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Quiet Quitting laboriert nur an Symptomen!

​Nach der „Great Resignation“ im vergangenen Jahr trendet jetzt ein neuer Begriff: „Quiet Quit“​ oder „Quiet Quitting.“ Gemeint ist, dass viele Arbeitnehmer – vor allem in den USA – keine unbezahlten Überstunden mehr leisten wollen, keine Extrameile mehr gehen wollen… Vor allem junge Menschen fordern inzwischen klare Grenzen und mehr Fairness im Job. Das Arbeiten bis der Burnout kommt, ist was für Loser!​

Ich verstehe das – und es stimmt auch. Zum Teil. Ich verstehe, dass viele die tägliche Ausbeutung im Job nicht länger mitmachen wollen und klare Prioritäten dagegen setzen: mehr Lifebalance, mehr Selbstfürsorge statt Aufopferung. Das ist absolut richtig.

Der Weg ist bedenklich bis falsch

Quiet Quit ist ja keine US-amerikanische Erfindung. Auch hierzulande gibt es das Phänomen schon lange. Hier wird es ganz einfach „Dienst nach Vorschrift“ genannt – oder eine Nummer extremer: „Innere Kündigung“. Die Menschen machen dabei nur noch das, was ihnen aufgetragen wird und was sie gerade eben noch machen MÜSSEN. Aber keinen Handschlag mehr…

Ich finde das aus mehreren Gründen gefährlich bis bedenklich. Der erste Grund ist eher moralischer Natur:

Durch das moderne Dämonisieren von Leistungswillen geraten wir noch weiter ins Hintertreffen. Deutschland gehört schon lange nicht mehr zu den Innovationsführern der Wirtschaftswelt. Die Wertschöpfung findet woanders statt. ​Auch ist es mehr als bedenklich, dass das Erbringen von vertraglich vereinbarten UND AUCH bezahlten Leistungen nun indirekt als etwas ​Negatives dargestellt wird​.​ Was ist denn bitteschön so schlimm an einer Extrameile, wenn sie dem persönlichen Wachstum dient? Nur weil der Arbeitgeber davon gratis profitiert? Sind wir alle schon so egoistisch und berechnend geworden, dass wir nur noch auf unser Recht pochen und Fünfe krummer sein lassen als eine Banane?

Den zweiten Grund finde ich noch schlimmer: Quiet Quit ist nichts weiter als gelebte Passivität.

Die Menschen arrangieren sich mit einem Job, den sie offenbar nur noch des Geldes wegen machen. Damit degradieren sie sich nicht nur selbst zu Söldnern – sie laborieren auch nur an Symptomen. Durch „stilles Verabschieden und Aussitzen“ ändert sich … genau: nichts! Der Job ist immer noch derselbe und scheiße – man hat nur mehr Freizeit, um sich darüber zu ärgern und selbst zu bemitleiden. Toll.

Gleichzeitig begeben sich viele damit auf hauchdünnes Eis: Die Grenze zur Leistungsverweigerung ist schnell überschritten. Und dann sind der Job und Ruf so richtig in Gefahr. Wer stellt schon einen offensichtlichen Leistungsverweigerer oder nicht allzu engagierten Mitarbeiter ein? Ich nicht…

Quiet Quit ist keine Lösung, sondern nur ein neues Problem

Richtiger wäre eine echte berufliche Neuorientierung. Das kann in Form von Jobcrafting passieren – also indem man versucht, seinen Job und sich selbst wieder neu zu positionieren; dem Ganzen einen neuen Sinn zu „geben“ – nicht finden! Und natürlich das Gespräch mit dem Vorgesetzten zu suchen.

Ja, das ist unbequem. Ja, das führt womöglich kurzfristig in einen vorübergehenden Konflikt. Und vielleicht gibt es danach auch intern keine Lösung. Dann bleibt aber immer noch die ultima ratio: der externe Jobwechsel.

Das wäre ohnehin nur konsequent. Denn alles ist besser als ausharren und frustriert den Feierabend herbei zu sinnieren.

Aber es ist ja leider immer so – bei vielen Menschen: Statt sich mit sich selbst zu befassen, mit den eigenen beruflichen Zielen oder Lebenszielen und diese dann auch konsequent umzusetzen, Risiken einzugehen und das Ungewisse zu wagen, wird lieber gejammert. Und für diese passive Larmoyanz lassen sich die Quiet Quitter auch noch feiern! Ich bin nicht überzeugt… Die Opferhaltung war mir schon immer suspekt. Und ein Macher oder eine Macherin würde auch nie stillsitzen… Du hoffentlich auch nicht!

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