Schlechte Bewertungen: Können Bewerber das ansprechen?

Arbeitgeberbewertungsportale wie Kununu, Jobvoting oder andere Plattformen sind für Bewerber ein zweischneidiges Schwert. Einerseits stellen sie sinnvolle und wichtige Recherchequellen dar, die das Bild eines Unternehmens abrunden und Erfahrungsberichte und Eindrücke liefern können, die sonst nicht zugänglich wären. Andererseits können zu emotionale Bewertungen – hier wird oft auch Frust abgeladen – das Image eines Unternehmens verzerren und bei Bewerbern unnötige Zweifel aufkommen lassen. Kommt es zum Vorstellungsgespräch, weil der Gesamteindruck insgesamt gut ist, stellt sich Bewerbern oft eine Frage, die auch auf unserem Schwesterportal Karrierefragen gestellt wird: Können Bewerber schlechte Bewertungen im Vorstellungsgespräch ansprechen?

Schlechte Bewertungen: Können Bewerber das ansprechen?

Welche Bedeutung haben schlechte Bewertungen für Bewerber?

Diese Frage wirft jedoch noch eine andere, grundsätzlichere auf: Welche Bedeutung haben Arbeitgeberportale und die dort abgegebenen (schlechten) Bewertungen für Bewerber? Unternehmen kritisieren entsprechende Plattformen oft mit dem Hinweis, dass sich dort überwiegend frustrierte Ex-Mitarbeiter zu Wort melden und ihrem Ärger Luft machen.

Bewerber äußern dagegen immer wieder den – durchaus berechtigten – Verdacht, dass sehr positive Bewertungen von Mitarbeitern abgegeben werden, die von ihrem Arbeitgeber dazu aufgefordert werden. Beide Seiten sehen Arbeitgeberbewertungsportale daher kritisch, dennoch haben die Plattformen ihre Berechtigung – wenn die Bewertungen richtig eingeordnet und genutzt werden.

Für Bewerber stellt sich der größte Nutzen ein, wenn…

  • besonders positive und besonders negative Bewertungen ignoriert oder als nicht repräsentativ eingeordnet werden.
  • … Arbeitgeberbewertungsportale ein Teil der Recherche sind, das Bild eines Unternehmens jedoch nicht dominieren.
  • … auch die Kommentare zu Bewertungen gelesen und berücksichtig werden.
  • … sie prüfen, welche Bedeutung eine Bewertung inhaltlich für die konkrete Bewerbung hat.

Der letzte Punkt ist entscheidend und führt direkt zur eingangs gestellten Frage, ob und wie schlechte Bewertungen im Vorstellungsgespräch angesprochen werden können. Denn schlechte Bewertungen sind – wenn sie nicht in Massen auftreten – an sich kein Problem. Relevant werden sie erst, wenn sie Aspekte und Themen ansprechen, die Ihnen als Bewerber bei einem Arbeitgeber wichtig sind.

Ausgewogene Recherche für Bewerber

Vor jeder Bewerbung und jedem sinnvollen Anschreiben steht eine umfassende Recherche. Das ist nicht neu, doch ein anderer Aspekt der Recherche wird leider oft vernachlässigt: Die Ausgewogenheit. Eine ausgewogene Recherche deckt nicht nur alle wichtigen Themen und Aspekte Ihres potenziellen Arbeitgebers ab, sie ist auch darauf ausgerichtet, positive und negative Stimmen zum Unternehmen zu sammeln.

Die möglichst ausgewogene Gestaltung der Recherche macht den Prozess zugegebenermaßen etwas komplizierter und langwieriger. Doch der Aufwand lohnt sich für Bewerber, denn erst ein ausgewogenes Bild macht Schwächen – und Stärken – deutlich, die bei einer rein auf Informationsmenge ausgerichteten Recherche nicht sichtbar würden.

Für eine ausgewogene Recherche sind naturgemäß mehrere Quellen nötig, dazu gehören unter anderem…

  • … die bereits erwähnten Arbeitgeberbewertungsplattformen.
  • … die Webseite und andere online Kanäle des Unternehmens.
  • Fach- und Alumniforen Ihrer Branche.
  • Job- und Branchenmessen, auf denen Sie Erfahrungen und Meinungen zum Unternehmen sammeln können.
  • Blogartikel und andere Beiträge – auch Interviews – mit und über das Unternehmen.

Natürlich gehören zur Recherche im Rahmen der Jobsuche unbedingt auch Gespräche mit Bekannten und anderen Netzwerkpartnern. Schöpfen Sie alle Quellen aus – und nehmen Sie vor der Bewerbung Kontakt mit dem Unternehmen auf – ergibt sich ein umfassendes und ausgewogenes Bild, das als Grundlage für die Bewerbung dienen kann.

Schlechte Bewertungen ansprechen: Wie, warum und wann?

Schlechte Bewertungen im Vorstellungsgespräch – und bitte nur dort – anzusprechen, ist auch bei kritikfähigen Personalern und Unternehmen immer mit einem gewissen Risiko verbunden. Selbst wenn Ihr Gesprächspartner im Normalfall gut mit dem Thema umgehen kann, könnten Sie ihn auf dem falschen Fuß oder zu einem schlechten Zeitpunkt erwischen. Das ist nur menschlich.

Das Risiko können Sie zwar reduzieren – mehr dazu gleich – doch Sie sollten sich unbedingt von vornherein sicher sein, dass Sie es wirklich eingehen wollen und es Ihnen das wert ist. Schlechte Bewertungen anzusprechen, lohnt sich nur, wenn diese für Sie wichtige Themen berühren und Zweifel aufkommen lassen, die Ihnen die Arbeit beim Unternehmen potenziell unmöglich machen.

Stoßen Sie beispielsweise auf mehrere glaubwürdige Bewertungen, die dem Unternehmen eine schlechte interne Kommunikation und mangelnde Offenheit für neue Ideen bescheinigen, kann das ein ansonsten attraktives Unternehmen deutlich uninteressanter machen oder zumindest Zweifel aufkommen lassen. Ähnliches gilt, wenn die – nach Ihrer Recherche – scheinbar guten beruflichen Perspektiven in schlechten Bewertungen verneint werden.

In diesen Fällen lohnt es sich aus zwei Gründen, schlechte Bewertungen im Vorstellungsgespräch anzusprechen:

  1. Bevor Sie sich endgültig für die Arbeit beim Unternehmen entscheiden, wollen Sie Zweifel vermutlich ausräumen und die entstandenen Fragezeichen auflösen. Das ist nur möglich, wenn Sie die Fragen klar äußeren und darauf überzeugende Antworten erhalten.
  2. Haben die durch die schlechten Bewertungen ausgelösten Fragen direkt mit Ihren Kernwerten und konkret mit Ihrem künftigen Job zu tun, kann die Nachfrage Ihre Bewerbungschancen sogar verbessern. Sie zeigen dadurch, dass Ihnen der Job wirklich wichtig ist und Sie langfristig beim Unternehmen arbeiten wollen.

Dazu kommt, dass Ihnen die Reaktion auf eine nüchterne Frage nach schlechten Bewertungen einiges über die Kritikfähigkeit des Unternehmens verraten kann. Menschliche Faktoren spielen – wie beschrieben – zwar eine Rolle, doch in der Regel können Sie zwischen einer persönlichen Reaktion Ihres Gegenübers und einer grundsätzlichen Haltung des Unternehmens zumindest ansatzweise unterscheiden.

Die Formulierung entscheidet

Neben konkreten Themen und guten Gründen für Ihrer Nachfrage spielen auch Ton und Formulierung Ihrer Rückfrage im Vorstellungsgespräch eine Rolle. Steigen Sie direkt mit den schlechten Bewertungen ein und bringen Sie diese in einem vorwurfsvollen Ton vor, sagt die Reaktion nichts über die Kritikfähigkeit Ihres Gegenübers, sondern über seinen Umgang mit unhöflichen Gesprächspartnern aus.

Wollen Sie sinnvoll und zielführend nach schlechten Bewertungen fragen, können die folgenden Punkte helfen:

  • Nutzen Sie thematische Anknüpfungspunkte aus dem vorangegangenen Gespräch um deutlich zu machen, welche Fragen für Sie durch die schlechten Bewertungen aufgeworfen werden.
  • Formulieren Sie klar und eindeutig, warum diese Themen für Sie im Blick auf die künftige Zusammenarbeit wichtig sind.
  • Stellen Sie Fragen, vermeiden Sie jedoch absolute oder suggestive Formulierungen. Statt: „Ihr Unternehmen scheint ein Problem mit der internen Kommunikation zu haben“ könnten Sie beispielsweise formulieren: „In verschiedenen Bewertungen wurde die interne Kommunikation kritisiert. Diese ist für mich sehr wichtig. Wie würden Sie diese beschreiben?“
  • Beziehen Sie sich immer konkret auf schlechte Bewertungen, wenn Sie entsprechende Fragen stellen. Machen Sie deutlich, dass Sie die Fragen aus echtem Interesse am Job stellen.

Bei guten Unternehmen – und nur bei solchen sind die Fragen überhaupt erfolgsversprechend – müssen Sie sich nach einem ansonsten positiven Gespräch keine Sorgen machen, dass Ihnen die entsprechenden Fragen negativ ausgelegt werden. Zeigen Sie, dass es Ihnen wirklich um die Stelle geht, werden Personaler sachliche Rückfragen positiv aufnehmen.

Haben Sie jedoch im Gespräch Bedenken, die Fragen zu stellen, sollten Sie eher darauf verzichten. Dann stellt sich allerdings die Frage, ob Sie überhaupt für das Unternehmen arbeiten wollen.

[Bildnachweis: Master1305 by Shutterstock.com]
9. März 2015 Autor: Christian Mueller

Christian Müller ist Coach und freier Autor. Bei der Karrierebibel schreibt er vor allem über Themen zu Social Media, Studium und Ausbildung.

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