Bedeutung: Was ist Work-Life-Blending?
Der Anglizismus Work-Life-Blending beschreibt die Vermischung von Arbeit und Privatleben. Eine eindeutige Zuordnung in eine der beiden Sphären, wie sie vor Jahrzehnten noch möglich war, wird immer schwerer. Bereits vor einiger Zeit beschrieb Ron Ashkenas in einem Artikel auf Forbes.com sehr zutreffend, wie sich die Arbeitswelt verändert. Er hatte sich mit einigen Kollegen zu einem Conference-Call verabredet, bei dem sich herausstellte, dass alle Beteiligten aus ihrem Urlaub heraus teilnahmen. Keiner ist auch nur auf die Idee gekommen, nicht teilzunehmen oder die anderen zu bitten, den Call zu verschieben.
Vom Chef oder von Kollegen im Urlaub oder am Wochenende kontaktiert zu werden, wäre noch vor einiger Zeit unvorstellbar gewesen. Heute fast schon Normalität. Eine Studie des Kölner Markt- und Organisationsforschungsinstituts YouGov zeichnet ein ähnliches Bild. Das Institut befragte fast 750 Akademiker nach ihren Arbeitsgewohnheiten. Heraus kam:
- 22 Prozent der Befragten gaben an, circa einmal im Monat an Wochenenden oder Feiertagen für ihren Arbeitgeber tätig zu sein.
- Weitere 20 Prozent arbeiten sogar mindestens einen Tag an jedem Wochenende.
- Die Hälfte der Arbeitnehmer beantworte auch Telefonate und E-Mails während der Freizeit. Fast jeder Achte tue dies sogar täglich.
Besonders erstaunlich ist, dass viele Arbeitnehmer dies nicht auf Anweisung des Chefs tun, sondern freiwillig. Der ohnehin umstrittene Begriff der Work-Life-Balance gerät durch Studien dieser Art noch weiter in die Kritik, da er kaum noch der Arbeitsrealität entspricht. Statt einem perfekten Ausgleich zwischen Job und Freizeit heißt das neue Ziel: Einen fließender Übergang von Arbeits- und Privatleben schaffen.
Vor- und Nachteile von Work-Life-Blending
Die Verschmelzung von Arbeit und Privatleben ist manchen ein Graus. Dahinter steckt die Vorstellung von Arbeit als mühsamer Pflicht, die erfüllt werden muss. Das muss nicht automatisch mit der Realität übereinstimmen. Viel wichtiger ist aber, dass es noch andere Aspekte von Work-Life-Blending gibt. Die Vor- und Nachteile im Überblick:
Vorteile
- Selbstbestimmung
Sie können sich Ihre Zeit frei einteilen und entscheiden, wie Sie sich Aufgaben legen. Größere Freiräume steigern die Mitarbeiterzufriedenheit. - Flexibilität
Durch die größere Flexibilität kriegen Sie mehr private Termine unter einen Hut, ohne Urlaub nehmen zu müssen. Simple Besorgungen wie Friseur oder Arzttermine lassen sich nebenbei erledigen. - Produktivität
Sie können durch Work-Life-Blending stärker beeinflussen, wann Sie an welcher Aufgabe arbeiten. Wer den eigenen Biorhythmus stärker berücksichtigen kann, wird seine Produktivität steigern. - Vereinbarkeit von Familie und Beruf
An Tagen mit geringen Arbeitsvolumen können Sie beispielsweise eher nach Hause gehen. Sie nehmen vielleicht lediglich noch einen Anruf entgegen, können aber gleichzeitig bereits für Ihre Familie oder Freunde da sein.
Nachteile
- Überstunden
Die ständige Erreichbarkeit verführt dazu, dass Arbeitnehmer „mal eben“ dienstliche Aufgaben im Privaten erledigen. Wird diese Zeit nicht festgehalten, kommt es automatisch zu unbezahlter Mehrarbeit. - Selbstausbeutung
Die Präsenzkultur ist nach wie vor stark in Deutschland. Viele empfinden bei der Arbeit von zuhause einen besonders hohen Leistungsdruck, da sie im „Verborgenen“ arbeiten. Das führt zu verstärkten Anstrengungen bis hin zur Selbstausbeutung. - Unklarheit
Durch die mangelnde Trennung verschwimmen die Grenzen zwischen Job und Privatleben, zwischen Kollegen und Freunden. Das kann zu Konflikten führen. - Gesundheitsrisiko
Mangelnde Kontrolle und ständige Überstunden gehen zulasten der Gesundheit. Auch kann nicht jeder so abschalten, wie es bei einer klaren räumlichen Trennung vielen gelingt. Das zieht häufig innere Unruhe und Schlafstörungen nach sich.
Arbeitnehmer laut Studie nicht überzeugt
Etliche Arbeitnehmer stehen den neuen Arbeitsmodellen ausgenommen kritisch gegenüber. Zu diesem Ergebnis kam die Umfrage Talents & Trends, für die mehr als 600 Berufstätige befragt wurden. Somit bestätigen die Antworten, dass die Arbeitswelt sich im Wandel befindet, aber die Zweifel sitzen bei den Arbeitnehmern tief:
- 64 Prozent der Befragten halten es nur durch eine strikte Trennung von Arbeit und Freizeit für möglich, keinen der beiden Bereiche zu vernachlässigen.
- Fast 70 Prozent sind der Meinung, dass bei einer Verschmelzung das private Leben mehr leidet und die Arbeit in den Vordergrund rückt.
- 40 Prozent geben bereits an, durch Work-Life-Blending regelmäßigÜberstunden machen zu müssen
Gleichzeitig wissen viele Arbeitnehmer, dass Work-Life-Blending ein wichtiger Karrieremotor sein kann. So bestätigen 61 Prozent der Befragten, dass nur Dienst nach Vorschrift für eine erfolgreiche Karriere nicht ausreicht. Immerhin 40 Prozent aller Befragten sehen die Vorteile, welche die Verschmelzung mitbringt.
Work-Life-Blending als gefährliche Entwicklung?
Gelingt die ideale Verschmelzung von Privatem und Beruflichen, könnte die oft beschworene New Work Realität werden. Arbeit wird an die Bedürfnisse eines jeden einzelnen angepasst und es entsteht eine Arbeitswelt, die mehr Rücksicht auf die Individualität nimmt. Kritiker befürchten jedoch, dass diese Idealvorstellung nie eintreten wird. Vielmehr sei Work-Life-Blending ein gefährlicher Trend.
Grund für diese Befürchtung sind die möglichen Nachteile und Risiken des Work-Life-Blendings, wenn die Vermischung nicht wie geplant funktioniert, sondern auf Kosten des Privatlebens geht. Am Ende führe Work-Life-Blending zu steigenden Arbeitszeiten, die neben dem Vollzeitjob noch hinzukämen. Dann sei es oft nur noch eine Frage der Zeit, bis die Gesundheit unter den Belastungen leide. Die Gefahr beim Work-Life-Blending besteht also in erster Linie darin, dass es überhaupt nicht zum Blending, also der Vermischung kommt, sondern das Arbeitsleben das Privatleben zunehmend überlagert und verdrängt.
3 effektive Tipps: So gelingt die Umsetzung
Inwieweit das Ganze funktioniert, bleibt am Ende eine Frage der Umsetzung beim jeweiligen Arbeitgeber. Was passiert, wenn nicht mehr zwischen Arbeit und Freizeit unterschieden werden kann? Ein Problem, mit dem sich Arbeitnehmer auseinandersetzen müssen, ist die hohe Belastung durch die ständige Erreichbarkeit. Schon jetzt fühlen sich viele im Job überfordert, können sich nicht wirklich erholen und abschalten. Ob das Konzept des Work-Life-Blending ein Fluch oder ein Segen ist, bleibt in hohem Maße der Eigenverantwortung überlassen.
Die bereits erwähnte YouGov-Studie zeigt, dass der Beruf zwar Einzug ins Privatleben hält. Umgekehrt jedoch werden private Angelegenheiten nur selten während der Arbeitszeit erledigt. Genau an dieser Stelle muss ein Umdenken stattfinden, um richtiges Work-Life-Blending zu ermöglichen. Mit diesen Tipps gelingt es:
Überprüfen Sie Ihre Einstellung
Soll heißen: Wer akzeptiert, dass eine Trennung von Arbeit und Freizeit nicht mehr umsetzbar ist, kann auch aufhören, sich schuldig zu fühlen, wenn er sich während der Arbeit Zeit für Privates nimmt. Work-Life-Blending ermöglicht ein höheres Maß an Flexibilität. Gleichzeitig erfordert es die Offenheit, starre Arbeitszeitregelungen hinter sich zu lassen. Beispielsweise, wenn jemand seine Mittagspause für eigene Besorgungen verlängert und im Gegenzug dafür dafür am Abend vom heimischen Laptop aus weiterarbeitet. Genau das hilft dabei, das volle Potenzial der neuen Arbeitsweise auszuschöpfen und es für sich persönlich als Segen empfinden.
Organisieren Sie Ihre Arbeit
Work-Life-Blending muss nicht bedeuten, dass Sie immer alles zu jeder Zeit erledigen müssen. Multitasking bleibt eben doch ein Mythos und die Gefahr der Vermengung liegt darin, dass wir uns durch private Dinge ablenken lassen. Smartphones können echte Zeitfresser sein, wenn während der Arbeitsphase akustische Signale ertönen. Auch wenn die Nutzung für private Zwecke erlaubt ist, sollten Sie zugunsten besserer Konzentration klar trennen. Die klare Trennung in Arbeits- und private Phasen erlaubt Ihnen außerdem, die beruflichen Anteile besser zu dokumentieren. So haben Sie einen Überblick über die tatsächlich geleistete Arbeitszeit.
Schalten Sie die Geräte aus
Sie entscheiden, inwieweit Erreichbarkeit in ständige Erreichbarkeit umschwenkt. Um dem Körper die notwendige Erholung zu geben, sollten Sie nach Feierabend die jeweiligen Medien ausschalten. Im Prinzip betreiben Sie damit ein Mini-Digital-Detox. Sind Laptop und Handy erst einmal ausgestellt, verringert sich das Risiko, doch noch mal eben nach Mails zu gucken oder an einer Sache zu arbeiten. Das wiederum erhöht die Chancen, dass Sie auch wirklich den Kopf frei bekommen.
Work-Life-Blending bei Generation Y und Z
Work-Life-Blending lässt sich nicht so einfach verteufeln oder hochjubeln. Fakt ist, Work-Life-Blending wird auch in Zukunft eine große Rolle spielen. Diese Entwicklung wird sowohl durch Unternehmen als auch von Arbeitnehmern und Bewerbern vorangetrieben. Arbeitgeber sehen darin gleich mehrere mögliche Pluspunkte, die am Ende alle darauf ausgerichtet sind, den Erfolg zu sichern und auszubauen. Mitarbeiter lassen sich durch Work-Life-Blending motivieren. Der Gedanke ist simpel: Mehr Zufriedenheit mit den eigenen Arbeitsbedingungen führt zu mehr Spaß im Job, mehr Leistungsbereitschaft und natürlich zu besseren Ergebnissen, was wiederum das Unternehmen freut.
Arbeitgeber nutzen die Verschmelzung von Job und Privatleben als Argument auf dem Arbeitsmarkt. Sie punkten im War of Talents bei Young Professionals mit größerer Flexibilität und Anpassung an die Bedürfnisse, während die Konkurrenz vielleicht noch auf eher klassische Arbeitsbedingungen setzt. Allerdings funktioniert das nicht für alle Generationen gleichermaßen. Die Generation Y setzt in viel stärkerem Maße auf Work-Life-Blending als beispielsweise die Generation Z (die nach 1990 Geborenen). Forschungen kommen zu dem Ergebnis, dass die jüngeren Arbeitnehmer wieder deutlich stärker zwischen Arbeits- und Privatleben trennen. Sie hätten – so Christian Scholz von der Universität Saarland – erkannt, dass die Selbstentfaltung im Rahmen von Work-Life-Blending nicht aufginge.
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