutter ihre zehn jährlichen Fehltage ausgeschöpft hat, kann sie versuchen, sich die Tage vom Vater übertragen zu lassen, wenn dieser zur Übernahme der Kinderbetreuung nicht in der Lage ist.

Das geht allerdings nur unter folgenden Voraussetzungen:

  • Beide Elternteile sind in einer gesetzlichen Krankenkasse versichert und einer – in unserem Beispiel der Vater – kann die Betreuung des erkrankten Kindes aus beruflichen Gründen nicht übernehmen.
  • Beide Arbeitgeber müssen dieser Regelung zustimmen.

Krankes Kind: Die wichtigsten Fragen und Antworten

Kind krank über 12

  • Was passiert, wenn das kranke Kind älter als zwölf Jahre ist?

    In dem Fall haben die Eltern keinen Anspruch mehr auf Kinderkrankengeld. Allerdings steht Ihnen auch nach § 616 BGB zu, aus unverschuldeten, persönlichen Gründen der Arbeit für kurze Zeit fernzubleiben und die Pflege eines Kindes gehört dazu.

    Für § 616 BGB ist das Alter des Kindes unerheblich und der Arbeitgeber zur Vergütung verpflichtet – sofern dies nicht arbeitsvertraglich ausgeschlossen wurde. Sollte dies der Fall sein, müssen Sie Urlaub einzureichen oder mit dem Arbeitgeber unbezahlten Urlaub vereinbaren.

  • Wann springt eine Haushaltshilfe ein?

    Überhaupt nicht. Nur wenn die Eltern selbst erkranken und sich nicht um ihre Kinder kümmern können, zum Beispiel, wenn sie im Krankenhaus liegen oder eine Kur machen, bezahlt die Krankenkasse eine Haushaltshilfe. Eine Haushaltshilfe ersetzt nicht eine gesunde Mutter, sondern nur eine kranke.

  • Was, wenn der Partner auch erkrankt ist?

    Grassiert gerade ein grippaler Infekt, erwischt es nicht selten sukzessive die ganze Familie. Wenn also Mutter und Kind krank sind, darf der Vater zuhause bleiben? Ganz einig sind sich die Arbeitsgerichte diesbezüglich nicht. Ist das Kind unter 12 Jahre alt oder behindert, können Sie bei der Krankenkasse die Haushaltshilfe beantragen – in dem Fall muss der gesunde Elternteil arbeiten gehen.

Kurzum: Ist das kranke Kind älter als zwölf Jahre oder der Elternteil privat krankenversichert, wird es problematisch. Auch bei langen Erkrankungen der Kinder ist irgendwann das Kontingent der Tage ausgeschöpft, die Sie zur Pflege zuhause bleiben können.

Kommunizieren Sie das Problem

Ungeachtet von den gesetzlichen Regelungen, sollten Arbeitnehmer dennoch nicht einfach auf ihr Recht pochen und der Arbeit fernbleiben. Verpflichtet sind Sie, mindestens den Chef gleich am Morgen darüber zu informieren.

Für Verständnis zu werben und eventuell den Arbeitsausfall per Home-Office zu kompensieren, ist zudem klug. Denn natürlich kann der Fehltag kurz vor Deadline gerade für mittlere und kleinere Betriebe zu einem echten Problem werden. Nicht jeder Chef zeigt dann allzu großes Verständnis.

Einerseits hat wohl jeder Verständnis für ein krankes Kind zu Hause. Gleichzeitig macht es natürlich einen besseren Eindruck, wenn Sie auch ans Team denken und Bereitschaft signalisieren, im Notfall erreichbar zu bleiben oder auch noch etwas mitzuhelfen, wenn das kranke Kind gerade schläft.

Wenn wirklich alle Stricke reißen, haben Sie außerdem in vielen Städten die Möglichkeit, sich über einen Verein oder den Kindernotbetreuungsdienst Hilfe zu organisieren:

In allen Fällen wünschen wir: Gute Besserung!

[Bildnachweis: spwidoff by Shutterstock.com]
29. August 2019 Autor: Jochen Mai

Jochen Mai ist Gründer und Chefredakteur der Karrierebibel. Er doziert an der TH Köln über Social Media Marketing und ist gefragter Keynote-Speaker. Zuvor war der Diplom-Volkswirt als Journalist tätig - davon 13 Jahre als Ressortleiter der WirtschaftsWoche.



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