Strand ist wie Schaulaufen. Ums Baden geht es dabei jedenfalls kaum noch. Glaubt man einschlägigen Periodika, besteht der eigentliche Zweck des Küstenabschnittsbesuchs heute darin, den vorher mühsam zurecht gehungerten Leib möglichst eindrucksvoll zu enthüllen. Ich vermute, das hängt mit der Kultur des Unboxings zusammen: Dabei wird ja auch der Akt des Auspackens mehr zelebriert als der Inhalt. Vielleicht ist das auch der Grund, warum Stringtangas unter den Strandvölkern künftig wieder seltener werden. Gut, es könnte auch daran liegen, dass derlei Minimalbekleidung nicht nur von körperlich austrainierten Frauen in den Zwanzigern getragen wird, sondern auch von körperlich ausladenden Männern in den Fünfzigern, die statt eines Arschgeweihs über dem Steiß viele Haare haben. Das stört den Gesamteindruck natürlich ein wenig...

Das Strandtuch ist wie Schaulaufen

Jedenfalls habe ich gelesen, dass der Badeanzug in diesem Jahr seinen Nimbus als Zweckbekleidung einbüßen und ein modisches Comeback erleben soll. Womöglich ist das sogar eine gute Idee, weil man in einem Badeanzug allerlei überschüssiges Bindegewebe verschwinden lassen kann. In einem Bikini geht das nicht. Bei Bikinis kann man nur noch Gewebe verschwinden lassen.

Trotzdem meine ich, die Menschen richten ihr Augenmerk am Strand viel zu sehr auf intime Textilien. Auf das, was sie mal mehr, mal weniger kleidet. Auf das Strandtuch achtet kaum einer. Das Badehandtuch ist für den Sonnenanbeter wie der Bierdeckel für den Wirt: eine Feuchtigkeit absorbierende Unterlage, ein reiner Gebrauchsgegenstand. Ich halte das für eine grobe Verkennung.

Zumal der Teutone zu seinem Badetuch eigentlich eine eher manische Beziehung pflegt: Wann immer der territorial sinnende Deutsche eine nackte Poolliege entdeckt, muss er sie mit seinem Handtuch belegen.

Die Geschichte des Badetuchs ist eine Geschichte voller Pauschaltouristen, Kriege und Niederlagen.

Obendrein kann man vom Strandtuch viel ablesen. Manchmal liest man dort Namen, die man aus den Spielfilmunterbrechungen im Fernsehen kennt. Das ist dann häufig ein sogenanntes Werbegeschenk. Oder man liest etwas kleiner, in welchem Hotel das Handtuch im vergangenen Jahr noch seinen Dienst getan hat. Landläufig nennen die Leute das Mitbringsel.

Fakt ist aber, wie man sich bettet, so ist man. Auch zwischen Brandung und Dünen. Das Strandtuch ist ein verkannter Verräter: In Wahrheit enthüllt es mehr als das Stringtangas je könnten.

Deshalb heute eine Typologie für die auffälligsten Strandtuchmotive...

Strandtuch-Typen - und was sie Ihnen verraten

  • Das Luxustuch

    Typ Gucci-Prada-Hermes-Dolce-und-Gabbana-Gespinst. Auf jeden Fall teuer. Oder eine Imitation aus dem letzten Türkei-Urlaub. Das ist auf den ersten Blick schwer zu unterscheiden. Was zutrifft, verrät jedoch die in der Regel weibliche Auflage: Wahre Stilikonen tragen den passenden Marken-Bikini aus der aktuellen Saison am lückenlos gebräunten Magerleib, plus Sonnenbrille vom Ausmaß einer Satellitenschüssel. Alle anderen tragen nur Lycra. Meist ist die repräsentative Auflage ein bisschen exzentrisch, aber oho. Die anderen sind ebenfalls exzentrisch, aber auch so ein bisschen lala. Beim Original kommt das Gesicht übrigens selten ohne Make-up aus. Mag nur Champagner – wenn sie eingeladen wird.

  • Das Motivtuch

    Leider verhält es sich mit der Oberfläche von Frottee genauso wie der von Papier: beides sehr geduldig. Deshalb findet man auf der textilen Unterlage auch viel von dem, was die moderne Vierfarbdrucktechnik hergibt: dramatische Sonnenuntergänge, großäugige Pferdeköpfe, Biermarken-Logos, Fußballvereinsabzeichen, Spongebob. Trotz der vermeintlichen Vielfalt liegt darauf aber doch meist nur ein Einfallspinsel mit Geschmackslegastenie. Etwas schrill vielleicht, aber harmlos. Kennt alle Hits von Andrea Berg und G. G. Anderson. Besitzt daheim einen höhenverstellbaren Fliesentisch.

  • Das große Schwarze

    Sonderform der Motiv-Liegenschaften und deshalb besonderer Erwähnung würdig. Von weitem gut zu erkennen schmückt dieses Doppel-Strandlaken ein weißes Playboyhäschen auf schwarzem Grund. Manchmal auch irgendein Playmate in Lebensgröße. Wenn schon nicht daheim vor der Panoramatapete vollzieht sich so wenigstens unter realen Palmen eine Art symbolischer Beischlaf. Wer so sonnenbadet, signalisiert äußerste Paarungsbereitschaft, ist aber so sexy wie eine Alkoholfahne vor dem Frühstück. Männlich: Leptosom. Weiblich: Weight-Watcher.

  • Das Blumenbett

    Entweder schmiegt sich dieser Typ auf handgebatikte Flower-Power oder auf etwas, das aussieht wie ein Rorschachtest auf LSD. In jedem Fall stammt der Fetzen aus dem Ausland und soll in erster Linie geistige Flexibilität sowie Weltläufigkeit ausdrücken. Deshalb gehören in diese Kategorie ausnahmsweise auch Rasta-Fari-Motive – wahlweise mit kiffendem Bob Marley oder Che-Guevara-Konterfei. Kennt Asien aus dem Effeff oder aus dem Rucksack. Ebenso diverse Magen-Darm- und Geschlechtskrankheiten. Blogger.

  • Der Spruchlappen

    Manchmal sagen Bilder weniger als ein paar Worte: „Zickenalarm“ zum Beispiel. Oder „VIP“. „Reserved“ findet sich auch schon mal auf diesem Badetuch. Dahinter soll feinsinnige Selbstironie aufflammen. Bestenfalls. Gelegentliches Halbwissen kaschiert dieser Typ gerne hinter Meinungsstärke. Und Figurprobleme unter XXL-Shirts. Im Grunde ist es aber wie bei den Motto-T-Shirt-Trägern auch: Der Typ hat (im Job) eigentlich nicht viel zu sagen, und das, was er sagen könnte, ist irgendwie vorgefertigt. Dafür kann man mit ihm oder ihr feiern bis zum Sonnenaufgang. Vorausgesetzt, man ist auf dem zugewandten Ohr taub.

  • Das Namenschild

    Nett: Diese Gattung baut bereits mit ihrem Handtuch eine Gesprächsbrücke. Keiner muss beim flüchtigen Übertrampeln der Liegenschaft fragen: „Und wie heißt du?“ Ein Blick auf die Strandmatte reicht. Da steht dann entweder „Jeanette“, „Jaqueline“, „Dennis“ oder „Kevin“. Praktisch. In diesen Fällen erübrigt sich auch noch die Frage nach der Herkunft. Infrage kommen vor allem die Großräume Magdeburg, Dresden, Jena, Rostock. Schätzt All-Inklusive-Reisen und mag Maschendrahtzaun. Alles von Rotkäppchen aber auch.

  • Der Weißraum

    Sachlich, schlicht, weiß – dieses Strandtuch bezeugt lässigen Minimalismus. Hier liegt mit großer Wahrscheinlichkeit ein Purist. Allerdings kein Pragmatiker. Der wüsste, dass das Badetuch nur am ersten Tag so hübsch weiß strahlt. Deshalb ist er entweder sehr eitel und sehr schmerzfrei oder ein fieser Knauser, der sich gerade die Miete für die hoteleigenen Strandtücher spart und stattdessen sein Badzubehör zweckentfremdet hat. Kann immerhin zu fünf Gerichten den passenden Wein bestellen. Gewerkschaftsnah.

  • Die Strohmatte

    Offenbart eine gewisse Koketterie mit der Sparsamkeit. Dieser Typ bekennt sich zu seiner körperlichen Robustheit und emotionalen Askese, Motto: Mehr als Meer brauch ich nicht. Leider kann man auch sonst nicht viel mehr über den Minimalismusextremisten sagen. Er geht meist so schnell wieder, wie er kommt. Durchaus im doppelten Wortsinn.

[Bildnachweis: Mila Supinskaya by Shutterstock.com]

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