Diversity ist das Management-Thema dieser Zeit. Es geht um mehr Vielfalt in der Belegschaft, in den Führungsetagen, aber auch im Denken. Und das ist keinesfalls nur das Thema der Frauenquote, auf das es viele gerne reduzieren. Es nutzt überhaupt nichts, wenn man einen Vorstand oder diverse Abteilungsleitungen mit, sagen wir, mehr Frauen, Schwulen, Behinderten oder Dunkelhäutigen besetzt, wenn diese zufälligerweise allesamt auf derselben Universität, womöglich noch im selben Jahrgang studiert haben. Dann hat man vielleicht auf dem Papier eine vielfältige Führungsetage, denken werden diese aber uniform.
Nun ist das mit der Vielfalt aber auch so eine Sache. Unternehmen, insbesondere Belegschaften entwickeln gerne (wie Gesellschaften übrigens auch) so etwas wie Stallgeruch. Der Volksmund sagt dazu auch: Gleich und gleich gesellen sich gern. Alles was anders aussieht, anders spricht und anders denkt, ist verdächtig. Die Menschen entwickeln dem Fremden gegenüber Vorurteile, die bis zur Diskriminierung oder zum Mobbing reichen können.
Über das Thema ist schon viel geschrieben worden. Auch darüber, wie man dem Problem begegnet. Bemerkenswert aber fand ich jetzt eine Studie zweier niederländische Forscher, die einen mehr als ungewöhnlichen Weg gegen Vorurteile und Diskriminierung empfehlen: aufräumen!
Durcheinander, herumliegender Müll, Wirrwarr, Chaos – all das provoziere unser Bedürfnis nach Struktur und Ordnung. Und weil das unser Umfeld dann nun mal nicht hergibt, greift unser Gehirn zu einer Krücke: dem Schubladendenken und Stereotypen. Das zumindest behaupten Diederik Stapel und Siegwart Lindenberg von den Hochschulen in Tilburg und Groningen.
Für ihr Experiment dazu nutzten sie einen Streik der Müllabfuhr in Utrecht. Überall in der Stadt stapelten sich Müll und Unrat, es stank aus allen Ritzen, besonders schlimm aber hatte es den Hauptbahnhof erwischt. Und hier starteten die Wissenschaftler ihren Versuch.
Dazu baten sie zunächst 40 hellhäutige Bahnreisende, einen Fragebogen auszufüllen. Es ging dabei um Vorurteile gegenüber Muslimen und Homosexuellen. Nun wurden die Probanden aufgefordert, sich zum Beantworten der Fragen doch auf eine Reihe von Stühlen zu setzen. Der Trick aber war: Einer der Stühle war längst schon besetzt – mal von einem dunkelhäutigen Mann, mal von einer hellhäutigen Frau. Und siehe da: Zu dem dunkelhäutigen Mann hielten die Teilnehmer deutlich größeren Abstand als zu der hellhäutigen Frau.
Eine Woche später – der Streik war inzwischen beendet und der Bahnhof wieder sauber – wiederholten Stapel und Lindenberg das Experiment. Und diesmal setzten sich die Teilnehmer auch direkt neben den dunkelhäutigen Mann. Ihre Ressentiments schienen verschwunden. Weitere vergleichbare Kontrollexperimente zeigten, dass es tatsächlich die Umgebung, also der Müll und das Chaos, waren, die die Vorurteile schürten.
Chaos ist kein Zustand, sondern ein Organismus. Er lebt. Und vermehrt sich. Der Niederländer Kees Keizer hat dieses Phänomen schon vor einiger Zeit zusammen mit Kollegen von der Universität von Groningen untersucht und als Broken-Windows-Effekt beschrieben. Grob gesagt bedeutet der: Wenn in einer Straße nur ein Haus mit ein paar zerborstenen Fensterscheiben steht, dann dauert es nicht lange, bis der ganze Wohnblock verfällt.
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Wer das nicht glaubt, muss einfach nur einmal sein Umfeld beobachten. Abends werfen Sie irgendwo Ihre getragenen Socken in die Ecke, am nächsten Morgen ist daraus ein veritabler Wäscheberg entstanden. Genauso geht’s im Büro: Es reicht schon irgendwo auf dem Schreibtisch ein paar lose Blätter liegen zu lassen – schon gesellen sich alsbald Aktenordner, ausgetrunkene Kaffeetassen und Zeitschriftenausrisse dazu (die man irgendwann noch lesen will, was aber nie passiert). Und irgendwann könnten sich eben zu all der Unordnung noch ein paar Vorurteile dazu gesellen.
Dann hat man zwar Diversity auf dem Schreibtisch, aber keine im Kopf. Der Erfolg präferiert jedoch eher die umgekehrte Variante.







Ali Schwarzer
Ich finde sowohl Test als auch Schlussfolgerung merkwürdig. Aus eigener Erfahrung kann ich sagen: Egal wie sauber es in meiner Heimatstadt ist, der Platz neben mir in der Bahn bleibt so lange frei, bis diese berstend voll ist.
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