Work-Life-Balance: 5 Antithesen + 9 Tipps fürs Gleichgewicht

Perfektes Gleichgewicht zwischen Arbeit und Leben – die Suche nach Work-Life-Balance beschäftigt viele. Dabei ist der Begriff eine Mogelpackung. Er suggeriert zwei Extrempole, die es nicht gibt: Wer arbeitet, lebt – da gibt es keinen Gegensatz. Vielmehr können Leben und Arbeit wunderbar symbiotisch miteinander verbunden sein, einander stärken und befruchten. Ein entspannter Bürokaffee kann nach einem aufreibenden Familienwochenende genauso entspannend sein. 5 Antithesen zur klassischen Work-Life-Balance und worauf Sie sich stattdessen konzentrieren sollten…

Work-Life-Balance: 5 Antithesen + 9 Tipps fürs Gleichgewicht

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Definition: Vorstellungen von Work-Life-Balance

Der Anglizismus Work-Life-Balance beschreibt den als ideal geltenden Zustand, in dem das Berufs- und Privatleben im Gleichgewicht sind. Beruflich muss nicht zurückgesteckt oder zu viel gearbeitet werden – gleichzeitig kommt die Familie nicht zu kurz und es gibt genügend Zeit für Hobbys und private Ziele.

Allerdings wird die Work-Life-Balance inhaltlich teilweise unterschiedlich ausgelegt:

  • Gegensätzliche Lebensbereiche
    Wortwörtlich geht es um die Balance zwischen Arbeit und Leben. Diese Interpretation legt einen Dualismus zwischen beiden Bereichen nahe. Ein Gegensatz, den es zu verbinden gilt.
  • Verbindung der Lebensbereiche
    Auf der anderen Seite meint Wort-Life-Balance oft die Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Hier sind die Bereiche nicht getrennt, sondern gehören eng zusammen.
  • Überwiegen des priorisierten Lebensbereichs
    Wenngleich diese Deutung sich mit dem Wort „Balance“ beißt – teilweise wird Work-Life-Balance auch als ein Zustand interpretiert, bei dem der priorisierte Lebensbereich überwiegt.

Keine dieser singulären Deutungen wird der Realität wirklich gerecht. Es ist eine Mischung aus alledem. Letztlich steckt hinter Work-Life-Balance der Wunsch vieler Arbeitnehmer, das eigene Leben mit seiner gesamten Komplexität in den Griff zu bekommen. Abhängig ist das meist von Zeit und Ressourcen.

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5 Anti-Thesen zu Work-Life-Balance

Hinter dem allgegenwärtigen Streben nach Work-Life-Balance stehen einige falsche Annahmen. Arbeitnehmer laufen einer Vorstellung hinterher, die sich so nicht umsetzen lässt. Wir haben deshalb 5 Anti-Thesen zu Work-Life-Balance erstellt:

1. Work-Life-Balance ist ein Mythos

Der allzeit perfekte Ausgleich, die virtuose Balance zwischen Beruf und Privatleben gelingt nicht. Kann sie auch nicht: Sie ist ein Mythos – an dem allerdings Trainer und Quacksalber kräftig verdienen. Natürlich lassen sich Prioritäten setzen, Pläne machen, Kalender und Listen führen.

Solch ein Selbstmanagement mag akutes Chaos auf dem Schreibtisch lindern, aber ist das Leben deswegen schon in Balance? Wohl Kaum.

Das Leben ist schlicht nicht planbar. Zufälle passieren beruflich wie privat. Wer diese krampfhaft kontrollieren will, erzeugt nur neuen Stress: den, immer perfekt zu sein, immer geplant einen Erfolgsschritt nach dem anderen zu absolvieren. Doch Leben ist vor allem Überleben durch Anpassungsfähigkeit. Alle anderen Versuche müssen schiefgehen.

2. Der Begriff selbst ist Bullshit

Schon der Begriff Work-Life-Balance ist ein Widerspruch in sich: Er erklärt Leben und Arbeit zu Gegensätzen. Unfug! Wer arbeitet, der lebt dabei. Da gibt es nichts auszugleichen. Vielmehr ist der Beruf für viele sogar absolut notwendig für Glück und Zufriedenheit. Die Ursache dafür ist die Arbeit und nicht – wie oft fälschlicherweise angenommen – die Höhe des Einkommens.

Schon für Literaturnobelpreisträger Thomas Mann war Arbeit schwer und manchmal „ein freudloses und mühseliges Stochern; aber nicht [zu] arbeiten – das ist die Hölle“. In einem Beruf, der uns erfüllt, spielt die Menge der Zeit, die wir dafür investieren, keine Rolle.

Oder um es mit Mark Twain zu sagen: „Je mehr Vergnügen du an deiner Arbeit hast, desto besser wird sie bezahlt.“ Arbeit ist eben nicht nur Broterwerb. Sie sollte mit Freude und Leidenschaft ausgeübt werden

3. Der Mensch ist von Natur aus unausgeglichen

Sigmund Freud meinte, dass Unausgeglichenheit ein wesentlicher Teil unserer Existenz sei. Sie ist unser Motor für Engagement und Kreativität. So stammt denn auch das Wort „Karriere“ aus dem Französischen und bedeutete einmal „Rennbahn“. Karriere machen die Schnellsten und Besten, nicht die Ausgeglichenen.

Zahlreiche Unternehmer, Manager oder Leistungsträger sind gerade deshalb so erfolgreich, weil sie von dieser inneren Unruhe getrieben werden. Sie wollen sich ständig verbessern, müssen sich und anderen beweisen, dass sie „nicht wertlos sind“, wie Freud schrieb. Das Ergebnis ist große Produktivität und daraus resultierender Erfolg.

4. Es geht nicht um Balance, sondern um Rhythmus

Der Mensch ist keine Maschine, die sich an- und ausschalten lässt. Es gibt Phasen, die verlangen von uns volle Konzentration und vollen Einsatz. Vielleicht sogar über 10, 12 und 14 Stunden am Tag hinaus. Schlaf wird zur Mangelware, Freundschaftspflege zum Luxus. Aber diese Phasen gehen vorbei, und ihnen folgen in der Regel Zeiten des Ausgleichs und der Muße. Mal länger, mal kürzer.

Schon diese Abwechslung sorgt in gewisser Weise für Balance, genau wie Wach- und Schlafphasen auch. Der Mensch ist ein rhythmisches Wesen: Fachleute sprechen dabei auch vom Bio- oder Chronorhythmus und den Zirkadianen Rhythmen.

Zufriedenheit und Ausgeglichenheit entstehen, wenn Sie Ihren eigenen Rhythmus finden. Über den Tag verteilt genauso, wie innerhalb von Wochen, Monaten und Jahren. Managen Sie dabei nicht die Zeit, sondern Ihre eigene Energie. Machen Sie Pausen, wenn der Körper sie braucht und arbeiten Sie nicht gegen Ihren individuellen Rhythmus. DAS bringt Sie aus der Work-Life-Balance!

5. Ausgleich braucht Visionen

Oft beschäftigen wir uns mit dem Balance-Akt, weil wir das Gefühl haben, mit ein wenig besser organisierter Zeit besser leben und arbeiten zu können. Fehler! Ein optimiertes Selbstmanagement, das nur dazu dient, mehr Dinge in den Tagesablauf hinein zu pressen, muss scheitern. Wir verdichten so nur den Druck.

Ohne eine klare Vorstellung davon, was sich wie ändern soll und warum, bleiben Zeitmanagement-Methoden letzten Endes bloße Techniken. Getreu dem Bonmot: A fool with a tool is still a fool. Erst der übergeordnete Kontext gibt dem Ausgleich einen tieferen Sinn. Dahinter stecken Fragen, wie:

  • Warum will ich mich überhaupt verändern?
  • Welche Freiräume schaffe ich mir durch mehr Ausgleich?
  • Und was will ich damit (besser) machen?

Ein verbreiteter Fehler der Work-Life-Balance ist es zudem, Lebensbereiche auszuklammern. Die Arbeit im Büro wird optimiert und ausgeglichen, alle anderen sozialen Kontexte bleiben unberührt. Dabei fehlt Zeit, die man etwa dem Hobby widmet, wiederum der Familie. Echter Ausgleich muss daher alle Lebensbereiche adressieren.

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Balance ist kein echtes Gleichgewicht

Nur wenn wir Arbeit als normalen Teil unseres Lebens begreifen und zusammen mit anderen Bereichen im Blick haben, können wir eine echte, individuell passende Balance erreichen und bewahren.

Work-Life-Balance bedeutet dabei eben nicht, dass alle Bereiche gleich stark ausgeprägt sind oder gleich viel Aufmerksamkeit erhalten. Die erwünschte Balance ist kein vollkommenes Gleichgewicht. Es bedeutet vielmehr, dass die Verteilung der Zeit und Energie ganz bewusst nach unseren Wünschen gestaltet wird. Heißt konkret:

  • Manche Menschen sind im Gleichgewicht, wenn sie 12 Stunden am Tag arbeiten.
  • Andere wollen nur in Teilzeit arbeiten, um sich der Familie zu widmen.
  • Wieder andere räumen sich viel Zeit für ein Hobby ein, dem Sie ganz alleine nachgehen.

So kann Work-Life-Balance erreicht werden, wenn 80 Prozent der Zeit in die Arbeit fließen und nur ein kleiner Teil für das Privatleben bleibt. Andersherum funktioniert es genauso. Welche Verteilung gewünscht ist, kann und muss jeder selbst entscheiden. Und natürlich kann sich dies mit der Zeit verändern. Prioritäten verschieben sich und somit auch das angestrebte Verhältnis der Work-Life-Balance.

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Tipps: So erreichen Sie ein Lebensgleichgewicht

Die Wahrheit ist also: Es geht nicht in erster Linie um die oft angepriesene Work-Life-Balance. Vielmehr gibt es so etwas wie Lebensbalance. Jeder Abschnitt verlangt von uns neue individuelle Prioritäten in denen wir uns immer wieder neu entscheiden müssen.

Auch sollten Sie sich nicht nur auf Arbeit und Privatleben konzentrieren. Zu einem erfüllenden Gleichgewicht gehören vier wichtige Säulen:

  • Beruf und Finanzen
  • Familie und Freunde
  • Gesundheit und Fitness
  • Sinn und Kultur

Diese müssen Sie ausbalancieren und flexibel an Ihre Erwartungen, Ziele und Wünsche anpassen. Mal geht der Beruf vor, mal das Private. Um das große Ganze im Blick zu behalten und eine Balance im Leben zu erreichen, können diese drei Fragen helfen:

  • Was will ich wirklich?
    Nehmen Sie sich Zeit für eine ehrliche Selbstreflexion: Was sind Ihre Erwartungen und Ziele? Was wollen Sie erreichen? Wo liegen Ihre Prioritäten? Eine ehrliche Antwort hilft Ihnen dabei, die Bereiche in die für Sie passende Balance zu bringen.
  • Wo werde ich keine Kompromisse eingehen?
    Eine schwierige Frage, die Sie zwingt, sich festzulegen: Welcher Bereich ist Ihnen aktuell besonders wichtig? Hier sollte in der aktuellen Balance der Fokus liegen. Um langfristig zufrieden zu sein, müssen Sie sich diese Frage aber regelmäßig stellen. So werden mögliche Veränderungen erkannt.
  • Was macht mich unglücklich?
    Zu oft finden wir uns mit Situationen ab, die aus dem Gleichgewicht bringen und unglücklich machen. Identifizieren Sie diese Bereiche und arbeiten Sie besonders daran, diese zu verändern. Vielleicht braucht es mehr Zeit für Freizeit, Sie müssen sich mehr um Ihre Freunde kümmern oder Sie wollen im Job mehr erreichen.

Wenn die Work-Life-Balance aus dem Gleichgewicht gerät

Manchmal kann es trotzdem notwendig sein, kurzfristig die Work-Life-Balance ins richtige Verhältnis zu rücken. Die beiden Bereiche sind zwar keine Gegensätze – trotzdem darf das Leben nicht nur aus Arbeit bestehen. Sonst drohen nicht nur Folgen für die Zufriedenheit, sondern auch die Gesundheit. Mit den folgenden Tipps können Sie dies verhindern:

  • Überstunden vermeiden
    Eine gelegentliche Überstunde bringt die Work-Life-Balance nicht durcheinander. Sind diese aber ein Dauerzustand, ist es Zeit zu handeln. Nur wenn Sie Ihre Arbeitszeiten einhalten, bleibt genügend Freiraum für ein ausgeglichenes Privatleben.
  • Feierabend einhalten
    Dienst ist Dienst und Schnaps ist Schnaps. Sie sollen natürlich nicht dem Alkohol verfallen, doch sollten Sie den Feierabend möglichst respektieren. Es braucht den oben bereits beschrieben Rhythmus von Arbeit und Freizeit – keine Arbeitstage von 24 Stunden.
  • Sozialleben pflegen
    Unter schlechter Work-Life-Balance leiden zuerst die sozialen Kontakte zu Freunden, aber auch der Familie. Nehmen Sie sich ganz bewusst Zeit, um diese zu pflegen. Aber auch ein gutes Verhältnis zu Kollegen und Vorgesetzten ist wichtig. Es trägt entscheidend dazu bei, den Arbeitsplatz als wertvollen Bestandteil des eigenen Lebens zu sehen.
  • Zeitfresser ausschalten
    Der Eindruck, dass alles im Ungleichgewicht ist, entsteht vor allem, wenn wir uns den falschen Dingen widmen – egal ob beruflich oder privat. Wir verschwenden unsere Zeit mit Telefonaten Mails, Surfen und unwichtigen Nebensächlichkeiten. Begrenzen Sie diese Zeitfresser ganz gezielt. Das hilft ungemein, um ein zufriedenstellendes Gleichgewicht wiederherzustellen.
  • Ausgleich suchen
    Ein Gleichgewicht entsteht nur, wenn es den entsprechenden Ausgleich gibt. Das kann regelmäßiger Sport sein, aber auch der gemütliche Abend auf der Couch mit dem Partner oder ein Wochenende, an dem Sie nur mit den Kindern spielen. Kurz: Tun Sie das, was Ihnen wirklich gut tut.
  • Hinterfragen Sie Ihren Beruf
    Wenn es hart auf hart kommt, stellen Sie sich eine ernste Frage: Wie hoch ist Ihre Jobzufriedenheit? Oder anders ausgedrückt: Sind Sie in dem Beruf, den Sie machen wollen? Work-Life-Balance und ein Gefühl der Zufriedenheit sind das Ergebnis, wenn Sie Ihren Job lieben.

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[Bildnachweis: Karrierebibel.de]
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27. November 2020 Jochen Mai Autor: Jochen Mai

Jochen Mai ist Gründer und Chefredakteur der Karrierebibel. Der Autor mehrerer Bücher doziert an der TH Köln und ist gefragter Keynote-Speaker, Coach und Berater.


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