Psychologie der Veränderung: Jobwechsel und die Folgen

Geh‘ ich oder bleib ich? Eine Frage, die Ängste auslöst und Stress verursacht. Am Ende entscheiden sich viele Arbeitnehmer gegen den Jobwechsel und kuscheln sich in ihr warmes Nest am alten Arbeitsplatz. Falsch, sagen Experten, die sich mit der Psychologie der Veränderung beschäftigen. Sie sagen: Wenn Sie sich einfach nicht zu einer beruflichen Veränderung durchringen können, dann sollten Sie…

Psychologie der Veränderung: Jobwechsel und die Folgen

Psychologie der Veränderung: Warum Sie Ihren Job wechseln sollten!

„Ich habe noch nie drei Jahre lang einen Job gemacht.“ So verabschiedete sich Schauspieler Peter Capaldi 2017 von seiner Paraderolle als Dr. Who. „Dies ist das erste Mal, dass ich das getan habe, und ich habe das Gefühl, dass es für mich an der Zeit für neue Herausforderungen ist.“

Die meisten Menschen ticken nicht so wie Peter Capaldi. Sie haben Angst vor Veränderungen, wollen sie nach Kräften vermeiden oder hinauszögern. Das ist völlig normal. Unser Gehirn schüttet Opioide aus, wenn wir Routinen und Gewohnheiten folgen. Veränderungen stressen uns, machen uns Angst.

Veränderung nach dem Zufallsprinzip: Kopf oder Zahl?

Ökonom Steven Levitt von der Universität Chicago wollte es genauer wissen. Er rekrutierte seine Versuchsteilnehmer im Internet, über Reddit zum Beispiel. Vor allem Menschen, die vor einer schweren Entscheidung standen. Mal ging es darum, ein Geschäft zu eröffnen, mal darum, sich vom Partner zu trennen. Die meisten User aber standen vor der Wahl, den aktuellen Job aufzugeben oder lieber doch nicht.

Allen, die sich partout nicht entscheiden konnten, sagte Levitt: Wirf einfach eine Münze!

Zeigte die Münze Kopf, sollte derjenige den Wechsel ohne Wenn und Aber durchziehen. Zeigte die Münze Zahl, sollte er alles so lassen, wie es war. 20.000 Münzwurfe kamen so innerhalb eines Jahres zusammen.

Das Ergebnis: Diejenigen, die sich verändert hatten, waren zwei Monate später happy – und sechs Monate später sogar noch glücklicher. Das galt im Übrigen auch für die Personen, die sich ohne Münzwurf für die Veränderung entschieden hatten.

Der Effekt war vor allem nach großen Entscheidungen feststellbar – wie eben nach einem Jobwechsel. Lappalien – ob man sich einen Bart wachsen lassen sollte oder nicht – hatten dagegen keine Auswirkungen auf den Gemütszustand.

Levitts Schlussfolgerung: Wer unschlüssig ist, sollte Ja sagen – und sich beruflich oder privat verändern…

Berufliche Veränderung: Diese Vorteile hat sie

Ein Jobwechsel bringt drei große Vorteile:

  1. Gehalt

    Der Zusammenhang zwischen Jobwechsel und Gehaltssprüngen ist weitläufig bekannt. In einigen Ländern ist er stärker, in Deutschland vergleichsweise schwach – aber auch bei uns gibt es im neuen Job mehr Geld. Risikobereitschaft zahlt sich aus!

    Tatsächlich ist es so, dass sich risikoscheue Menschen in den ersten Jahren ihres Berufslebens seltener für einen Berufswechsel entscheiden. Dadurch müssen sie sich auch mit geringeren Gehaltserhöhungen im Vergleich zu risikofreudigeren Personen zufriedengeben, die sich für einen Jobwechsel entscheiden. Zu dem Ergebnis kam eine Studie des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) 2017.

    Falls Sicherheitsfanatiker dann aber den Job wechseln, haben sie laut ZEW höhere Lohnzuwächse als die Draufgänger. „Dieser Unterschied im Lohnzuwachs in Verbindung mit einem Jobwechsel kann mit einer höheren Kompensation erklärt werden, die risikoscheue Beschäftigte aufgrund Unsicherheit bei einem Jobwechsel benötigen“, erklärt Michael Maier vom ZEW. Übersetzung: Risikoscheue wechseln nur den Job, wenn sie der neue Arbeitgeber mit wesentlich mehr Gehalt entlohnt. „Darüber hinaus führen die vergleichsweise seltenen Jobwechsel der risikoscheuen Beschäftigten dazu, dass sie eine längere Betriebszugehörigkeit haben, mehr betriebsspezifische Erfahrung sammeln und daher in ihrem Unternehmen eher von Gehaltserhöhungen profitieren.“

    Ob risikoaffin oder nicht: Zu häufig sollte man den Job aber nicht wechseln. Dann besteht die Gefahr, von den Personalabteilungen als Job-Hopper abgestempelt zu werden…

  2. Beförderung

    Flache Hierarchien werden zumeist als Segnung der modernen Arbeitswelt gepriesen. Sie haben aber auch Nachteile.

    Denn: Flache Hierarchien verhindern Beförderungen. Wo es nur noch wenige Hierarchiestufen gibt, wo Organigramme eingedampft und Titel abgeschafft werden, steigt ein Mitarbeiter schwieriger vom Junior zum Senior zum Teamleiter auf.

    Die Analyse eines US-Beratungsunternehmens ergab, dass Mitarbeiter den Eindruck haben wollen, dass sie im Unternehmen aufsteigen können, gute Möglichkeiten zur Karriereentwicklung haben. Dann steigt ihre Jobzufriedenheit um angeblich 17 Prozent.

    Gleichzeitig sagten 45 Prozent der Befragten, dass es heute härter sei als früher, befördert zu werden. Nur 24 Prozent hielten es für leichter. Eine US-Umfrage zwar, die aber auch auf Deutschland zutreffen könnte (dürfte). Auch das spricht für einen Jobwechsel

  3. Honeymoon-Hangover-Effekt

    Die ersten Tage im neuen Job fühlen sich an wie Flitterwochen. Das ist kein Scherz. Für dieses Phänomen hat sich sogar der Wissenschaftsbegriff Honeymoon-Hangover-Effekt eingebürgert.

    Wer im alten Job unzufrieden ist, ringt sich zum Wechsel durch und genießt die erste Zeit beim neuen Arbeitgeber in vollen Zügen (Honeymoon). Danach allerdings sinkt die Zufriedenheit rapide wieder ab (Hangover). Ähnlichkeiten mit einer Ehe sind rein zufällig.

    Die Flitterwochen am neuen Arbeitsplatz überdauern immerhin ein ganzes Jahr. Das haben zuletzt Wissenschaftler aus Trier und Berlin herausgefunden. Beschäftigte seien in den ersten zwölf Monaten extrem zufrieden, weit über das Normalmaß hinaus. Das ist vor allem bei denen der Fall, die sich aktiv um einen Jobwechsel bemüht und große Hoffnungen in ihn gesetzt haben.

    Problem: Genauso knüppelhart trifft sie dann der Kater, der unweigerlich folgt…

Psychologie der Veränderung: Freiwillige vor!

Ein wichtiger Punkt: Es macht einen großen Unterschied, ob man freiwillig auf die Trumpfkarte Change setzt oder aus Not heraus den Arbeitsplatz wechselt – zum Beispiel, weil der Vertrag ausläuft.

„Die Forschung zeigt, dass unfreiwillige berufliche Veränderungen in der Tat als belastender wahrgenommen werden als freiwillige Veränderungen“, so Arbeits- und Organisationspsychologe Hannes Zacher von der Uni Leipzig.

Der Experte rät: „Konzentrieren Sie sich auf Ihre Stärken und persönlichen Ressourcen und nicht auf mögliche Hindernisse und Schwächen. Zeigen Sie Eigeninitiative anstatt über Ihre Lage zu grübeln. Setzen Sie sich realistische Ziele und planen Sie Ihre Bewerbungsstrategie.“

Und selbst ein freiwilliger Wechsel ist – allen Vorzügen zum Trotz – nicht immer ratsam. „Trauen Sie sich zu, Ihrer Berufung zu folgen“, so Zacher. „Unrealistische Fantasien zu beruflichen Veränderungen sollten aber besser Fantasien bleiben.“

Jobwechsel: Er weckt den Kampfgeist

Jobwechsel: Er weckt den Kampfgeist!Wer nach einem Jobwechsel mit seinem früheren Arbeitgeber konkurriert, strengt sich umso mehr an – es sei denn, die Ex-Kollegen sind mit im Spiel. Das zeigt eine Studie der Ludwig-Maximilians-Universität München von 2016.

Hintergrund: Die Identifikation mit dem Arbeitgeber wächst über die Jahre und lässt sich auch nach einem Jobwechsel nicht einfach abstellen. Gleichzeitig bemühen sich Neuzugänge darum, die Identifikation mit einem neuen Arbeitgeber zu stärken, sind daher speziell ihrer früheren Firma gegenüber auf einen Fight aus. So lösen sie ihren Loyalitätskonflikt, da sie sich im Grunde beiden Unternehmen verbunden fühlen, so die Autoren, die dafür Spiele der nordamerikanischen Eishockey-Liga NHL analysiert hatten.

„Wir glauben, dass sich das Ergebnis auf die Wirtschaft übertragen lässt. Es gilt insbesondere für die Wissensarbeiter, die sich stark mit ihrem Unternehmen identifizieren und einen Einfluss darauf haben, wie das Unternehmen in der Öffentlichkeit dasteht, etwa in Werbeagenturen, Beratungsfirmen und Architekturbüros„, sagt Studienautor Thorsten Grohsjean.

Wenn die Jobwechsler aber mit früheren direkten Kollegen konkurrieren müssen, schalten sie einen Gang zurück. „Mit Gewissensbissen hat das weniger zu tun, sondern mit einem Gefühl der Verbundenheit zu früheren Kollegen. Die Überlegung dahinter ist offenbar: Ich attackiere die Ex-Kollegen zwar weniger, aber das schadet nicht zwangsläufig der neuen Firma, wenn ich dafür unbekannte Mitarbeiter der alten Firma mehr angehe“, sagt Grohsjean.

Für Arbeitgeber, die darüber nachdenken, der Konkurrenz Mitarbeiter abzuwerben, empfiehlt der Wirtschaftswissenschaftler: „Es ist besser, ganze Teams abzuwerben als einzelne Mitarbeiter.“

[Bildnachweis: 4 PM production by Shutterstock.com]
12. Mai 2018 Autor: Sebastian Wolking

Sebastian Wolking ist Redakteur der Karrierebibel. Er hat Geschichte, Politikwissenschaften und Germanistik studiert und als Online-Redakteur gearbeitet. Sein Interesse gilt den Veränderungen des Arbeitsmarktes durch die digitale Revolution.

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