Liebe Dich: Wie Selbstliebe das Leben erleichtert

Der Satz ist kurz und leicht daher gesagt: Liebe Dich! Wenn es nur so einfach wäre, ihn umzusetzen… Da sind die vielen kleinen und großen Charakterschwächen und die Fehler, die uns jeden Tag aufs Neue auffallen und stören. Da ist der Bauchansatz, da ist das kleine Doppelkinn, da ist die Kurzsichtigkeit. Wie soll man sich unter diesen Voraussetzungen selbst lieben? Und warum überhaupt? Wir sagen es Ihnen…

Liebe Dich: Wie Selbstliebe das Leben erleichtert

Was Selbstliebe nicht ist

Wenn uns jemand auffordert: „Liebe Dich!“, haben manche zuerst ein negatives Bild vor Augen.

Selbstliebe: Das klingt wie Selbstverliebtheit. Wir assoziieren damit sofort einen eingebildeten, arroganten, vielleicht sogar narzisstischen Menschen. Eine Person, die grenzenlos von sich überzeugt ist, zur Selbstüberschätzung neigt und in keiner Weise fähig ist, Kritik anzunehmen. Sich selbst zu lieben, wird daher gerne mit rücksichtslosem Egoismus gleichgesetzt.

Doch all dies passt gerade nicht zum Vorsatz „Liebe Dich“. Im Gegenteil: Sich selbst zu lieben ist die erste, wichtigste Basis, um von anderen geliebt zu werden und infolgedessen zufriedener durchs Leben zu gehen. „Liebe dich, sonst liebt dich niemand“, so könnte man provokant sagen.

Zwar mag es Menschen geben, die uns auch dann noch lieben, wenn wir selbst damit größte Probleme haben. Doch wir machen es ihnen einfacher, wenn wir uns bereits als jemand Besonderen angenommen haben und fähig sind, auf unsere Eigenheiten voller Selbstbewusstsein zu blicken.

Darum ist das Motto „Liebe dich“ so wichtig

Oscar Wilde prägte einst den Ausspruch:

Eigenliebe ist der Beginn einer lebenslangen Romanze.

In unserer Gesellschaft ist es weit verbreitet, übertrieben kritisch mit sich selbst umzugehen. Jedoch selten im Sinne von konstruktiver Reflexion: Es geht nicht darum, seine Fehler zu analysieren und daraus zu lernen, was man zukünftig besser machen kann.

Vielmehr sind wir mit uns selbst gerne ziemlich gnadenlos. Die Ansprüche, die wir an uns anlegen, sind zumeist höher als jene, an denen wir unsere Mitmenschen messen. Während wir unserem Partner und unseren Freunden ihre kleinen Fehler ohne zu zögern verzeihen, haben wir häufig Probleme damit, diesen Maßstab der Großzügigkeit bei uns selbst anzuwenden. So wurde es uns seit Kindesbeinen in vielen Fällen beigebracht.

Dies liegt mit Sicherheit zu Teilen darin begründet, dass ein ehrliches Lob hierzulande selten ausgesprochen wird. Im Gegenteil: „Nicht geschimpft, ist schon genug gelobt!“, so sagt der Volksmund.

Andere Kulturen haben diesbezüglich eine weniger kritische Prägung. In den Vereinigten Staaten beispielsweise blicken die Menschen eher auf ihre positiven Eigenschaften und Leistungen, als auf ihre negativen. „Liebe Dich“ ist dort ein Teil der Kultur.

Selbstverständlich sollte man nie den Blick dafür verlieren, wo man sich verbessern kann. Dennoch ist der erste Schritt dazu die Selbstannahme. Wenn Sie ein fachliches Problem lösen möchten, beschäftigen Sie sich schließlich auch zuerst mit dem Status Quo und akzeptieren diesen, ehe Sie überlegen, was zu ändern ist.

Mit uns selbst ist das nicht anders: Die Motivation, uns zu ändern ist ungleich höher, wenn wir es schaffen, uns zunächst als die Person, die wir sind, zu akzeptieren. Es spielt keine Rolle, ob wir dick oder dünn, chaotisch oder ordentlich, schnell oder langsam sind. Es geht darum, unseren Charakter und unser Äußeres als Momentaufnahme anzuerkennen. Und dies, ohne zu werten. Nur dann sind wir fähig, nach außen Selbstbewusstsein auszustrahlen und es nicht nur mühsam und oft erfolglos vorzugaukeln. „Liebe Dich“ bedeutet nicht „Blende die anderen“.

Als weiteren Effekt erhalten wir von unseren Mitmenschen eine höhere Wertschätzung. Denn wenn wir uns selbst bedingungslos lieben, stoßen wir viel leichter auf Gegenliebe. „Liebe dich“ schließt „Liebe die anderen“ nicht aus. Im Gegenteil: ein natürliches Geben und Nehmen sollte sich die Waage halten.

„Liebe Dich“-Übungen für jeden Tag

„Liebe Dich“ bedeutet, zunächst die Rolle des Dauernörglers an der eigenen Person abzulegen. Dabei können Familie, Freunde und Partner eine wertvolle Unterstützung sein. Doch der erste Schritt muss von jedem selbst kommen.

Machen Sie den Test: Sehen Sie sich im Spiegel an. Was fällt Ihnen als Erstes auf? Ihre Fehler oder Ihre schönen Seiten? Zwingen Sie sich dazu, Ihre positiven Eigenheiten wahrzunehmen, nicht die negativen. Gehen Sie wohlwollend mit Ihrem Spiegelbild um und behandeln Sie sich in Folge genauso, wie Sie Ihren besten Freund behandeln. Diesen akzeptieren Sie in der Regel schließlich ebenfalls so wie er ist und ohne, dass er viele Vorbedingungen erfüllen müsste. Dabei können Ihnen einige Tipps nützlich sein:

  • Akzeptanz

    Betrachten Sie all Ihre Gefühle und Gedanken als völlig normal. Jeder hat Seiten an sich, mit denen er unzufrieden ist. Einen perfekten Menschen gibt es nicht und kann es gar nicht geben. Vielmehr machen uns erst unterschiedliche Denkweisen und Charaktereigenschaften als Person aus und gestalten so das Leben abwechslungsreich und interessant.

  • Lob

    Sprechen Sie sich stark. Was haben Sie in Ihrem Leben gut gemacht, worauf sind sie stolz? Was davon haben Sie im letzten Jahr geschafft? In der letzten Woche? Heute? Für den Vorsatz „Liebe dich“ ist es wichtig, sich zu sagen: „Das hast du gut gemacht“. Berücksichtigen Sie dabei die alltäglichen Dinge, die für Sie auf den ersten Blick selbstverständlich sein mögen. Bedenken Sie, dass diese für andere Leute es eben nicht sind. Andere Menschen blicken womöglich neidisch auf die Erfolge, die für Sie völlig normal erscheinen.

  • Dankbarkeit

    Finden Sie Gegebenheiten in Ihrem Leben, für die Sie dankbar sind. Haben Sie sich einen Freundeskreis aufgebaut, in dem Sie sich wohl fühlen? Sind Sie glücklich über Ihre Familie? Haben Sie schöne Erfahrungen im Leben gemacht, von denen Sie zehren (zum Beispiel schöne Urlaubs- oder andere Erlebnisse)? Betrachten Sie vorrangig den Anteil, den Sie selbst daran tragen – er ist mit Sicherheit nicht gering.

  • Quality-Time

    Nehmen Sie sich regelmäßig bewusst Zeit für sich selbst. Nicht irgendwann – jetzt. Planen Sie diese so, wie einen Termin mit einer anderen, wichtigen Person: vorrangig. Gönnen Sie sich in dieser Zeit etwas, das Ihnen gut tut. „Gönn dir was Schönes“ ist ein wichtiger Teil von „Liebe dich“. Das muss nicht immer etwas Großes sein. Es kann zum Beispiel ein Entspannungsbad oder ein Buch sein. Solche kleinen Auszeiten sind wichtig. So arbeiten Sie weiter an Ihrer Selbstwertschätzung.

  • Nachsichtigkeit

    Behandeln Sie nicht nur den Termin mit sich selbst so, wie mit einer anderer Person. Sie sollten Sie darüber hinaus genauso verständnisvoll mit sich sein, wie mit den Menschen, die sich lieben. Wenn Sie Ihrem Partner sein Chaos nachsehen, verzeihen Sie sich bitte im Gegenzug Ihren Perfektionismus oder Ihre Ungeduld. „Liebe Dich“ beinhaltet auch „Verzeih dir“.

  • Perspektivenwechsel

    Variieren Sie den Blickwinkel. Nichts ist nur schlecht oder nur gut. Solche Kategorien sind für die Realität mit all ihren Facetten ohnehin ungeeignet. Legen Sie daher Ihr Augenmerk darauf, wann Ihnen Ihr Charakter hilfreich war. Um im vorigen Beispiel zu bleiben: Sie sind nicht ungeduldig – Sie sind schnell. Sie sind nicht perfektionistisch – Sie sind genau. Überlegen Sie, in welchen Fällen es von Vorteil war, ohne Umschweife auf den Punkt zu kommen oder intensiv auf Details zu achten. Sehen Sie Ihre Eigenschaften als Stärken und glauben Sie daran, diese weiterhin nutzen zu können.

  • Notizen

    Schreiben Sie sich regelmäßig auf, was Sie geschafft haben. Am besten nicht bloß auf einen Zettel, sondern in ein Erfolgstagebuch. Dies betrifft keineswegs nur den Beruf. Ein Hobby, das Ihnen Glück bereitet, zählt ebenso dazu, wie Lernerfolge. Blättern Sie regelmäßig darin, um sich zu erinnern.

  • Vorrang

    Machen Sie sich bewusst, dass Sie die Nummer eins in Ihrem Leben sind. „Liebe dich“ bedeutet: „Du bist wichtig“. Bei allem, was Sie tun, sollten Sie sich fragen, ob SIE dies wirklich wollen und davon überzeugt sind. Oder ob es andere von Ihnen verlangen. Sie müssen SICH gefallen, nicht den Anderen. Und schon gar nicht müssen Sie überhöhten, gesellschaftlichen Ansprüchen gerecht werden.

  • Trost

    Wenn wirklich einmal etwas völlig schief gegangen ist, trösten Sie sich selbst. Es mag für den Moment nicht so geklappt haben, wie Sie sich vorgestellt haben. Dafür eben beim nächsten Mal. „Du schaffst das schon“ führt sie zuverlässig zu „Liebe Dich“. Die Welt geht nicht unter. Sehen Sie stattdessen den Lerneffekt in dieser Erfahrung. Und erfreuen Sie sich gerade dann umso mehr an Dingen, die Ihnen ein gutes Gefühl geben.

  • Körper

    Gehen Sie wertschätzend mit Ihrem Körper um. Pflegen Sie ihn, wie er es verdient. Dazu zählen unter anderem eine gesunde Ernährung, eine entsprechende Schlafhygiene und regelmäßige Bewegung an der frischen Luft. Entspannungsübungen können in diesem Zusammenhang ebenfalls hilfreich sein.

  • Affirmation

    Prägen Sie für sich positive Glaubenssätze. Zum Beispiel: „Ich vertraue mir“, „Ich genüge mir“, „Ich bin einzigartig“, „Ich darf Fehler machen“, „Ich orientiere mich an meinen Bedürfnissen“. Auf diese Weise verbannen Sie den Kritiker aus Ihrem inneren Team.

Liebe dich! – dieses Mantra zu verinnerlichen, ist ein Prozess, den man lernen kann. Geben Sie sich dafür Zeit und üben Sie sich in Geduld. Sie werden sehen, dass Ihnen bereits die ersten Schritte in diese Richtung eine positive Resonanz bescheren werden.

[Bildnachweis: Microba Grandioza by Shutterstock.com]
19. November 2019 Tilman Schulze Redakteur Autor: Tilman Schulze

Tilman Schulze, Jahrgang 1973, arbeitet zudem freiberuflich als Kommunikationstrainer, Coach und Mediator in Freiburg und Umgebung. Als Autor einiger Bücher ist er es gewohnt, unterschiedliche Perspektiven einzunehmen und mit der Sprache zu spielen.


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