Work-Life-Separation: Klare Trennung für mehr Wohlbefinden

War gestern noch Work-Life-Blending in aller Munde, ist es nun Work-Life-Seperation. Was ist passiert? Folgt man den Ausführungen von Experten wie dem Wirtschaftswissenschaftler Christian Scholz, dann haben sich die Prioritäten bei der jüngsten Arbeitnehmergeneration, der sogenannten Generation Z, im Vergleich zur Vorgängergeneration verschoben. Im Mittelpunkt ist das immer gleiche Streitthema. Wie viel Arbeit muss sein? Wie viel Freizeit darf sein? Und wie lässt sich beides zur Zufriedenheit aller Beteiligten verbinden? Über die Vor- und Nachteile der Work-Life-Seperation…

Work-Life-Separation: Klare Trennung für mehr Wohlbefinden

Wandel der Arbeit im 21. Jahrhundert

Die Arbeitswelt der Gegenwart ist nur schwer mit der Arbeitswelt vor 40, 50 Jahren zu vergleichen. Natürlich hat es immer schon Phasen der Konjunktur und dann der Arbeitslosigkeit gegeben. Aber der Wandel, der durch die Digitalisierung geschieht, ist etwas Grundsätzliches.

Technische Innovationen, veränderte gesellschaftliche Werte und Normen tragen dazu bei, dass Arbeits- und Privatleben weniger schematisch und vorhersagbar verlaufen als früher. Teilweise ist dieser Wandel gewollt, teilweise wird er von Unternehmen maßgeblich vorangetrieben.

Dabei wird immer die gegenwärtige Generation ins Visier genommen; die Ansprüche und Forderungen der jeweiligen Vertreter. Dass Arbeitgeber sich darauf einrichten, lässt sich vor allem dann beobachten, wenn der Stellenmarkt ein Arbeitnehmermarkt ist. Unternehmen werben vermehrt um die Gunst möglicher Kandidaten, denn es gibt mehr offene Stellen als Bewerber.

In dieser Situation sind Arbeitnehmer heutzutage. Die Arbeitslosigkeit ist so gering wie lange nicht mehr, der Fachkräftemangel infolge geburtenschwacher Jahrgänge umso größer.

Ausgleich oder verschmelzende Lebensbereiche?

Der Ansatz von Work-Life-Separation lässt sich vor allem verstehen, wenn die Ideen von Work-Life-Balance und Work-Life-Blending bekannt sind. Ausgehend von diesen arbeitsmarkttechnischen Veränderungen war vorherrschende Meinung die letzten Jahre, dass Arbeit und Privatleben kaum noch trennbar sind.

  • Work-Life-Balance

    Dieser Theorie liegt die Idee zugrunde, dass es eines exakten Ausgleichs für Arbeit im Leben bedarf. Dass es der Erholung von Arbeit bedarf, ist unbestritten. Allerdings wird Work-Life-Balance viel zu häufig als Gegensatz begriffen, so als ob Arbeit in der einen und das Leben in der anderen Lebenshälfte des Menschen stattfinden würde. Das entspricht aber nicht der Realität mit geschäftlichen E-Mails, die vom Smartphone Zuhause aus beantwortet werden. Und es trägt nicht der Tatsache Rechnung, dass Arbeit zum Leben dazugehört, viele Menschen sich mit ihren Jobs identifizieren, ihre Arbeit gerne machen und ihr Selbstwertgefühl daraus ziehen.

  • Work-Life-Blending

    Work-Life-Blending beschreibt die fortschreitende Verschmelzung von Arbeit und Privatleben. Arbeitsort und -zeiten sind nicht mehr festgelegt, klar definiert ist lediglich die zu erbringende Leistung. Diese Entkopplung der Arbeit von Zeit und Ort wird erst durch die neuen Technologien und das Internet ermöglicht. Mit dem Laptop vom Café aus arbeiten oder bei schönem Wetter auf dem Balkon zu sitzen ist ebenso akzeptiert wie vom Büro aus zu arbeiten.

Definition Work Life Separation Work Life Blending Work Life Balance

Internetkonzerne wie Google und hippe Start-ups gestalteten ihre Unternehmen völlig anders als bisher. Statt fester Arbeitszeiten und fester Arbeitsbereiche gibt es nun ein Portfolio an Möglichkeiten. Arbeiten im Home Office ist längst schon Selbstverständlichkeit.

Desk Sharing ermöglicht die effiziente Nutzung von Arbeitsplätzen, indem niemand mehr einen festen Schreibtisch hat, dafür im Krankheitsfalle oder bei Urlaub des Mitarbeiters leere Arbeitsplätze anderweitig genutzt werden können.

Work-Life-Separation versus Work-Life-Blending

Alles wieder auf Anfang – das ist die Kurzfassung dessen, was Work-Life-Separation bedeutet. Zurück zur guten alten Zeit, als es noch klare Regeln und Absprachen gab. Arbeit gehört in die eine, Freizeit in die andere Sphäre. Scholz, Professor für Betriebswirtschaft an der Universität des Saarlandes, beschäftigt sich aus wissenschaftlicher Perspektive mit den unterschiedlichen Generationen.

In seinen Untersuchungen zur Generation Z kommt er zu dem Ergebnis, dass diese an der Vorgängergeneration gesehen habe, wohin Work-Life-Blending führt. Die sogenannte Generation Y zählt zu den leistungsorientierten. Ihre Vertreter sind Digital Natives, der Umgang mit modernen Kommunikationsmedien ist für sie also selbstverständlich.

Zur Freude vieler Arbeitnehmer, die die Bereitwilligkeit der Generation Y zu mehr Einsatz dankbar aufgegriffen, aber nicht immer angemessen honoriert habe. Geführt hat das zur Vermischung von Privatem und Beruflichem – beispielsweise geschäftliche Termine am Wochenende oder wenn andere eigentlich Freizeit haben.

Die Generation Z hingegen sei laut Scholz ein Fan klarer Strukturen: Die Arbeitszeit ist fest umrissen, es gibt arbeitsfreie Abende und Wochenenden. Flexibilität wird eher arbeitnehmerseitig interpretiert als die Möglichkeit, eigene Termine rund um die Arbeit zu legen.

Im Work-Life-Blending liege eher die Gefahr zur Selbstausbeutung, denn in der Theorie sei es zwar zum beiderseitigen Interesse angelegt. In der Praxis würde es jedoch die Arbeit klar bevorzugen. Der Chef, der im Feierabend anruft, ist selbstverständlich. Das private Surfen im Büro hingegen weniger.

Die Frage die sich stellt: Ist eine Work-Life-Separation, also eine strikte Trennung zwischen Arbeit und Beruf überhaupt möglich? Und wenn ja: Ist sie gewollt?

Work-Life-Blending unerwünscht

Christian Scholz zweifelt das an. Er spricht von einer Mogelpackung, auch wenn etliche Arbeitgeber das anders sehen und ein Hohelied auf Work-Life-Blending singen. Der Ökonom und Personalexperte Scholz untersucht, wie Arbeitnehmer heutzutage auf die Anforderungen des Arbeitslebens reagieren.

Lange Zeit galt Flexibilität als Zauberwort, entpuppte sich allerdings für einige Arbeitnehmer in den letzten Jahren als Einbahnstraße. Flexibel ist häufig alles, was mit der Arbeit zusammenhängt, aber längst nicht die Gestaltungsmöglichkeiten außerhalb dessen. Dazu kommt, dass es oft nur ein Synonym für mangelnde Planung des Personalmanagements ist.

Denn würde zuvor ein Plan entwickelt, so dass die Aufgabenaufteilung in Teams klar ist, könnte beispielsweise auf spontan einberufene Meetings verzichtet werden. Diese reißen die Mitarbeiter aus der Arbeit, die Zeit des Arbeitnehmers wird verfügbar, und zwar ständig.

Das habe konkrete Nachteile, denn gefühlt wird Work-Life-Blending somit zur Dauer-Bereitschaft, Ruhephasen bleiben auf der Strecke. Gesundheitliche Probleme sind die Folge. Dabei gebe es keinerlei Studien, die eine Steigerung der individuelle Arbeitsleistung durch Work-Life-Blending belegen.

Anders hingegen seien die Vorteile durch bewusstes Abschalten bekannt. Das spricht klar für Work-Life-Separation.

Die Work-Life-Seperation scheint für die Generationen X und Y, die heutigen Arbeitnehmer, weniger von Bedeutung zu sein. Da jede Generation vor dem Hintergrund kollektiver Erfahrungen zu sehen ist, spielen arbeitsmarkttechnische Unterschiede eine Rolle.

Denn beide Generationen sind in einem Arbeitgebermarkt aufgewachsen, das heißt, die Nachfrage nach passenden Jobs war größer als das Angebot. Viele konnten es sich schlichtweg nicht leisten, hohe Ansprüche zu stellen. Anders die Generation Z. Der Fachkräftemangel bringt sie in die angenehme Lage, sich Jobs aussuchen zu können.

Andererseits stellt sich die Frage, ob solche beobachteten Gegensätze sich immer aufrecht erhalten lassen? Generationen sind keine homogene Masse, oft lassen sich Überschneidungen feststellen. Und letztlich ist die Frage nach Work-Life-Separation eine Frage der Persönlichkeit und des Berufes.

Gerade bei Selbständigen dürfte so eine scharfe Trennung häufig weder gewollt noch ohne Weiteres möglich sein.

Klare Trennung hilft bei Priorisierung

Wer das Gefühl hat, in zu vielen Verpflichtungen verstrickt zu sein, sollte seine Arbeitsweise auf den Prüfstand stellen. Eine Erkenntnis dabei: Wenn Work-Life-Blending als Multitasking-Versuch praktiziert wird, kann es nicht funktionieren.

Ganz gleich, ob Sie geschäftliche Mails beantworten, während Sie gleichzeitig zuhause die Kinder hüten oder mitten im Meeting private Textnachrichten schreiben: Eine Sache kommt dabei immer zu kurz.

Dass das analoge Leben häufig hinter dem digitalen zurücktritt oder gar davon überlappt wird, lässt sich im öffentlichen Raum häufiger beobachten – seien es Familien in Restaurants, die sich nichts zu sagen haben, oder mit weitaus gefährlicheren Konsequenzen: Autofahrer, die noch auf der Autobahn am Handy herumspielen.

Was ursprünglich mal als Erleichterung gedacht war, hat Kritikern zufolge überwiegend dem Arbeitsbereich Vorteile gebracht. Daher gibt es einen Bedarf an Work-Life-Separation. Eine regelrechte Ausgeglichenheit, wie sie der Work-Life-Balance zugrunde liegt, kann es schon rein rechnerisch nicht geben.

Gehen wir von sieben Lebensbereichen aus, die für die meisten Menschen von Bedeutung sind:

  • Arbeit
  • Beziehungen
  • Finanzen
  • Gesundheit
  • Wohnung
  • Selbstverwirklichung
  • Überzeugungen

Die vorliegende Liste spiegelt nicht zwangsläufig eine bestimmte Gewichtung wider. Sie verdeutlicht aber, dass es unmöglich ist, sich gleichermaßen intensiv um alle diese Bereiche zu kümmern, um eine ideale Balance herzustellen – schon gar nicht, wenn Sie von einer üblichen 40-Stunden-Woche ausgehen.

So gelingt die Work-Life-Separation

Moderne Kommunikationsmedien wie Smartphones sind häufig Fluch und Segen gleichermaßen, denn sie verleiten dazu, Privates und Berufliches zu vermischen. Bei der Work-Life-Separation geht weniger um die Balance, vielmehr darum, sich bewusst auf eine Sache auszurichten.

Das war auch ein Fazit der Autoren Jake Knapp und John Zeratsky, die die Highlight-Strategie entwickelten. Knapp ertappte sich dabei, wie er unentwegt auf sein Handy glotzte, während seine Kinder spielten, obwohl er sich eigentlich extra für sie freigenommen hatte.

Um Work-Life-Separation zu praktizieren, sollten Sie folgendermaßen vorgehen:

  • Problem erkennen

    Ein erster Schritt besteht darin, sich einzugestehen, dass Sie ein Problem haben. Das ist wichtig, wenn Sie bereits ein gewisses Suchtverhalten im Umgang mit modernen Medien an den Tag legen. Ebenso kann es sein, dass Sie für sich feststellen, dass Sie Aufgabenbereiche gerne anders strukturieren möchten, dass Sie anderen Lebensbereichen mehr Gewicht geben möchten. Wichtig ist hierbei, die jeweiligen Bereiche zu identifizieren, mit denen Sie unzufrieden sind.

  • Wünsche entwickeln

    Ausgehend von den identifizierten Bereichen sollten Sie Ihre Wünsche festhalten. Wie stellen Sie sich ideale Bedingungen vor? Welche Visionen haben Sie? Machen Sie eine Liste mit den Werten, die Ihnen wichtig sind und überprüfen Sie, inwieweit Ihre gegenwärtige Situation mit ihnen in Einklang steht. Natürlich können Sie nicht von heute auf morgen alles über den Haufen schmeißen. Ein Anfang ist gemacht, wenn Sie einen Überblick haben, was im Argen liegt und was gut läuft.

  • Änderungen wollen

    Irgendwann gilt es den Gedanken Taten folgen zu lassen. Wer zu dem Schluss kommt, dass ihm seine Gesundheit wichtig ist, sie aber in der Vergangenheit vernachlässigt hat, könnte seine Ernährung umstellen oder mehr Sport einbauen. Wird nichts unternommen, um diesen als Wert identifizierten Lebensbereich zu verbessern, sollte man sich entweder eingestehen, dass Gesundheit entweder für einen selbst eine untergeordnete Rolle spielt oder sich darüber im Klaren sein, dass hier ein großer Quell für Frustration liegt. Wer konsequent gegen seine eigenen Werte und Wünsche handelt, wird im Gegenzug gestresst und wütend sein. Sie sollten diese Änderungen also wirklich wollen.

  • Gewohnheiten ändern

    Der Mensch ist ein Gewohnheitstier. Das gilt für schlechte als auch für gute Angewohnheiten. Idealerweise sollten Sie sich einige gute zulegen, die Ihnen dabei helfen, Sie bei Ihrem Vorhaben zu unterstützen. Wenn Sie eine Routine entwickeln und gewissermaßen Verabredungen mit sich selbst treffen, gibt ihnen das nicht nur eine neue Struktur, sondern hilft Ihnen aktiv dabei, Ihre Ziele umzusetzen. Beispielsweise könnten Sie sich zwei feste wöchentliche Termine zum Joggen in den Kalender eintragen. Diese Termine halten Sie ein, egal ob bei Sonne oder Regen.

  • Grenzen setzen

    Es mag auf den ersten Blick widersprüchlich klingen; wer sein Leben als zu voll mit Verpflichtungen empfindet, bürdet sich weitere auf, um die Work-Life-Separation hinzubekommen? Tatsächlich ist es aber so, dass die Dinge, die Sie für wichtig erachten, hervorragende Grenzen für das sind, das Sie mehr in die Schranken weisen wollen. Dabei ist es ganz gleich, ob Sie mehr Zeit für eine Fortbildung, einen Schwimmkurs oder für Ihre Präsentation nächste Woche haben wollen. Unterm Strich werden Sie mehr schaffen, wenn Sie Dinge klar terminieren und diese Termine auch einhalten. Verabreden Sie sich mit einem Freund zum Joggen, wird es schwerer fallen, diesen abzusagen. Gleichzeitig ist klar, dass Sie bis dahin alles Wichtige geschafft haben müssen.

[Bildnachweis: by Shutterstock.com]
15. November 2018 Autor: Anja Rassek

Anja Rassek studierte u.a. Germanistik an der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster. Sie arbeitete danach beim Bürgerfunk und einem Münsteraner Verlag. Bei der Karrierebibel widmet sie sich Themen rund ums Büro, den Joballtag und das Studium.

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