New Work Illusion

Ein Gastbeitrag von Lars Vollmer

New York macht es vor, Barcelona und Berlin stehen der Weltstadt in nichts nach: Hier ist Arbeit hip, sind Büros trendy, versprüht von der Kreativ-Couch bis zum hauseignen Café im Atrium jedes Detail puren Lifestyle. Krawatten trägt schon lange keiner mehr. Stattdessen führt man den eigenen Bürohund am Morgen in Sneakers zum frei wählbaren Arbeitsplatz. Was ich hier so süffisant beschreibe, steht symbolisch für ein sehr interessantes Phänomen, das da seit einiger Zeit in unserer Wirtschaft heranwächst, ja, das man schon mit Fug und Recht eine Bewegung nennen kann: New Work. Dabei hat die "Old Work" doch auch außerhalb dieser Wolkenschlösser – ohne Bürohunde, Massagesessel und kostenlose Obstpakete – funktioniert. Wie sollen sie also die Lösung sein?

New Work: Mit dem Kopf in den Wolken

Die Sache ist die: New Work gibt es. Der Begriff wurde 2004 vom Philosophen Frithjof Bergmann eingeführt. Er suchte nach einer Alternative zur Knechtschaft der Lohnarbeit, nach einer Neuen Arbeit mit Freiräumen zur Entfaltung der Persönlichkeit. Arbeit sollte vereinbar sein mit den eigenen Wünschen, Hoffnungen, Träumen und Begabungen. Und er fand diese neue Arbeit. In zig verschiedenen Facetten und auch außerhalb der internationalen Metropolen.

Dieser hehre Gedanke vermischt sich aber neuerdings kreuzwild mit den Ideen von Digitalisierung, Arbeiten 4.0 und hipper Startup-Kultur.

New Work bildet in vielen Köpfen ein diffuse Wolke, in der Menschen irgendwie anders arbeiten. Menschlicher. Im Hoodie statt im Anzug. Im Home-Office, digital vernetzt und hochflexibel. Auf Augenhöhe, ohne Hierarchien, geduzt, selbstbestimmt und human, demokratisch und sinngetrieben. Mit Sitzsäcken, Tischkicker und Müslibar und eigentlich am liebsten in einer Garage.

Das Ganze ist eine Art Gegenbewegung zum kalten, kapitalistischen Taylorismus des letzten Jahrhunderts, zum klassischen Management mit Anweisung und Kontrolle, zu den Schuhschachtelarbeitsplätzen in seelenlosen Bürofabriken, zur Arbeit als Untergebener, der seinen Lebensunterhalt verdienen und sich daher halbjährlich im Mitarbeitergespräch zusammenfalten lassen muss, damit er nicht übermütig wird.

Es ist also ein Schuss Ideologie drin, ein Schuss Wolkenkuckucksheim und ein Schuss Revolution. Außerdem das, was man sich im Sinne des Zeitgeistes wünscht, wenn man mit dem Kopf in den Wolken steckt: neue, moderne, faire, zeitgemäße Formen der Arbeit zu entwickeln.

Und das finde ich im Grunde großartig. Obendrauf auf dem Cocktail steckt dann auch noch ein Schirmchen Produktivität: Die meisten Protagonisten glauben nämlich, dass New Work Unternehmen erfolgreicher macht.

Und das, mit Verlaub, ist ein Trugschluss.

Schöne neue Arbeit? Denkste!

Dahinter steht die Überzeugung, Arbeit müsse "schön" sein. Eben so, dass die Mitarbeiter sich im Büro ungefähr genauso wohlfühlen wie auf der heimischen Couch oder im Lieblingscafé. Und die logische Folge dieser wahnsinnig glücklichen Mitarbeiter ist – schwupps – ein unglaublicher Unternehmenserfolg, ganz klar!

Tut mir leid, aber wenn Sie glauben, Sie müssten nur die Arbeit in Ihrem Unternehmen hübsch und dekorativ gestalten, dann haben Sie sich geschnitten. Ja, mehr noch: Wenn Sie glauben, Sie könnten Arbeit überhaupt frei gestalten, haben Sie sich sogar ein Bein gestellt.

Ein Unternehmen ist nicht dazu da, eine bestimmte Art von Arbeit anzubieten. Arbeit folgt nicht den Wünschen der Unternehmen (oder gar der Mitarbeiter), sie ist nicht ihr Verdienst.

Arbeit entsteht und ist zu tun, weil ein Kunde etwas kaufen will. Und das wiederum muss hergestellt beziehungsweise geleistet werden, damit es verkauft werden kann! Und wenn die Menschen im Unternehmen nun die Arbeit so organisieren, dass das Produkt in seiner Kosten-Nutzen-Relation dem Wettbewerb überlegen ist, wenn sie schneller, geschickter und produktiver zusammenarbeiten, dann wird das Unternehmen erfolgreich sein und weiterexistieren – ganz unabhängig davon, wie menschlich oder schön oder »new« die Arbeit ist.

New Work: Der menschliche Super-GAU

Wer also Arbeit so gestalten möchte, dass sie unterm Strich irgendwie besser und menschlicher ist, vertauscht doch glatt die Wirkungsrichtung!

Und das ist durchaus gefährlich: Denn es kann ruckzuck dazu führen, dass Arbeitsplätze zuerst ganz schön menschlich und dann obsolet werden – wenn der Wettbewerb mit weniger menschlichen Standards schon längst vorbeigezogen ist und den Kundenbedarf abgefrühstückt hat. Und das ist dann auch der menschliche Super-GAU eines Unternehmens, wenn Arbeitsplätze wegfallen, weil sie sich nicht mehr refinanzieren.

Deswegen muss die Zusammenarbeit auch unter dem Deckmäntelchen der New Work primär die Arbeit organisieren. Und eben nicht primär menschlich sein! Die Krux der erwähnten New-Work-Perspektive ist der Fokus auf die moralische Seite. Sie hält den Blick in einem romantischen Korsett gefangen und bewertet in erster Linie aus der internen Referenz heraus, was für die Menschen wichtig sei.

Die wirklich spannende Frage für mich lautet hingegen:

Wie können Menschen – ob unter dem Titel "New Work" oder nicht – in Unternehmen auf ganz neue Arten zusammenarbeiten, so dass die Arbeit wettbewerbsfähiger erledigt wird?

Diese Frage erlaubt es Ihnen, aus der moralischen Falle herauszukommen, die die New-Work-Bewegung aus Versehen aufgestellt hat. Sie setzt einen neuen Fokus: weg vom Anspruch, Arbeit primär menschlicher machen zu wollen – hin zum Verständnis, dass Arbeit an sich überhaupt nicht verändert werden muss, sondern einfach da ist und gemacht werden muss.

Die moralische interne Referenz ist nicht die erste treibende Kraft. Dafür ist die externe Referenz, der Markt und der Wettbewerb, der bestimmende Faktor.

Wenn sich die Arbeit radikal verändert, und das tut sie derzeit vielerorts, dann nicht deshalb, weil sich die Chefs überlegt haben, wie sie die Arbeit anders gestalten können, sondern weil das Kundenproblem anders gelöst werden muss, damit der Kunde noch kauft.

Beispielsweise bedeutet das:

Arbeit wird nicht von irgendwem aus Freude digitaler gemacht. Arbeit wird digitaler, weil die Digitalisierung in der Wirtschaft es erfordert. Das passiert zwar nicht von selbst und dennoch ganz automatisch, wenn ein Unternehmen überlebensfähig bleiben möchte. Die Zukunft der Arbeit wird also nicht willentlich gemacht, sie entsteht ständig von selbst. Wir nennen das: Fortschritt.

Für New Work ist dann immer noch Zeit – wenn erst sichergestellt ist, dass das Unternehmen im Markt überleben kann. An der Stelle können Sie sich um die Gestaltung des Arbeitsumfelds kümmern, Getränkespender aufstellen, ein Fitnessangebot erarbeiten und Friseursalons auf dem Firmencampus einrichten. Und wenn das Ganze dann auch noch zu den Grundüberzeugungen der Menschen im Unternehmen passt: großartig! Nennen Sie es dann ruhig: New Work.

Mit Wertschöpfung – also mit Arbeit – hat das dann allerdings nichts zu tun.

Arbeit oder Zusammenarbeit – ein feiner Unterschied

Der wesentliche Punkt, um sich nicht in den Dunstwolken der New Work zu verlieren, ist daher eine klare Unterscheidung: zwischen Arbeit und Zusammenarbeit.

Arbeit – das ist das, was Sie für den Kunden tun. Was Wert erzeugt. Arbeit ist Wertschöpfung. Arbeit folgt ausschließlich externen Referenzen und resultiert folgerichtig aus einer Perspektive auf die Kunden und den Wettbewerb. Aus Sicht von außen auf das Unternehmen ist die geleistete Arbeit das Einzige, was zählt. Das ist die harte Realität.

Ich denke dabei an Schrauben anziehen, Zeichnungen erstellen, Webanwendungen programmieren, Busfahren, Werbefilme drehen, Texte schreiben, Schnupfen behandeln... naja, Sie wissen schon, was ich meine.

Zusammenarbeit ist die unternehmensinterne Perspektive. Hier geht es darum, wie Sie die Arbeit zusammenfassen und organisieren. Während Arbeit das Was meint, meint Zusammenarbeit das Wie: Wie lassen ausgerechnet Sie ausgerechnet jetzt für ausgerechnet diese aktuelle Marktsituation den gewünschten Wert entstehen?

Dabei ist die Arbeit das Leitmotiv, der Grund für die Zusammenarbeit – und nichts Weiteres, denn wäre die Arbeit nicht da, bräuchte es keine Zusammenarbeit.

Nein, die Zusammenarbeit muss primär der Arbeit folgen, um sekundär dem Team gerecht zu werden: Der Markt zieht die Teams, sie müssen Angebote machen, müssen dem Druck des Wettbewerbs begegnen, müssen selbst den Wettbewerb unter Druck setzen. Dieses rangelige, hakelige, konkurrentige Rennen da draußen ist real! Sie können es nicht wegromantisieren, indem Sie persönliche Befindlichkeiten höher hängen als die Befindlichkeiten der Kunden. Arbeit leisten müssen Sie. Sie haben keine Wahl. Sonst fliegen Sie raus.

Zusammenarbeit hat darum primär etwas damit zu tun, wie effektiv und ja, auch wie effizient Sie Arbeit erzeugen. Wenn Sie das nicht gut machen, fliegen Sie ebenfalls raus.

Weniger new, mehr cool

Wie geht es also besser? Leuchtende Vorbilder für den richtigen Fokus sind die Unternehmen, die wir happy working places nennen. Sie erkennen sie daran, dass sie den Wettbewerb nerven. Sie sind immer schon da und machen es besser als ihre Konkurrenten. An ihnen kommt der Wettbewerb einfach nicht vorbei, sie sind unangenehme Gegner, weil sie durch überraschende und neuartige Formen von Zusammenarbeit Lösungen finden, die den Druck auf den Wettbewerb erhöhen. Sie organisieren Zusammenarbeit so, dass sie beidem gerecht werden: der Arbeit und den Könnern im Team.

Sie bringen beides miteinander besser in Einklang als andere. Das ist ein permanentes Ausbalancieren, wie wenn Sie einen spitzen Bleistift auf der Fingerkuppe balancieren. happy working companies bekommen das extrem gut hin, auch wenn es im Alltag alles andere als einfach und bequem ist. Sie sind erfolgreich am Markt und sie machen außerdem ihre Talente und Könner zufrieden, weil sie ihnen einen Sinn bieten und ihnen Freiheit zur Entfaltung geben. Sie stehen ihren Könnern nicht im Weg, sondern lassen (fast) alles weg, was zu Theater führen würde. Und dafür feiere ich sie.

Die weitverbreitete New-Work-Perspektive dagegen hat oft den Markterfolg gar nicht im Blick. Natürlich sind auch viele der Unternehmen mit diesen Scheuklappen überaus erfolgreich. Aber die New Worker feiern nicht die Passung zum Markt, sondern die Passung zum Menschen. Sie setzen stillschweigend eine Kausalität voraus, die noch nicht einmal eine Korrelation ist, dass nämlich Menschlichkeit zu Erfolg führe. Das aber ist in keinster Weise valide belegt.

Und es gibt keine logische Theorie, die das begründen könnte. Das zu glauben ist eben nichts als guter Glaube.

Und aus diesem guten Glauben heraus erwächst eine Gefahr, die mir mehr und mehr Unbehagen bereitet. New Work wird nämlich rasend schnell zum Dogma: Dann musst du so sein, wie der Gründer oder die anderen im Team das von dir erwarten, wenn du dort arbeiten willst. Ein hoher normativer Druck entsteht.

Darum kann für mich nur eine "gute" Company sein, wer seine Leute so lässt, wie sie sind. Wer sehr sorgfältig rekrutiert und längst nicht jeden einstellt, aber seine Mitarbeiter dann auch nicht verbiegt, weder in eine extrem menschliche Richtung noch in eine extrem versachlichte Managementrichtung.

Ich will in einem Unternehmen des 21. Jahrhunderts vor allem individuelle Freiheit walten sehen. Dann folgen Menschen ihrem eigenen Sinn und bringen freiwillig Leistung. Nur so herum wird ein Schuh daraus.

Über den Autor

Lars VollmerLars Vollmer ist Unternehmer und Mitbegründer von intrinsify.me, dem größten offenen Thinktank für die neue Arbeitswelt und moderne Unternehmensführung im deutschsprachigen Raum. Der promovierte Ingenieur und Honorarprofessor ist Autor von Wirtschaftsbüchern, Redner auf internationalen Kongressen und Unternehmensveranstaltungen und lehrt an mehreren Universitäten und Instituten. Er spielt Jazzpiano, trinkt gerne guten Kaffee und lebt in Barcelona. Sein neuestes Buch "Zurück an die Arbeit – Wie aus Business-Theatern wieder echte Unternehmen werden" ist 2016 im Linde Verlag erschienen und steht auf den Wirtschaftsbestsellerlisten von Spiegel, Handelsblatt und Manager Magazin.

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[Bildnachweis: marvent by Shutterstock.com]

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