Schwein sein: Sind Unternehmer asozial?

Der Unternehmer, der alte Kapitalist, Ausbeuter, Menschenschinder mit aufgeblähtem Ego, Moraldefizit und sozialer Störung… Nein, Unternehmer kommen mit ihrem Image zuweilen wirklich nicht gut weg in Deutschland. Die Startup-Szene hat daran ein bisschen was geändert. Immerhin ist es heute wieder hipp, ein Gründer zu sein. Aber der Kapitalist gilt immer noch vielen als Schimpfwort. Zumal zahlreiche Medienberichte das Bild vom bösen Boss und seinem delinquenten Ver­halten gerne nähren. Aber was ist daran dran: Sind Unternehmer wirklich die asozialen Typen, als die sie oft dargestellt werden? Eine Gruppe von Forschern der Friedrich-Schiller-Universität Jena und Kollegen der Universität Stockholm hat das jetzt genauer untersucht…

Schwein sein: Sind Unternehmer asozial?

Schwein haben oder Schwein sein?

„Du musst ein Schwein sein in dieser Welt. Du musst gemein sein in dieser Welt. Denn willst du ehrlich durchs Leben geh’n, kriegst ’nen Arschtritt als Dankeschön“, sangen einst ironisch die Prinzen. Ganz unrecht hatten sie damit aber trotzdem nicht. Immerhin wusste schon Adam Smith, dass der Gesamtnutzen einer Gesellschaft auch dann steigt, wenn jeder nur seinen Eigennutzen maximiert. Unsichtbare Hand nannte der schottische Nationalökonom das damals. Und bis heute gilt es als Vorlage für die freie Marktwirtschaft, wenngleich man heute auch weiß, dass die unsichtbare Hand ab und an ein paar auf die Finger braucht, damit sie nichts Böses anstellt.

Doch zurück zu der Jenaer Studie und ihren verblüffenden Ergebnissen.

Für ihre Forschung haben die Psychologen eine schwedische Längsschnitt­stu­die genutzt. In der Untersuchung wur­den Sechstklässler eines Jahrgangs (rund 1000 Kinder) einer schwedischen Mittelstadt erfasst und über einen Zeitraum von 40 Jahren begleitet.

Die Daten wurden anschließend auch danach ausgewertet, wer von Schülern spä­ter Unternehmer wurde und was diese Per­so­n derweil für ein Sozialverhalten gezeigt hatte. Dazu analysierten die Forscher um­fang­reiche Daten zu regelwidrigen Verhaltensweisen und Einstellungen der Pro­­banden. Diese antisozialen Tendenzen bezogen sich sowohl auf die Jugend als auch das Erwachsenenalter. Zudem wurden umfangreiche Archiv­da­ten zu polizeilich registrierten und sanktionierten Straftaten ausgewertet. Also nicht gerade wenig Aufwand.

Dann die Überraschung: In den Lebensläufen der Unternehmer waren antisoziale Tendenzen deutlich nachweisbar. Die Gründer zeig­ten im Vergleich zu jenen, die kein Unternehmen gründeten, verblüf­fen­de Wesens­züge: In ihrer Jugend hatten sie eine deutlich höhere Ten­denz zu regelwidrigem Verhalten in der Schule, zu Hause im Umgang mit ihren Eltern sowie in der Freizeit. Heißt konkret: Sie missachteten häugfiger elterliche Verbote, schummelten und schwänzten öfter in der Schule, und vielen auch vermehrt durch Drogenkonsum oder durch „Mit­gehenlassen“ von Dingen in Geschäften auf.

Insbesondere die Männer verhielten sich so.

Wusste ich es doch!, mag jetzt mancher denken. Falsch! Bitte lesen Sie weiter…

Rebellisches Verhalten schafft Unternehmergeist

Die Studie zeigt nämlich auch noch eine andere Seite der Unterneh­mer­ty­pen: Als Erwachsene gab es hinsichtlich der antisozialen Tendenzen keine Unterschiede mehr zu den Nicht-Gründern. Zudem beschränken sich die frühen antisozialen Tendenzen bei den Unternehmern eher auf geringere Vergehen. Die Analysen der poli­zeilichen Kriminalitätsdaten ergab, dass sich Unternehmer von Ande­ren in Bezug auf behördlich geahndetes kriminelles Verhalten nicht signifikant unterschieden.

Kurzum: In der Jugend sei der Drang zu regelwidrigem Verhalten zwar deutlich vor­handen. Daraus folge aber nicht, dass im Erwachsenenalter noch immer notorisch Regeln gebrochen und antisoziales Verhalten an den Tag gelegt werden müssen.

Oder kurz: Das Klischee ist eben nur das: ein Klischee. Halten lassen sich derlei Vorurteile gegenüber Unternehmern nicht.

Andersrum wird eher ein Schuh draus: Für Unternehmensgründer sei es entscheidend, In­­novation und Visionen zu verwirklichen, sagt Studienautor Martin Obschonka. Um diese ungewöhnlichen und risi­ko­behafteten Wege gehen zu können, gibt es oft eine Nähe zum Nonkonformis­mus. Dieser Mut zum Ungewöhnlichen und zu Neuem könnte seinen Ursprung im regelwidrigen Verhalten in der Jugend haben. Oder wie er es ausdrückt:

Wie die Daten nahelegen, führt ein rebellierendes Verhalten gegen gesellschaftlich akzeptierte Normen in der Jugend und ein frühes Infragestellen von Grenzen nicht unbe­dingt zu kriminellen und antisozialen Karrieren, sondern kann die Grund­­­lage für späteren produktiven und sozial-verträglichen Unternehmergeist sein.

[Bildnachweis: Ollyy by Shutterstock.com]
9. Januar 2014 Autor: Jochen Mai

Jochen Mai ist Gründer und Chefredakteur der Karrierebibel. Er doziert an der TH Köln über Social Media Marketing und ist gefragter Keynote-Speaker. Zuvor war der Diplom-Volkswirt als Journalist tätig - davon 13 Jahre als Ressortleiter der WirtschaftsWoche.

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