Riemann-Thomann-Modell: Team-Persönlichkeit ermitteln

Reden die Kollegen gern über Privates? Macht es ihnen Freude vom Urlaub oder der Familie zur erzählen? Möchten alle immer gern wissen, was die anderen am Wochenende gemacht haben? Dann arbeiten Sie wahrscheinlich in einem Nähe-Team. Oder ist das Gegenteil der Fall? Niemand ist privat, alle sind auf den Job fokussiert? Lernen Sie, wie Sie mit dem Riemann-Thomann-Modell den Standort Ihres Teams bestimmen – und damit auch Ihren eigenen. Das ist eine einfache Basis, um herauszufinden, welche Mitarbeiterpersönlichkeit Ihrem Team fehlt.

Riemann-Thomann-Modell: Team-Persönlichkeit ermitteln

Standortbestimmung: Wo steht Ihr Team?

Die Kollegen verhalten sich warmherzig, nahbar und nett. Mit den mürrischen Kollegen aus der Nachbarabteilung, die nie ein privates Wort verlieren, werden sie dagegen kaum warm. Auch das Beraterteam, das seit kurzem im Unternehmen ist, empfinden sie als kalt und distanziert. Wie wir etwas wahrnehmen, hat mit unserem eigenen Standort und dem unseres Teams insgesamt zu tun. Es gibt neben der Einzel- auch immer eine Teampersönlichkeit. Je mehr Personen im Team auf der einen oder anderen Seite sind, desto fremder fühlen sich oft Menschen mit anderer Polung.

Erste Unterscheidung: Nähe und Distanz

In den Beispielen erkennen Sie zwei Grundtendenzen des Verhaltens als gegensätzliche Pole: Nähe und Distanz. Stellen Sie sich das als Kontinuum vor, auf dem auf der einen Seite Nähe, auf der anderen Distanz steht. Wo stehen Sie – und wo Ihre Kollegen? Malen Sie auf dem Papier einfach eine horizontale Linie, bei der auf der einen Seite „Nähe“ und auf der anderen „Distanz“ steht. Machen Sie Punkte dazu: Jeder Punkt repräsentiert einen Kollegen. Daraus entsteht wahrscheinlich eine Punktewolke, weil sich an der einen oder anderen Seite, die Punkte zusammenballen. Das zeigt die Prägung Ihres Teams.

Riemann-Thomann-Modell

Das Modell, das hinter dieser einfachen Unterscheidung zwischen Nähe und Distanz steht, nennt sich Riemann-Thomann. Thomann entwickelte das Modell 1988 auf der Basis von Fritz Riemann, den Sie vielleicht als Autor der „Grundformen der Angst“ (1975) kennen. Das ist ein Klassiker für alle Psychologie-Interessierten. Es geht davon aus, dass die Basis des Verhaltens sich im Umgang mit Bedrohung zeigt. Der Nähetyp sucht bei Bedrohung den Kontakt, kuschelt sich sozusagen an andere. Beim Distanztyp ist es umgekehrt.

Das Riemann-Thomann-Modell war ursprünglich nicht als Teammodell konzipiert. Mein Kollege Thorsten Visbal und ich haben jedoch festgestellt, dass es in diesem Kontext hervorragend passt. Es ist ausgesprochen einfach und leicht nachvollziehbar. Es ist ein schneller Persönlichkeitstest für Einzelpersonen – aber auch für Teams. Und im Team zusätzlich ein Seismograph für die Frage „Wo stehen wir? Und was macht uns aus?“

Fallbeispiel Schifffahrt

Angenommen Sie sind ein Nähe-Mensch und arbeiten in einem Nähe-Team. Wahrscheinlich, dass Distanztypen auf Sie etwas fremd wirken. Sie sind nüchterner, tauschen sich nicht so gern über Privates aus und betrachten die Dinge vor allem sachlich. Ich hatte einen Kunden, der sich in einem sehr distanzierten Schifffahrtsunternehmens-Team völlig fremd fühlte.

Er wechselte in eine kleine NGO. Dort hatte er auf einmal eine andere Referenzgruppe, weil das durchschnittliche Verhalten der anderen viel Nähe-orientierter war. Zusammen in den Mittag gehen, alles besprechen, den Partner mit zur Firmenparty bringen… Das war meinem Kunden dann doch zu viel. Durch die extremen Gegensätze wurde ihm bewusst, dass er einen Mittelweg brauchte, ein Team, dessen Persönlichkeit „mittiger“ ist.

Zweite Unterscheidung: Dauer und Wechsel

Eine weitere Unterscheidung, die das Modell vornimmt, ist die zwischen Dauer und Wechsel. Dauermenschen brauchen und schaffen Struktur. Sie mögen Pläne, klare Abläufe und bisweilen auch Routine. Wechselmenschen sind anders: Sie lieben Abwechslung, Unberechenbarkeit, Überraschung. Malen Sie jetzt eine horizontale Linie, die die vertikale von eben schneidet. Oben schreiben Sie Dauer, unten Wechsel. Ein Kreuz ist entstanden. Auch hier können Sie sich jetzt wieder vorstellen, Sie verteilen Punkte auf einem Kontinuum, bei dem auf der einen Seite Dauer und auf der anderen Seite Wechsel steht. Wo steht Ihr Team? Und wo Sie selbst?

Bestimmte Branchen sind typischerweise geprägt von bestimmten Kombinationen aus den beiden Polen Distanz-Nähe und Dauer-Wechsel. Kreative sind beispielsweise oft Wechsel-Distanztypen. Für ein Nähe-Dauer-Team sind sie anstrengend und bisweilen unberechenbar. Dieses, auf der anderen Seite, hält ein Nähe-Dauer-Team – eventuell die Buchhaltung – möglicherweise für langweilig.

So ergeben sich vier Grundtypen:

  • Wechsel-Distanz-geprägte Teams nennen wir Haufen
  • Dauer-Distanz-geprägte Truppe
  • Nähe-Wechsel-Orientierte Teams Coffee-to-go-Club
  • Nähe-Dauer-Orientierte Gruppen Stammtisch.

Das Modell eignet sich nicht nur zur Standortbestimmung, sondern auch als Basis für die Kompetenzentwicklung. Ich selbst bin ausgesprochen wechselorientiert. Das mögen anderen Wechselmenschen, weil es sehr flexibel macht und man sich ähnlich ist – aber Dauermenschen haben damit Probleme. Im Laufe der Jahre habe ich gelernt, meine Wechselorientierung auszupendeln. Ich kann strukturiert sein, vor allem wenn ich es sein muss, um eine Gruppe zu leiten.

Jeder Mensch, jedes Team und jedes Unternehmen braucht alle Seiten. Deshalb ist es schade, dass viele Gruppen so einseitig besetzt sind. Ein Dauer-orientierter Mitarbeiter könnte in ein Wechsel-Team Struktur bringen, ein Wechsel-orientierter Mensch für mehr Dynamik sorgen. Und ein Distanzmensch könnte ein Nähe-Team zurück auf die sachliche Ebene bringen…

Riemann-Thomann-Modell: Was Sie daraus lernen

  1. Teams sind durch eine eigene Persönlichkeit geprägt, sind eher Nähe- oder Distanz, eher Dauer- oder Wechselorientiert. Fühlen Sie sich also in Ihrem Team unwohl, mag das auch damit zu tun haben, dass Ihnen die Teampersönlichkeit fremd ist.
  2. Unser Verhalten ist nicht statisch, sondern dynamisch und relativ zu unserem Umfeld. In unterschiedlichen Teams können Sie sich ganz unterschiedlich verhalten – und möglicherweise ganz neue Seiten an sich entdecken und entfalten.
  3. Teams sind harmonischer, wenn alle ähnlich sind. Sind unterschiedliche Pole vertreten, kommt jedoch mehr Spannung rein. Sind sich alle der Stärken, die sich daraus ergeben, bewusst, ist so ein Team oft leistungsfähiger.
[Bildnachweis: Dragon Images by Shutterstock.com]
26. März 2015 Autor: Redaktion

Dieser Artikel wurde von der Redaktion lediglich bearbeitet und minimal redigiert, um ihm dem Redaktionssystem anzupassen. Verantwortlich für den Inhalt und die Richtigkeit der darin gemachten Aussagen und Links ist allein der genannte (Gast)Autor.

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