Mit Sari auf Safari: Tabitha Bühne über das Abenteuer ihres Lebens

Indien – das ist für viele ein exotisches Urlaubsland. Oder ein Ort für Aussteiger – mit dem Ziel zwischen Yoga-Ashrams und Gurus die Erleuchtung zu finden. Für Tabitha Bühne ist Indien seit zwei Jahren ihre neue Heimat. Davor verliebt sie sich in einen ARD-Korrespondenten, kündigt Job und Karriere und zieht zu ihrem deutschen Mann nach Dehli. Damit beginnt auch schon „das größte Abenteuer ihres Lebens“ – über das sie jetzt ein Buch geschrieben hat. Ihre Story ist mehr als eine verrückte Liebesgeschichte. Vielmehr handelt sie von einer, die auszog, um das Fürchten zu verlernen. Wir haben dazu mit Tabitha Bühne gesprochen…

Mit Sari auf Safari: Tabitha Bühne über das Abenteuer ihres Lebens

Über die Tabitha Bühne

Tabitha Buehne Mit Sari auf Safari Buch CoverTabitha Bühne (35) lebt derzeit in der indischen Hauptstadt Neu-Delhi. Sie ist Ultra-Marathonläuferin und hat vorher als Model, Ernährungsberaterin und Fitness-Expertin gearbeitet.

Seit rund zwei Jahren ist Tabitha Bühne mit Markus Spieker verheiratet, der als TV-Korrespondent in Südasien unterwegs ist. Sie scheibt seit einiger Zeit Sach- und Kinderbücher, im Jahr 2016 produzierte sie das Kinderhörspiel „Die kleine Pflaume Flodderich“. Im Februar 2018 erschien ihr neustes Buch: „Mit Sari auf Safari: Wie Indien mein Leben auf den Kopf stellte“ im Fontis Verlag.

Reizüberflutung am laufenden Band

Frau Bühne, freuen Sie sich schon auf Deutschland?

Riesig – vor allem auf die Wälder, frische Luft und sauberes Trinkwasser. Bürgersteige und Fußgängerzonen. Stille statt ständiges Gehupe. Nicht dauernd in Müll, Spucke oder Kuhscheiße zu treten. Und darauf als Frau abends mal alleine angstfrei in der Stadt spazieren zu können. Und natürlich freue ich mich auf echten Käse, kerniges Brot und einen knackigen Apfel.

Sie haben vor 2 Jahren der Liebe wegen den Job und Ihre Karriere in Deutschland aufgegeben und sind zu Ihrem Mann – einem ARD-Korrespondenten – nach Indien gezogen. Fiel Ihnen das leicht?

Komischerweise ja. Es ging aber auch alles so schnell, dass ich gar nicht wusste was ich da tat. Ich war im Rausch der Gefühle. Alles roch nach einem Abenteuer. Und ich mag Herausforderungen.

Welche Herausforderungen haben Sie erwartet?

Eine Mischung aus Elend, Bollywood und Dschungelbuch.

War es tatsächlich so?

Nein. Obwohl, in gewisser Hinsicht schon. Weil in Indien viele Extreme auf einander prallen.

Direkt vor der Tür warten Hunger und Elend, unglaublicher Reichtum und die abgefahrensten Feste. Wunderschöne Farben. Eine Bandbreite an Gewürzen und Gerüchen. Unbeschreibliche Ungerechtigkeit. Reizüberflutung am laufenden Band. Ob in Kultur, Natur oder Religion – Indien hat viele Gesichter.

Auch welche, die Ihnen Angst gemacht haben?

Ohja. Ich hatte Angst vor so vielen Menschen – mit 20 Millionen Menschen in einer Stadt zu leben war die pure Horrorvorstellung für mich. Ich bin eher empfindsam und habe einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn. Mir hat es vor vielen Dingen gegraut – vor der Enge, dem Chaos, dem Dreck, all dem Müll und dem Übermaß an Smog in Delhi. Aber vor allem aber vor dem Elend und der Armut.

Allerdings hatte ich auch Angst, was die Fremde und die neue Rolle aus mir machen: zu heiraten und sich abhängig zu fühlen. Angst nichts mehr wert zu sein wenn ich meinen Job nicht mehr habe, weil ich mich immer über Leistung im Beruf und im Sport definiert hatte. Ich hatte auch Angst vor Konfrontation mit mir selbst und dem was ich bin und glaube.

Ohne Humor geht es in Indien nicht

Wie sind Sie damit umgegangen?

Ich glaube, indem ich mich ehrlich mit meinen Ängsten, Wünschen und Wurzeln auseinandergesetzt habe. In Indien lassen sich viele Dinge nicht verdrängen. Ständig springt einem etwas ins Gesicht, das herausfordert. Ich wurde gezwungen, mit meinen Gefühlen umzugehen. Ich glaube, ich habe diese Chance genutzt, um aktiv auf sie einzuwirken, weil ich sonst nicht mehr aus dem Haus gegangen wäre. Man kann in Delhi in einer Blase leben und nichts mehr an sich ran lassen. Aber das wäre nichts für mich. Ich wollte Indien und die Inder ja kennen lernen.

Wie schwer ist es, in Indien Kontakte zu knüpfen?

Das ist überhaupt nicht schwer, wenn man offen ist. Ich wurde eine Woche nach meinem Einzug schon zu einer Hochzeit von Nachbarn eingeladen, habe im Fitnessstudio ganz schnell super tolle Mädels kennen gelernt und auch sonst bei den Reisen Freundschaften geschlossen. Das einzige Problem mit indischen Freundinnen ist, dass – sobald sie verheiratet sind – die Familie immer an erster Stelle steht. Freundschaften sind hier nicht so entscheidend wie Familie. Sich am Wochenende zu treffen, ist manchmal nicht so leicht, weil das bei den Ehemännern und Schwiegereltern nicht gut ankommt.

Findet man zwischen so vielen Menschen auch Zeit für sich?

Schwer. Ich weiß noch, wie ich einmal versucht habe, in einem Park etwas Ruhe und Zeit für mich zu finden. Ich setzte mich auf eine Bank, und es dauerte keine 20 Sekunden bis jemand kam, um mir Gesellschaft zu leisten. In Indien zählt der Einzelne nicht. Der Mensch hat nur Bedeutung in der Gemeinschaft. Dass man alleine sein will, ist für viele Inder ein totales Rätsel. Ich musste lernen, dass es viele Unterschiede gibt und dass ich andere Werkzeuge brauche, um hier meinen Weg zu finden. Ganz wichtig war dabei der Humor. Ohne Humor geht es in Indien nicht.

Als Frau führst du hier ein vergeudetes Leben

Davon haben wir Deutschen ja angeblich nicht so viel…

Angeblich! Kulturelle Unterschiede gibt es aber trotzdem so einige. Die vielen Begegnungen mit Indern haben mir gezeigt, wie deutsch ich wirklich bin – und das war oft ziemlich lustig und interessant.

Zum Beispiel?

Deutsche Pünktlichkeit. Bisher war ich immer genau zur besprochenen Zeit im Termin. In Indien ticken die Uhren aber anders. Meist kommt man eine Viertelstunde oder auch 30 Minuten später als verabredet. In Indien ist man auch nicht gewohnt, kritisch hinterfragt zu werden. Widersprüche sind völlig in Ordnung, und es gibt weder im Straßenverkehr, noch sonst im Leben ein Richtig und Falsch.

Und persönlich?

Mir ist klarer geworden, wie wertvoll viele Dinge sind, die ich für selbstverständlich hielt. Indien hat meinen Charakter verändert, geduldiger zu werden, mit Stressfaktoren anders umzugehen. Ich bin stärker, innerlich. Aber ich muss auch aufpassen, dass ich nicht abstumpfe, weil es oft keine andere Möglichkeit gibt, als sich von dem was passiert zu distanzieren.

Tabitha Buehne Sari Safari IV 05

Der Titel Ihres Buchs lautet: Mit Sari auf Safari. Haben Sie tatsächlich immer Sari getragen?

Ich trage ab und zu Saris – aber dann nur mit Hilfe einer Freundin. So einen meterlangen Stoff richtig um den Körper zu wickeln, habe ich immer noch nicht richtig drauf. Deshalb bevorzuge eher die Kurta. Das ist ein gemütliches indisches knielanges Kleidungstück und sehr leicht anzuziehen. Man trägt es mit Leggins oder Jeans.

Davon habe ich inzwischen einen ganzen Schrank voll. Ich mag die fröhlichen Farben und die weibliche, aber überhaupt nicht aufreizende Kleidung in Indien. Sie macht gute Laune und bringt Farbe ins Leben. Die Inderinnen geben sich jeden Tag Mühe, schön auszusehen, ohne sich Tonnen von Makeup ins Gesicht zu schmieren. Das hat mich beeindruckt.

Tabitha Buehne Sari Safari IV 02

Sie sind viel alleine durchs Land gereist. Sie schreiben von Kopfgeldjägern und Kindergöttinnen, von Gurus, Hexen und Massenhochzeiten. Das klingt schon sehr nach Abenteuer…

Diese Reisen waren wie Abstecher in einen verrückten Film – eine Mischung aus Horror, Komödie und Abenteuer. Manchmal kam ich mir vor wie in einer anderen Zeit oder in einer anderen Welt. Ich habe versucht in diese Welten einzutauchen, wurde aber natürlich immer wie eine Außerirdische behandelt, vor allem in dem Dörfern, wo man eine weiße Frau mit blauen Augen und blonden Haaren normalerweise nicht sieht.

Nämlich?

Oft war es sehr anstrengend, weil es meist weder Toiletten noch komfortable Unterkünfte gab. Bei dem Honigjäger zum Beispiel habe ich in einem Dachboden auf einer Art Pritsche übernachtet, der Rauch vom Feuer stieg durch die Balken und überall krabbelte es. Ich habe kaum geschlafen, aber mich dann aufs Fensterbrett gesetzt und den Sternenhimmel beobachtet und wie die Dorfbewohner in aller Frühe ihr Tagewerk begannen.

Trotzdem bin ich vor allem für diese eher unbequemen Erfahrungen dankbar, denn ich habe so Vieles gelernt über Land und Leute – und über mich selbst. Die Begegnungen mit den Menschen waren teilweise lustig, bewegend, überfordernd und oft einfach nur sehr herzlich und schön. Die Menschen in den Dörfern sind sehr neugierig, gastfreundlich und gutmütig. Vor allem die Kinder und Frauen habe ich sehr ins Herz geschlossen.

Tabitha Buehne Sari Safari IV 03

Wie unterscheidet sich das Frauenbild in Indien von dem in Deutschland?

Ui, darauf eine kurze Antwort zu geben ist schwer. In den hinduistisch geprägten Bundesstaaten ist eine Frau oft nur dann etwas wert, wenn sie verheiratet ist und einen Sohn zur Welt bringt. Eine Frau zieht für gewöhnlich nach der Hochzeit zu ihrem Mann und deren Eltern und Großfamilie. Eine Frau, die abends alleine unterwegs ist, gilt als Hure. Und wer eine Tochter bekommt, wird häufig bemitleidet.

Viele Mädchen werden in Indien immer noch abgetrieben, weil sie weniger wert sind. Meine Freundin hat mir mal gesagt: Als Frau führst du hier ein vergeudetes Leben. Du hörst auf deine Eltern, und sie entscheiden, wen du heiratest. Dann hörst du auf deinen Mann und am Ende deines Lebens sagen dir die Kinder, was zu tun ist. Du musst schön sein und gehorsam. Das ist alles. Aber es gibt auch Orte, wo Frauen gleichberechtigt leben, zum Beispiel im Nordosten Indiens.

Das Leben ordentlich ausmisten und sich neu sortieren

Haben Sie versucht, in Indien einen neuen Job zu finden?

Oh, ich hatte einige Anfragen von deutschen Institutionen und auch von verschiedenen Botschaften. Aber mir war klar, dass ich hier die Chance habe, das zu tun, was schon als Vierjährige mein Traum war. Und wenn ich diese Chance nicht nutze, dass ich vielleicht nie wieder die Zeit und den Mut finde, es endlich zu versuchen…

Was war denn Ihr Traum?

Bücher zu schreiben. Geschichten zu sammeln und zu teilen. Gedanken und Gefühlen durch Worte ein Gesicht zu geben.

Welche Gedanken und Gefühle haben Sie bisher vor allem mitgenommen?

Der Wert und die Würde, eine Frau zu sein. Frei wählen zu dürfen, wen ich heirate und wo ich wohne. Der Wert guter Luft und guter Müllentsorgung. Und die christlichen Werte in einer Gesellschaft. Ich habe gesehen und erlebt was passiert, wenn Kasten und Karma die Richtung und Regeln bestimmen. Das ist traurig.

Ich möchte daher dankbarer sein und nicht mehr wegen Kleinigkeiten jammern und meckern. Mich nicht ständig mit anderen vergleichen. Mehr Gastfreundschaft leben und mehr Feste feiern und mich über den Zusammenhalt und die Freiheit in meiner Familie freuen. Es gibt tausend Dinge, über die ich heute anders denke.

Selbst den deutschen Regen weiß ich jetzt zu schätzen. Denn in Delhi habe ich mich so oft nach Abkühlung gesehnt.

Apropos: Haben Sie noch berufliche Kontakte in Deutschland?

Da ich mein ganzes Leben auf den Kopf gestellt habe, hat sich schon einiges in meinem Netzwerk verändert. Aber ich mache immer noch Laufschuhtests und habe die Kontakte, die mir wichtig sind, behalten. Andere habe ich konsequent abgebrochen.

Meine langjährigen Freunde und meine Familie habe ich Dank des Internets auch weiter an meiner Seite. Aber solch eine drastische Lebenswende zeigt ganz gut, wer und was wirklich zu einem gehört. Da kann man sozusagen auch mal ordentlich ausmisten und sich neu sortieren.

Was werden Sie in Deutschland anders machen?

Ich hoffe, dass ich mehr tun werde um das zu schützen, was mir an meiner Heimat lieb und kostbar ist. Ich werde definitiv mehr Feste feiern und buntere Farben tragen. Und ich werde meine Freiheit als Frau bewusster genießen.

Haben Sie schon Pläne, was Sie beruflich machen?

Ich werde weiter schreiben: Hörspiele, Kinderbücher, Romane. Aber auch ein Sachbuch über den Umgang mit unserem Körper. Ich habe ja viele Jahre im Lauf-Fitness-Ernährungsbereich gearbeitet und habe in Indien einige Dinge dazugelernt, die ich gerne weitergeben möchte. Ohne Sport und ohne Schreiben geht es auf jeden Fall nicht mehr.

Wie oft werden Sie Ihre Saris oder Kurtas in Deutschland tragen?

Den Sari wohl eher nur bei besonderen Anlässen. Die Kurta wird man öfter an mir sehen. Schön bunt, so dass es dem grau-blau-schwarz-gewöhntem deutschen Auge ordentlich weh tut.

Frau Bühne, wir danken für das Gespräch.

[Bildnachweis: Markus Spieker, privat]
11. Februar 2018 Autor: Jochen Mai

Jochen Mai ist Gründer und Chefredakteur der Karrierebibel. Er doziert an der TH Köln über Social Media Marketing und ist gefragter Keynote-Speaker. Zuvor war der Diplom-Volkswirt als Journalist tätig - davon 13 Jahre als Ressortleiter der WirtschaftsWoche.

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