Vorstand mit 19: Wie geht das denn?

Jan Thurau ist das Paradebeispiel für den Erfolgsnerd. Schon als Kind programmierte der Norddeutsche in seiner Freizeit, baute mit 16 einen Online-Lieferdienst mit auf und sitzt heute, mit zarten 19 Jahren, im Unternehmensvorstand. Thurau ist Chief Technology Officer (CTO) der Schweizer Knip AG mit Sitz in Zürich, Ende Mai gab das Startup seine Berufung bekannt. Das Insuretech-Unternehmen bietet eine App an, mit der man Versicherungen verwalten und neue Verträge abschließen kann. 2015 erhielten die Eidgenossen eine satte Finanzierung über ca. 14 Millionen Euro. Heute sind internationale Investoren beteiligt, Knip selbst ist an drei Standorten – Zürich, Berlin, Belgrad – mit insgesamt 100 Mitarbeitern vertreten. Wie wird man Vorstand mit 19? Karrierebibel hat Jan Thurau gefragt.

Vorstand mit 19: Wie geht das denn?

„Ich habe mit 13 Telefonkonferenzen auf englisch geführt“

Herr Thurau, Sie haben schon mit 16 Jahren als Hauptentwickler den Online-Versand Delinero mitaufgebaut. Wie sind Sie damals zu der Stelle gekommen?
 
Ich habe bereits früh angefangen, mit Programmiersprachen zu experimentieren. Mit elf Jahren trat ich der Webdesign-AG meiner Realschule in Neu-Wulmstorf bei Hamburg bei. Dort habe ich gemerkt, was alles möglich ist. Seitdem hat mich das Programmieren nicht mehr losgelassen. Zu Delinero kam ich über Umwege: Ich hatte eine Ausbildung als Wirtschaftsinformatiker begonnen, was leider nicht so spannend war, weil ich ja vieles bereits gelernt hatte. Dann entdeckte ich eine Stelle, die mich interessierte: Der Hamburger Investor TruVenturo suchte einen Auszubildenden für den Beruf des Fachinformatikers für Anwendungsentwicklung. Ich habe mich beworben und bekam den Job. Von einem Tag auf den anderen wechselte ich zu TruVenturo. Die haben zu der Zeit am Onlineportal Delinero gearbeitet, sodass ich dort direkt eingestiegen bin.
 
Danach sind Sie von der Knip AG direkt als Head of IT angeheuert worden oder wie lief das?

Bei Knip war ich eigentlich von Anfang an über Ecken an Entwicklungsprojekten beteiligt. Als ich dann mit der Ausbildung fertig war, machte mir Dennis Just, der Gründer und CEO der Knip AG, das Angebot, nach Berlin zu kommen und mich ganz einzubinden. Bei uns stimmte die Chemie von Anfang an und die Entwicklungsmöglichkeiten waren vielversprechend, sodass es für mich eine schnelle Entscheidung war.

Haben Sie eigentlich Abitur machen können, wenn Sie mit 16 schon Vollzeit gearbeitet haben?
 
Ich habe das Fachabitur nebenbei gemacht. Kurz nach meinem Wechsel als Head of IT zu Knip hatte ich die Abschlussprüfungen. Dadurch hatte ich etwas weniger Freizeit, aber, wie gesagt, ich interessiere mich ja sehr für die Materie und es war mir wichtig, die Möglichkeit zu haben, später eine Universität besuchen zu können.

Und warum bietet ein Unternehmen einem 19-Jährigen so schnell einen Platz im Vorstand an?
 
Ich verbringe viel Zeit mit dem Thema Technologien. Ich probiere viel aus und bin wahrscheinlich ein typischer Digital Native. Deshalb fällt es mir leicht, mich in technische Probleme reinzudenken und eine Lösungen zu erarbeiten. Das ist natürlich von Vorteil, weil ich sehr eins bin mit meinem Beruf. Zweiter Faktor ist sicher, dass ich das Produkt sehr genau kenne, weil ich quasi alles mit entwickelt habe.

Gibt es wirklich gar keine Akzeptanzprobleme wegen Ihres Alters – nach innen oder nach außen?

Nein. Bei Knip, aber auch bei Startups im Allgemeinen, kommt es sehr auf die Performance einer Person an – nicht auf das Alter oder den Abschluss. Ich bin ja schon vergleichsweise lange im Beruf und durfte bei Knip wachsen, genauso, wie auch das Unternehmen gewachsen ist und der Markt. Bei Bewerbern achte ich logischerweise selbst wenig auf das Alter oder Abschlüsse, die mit Noten auf einem Papier stehen. Lieber gebe ich den Kandidaten eine Testaufgabe, erwähne ein paar Probleme und lasse mir Lösungen vorstellen. Daran sehe ich, wie jemand denkt und handelt.

Nun sind Sie also Vorstand. Was erwarten Sie sich persönlich denn von Ihrer neuen Tätigkeit?
 
Knip ist Marktführer und unser Ziel ist es, unsere Position auszubauen. Dafür brauchen wir Wachstum in zwei Dimensionen: Quantitativ und qualitativ. Also mehr Kunden, die noch mehr Interaktion mit der Marke Knip haben. Wie können wir auf diese Ziele technologisch einzahlen? Wir werden weitere neue Features für die Knip-App entwickeln. Gerade haben wir den Release für den Policen-Upload und die Schadensmeldung per App präsentiert. Das ist etwas völlig Neues in der Versicherungswelt. Denn damit können die User ihre Versicherungen digitalisieren und im mobilen Versicherungsordner hochladen. Auch kann man mit Knip nun einen Schaden per Foto an seine Versicherung melden. Im Ergebnis verbessern wir damit prozessual auch den Automatisierungsgrad und ermöglichen dem Kunden mit den Features, mehr mit der App selbst zu erledigen. Denn das ist eine der wichtigsten Aufgaben: Als technologiebasiertes FinTech-Unternehmen musst du einen so individuellen Service wie möglich bei denkbar größter Automatisierung ermöglichen. Die Lösung liegt in der Kombination aus der von uns entwickelten Technologie und der persönlichen Beratung. Denn hier arbeiten Versicherungsexperten, mit denen die Verbraucher persönlich chatten oder telefonieren können. Stärken wir beide Facetten, dann wird Knip noch unverwechselbarer und das Ergebnis heißt Kundenbegeisterung.

Und wie stellen Sie sich Ihre persönliche Zukunft vor? Anders gefragt: Welche beruflichen Ziele hat man noch, wenn man mit 19 schon Vorstandsmitglied ist?

Bei Knip fühle ich mich sehr wohl. Es ist technologisch unglaublich spannend und der ganze Markt ist in Bewegung. In den nächsten Jahren wird sich der Markt vervielfachen, immer mehr Menschen werden Versicherungen digital verwalten. Völlig zu Recht ist daher das Thema FinTech so aktuell: Die Versicherungswelt ist eine der letzten Bastionen der Dienstleistungsgesellschaft, die noch nicht digitalisiert ist. Und genau dort greifen wir an. Mein Ziel ist, dabei meinen Beitrag zu leisten.
 
Zum Schluss: Träumen Sie nicht auch manchmal vom Studentenleben?

Es wäre schon cool, das mal auszuprobieren. Aber da ich unglaublich viel Spaß an meiner Arbeit habe, denke ich nicht, dass ich etwas verpasse. Klar, in meinem Leben ging vielleicht alles etwas schneller als bei Gleichaltrigen. Mit 13 Jahren habe ich Telefonkonferenzen auf Englisch geführt. Meine Mutter stand an der Treppe und hat gelauscht und sich Sorgen gemacht, ob ich das alles so richtig ist. Heute weiß sie: Mir hat nichts gefehlt, ich habe einfach gemacht, wofür ich brenne.

Herr Thurau, danke für das Gespräch.

[Bildnachweis: Knip AG]
15. Juni 2016 Autor: Sebastian Wolking

Sebastian Wolking ist Redakteur der Karrierebibel. Er hat Geschichte, Politikwissenschaften und Germanistik studiert und als Online-Redakteur gearbeitet. Sein Interesse gilt den Veränderungen des Arbeitsmarktes durch die digitale Revolution.

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