Russland-Knigge: Berufliche Kontakte knüpfen

Ein Russland-Knigge ist spätestens seit dem Fall der Mauer notwendig. Der „Eiserne Vorhang“, der Russland vom Rest Europas trennte, ist schon längst Geschichte. Schon zuvor hatte die Politik von Glasnost und Perestroika zu einer Öffnung gen Westen beigetragen. Kein Wunder, dass auch die Geschäftsbeziehungen immer enger werden. Aber so vertraut uns auch vieles erscheint: Wie jedes Land hat auch Russland kulturelle Besonderheiten. Welche Tabus Sie kennen sollten und worauf bei Gastgeschenken zu achten ist – all das wollen wir Ihnen mit einem Einblick in die russischen Gepflogenheiten und typischen Verhaltensweisen der russischen Bevölkerung geben.

Russland-Knigge: Berufliche Kontakte knüpfen

Russland-Knigge: Bedeutung interkultureller Kompetenz

Wenngleich 80 Prozent der Bevölkerung Russen sind, ist Russland ein Vielvölkerstaat mit förderativem Charakter. In Russland ist alles eine Spur größer, immerhin handelt es sich um den flächenmäßig größten Staat der Erde. Die Öffnung gen Westen hat im Laufe der Jahre dazu geführt, dass sich einige russische Manieren an anderen Ländern orientieren.

Gleichzeitig lässt sich das natürlich nicht auf alle Bereiche übertragen, so dass es im Russland-Knigge vor allem darum geht, die Besonderheiten herauszuarbeiten. Denn klar ist auch: Bei gestörter Kommunikation fällt es deutlich schwerer, Sympathie aufzubauen.

Und ohne Sympathie kommen Geschäftsabschlüsse deutlich schwerer zustande. Zumal Sie in gewisser Weise Ihr Land nach außen repräsentieren. Wer mit Bravour ins Fettnäpfchen springt sorgt dafür, dass Stereotype und Vorbehalte eher zementiert als abgebaut werden.

Andersherum trägt ein Minimum an interkultureller Kompetenz zur Völkerverständigung bei, was gerade angesichts der wechselhaften deutsch-russischen Vergangenheit und/oder gegenwärtigen Spannungen nur von Vorteil sein kann. Dabei sollten Sie eins nicht vergessen:

Die russische Bevölkerung ist nicht ihre Regierung – ebenso wenig wie hierzulande jemand automatisch mit den Fehltritten politischer Entscheidugnsträger in einen Topf geworfen werden möchte.

Russische Gepflogenheiten: Pünktlichkeit, Begrüßung und Distanzzonen

Gerade im direkten Kontakt können allerlei Missgeschicke passieren. Unser Russland-Knigge zu den drei wichtigsten Punkten direkt zu Beginn eines Meetings:

  • Pünktlichkeit

    Die Pünktlichkeit der Deutschen ist legendär, daher sollten Sie in jedem Fall pünktlich erscheinen. Ihre russischen Geschäftspartner haben eher eine synchrone Zeitauffassung. Bei dieser Sichtweise wird alles etwas flexibler betrachtet, mehrere Dinge gleichzeitig erledigt und festen Zeitvorgaben weniger Bedeutung beigemessen. Sie sollten daher nicht mit einem nach deutschen Maßstäben pünktlichem Erscheinen rechnen.

    Tipp von Markus Eidam, Geschäftsführer des interkulturellen Weiterbildungsanbieters Eidam & Partner: Kümmern Sie sich derweil um andere Dinge. Sehen Sie sich den Ort der Verhandlungen genauer an oder gehen Sie Ihre Unterlagen noch einmal in Ruhe durch. Bleiben Sie gelassen und versuchen Sie, sich nichts anmerken zu lassen. Auf diese Weise kann ein Gespräch ohne angespannte Stimmung und damit in lockerer Atmosphäre beginnen.

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  • Begrüßung

    Für den Russland-Knigge gilt bei der Begrüßung: Nur Männer grüßen sich mit Händeschütteln. Bis vor einigen Jahren war ein Händedruck zwischen Männern und Frauen auf Geschäftsebene generell undenkbar. Wem ein Händedruck tendenziell unangenehm ist, kann durch freundliches Nicken grüßen. Unter Freunden wiederum ist das Ganze deutlich enger, da wird sogar unter Männern zur Begrüßung geküsst. Geschäftsfrauen dürfen ihrerseits entscheiden, ob sie einem Verhandlungspartner die Hand reichen wollen oder nicht. Das heißt für den Mann: Abwarten, nicht voreilig die Hand entgegenstrecken, anderenfalls freundlich nicken. Tabu beim Händeschütteln: Bloß nicht begrüßen, wenn Sie an der Türschwelle stehen! Die Russen sind sehr abergläubisch und diese Form der Begrüßung bringt Unglück! Stattdessen wird der Gast hineingebeten und in der Wohnung oder im Haus willkommen geheißen.

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    Sonderfall Anrede und Namen

    Russland-Knigge Gastgeschenke TabuDas Namensystem in Russland ist dreigliedrig und besteht aus dem Vornamen, dem Vatersnamen und dem Nachnamen. Letzterer wird außer bei der ersten Vorstellung kaum genutzt. Von Bedeutung ist der Vatersname, der sich aus dem Vornamen des Vaters mit der entsprechenden Endung – „owitsch“ beziehungsweise „jewitsch“ für eine männliche, und „owna“ oder „jewna“ für eine weibliche Person zusammensetzt. Genannt wird er nach dem Vornamen.

    Wir erklären dieses System im Russland-Knigge, weil es erklärt, warum Namen für Russen eine so große Bedeutung haben. Unser Tipp: Bringen Sie nach Möglichkeit den Namen des Vaters in Erfahrung und verwenden Sie ihn nach dem obigen Schema bei Begrüßungen.

    Beispiel: Angenommen, eine Frau heißt mit Vornamen Jekaterina, mit Nachnamen Pawlow und ihr Vater heißt Iwan. Ihr vollständiger Name würde lauten: Jekaterina Iwanowna Pawlowa. Wichtig das „a“ am Ende, das nur den Namen der Frauen hintenangestellt wird! Hätte Jekaterina einen Bruder Namens Boris, würde der Ihnen folgerichtig als Boris Iwanowitsch Pawlow vorgestellt werden.

    Würde Jekaterina von einer Kollegin oder Bekannten begrüßt, wird diese üblicherweise sagen: „Dobri den, Jekaterina Iwanowna“. Gute Freunde sprechen sich mittlerweile auch nur mit dem Vornamen an. Die Bedeutung des Vaternamens lässt mittlerweile nach, dennoch ist auf geschäftlicher Ebene Höflichkeit sehr wichtig: Allgemein wird zwar schneller geduzt als noch vor Jahren, aber Siezen oder die Kombination Sie + Vorname sind gern gesehen.

    Ein neuer Trend ist die Verwendung von Anreden wie „gospodin“ (Herr) oder „gosposcha“ (Frau, eigentlich: „Herrin“) plus Nachname. Bis vor wenigen Jahren wurde dies mit vorrevolutionären (im Sinne von adelig) in Verbindung gebracht, die Sowjetunion verwendete daher die Bezeichnung „towarisch“ (Genosse) als Titel.

    Mittlerweile beginnt man in Russland jedoch, sich diesbezüglich an westliche Gepflogenheiten anzupassen. So wird beispielsweise unsere Bundeskanzlerin bei offiziellen Anlässen mit Sicherheit als „gosposcha Merkel“ vorgestellt.

    Tipp von Markus Eidam:

    Sie lernen die Namen Ihrer Geschäftspartner am schnellsten, wenn Sie sich die Mühe machen und die in Russland allgegenwärtigen Visitenkarten studieren. Es lohnt sich, denn auf Höflichkeit und die korrekte Anrede wird viel Wert gelegt. Das gilt übrigens nicht nur für den geschäftlichen Bereich, sondern für jeden interkulturellen Kontakt zu Russen.

  • Distanzzonen

    Hierzulande ist man auf Distanz bedacht und unterscheidet zwischen intimer (weniger als ein Meter), persönlicher (ein halber bis ein Meter) und geschäftlicher (etwa 1,20 Meter) Distanzzone. Für den Russland-Knigge gilt: Die Distanzzonen in Russland sind kleiner als in Deutschland. Körperkontakt ist im privaten als auch beruflichen Bereich üblich. Das zeigt sich in Umarmungen zur Begrüßung unter Männern (bei Freunden) oder im Schulterklopfen unter Kollegen.

    Tipp von Markus Eidam: Seien Sie nicht überrascht, wenn Ihr Gesprächspartner Sie gelegentlich am Arm berührt oder Sie von einem Bekannten zur Begrüßung umarmt werden! Im Gegenteil: Mit etwas mehr Nähe Ihrerseits erreichen Sie unter Umständen schneller eine vertraute Ebene bei Ihrem russischen Gegenüber.

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Hierarchiedenken: Tendenziell dicker auftragen!

Russland-Knigge Gastgeschenke TabuEntscheidend für den Erfolg von Geschäftsverhandlungen mit russischen Managern ist Ihre eigene Position. Nie würde in der russischen Geschäftswelt mit einem Mitarbeiter einer niedrigeren Hierarchiestufe verhandelt werden. Der Grund liegt darin, dass ein Aufstieg in der Unternehmenshierarchie in Russland deutlich schwerer als in Deutschland ist.

So würde der Eindruck entstehen, dass ein Unternehmen eher unwichtige Leute für die Verhandlung schickt – ein Trugschluss, den Sie dadurch umgehen, indem Sie von Anfang an Ihre Bedeutung im Unternehmen herausstreichen. Dazu eignen sich Empfehlungsschreiben Ihres Vorgesetzten, der Ihre Position ruhig etwas ausschmücken darf.

Tipp von Markus Eidam:

Ein wenig Übertreibung wird Ihrem Ansehen sicherlich nicht schaden – Ihnen als Ausländer ist man sowieso geneigt, fast alles zu glauben. Denn in den Augen vieler Russen sollte man den eigenen Landsleuten am allerwenigsten trauen. Ausländer hingegen genießen per se einen Vertrauensvorschuss.

Russland-Knigge für Kommunikation

Für den Aufbau einer Geschäftsbeziehung kommen deutsche Geschäftsleute nicht an einem vorherigen Kennenlernen auf privater Ebene vorbei. Das ist für die Mehrheit der russischen Manager selbstverständlich und gehört zum russischen Business-Alltag.

Es geht darum, das Vertrauen russischer Geschäftsleute zu gewinnen – und das kommt nicht von ungefähr. Daher wird ein erstes Treffen sehr wahrscheinlich kühl und distanziert ablaufen, mit jedem weiteren Treffen wird sich die Beziehung verbessern. Punkten können Sie, wenn Sie sich vorab über Ihre Geschäftskontakte informieren.

Ungeachtet anfänglicher Zurückhaltung ist die russische Art sehr direkt. Eidam dazu:

Geschwafel wird in der Regel nicht geschätzt. Zwar ist das in Deutschland sehr ähnlich, die russische Art der Direktheit erreicht allerdings teilweise einen Grad, der für westliche Geschmäcker an Taktlosigkeit grenzen kann. Sie ist aber meist nicht so gemeint.

Für deutsche Geschäftsleute ist das praktisch, da Sie sich nicht den Kopf über umschreibende Formulierungen für Ablehnungen zerbrechen müssen. Stattdessen können Sie frei von der Leber weg sagen, was Sie denken – ohne dass man es Ihnen übel nimmt.

Eine weitere kulturelle Besonderheit in Russland ist das Prestigedenken. Während hierzulande eher Understatement regiert und Protzen etwas für Neureiche ist, gehört es in Russland zum guten Ton, möglichst dick aufzutragen.

Kostbare Gastgeschenke gern gesehen

Russland-Knigge Gastgeschenke TabuPralinen und Blumen als Gastgeschenke sind willkommen. Zum Russland-Knigge gehört, das größte Fettnäpfchen zu vermeiden, dass Ihnen hierbei passieren kann: Einen Strauß mit gelben Blumen in gerader Anzahl. Die Farbe gelb steht für Eifersucht und Untreue, gerade Zahlen werden mit Trauer in Verbindung gebracht.

Im Gegensatz zu Japan, wo Sie mit wertvollen Geschenken den Gastgeber eher in Verlegenheit bringen, können Sie in Russland damit nichts verkehrt machen. Im Gegenteil, im Sinne des Prestigedenkens zeigen Sie sich als ebenbürtig. Eine Flasche teuren Alkohols oder eine Marken-Uhr wird auf Wohlwollen stoßen.

Statussymbole werden daher nicht einfach nur erworben, sondern auch entsprechend präsentiert. Für ausländische Geschäftsleute ist es wichtig zu wissen, dass es hier nicht einfach nur um Prahlerei geht. Eidam erklärt:

Jemand, der sich teure Anschaffungen leisten kann, dies aber nicht umsetzt, kann nicht ernst genommen werden. Falsche Bescheidenheit kann in Russland sogar als Schwäche ausgelegt werden. Teure Autos, große Villen, wertvoller Schmuck; all dies sind sichtbare Zeichen des Erfolges und damit auch der Bedeutung des Besitzers.

Das Prahlen mit den Besitztümern dient einerseits der Selbsterhöhung, andererseits wird Ihnen als potenzieller Geschäftspartner signalisiert, dass Sie als „ihresgleichen“ angesehen werden. Eidams Empfehlung lautet daher, dass Sie es Ihren russischen Gesprächspartner gleichtun und Ihrerseits von Ihrem Auto oder Ferienhaus schwärmen – selbst, wenn es nicht existiert: Sie steigern Ihr Ansehen!

[Bildnachweis: Stock_VectorSale by Shutterstock.com]
14. Februar 2019 Autor: Anja Rassek

Anja Rassek studierte u.a. Germanistik an der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster. Sie arbeitete danach beim Bürgerfunk und einem Münsteraner Verlag. Bei der Karrierebibel widmet sie sich Themen rund ums Büro, den Joballtag und das Studium.



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