Bystander-Effekt: Nichts hören, nichts sehen, nichts tun

Als sich Catherine Genovese entschied, allein in New York zu bleiben, war sie gerade 19. Erst ein paar Tage zuvor wurde ihre Mutter Zeugin eines brutalen Mordes, mitten am Tag und mitten in Queens, in der Nähe ihres Wohnhauses in Kew Gardens. Der Schock war so groß, dass die Familie beschloss in das beschaulichere Connecticut umzuziehen. Kitty Genovese, wie sie ihre Freunde auch nannten, war die älteste von insgesamt fünf Geschwistern, lesbisch, und wollte lieber mit ihrer Partnerin Mary Ann Zielonko zusammenziehen und in der turbulenten Stadt bleiben. Es gab darüber einigen Streit, am Ende aber stimmten ihre Eltern widerwillig zu – was sie Jahre später bitter bereuten…

Bystander-Effekt: Nichts hören, nichts sehen, nichts tun

Der Bystander-Effekt: Der Mord an Kitty Genovese

Es war kalt am Morgen des 13. März 1964. Kitty, inzwischen 28 Jahre, groß, schlank, dunkle, kurze Haare von denen sie sich ein paar Strähnen frech in die Stirn kämmte, kam gerade von ihrer Schicht in „Ev’s 11th Hour Sports Bar“ nach Hause. Sie arbeitete dort als Managerin und war ebenso beliebt wie zuverlässig. Gegen 3.15 Uhr erreichte sie den Parkplatz, der etwa 30 Meter von ihrer Wohnungstür um die Ecke entfernt lag. Abgespannt und müde stieg sie aus dem Auto, als sich ihr Winston Moseley von hinten näherte und sofort auf die junge Frau einstach.

Kitty schrie um Hilfe, flehte um ihr Leben. Zahlreiche Nachbarn hörten es. Vereinzelt gingen Lichter in den Häusern an. Einige öffneten die Fenster, andere Passanten blieben stehen und sahen zu, und erst als einer von ihnen Moseley anherrschte, ließ dieser von Genovese ab. Blutüberströmt schleppte sich die Schwerverletzte zu ihrer Wohnung. Allein.

Keiner kam ihr zu Hilfe.

Mehr noch: Als sie außer Sichtweite der Nachbarschaft war, kehrte Moseley zurück. Eiskalt folgte er ihrer Blutspur und stöberte sie kurz vor ihrem Appartment auf. Obwohl die junge Frau kaum noch bei Bewusstsein war, hielt den wahnsinnigen Täter nichts davon ab, sie noch zu vergewaltigen und auszurauben.

Eine halbe Stunde lang dauerte Kitty’s Martyrium. Dann erlag sie den Folgen des brutalen Angriffs auf der Fahrt ins Krankenhaus.

Ihr Mörder, ein, wie sich später herausstellte, geisteskranker Serientäter, konnte gefasst werden und wurde zum Tode verurteilt. Als die Behörden den Fall jedoch weiter untersuchten, offenbarte sich das ganze Ausmaß des Verbrechens, über das die „New York Times“ am 27. März 1964 schrieb:

Mehr als eine halbe Stunde lang schauten 38 achtbare, gesetzestreue Bürger in Queens zu, wie ein Mörder eine Frau in Kew Gardens belästigte und auf sie einstach.

Bystander: Je mehr Menschen zuschauen, desto weniger helfen sie

Nichts hören, nichts sehen, nichts tun – keiner eilte Kitty Genovese zur Hilfe, niemand alarmierte die Polizei. Manch einer der Passanten gab später gar zu Protokoll, er habe gedacht, es handele sich lediglich um einen Beziehungsstreit.

Immer wieder ereignen sich solch verstörende Verbrechen – und damit meine ich nicht den Mord, sondern vielmehr die Unbarmherzigkeit und Tatenlosigkeit der Passanten. 1983 etwa wurde in Bedford, Massachusetts, eine Frau in einer Bar von mehreren jungen Männern stundenlang vergewaltigt, ohne dass einer der anderen Besucher einschritt.

Der skandalöse Fall schlug solche Wellen, dass er 1988 mit Jodie Foster in der Hauptrolle verfilmt („Angeklagt„) wurde.

Und erst im Oktober 2009 sahen ganze 20 Zeugen zu, wie ein 15-jähriges Mädchen in Richmond, Kalifornien, auf offener Straße überfallen und sexuell missbraucht wurde. Statt dem Mädchen jedoch zu helfen oder die Polizei zu rufen, lachten einige der Passanten dazu oder machten Fotos mit ihren Handykameras.

Die unerklärliche Untätigkeit der Umstehenden wurde inzwischen mehrfach psychologisch untersucht und gab dem Phänomen den Namen, der bis heute einen schier unglaublichen sozialen Defekt von uns Menschen beschreibt – den Bystander-Effekt (auch „Zuschauereffekt“ oder auch „Genovese-Syndrom“ genannt). Kurz gesagt bedeutet er:

Bei jedem Notfall nimmt die Wahrscheinlichkeit, dass einem geholfen wird, mit steigender Anzahl der Umstehenden ab.

Eingehend untersucht haben das zum Beispiel die Sozialpsychologen Bibb Latané und John Darley und daraus einen Fünf-Stufen-Prozess abgeleitet, den jeder Passant durchmacht, bevor er einem Unfallopfer hilft.

Der Haken: Auf jeder dieser Stufen bilden andere Menschen ein zunehmendes Hindernis. So muss jemand, bevor er hilft, den Notfall als solchen überhaupt erst einmal erkennen. Je mehr Menschen aber anwesend sind, desto weniger bedrohlich wirkt die Situation.

Wie McMillen, Sanders und Solomon 1977 nachwiesen, kann selbst die eigene Laune enorm beeinflussen, ob man die Situation als bedrohlich und einschreitenswert beurteilt oder nicht. Konkret: Gut Gelaunte helfen eher als Miesepeter.

Selbst das Verhalten der Umstehenden beeinträchtigt unser Verantwortungsempfinden enorm. Je mehr Passanten das Geschehen „übersehen“, desto eher kommt es zur sogenannten Gruppenignoranz: Bitte gehen Sie weiter, hier gibt es nichts zu sehen! Zumindest tun dann alle so. Nicht selten warten dann alle Zuschauer nur darauf, dass ein anderer (!) eingreift und den ersten Schritt wagt.

Womöglich glaubt der Einzelne auch, die anderen seien zur Hilfe besser geeignet – etwa, weil sie kräftiger oder kompetenter sind. Verantwortungsdiffusion heißt dieses Phänomen im Fachjargon, was es aber nicht besser macht.

Was sich gegen den Bystander-Effekt und soziale Ignoranz tun lässt?

Wenig. Die Polizei etwa, aber Wissenschaftler ebenso, empfehlen Opfern mit ihren Hilferuf nicht etwa an die Allgemeinheit zu richten, sondern ganz gezielt eine Person herauszupicken und an diese zu appellieren. So wird etwa die Verantwortungsdiffusion aufgebrochen.

Ein anderer Weg ist, solche Artikel zu lesen. Versuchspersonen, die zum Beispiel von Latanés und Darleys Forschungen lasen, halfen in Notfällen fast doppelt so oft wie andere.

Kein barmherziger Samariter

1973 führten zwei Psychologen in Princeton, John Darley und C. Daniel Batson, eine bemerkenswerte Studie über die Beziehung zwischen Religion und Mitmenschlichkeit durch. Zu Beginn eines Experiments wurden einige Priesterschüler gebeten, einen Gottesdienst über den barmherzigen Samariter vorzubereiten. Für diejenigen, die nicht bibelfest sind: Diese Bibelgeschichte handelt von einem Mann, der bestohlen und misshandelt und von niemandem beachtet wird, bis der barmherzige Samariter ihm hilft. Die Parabel appelliert an unsere Mitmenschlichkeit.

Die Priesterschüler wurden ermutigt, über diese Geschichte einen mitreißenden Gottesdienst abzuhalten. Was die Schüler nicht wussten: Man hatte einen Schauspieler engagiert, der im Gang zwischen dem Vorbereitungsraum und dem Raum, in dem der Gottesdienst abgehalten wurde, auf dem Boden saß und einen hilfsbedürftigen Obdachlosen mimte.

Mit dem Schauspieler war vereinbart worden, dass er immer dann, wenn ein Priesterschüler vorbeikam, einen tiefen, schmerzvollen Laut von sich geben und mindestens zwei Mal husten sollte. Die Ergebnisse waren verblüffend. Mehr als die Hälfte der Schüler bemerkten den Obdachlosen überhaupt nicht. Einige gingen sogar im wahrsten Sinne des Wortes über ihn hinweg.

[Bildnachweis: studiostoks by Shutterstock.com]
18. Dezember 2009 Autor: Jochen Mai

Jochen Mai ist Gründer und Chefredakteur der Karrierebibel. Er doziert an der TH Köln über Social Media Marketing und ist gefragter Keynote-Speaker. Zuvor war der Diplom-Volkswirt als Journalist tätig - davon 13 Jahre als Ressortleiter der WirtschaftsWoche.



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