Work-Life-Blending: Fluch oder Segen?

Morgens um 8 oder 9 Uhr anfangen, nachmittags um 17 Uhr das Büro verlassen und das ganze Spiel fünf Tage in der Woche. Nach Feierabend und am Wochenende ist Freizeit mit der Familie angesagt. So war es noch die Generation unserer Eltern und Großeltern gewohnt. Arbeit war Arbeit und Freizeit war Freizeit. Diese Arbeitsweise ist heute aber kaum noch anzutreffen, da die strikte Trennung von Arbeits- und Privatleben immer weiter verschwindet. Work-Life-Blending nennt sich das Ganze. Also sind Arbeitnehmer auch am Wochenende für die Kunden erreichbar, es wird ein Teil der Arbeit im Home Office erledigt und als Ausgleich kann auch in der Arbeitszeit private Angelegenheiten geklärt werden. Klingt vielversprechend, doch viele Arbeitnehmer sind noch nicht überzeugt. Ist Work-Life-Blending Fluch oder Segen für die Arbeitswelt?

Work-Life-Blending: Fluch oder Segen?

Work-Life-Blending: Die Grenzen verschwinden

Bereits vor einiger Zeit beschrieb Ron Ashkenas in einem Artikel auf Forbes.com sehr zutreffend, wie sich die Arbeitswelt verändert. Er hatte sich mit einigen Kollegen zu einem Conference-Call verabredet, bei dem sich herausstellte, dass alle Beteiligten aus ihrem Urlaub heraus teilnahmen.

Keiner ist auch nur auf die Idee gekommen, nicht teilzunehmen oder die anderen zu bitten, den Call zu verschieben. Diese Situation macht deutlich: Vom Chef oder von Kollegen im Urlaub oder am Wochenende gestört zu werden? Vor nicht allzu langer Zeit noch unvorstellbar. Heute fast schon Normalität.

Eine Arbeitsmarktstudie vom Kölner Markt- und Organisationsforschungsinstituts YouGov zeichnet ein ähnliches Bild. Das Institut befragte fast 750 Akademiker nach ihren Arbeitsgewohnheiten.

Heraus kam:

  • 22 Prozent der Befragten gaben an, circa einmal im Monat an Wochenenden oder Feiertagen für ihren Arbeitgeber tätig zu sein.
  • Weitere 20 Prozent arbeiten sogar mindestens einen Tag an jedem Wochenende.
  • Die Hälfte der Arbeitnehmer beantworte auch Telefonate und E-Mails während der Freizeit. Fast jeder Achte tue dies sogar täglich.

Besonders erstaunlich ist, dass viele Arbeitnehmer dies nicht auf Anweisung des Chefs tun, sondern freiwillig. Der ohnehin umstrittene Begriff der Work-Life-Balance gerät durch Studien dieser Art noch weiter in die Kritik, da er kaum noch der Arbeitsrealität entspricht.

Statt einem perfekten Ausgleich zwischen Job und Freizeit heißt das neue Ziel: Einen fließender Übergang von Arbeits- und Privatleben schaffen.

Work-Life-Blending: Arbeitnehmer sind nicht überzeugt

Trotz der fortschreitenden Verschmelzung zwischen zwei bisher strikt getrennten Bereichen – Arbeit und Freizeit – können viele Arbeitnehmer sich mit den neuen Arbeitsmodellen noch nicht anfreunden. Vielmehr stehen sie diesen sogar ausgenommen kritisch gegenüber. Zu diesem Ergebnis kam auch die Umfrage Talents & Trends, für die mehr als 600 Berufstätige befragt wurden. Somit bestätigen die Antworten, dass die Arbeitswelt sich im Wandel befindet, aber die Zweifel bei den Arbeitnehmern noch nicht beseitigt werden konnten.

  • 64 Prozent der Befragten halten es nur durch eine strikte Trennung von Arbeit und Freizeit für möglich, keinen der beiden Bereiche zu vernachlässigen.
  • Fast 70 Prozent sind der Meinung, dass bei einer Verschmelzung das private Leben mehr leidet und die Arbeit in den Vordergrund rückt.
  • 40 Prozent geben bereits an, durch Work-Life-Blending regelmäßig Überstunden machen zu müssen

Dieser Skepsis steht aber auch unter Arbeitnehmern das Wissen gegenüber, dass Work-Life-Blending ein wichtiger Karrieremotor sein kann. So bestätigen 61 Prozent der Befragten, dass nur Dienst nach Vorschrift für eine erfolgreiche Karriere nicht ausreicht und immerhin 40 Prozent sehen die Vorteile, welche die Verschmelzung mitbringt.

Work-Life-Blending als gefährliche Entwicklung?

Work-Life-Blending Studie Generation Y Bedeutung Maßnahmen Separation Arbeitswelt New Work DeutschDas Work-Life-Blending kann viele Vorteile haben, wenn die Verschmelzung der beiden Bereiche reibungslos gelingt und eine harmonische Verbindung erzeugt wird, die optimal aufeinander abgestimmt ist. Auf diese Weise könnte die oft beschworene New Work wirklich die die Bedürfnisse eines jeden einzelnen angepasst werden und eine Arbeitswelt entstehen, die mehr Rücksicht auf die Individualität nimmt. Kritiker befürchten jedoch, dass diese Idealvorstellung nie eintreten wird – sondern dass Work-Life-Blending vielmehr ein gefährlicher Trend ist.

Grund für diese Befürchtung sind die möglichen Nachteile und Risiken des Work-Life-Blendings, wenn die Vermischung nicht wie geplant funktioniert, sondern auf Kosten des Privatlebens geht. So werden immer wieder Stimmen laut, dass Work-Life-Blending am Ende nur steigende Arbeitszeiten zur Folge hat, die neben dem Vollzeitjob noch hinzu kommen. Kommt es dazu, ist es oft nur noch eine Frage der Zeit, bis die Gesundheit unter den Belastungen leidet.

Die Gefahr beim Work-Life-Blending besteht also in erster Linie darin, dass es überhaupt nicht zum Blending, also der Vermischung kommt, sondern das Arbeitsleben das Privatleben nur zunehmend überlagert und verdrängt.

Work-Life-Blending ist weiter auf dem Vormarsch

Trotz der Kritik ist eins klar: Work-Life-Blending wird weiter zunehmen und auch in Zukunft eine große Rolle spielen. Diese Entwicklung wird sowohl durch Unternehmen als auch von Arbeitnehmern und Bewerbern vorangetrieben. Arbeitgeber sehen darin gleich mehrere mögliche Pluspunkte, die am Ende alle darauf ausgerichtet sind, den Erfolg zu sichern und auszubauen.

Zum einen sollen Mitarbeiter durch das Work-Life-Blending motiviert werden. Der Gedanke ist simpel: Mehr Zufriedenheit mit den eigenen Arbeitsbedingungen führt zu mehr Spaß im Job, mehr Leistungsbereitschaft und natürlich zu besseren Ergebnissen, was wiederum das Unternehmen freut.

Außerdem wird die Verschmelzung von Job und Privatleben als Argument auf dem Arbeitsmarkt genutzt. Es kann beim War of Talents ein entscheidendes Argument sein, wenn Young Professionals eine größere Flexibilität und Anpassung an die eigene Bedürfnisse in Aussicht gestellt werden kann, während die Konkurrenz vielleicht noch auf eher klassische Arbeitsbedingungen setzt.

Bewerber und Mitarbeiter sind auf der anderen Seite genau danach auf der Suche – unabhängig von einiger Skepsis, die in den Umfragen dokumentiert wird. Wird in einer Stellenbeschreibung das Bild eines funktionierenden Work-Life-Blending gezeichnet, mit der Chance auf Home Office oder Vertrauensarbeitszeiten, wird es bei Arbeitnehmern Anklang finden.

Inwieweit das Ganze funktioniert, bleibt am Ende aber trotzdem eine Frage der Umsetzung beim jeweiligen Arbeitgeber.

Work-Life-Blending: Fluch oder Segen?

Bleibt die Frage: Wie ist diese Entwicklung zu bewerten? Gewünscht ist ein Arbeitsmodell, bei dem sich die Arbeit an den Bedürfnissen des Einzelnen ausrichtet. Kurz: Die vieldiskutierte Vereinbarkeit von Familie, Freizeit und Beruf. Home Office Regelungen, Vertrauensarbeitszeiten, die Möglichkeit Urlaub zu nehmen, so viel und so oft man möchte – das alles soll die Motivation und Produktivität der Arbeitnehmer steigern.

Der Gestaltungsraum wird zwar größer, doch auch der Druck und die Erwartungen steigen. Einerseits gibt es keine Stempeluhr mehr, andererseits weiß jeder Arbeitnehmer, was er zu leisten hat.

Doch was passiert, wenn nicht mehr zwischen Arbeit und Freizeit unterschieden werden kann?

Ein Problem, mit dem sich Arbeitnehmer auseinandersetzen müssen, ist die hohe Belastung durch die ständige Erreichbarkeit. Schon jetzt fühlen sich viele im Job überfordert und nur noch die Wenigsten können sich wirklich erholen und auch einmal abschalten. Ob das Konzept des Work-Life-Blending ein Fluch oder ein Segenist, hängt daher auch viel von jedem selbst ab.

So zeigt die oben erwähnte YouGov-Studie, dass der Beruf zwar Einzug ins Privatleben hält, jedoch private Angelegenheiten nur selten während der Arbeitszeit erledigt werden.

Genau an dieser Stelle muss ein Umdenken stattfinden, um das Work-Life-Blending vollends zu ermöglichen. Soll heißen: Nur wer akzeptiert, dass eine Trennung von Arbeit und Freizeit nicht mehr umsetzbar ist, kann auch aufhören, sich schuldig zu fühlen, wenn er sich während der Arbeit Zeit für Privates nimmt.

Die neue Arbeitsweisen des Work-Life-Blending fordern von jedem Einzelnen ein höheres Maß an Flexibilität und Offenheit. Nur wer sich darauf einlässt, seine Mittagspause vielleicht um eine Stunde zu verlängern, um einen Behördengang zu tätigen oder einfach nur den Frisör zu besuchen, dafür aber am Abend vom heimischen Laptop aus weiter arbeitet, kann das volle Potenzial der neuen Arbeitsweise ausschöpfen und es für sich persönlich als Segen empfinden.

[Bildnachweis: YAKOBCHUK VIACHESLAV by Shutterstock.com]
23. Juli 2015 Nils Warkentin Autor Profilbild Autor: Nils Warkentin

Nils Warkentin studierte Business Administration an der Justus-Liebig-Universität in Gießen und sammelte Erfahrungen im Projektmanagement. Auf der Karrierebibel widmet er sich Themen rund um Studium, Berufseinstieg und Büroalltag.

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