Helfersyndrom: Wege aus der Aufopferungsfalle

Anderen Menschen zu helfen, ist eine noble Geste und ein sozialer Wesenszug dazu. Hilfe zu leisten, kann aber auch zur Sucht werden. In der Psychologie spricht man dann vom sogenannten Helfersyndrom – einer Art Aufopferungsfalle. Die Betroffenen fühlen sich nur dann wertvoll, nützlich, geliebt, wenn sie gebraucht werden und andere auf ihre Hilfe angewiesen sind. Dabei vergessen sie aber meist die eigenen Bedürfnisse, können nicht „Nein“ sagen – und laufen Gefahr, ausgenutzt zu werden. Oder sie verzetteln sich und steuern so zielstrebig auf einen Burnout oder gar eine Depression zu. Was Sie bei akutem Helfersyndrom tun können

Helfersyndrom: Wege aus der Aufopferungsfalle

Definition und Ursachen des Helfersyndroms

Definition und Ursachen des HelfersyndromsZunächst einmal ist es etwas Positives, die Bedürfnisse und Nöte anderer Menschen zu erkennen, nicht zu übersehen (wie so viele) und entsprechende Hilfe zu leisten. Kurz: Es ist ein starkes Indiz für hohe Empathie.

Ebenso ist es nobel, für die kurzfristige Hilfeleistung die eigenen Interessen, Wünsche und Bedürfnisse zurückzustellen. Zumindest vorübergehend. Das alles sollte aber in gesunder Balance bleiben und Grenzen haben.

Genau diese Grenzen werden von Menschen mit Helfersyndrom regelmäßig überschritten beziehungsweise befinden sich im Ungleichgewicht. Oder wie es Paulo Coelho mit seinem Spruch so schön auf den Punkt gebracht hat:

Wenn du „Ja“ zum anderen sagst, pass auf,
dass du nicht „Nein“ zu dir sagst.

Entscheidend für das Syndrom sind die Motive, die hinter dem Helfen-wollen stecken:

  • Geht es darum, einem Leidenden aus akuter Not zu helfen, dann ist dies zutiefst menschlich, solidarisch und auch eine soziale Pflicht. Eine notwendige Hilfeleistung.
  • Verliert der Helfende aber regelmäßig seine eigenen körperlichen und seelischen Bedürfnisse aus den Augen und hilft der- oder diejenige in erster Linie, um sich selbst aufzuwerten, um Anerkennung, Zuwendung und Bestätigung zu finden, wird das Helfen pathologisch. Helfen wird hierbei das Mittel zum Zweck.

Man erkennt Menschen mit Helfersyndrom oft daran, dass sie ihre Hilfsbereitschaft auch dann nicht reduzieren, wenn die Hilfe gar nicht mehr benötigt wird oder die Betroffenen längst überlastet und ausgelaugt sind oder ausgenutzt und missbraucht werden.

Die Hilfe mutiert dabei zur Selbstaufopferung – häufig mit entsprechenden Folgen: Überforderung, Stresserkrankungen, Burnout, Depression…

Wie aber entsteht das Syndrom überhaupt?

Die Ursachen für das Helfersyndrom sind vielfältig. Hauptsächlich steckt dahinter ein geringes Selbstwertgefühl, das durch die Hilfe beziehungsweise durch die damit verbundene Dankbarkeit und Anerkennung, Bestätigung und Zugehörigkeit erfährt. Manchmal reicht dazu schon ein Schulterklopfen.

Weitere Ursachen können aber auch sein:

  • Angst vor Ablehnung

    Nicht wenige Menschen plagt die Sorge, dass es eine Beziehung nachhaltig belastet, wenn sie eine Bitte ausschlagen. Womöglich quält sie dabei auch ein schlechtes Gewissen, weil Sie früher einmal gelernt haben, dass man Hilfe nicht verweigern darf. Wer es dennoch tut, gilt in ihren Augen als egoistisch oder herzlos. Entsprechend haben die Betroffenen Angst vor Ablehnung oder eben sozial geächtet zu werden, falls Sie Nein sagen und den Gefallen ablehnen.

  • Konflikten ausweichen

    Die Hilfe kann ebenso eine Art Konfliktbewältigungsstrategie sein: Statt demjenigen (dem Chef, dem Kollegen, dem Partner) zu sagen, dass man sich ausgenutzt oder überfordert fühlt, macht man eben, was die anderen erwarten oder gar verlangen.

  • Wunsch nach Macht

    Mancher Helfer erlebt sich und sein Leben aber auch als ohnmächtig und unbedeutend. Indem er oder sie anderen hilft, empfinden diese Menschen auf einmal Macht und Einfluss (über das Leben anderer). Sie fühlen sich bedeutsam und verantwortungsvoll – und wollen sich dann immer öfter so fühlen.

  • Flucht vor sich selbst

    Statt sich mit den eigenen Problemen, Beürfnissen und Prioritäten zu beschäftigen, flüchten die Betroffenen vor sich selbst, indem er sich mit dem Leid Anderer beschäftigt. Eigene Probleme bleiben so aber unbewältigt und gären.


Zahlreiche Menschen mit Helfersyndrom entwickeln daraus eine veritable Sucht. Wobei sie selbst nicht nur von der täglichen Dosis Anerkennung abhängig werden. Die Helfer brauchen den Hilflosen meist auch, um ihre eigenen Minderwertigkeitsgefühle zu kompensieren.

Nicht wenige Helfer zwingen die Hilfsbedürftigen dabei in wechselseitige Abhängigkeiten, indem sie diese unselbständig und bedürftig halten oder (subtil) Schuldgefühle erzeugen (siehe Grafik).

Helfersyndrom Definition Psychologie wechselseitige Abhaengigkeit

Die Hilfsleistung bleibt dadurch letztlich ein Tauschgeschäft – ein nützliches Arrangement, bei dem der Helfer – im Extrem – dem Hilfsbedürftigen sogar schadet.

Oft liegt der Ursprung dieses Gebraucht-Werden-Wollens in der Kindheit. Womöglich haben die Betroffenen dort erfahren (und entsprechend gelernt und verinnerlicht), dass sie nur dann liebenswert und wertvoll sind, wenn sie sich für andere aufopfern. Im Erwachsenenalter versuchen sie dann auch weiterhin dieses Ideal zu verkörpern und bleiben auf die Helferrolle beziehungsweise Märtyrer-Rolle fixiert.

Typische Glaubenssätze der pathologischen Helfer sind:

  • Ich bin ein guter Mensch – weil ich anderen (in Not) helfe.
  • Ich bin wertvoll – weil ich andere rette und ihnen nütze.
  • Ich werde gebraucht – weil die auf meine Hilfe angewiesen sind.
  • Ich bin kompetent – weil meine Hilfe ja auch wirklich hilft.

Das eigene Handeln – die Hilfe – erscheint dadurch zwar altruistisch, bleibt im Kern aber überwiegend egozentrisch.

Wo kommt der Begriff „Helfersyndrom“ her?

Wo kommt der Begriff Helfersyndrom her?Der Begriff „Helfersyndrom“ wurde erstmals 1977 von dem Psychoanalytiker Wolfgang Schmidbauer in dessen Buch „Die hilflosen Helfer“ erwähnt und beschrieben. Allerdings ist dies bis dato keine wissenschaftlich anerkannte Diagnose, sondern eher eine umgangssprachliche.

In der Psychologie, der Psychotherapie und der Psychoanalyse wird in dem Zusammenhang eher von einer „altruistischen Abtretung“ gesprochen. Die Folgen sind aber dieselben: Die kurzfristige Anerkennung, die mit dem Gefallen oder der Hilfe erzielt wurde, führt direkt in eine Art Abwärtsspirale: Viele Gefälligkeiten mindern die Qualität der eigenen Arbeit, das wiederum mindert die Anerkennung, die man damit erzielt, weshalb die Hilfsdosis zur Kompensation immer weiter erhöht werden muss. Das Finale bilden massiver Stress und totale Erschöpfung.

Das Helfersyndrom kommt zwar in allen Bevölkerungsschichten vor. Besonders häufig ist es aber in sozialen Berufen anzutreffen, wie zum Beispiel Altenpfleger, Arzt, Hebamme, Heilpädagoge, Kindergärtner, Krankenschwester, Lehrer, Pfarrer, Psychologe, Sozialarbeiter, Suchttherapeut, Mitarbeiter in karitativen Einrichtungen. Das bedeutet allerdings nicht, dass es sich hierbei um eine Berufskrankheit handelt. Das Syndrom wird schließlich nicht durch das Arbeitsumfeld verursacht, vielmehr neigen Menschen mit entsprechenden Verhaltensmustern dazu, sich in solchen Berufen zu engagieren.

Checkliste und Test: Leiden Sie am Helfersyndrom?

Checkliste und Test: Leiden Sie am Helfersyndrom?Ob eine(r) noch hilfsbereit ist oder schon am Helfersyndrom leidet, lässt sich nicht immer eindeutig sagen. Die Grenzen sind fließend – und wissenschaftlich auch nicht klar definiert. Aber es gibt ein paar Indizien, die Sie an sich selbst wahrnehmen und beobachten können.

Wir haben diese in Form einer Checkliste und Fragen formuliert, die wie ein kleine Selbsttest funktionieren. Je öfter Sie den Fragen zustimmen können, desto wahrscheinlicher ist es, dass Sie an einem Helfersyndrom leiden:

  • Fällt es Ihnen schwer, eigene Ziele und Wünsche zu formulieren?
  • Wissen Sie mehr über die Bedürfnisse anderer, als über Ihre eigenen?
  • Verleugnen Sie Ihre Bedürfnisse gerade?
  • Lehnen Sie selbst Unterstützung durch andere ab?
  • Helfen Sie anderen oft ungefragt?
  • Haben Sie das Gefühl, Menschen anzuziehen, die Hilfe brauchen?
  • Haben Sie ein schlechtes Gewissen, wenn Sie einen Gefallen ablehnen oder Ihr Leben leben?
  • Finden Sie es falsch, das Leben zu genießen?
  • Fühlen Sie sich besser oder geliebter, wenn Sie anderen helfen?
  • Empfinden Sie Genugtuung, wenn andere Ihre Hilfe brauchen?
  • Fühlen Sie sich zugehöriger im Team, wenn Sie Gefallen gewähren?
  • Erfüllen Sie Erwartungen auch dann, wenn Sie Zweifel an deren Berechtigung haben?
  • Erwarten Sie für Ihre Hilfe Anerkennung und Dankbarkeit?
  • Sind Sie latent verbittert über den Undank anderer?
  • Halten Sie sich für einen edlen Menschen – eigentlich zu nobel für diese Welt?
  • Geben Sie mehr, als Sie bekommen?
  • Haben Sie Angst vor den Konsequenzen, wenn Sie mal Nein sagen?
  • Neigen Sie zu Schwermut und Weltschmerz?
  • Fühlen Sie sich zunehmend erschöpft und ausgelaugt?
  • Oder fühlen Sie sich gar ausgenutzt und missbraucht?
  • Nehmen Sie bereits Medikamente, um der Überlastung standzuhalten?
  • Rationalisieren Sie Ihr Verhalten gerade durch angebliche moralische Notwendigkeiten?
  • Hilft Ihnen das Helfen, um Ihrem Leben einen Sinn zu geben?

Das Dramadreieck nach Stephen Karpman

Dramadreieck nach Stephen KarpmanSchon im Jahr 1968 entwickelte der kalifornische Psychologe Stephen Karpman das sogenannte Dramadreieck, um die Probleme zwischenmenschlicher Beziehungen zu beschreiben. Für ihn übernehmen Menschen dabei drei ständig wechselnde Rollen – Verfolger, Opfer, Retter.

Konkret sähe das Rollenspiel des Dramadreiecks dann zum Beispiel so aus:

  • Chef Meier beschuldigt die Mitarbeiter, dass sie schlechte Ergebnisse abliefern. So wird er ihr Verfolger, die Mitarbeitern seine Opfer.
  • Nun springt Abteilungsleiter Schulze-Huber ein und rechtfertigt das schlechte Abschneiden – er ist der Retter.
  • Daraufhin moniert Meier: „Wir müssen trotzdem Leute entlassen, der Wettbewerb zwingt uns dazu.“ Jetzt macht er sich zum Opfer.
  • Hätte Schulze-Huber seinen Laden im Griff, müsste es nicht so weit kommen. Meier ist jetzt dessen Verfolger.
  • Daraufhin versuchen die Mitarbeiter Schulze-Hubers Ruf zu retten. Und so weiter.

Sie merken schon: Das Drama – es entspinnt sich wie in einer TV-Soap immer wieder aufs Neue. Ein nie enden wollendes Schauspiel.

Dramadreieck Erfolgsdreieck Karpmann Karrierebibel Grafik

Das Bemerkenswerte daran: Das alles sind – trotz wechselnder Rollen – stabile Beziehungen. Aber sie belasten. Das Dramadreieck ist ein manipulatives System. Es spielt mit dem Hin- und Herschieben von Verantwortungen, mit Schuldzuweisungen, Enttäuschungen und dem schlechten Gewissen.

  • Typische Methoden des Verfolgers:

    Der Verfolger ist spitze darin, alles besser zu wissen, zu kritisieren, zu kontrollieren, zu drohen, einzuschüchtern, zu demütigen.

  • Typische Verhaltensweisen des Opfers:

    Das Opfer soll (und will) sich für alles verantwortlich fühlen, hilflos und ohnmächtig sein. Opfer sind deshalb keinesfalls passiv: Sie zwingen andere mehr oder weniger subtil in die Verfolgerrolle und manipulieren durch das schlechte Gewissen.

  • Typische Verhaltensweisen des Retters:

    Der Retter beherrscht scheinbar das Drama, doch auch er manipuliert: Er macht die anderen bewusst klein, damit er größer wirkt.

Dieses Beziehungstrio ist nichts weiter als eine neurotische Symbiose. Jeder versucht aus seiner Rolle Anerkennung und Aufmerksamkeit zu gewinnen. Ein Teufelskreis.

Wege aus dem Helfersyndrom: Lebenslust statt Helfersfrust

Sich aus der Co-Abhängigkeit und von dem ungesunden Hilfseifer zu befreien, ist nicht leicht. Den ersten Schritt haben Sie mit dem obigen Test aber vielleicht schon getan: Sie haben das Problem erkannt und akzeptiert, dass hinter Ihrer Hilfsbereitschaft noch andere (eigennützige) Motive stecken.

Das ist – zugegeben – erst einmal unangenehm:

  • Zum einen, weil man sich eingestehen muss, doch nicht so edel und selbstlos zu sein, wie man denkt.
  • Zum anderen, weil man erkennen muss, für sein Helfersyndrom selbst (psychologische) Hilfe zu benötigen.

Womöglich führt auch kein Weg an psychotherapeutischer Hilfe vorbei – etwa, um das eigene Selbstwertgefühl zu stärken und die Abhängigkeit von der Anerkennung und Zuneigung anderer zu überwinden.

Vorher allerdings können Sie sich schon bewusst machen, dass Ihr Wert nicht von den Urteilen anderer abhängig ist und Ihre Taten auch nicht nachträglich abgesegnet werden müssen.

Nehmen Sie in jedem Fall die körperlichen (Frust, Erschöpfung, …) und seelischen (ausgelaugt, missbraucht, …) Symptome zum Anlass, um Ihr Verhalten zu überdenken und zu ändern. Der Weg aus der Helfersyndrom-Spirale ist letztlich der Weg zu geistiger Unabhängigkeit und mentaler Stärke.

Zwar sollten Sie damit rechnen, dass Sie manche Menschen, die Ihre Hilfsbereitschaft in der Vergangenheit nur zu gerne (aus)genutzt haben, ihr neues Verhalten als egoistisch brandmarken. Doch das ist es eben nicht: Sie betreiben lediglich gesunden Selbstschutz. Ihre Bedürfnisse sind schließlich nicht weniger wert, als die der anderen – schon gar nicht, wenn dadurch Partnerschaft, Familie und Freunde zu kurz kommen.

Betreiben Sie nicht weiter Raubbau am eigenen Körper und der eigenen Seele. Lernen Sie Grenzen zu setzen, öfter „Nein“ zu sagen – und auch mal nicht zu helfen, insbesondere wenn es nicht wirklich notwendig ist oder Sie nicht darum gebeten werden.

Akzeptieren Sie, dass das zunächst zu schlechten Gefühlen führt – das sind klassische Entzugserscheinungen. Auch wenn Sie jetzt Angst bekommen, ein schlechter oder egoistischer Mensch zu sein, wenn Sie Ablehnung und Ausgrenzung erfahren – lernen Sie das auszuhalten. Sie sind auch dann noch liebenswert und wertvoll, wenn Sie an sich denken.

Kaum ein Mensch kann immer nur geben. Muss er auch nicht. Es gibt schließlich auch noch andere Menschen, die helfen können. Und keinem ist mit ausgebrannten, unglücklichen Helfern geholfen. Fürsorge und Mitgefühl sind eben nur solange Tugenden, wie sie uns selbst nicht schaden.

[Bildnachweis: Doppelganger4 by Shutterstock.com]
24. September 2017 Autor: Jochen Mai

Jochen Mai ist Gründer und Chefredakteur der Karrierebibel. Er doziert an der TH Köln über Social Media Marketing und ist gefragter Keynote-Speaker. Zuvor war der Diplom-Volkswirt als Journalist tätig - davon 13 Jahre als Ressortleiter der WirtschaftsWoche.

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