Dienst nach Vorschrift: So blühen Mitarbeiter wieder auf

Engagement lohnt sich nicht, Lust war gestern: Rund jeder Sechste Beschäftigte in Deutschland schiebt während der Arbeitszeit nur noch Dienst nach Vorschrift. Es wird gemacht, was aufgetragen wurde – aber keinen Handschlag mehr. Und pünktlich zum Feierabend fällt der sprichwörtliche Stift aus der Hand. Für Arbeitnehmer wie Arbeitgeber ist dieser Zustand der inneren Kündigung gleichermaßen frustrierend. Die Auslöser und Gründe dafür sind allerdings unterschiedlich. Woran liegt es genau, dass Mitarbeiter innerlich kündigen und nur noch ein Standardprogramm abfahren? Was sind die Ursachen für den Dienst nach Vorschrift? Was mögliche Auswege? Was wirklich dahinter steckt…

Dienst nach Vorschrift: So blühen Mitarbeiter wieder auf

Definition & Synonyme: Was ist Dienst nach Vorschrift?

Definition & Synonyme: Was ist Dienst nach VorschriftZunächst einmal ist Dienst nach Vorschrift nichts Negatives oder Illegales. Der Arbeitnehmer macht in dem Fall genau, was ihr oder ihm aufgetragen wird. Aber auch nicht mehr. Eben keinen Handschlag zu viel. Und genau das ist das Problem am Dienst nach Vorschrift (Abkürzung: DnV): Die Redewendung beschreibt ein Verhalten von Arbeitnehmern, deren Arbeitsleistung sich exakt auf die bestehenden Arbeitsanweisungen oder Dienstvorschriften beschränkt. Oder anders formuliert: Es fehlt jegliche Eigenintiative und Bereitschaft für Zusatzaufgaben, Überstunden oder eigene Projekte. Motto: Keine Anweisung – keine Arbeit.

Die Bedeutung des Begriffs geht über diese Definition teilweise noch hinaus. So ist Dienst nach Vorschrift auch ein Mittel im Arbeitskampf (Synonym: Bummelstreik). Zum Beispiel wenn Beschäftigte gezielt ihr Arbeitstempo verlangsamen und ihr Arbeitspensum verringern. Gerade im öffentlichen Dienst, wo den Mitarbeitern das Streiken verboten ist, bleibt der Dienst nach Vorschrift – zum Beispiel für Beamte oder Lehrer – ein letztes Mittel des Protestes gegen aktuelle Arbeitsbedingungen.

Dienst Nach Vorschrift Pflicht Ruft Spruch

Symptome: Anzeichen für eine innere Kündigung

Innere Kuendigung Gallup Index GrafikStudien zufolge verharren aktuell rund 15 Prozent der Beschäftigten im Zustand der inneren Kündigung. Das ist das Ergebnis des Gallup Engagement Index, einer jährlichen Umfrage zum Arbeitsplatz und Arbeitsumfeld (siehe Grafik).

Wenn Mitarbeiter Dienst nach Vorschrift schieben, dann bleibt das in der Regel nicht lange unbemerkt. Zuerst lassen Leidenschaft und Engagement nach. Dann folgen zunehmende Pausen und Frustration, die auch gegenüber Kollegen verbalisiert wird.

Wieder andere Kollegen versuchen, sich so lange wie möglich nichts anmerken zu lassen und erledigen alle anfallenden Aufgaben stillschweigend. Mit geballter Faust in der Hosentasche. Das aber geht oft auf die Gesundheit. Der Arbeitstag läuft bei ihnen nur noch auf Autopilot – nicht weniger, aber auch nicht mehr.

Der Dienst nach Vorschrift wird daher häufig auch als „innere Kündigung“ bezeichnet: Die Betroffenen haben aufgehört, sich mit dem Unternehmen und Arbeitgeber zu identifizieren. Manche suchen deshalb schon aktiv (und diskret) nach einer neuen Stelle. Andere verharren in Passivität und maximal-minimaler Arbeitsleistung.

Laut Experten gibt es noch weitere Anzeichen und Merkmale für Mitarbeiter, die nur noch Dienst nach Vorschrift leisten. Dazu gehören unter anderem:

  • Ein Mindestmaß an Arbeitsleistung
  • Zunehmend negative Einstellung zum Job
  • Passives Verhalten im Team
  • Schweigen in Meetings
  • Innerer Rückzug
  • Interessenlosigkeit
  • Pessimismus
  • Ablehnende Haltung gegenüber Kollegen und Vorgesetzten
  • Abnehmende Zusammenarbeit
  • Erhöhte Fehlzeiten (verminderte Gesundheit)
  • Verweigerung von Überstunden
  • Schlechtere Arbeitsergebnisse

In den seltensten Fällen tauchen all diese Indizien gleichzeitig auf. Dienst nach Vorschrift beziehungsweise die innere Kündigung ist ein schleichender Prozess, der sich mit der Zeit verstärkt. Eine typische Abwärtsspirale.

Die stärksten Indizien sind allerdings das abnehmende Engagement und Interesse sowie die nachlassende Qualität der Arbeit. Je geringer die Motivation und das Engagement, desto höher die Wahrscheinlichkeit, dass Aufgaben allenfalls noch zufriedenstellend erledigt werden. Im Endstadium mangelt es schließlich bei der Ausführung an der nötigen Sorgfalt, und es häufen sich die Fehler.

Kann ich für Dienst nach Vorschrift eine Abmahnung bekommen?

Kann ich für Dienst nach Vorschrift eine Abmahnung bekommen?Kurze Antwort: Nein. Beim Dienst nach Vorschrift kommt der Arbeitnehmer schließlich weiterhin all seinen Pflichten aus dem Arbeitvertrag nach. Er macht alles, was von ihm oder ihr verlangt wird, aber eben auch nicht mehr. Das ist keine Arbeitsverweigerung und rechtfertigt im Arbeitsrecht auch keine Abmahnung oder gar Kündigung.

Man kann den Dienst nach Vorschrift sogar positiv auslegen: Die Beschäftigten ziehen eine klare Grenze zwischen Arbeit und Freizeit. Wer Dienst nach Vorschrift leistet, trennt demnach nur konsequent zwischen Pflichterfüllung und Feierabend.

Ursachen: Das sind die Gründe für den Dienst nach Vorschrift

Bleibt aber die Frage: Warum machen Mitarbeiter das? Was sind die wahren Gründe dafür, dass Beschäftigte in die innere Kündigung driften? Tatsächlich haben Forscher hierbei in der Vergangenheit immer wieder dieselben Ursachen ausmachen können. Diese:

  • Schlechter Chef

    Laut Studien, etwa der Personalberatung Rochus Mummert, arbeitet rund jeder vierte Beschäftigte unter einem Vorgesetzten, der ihn oft kritisiert, selten lobt und dessen Anweisungen er nicht hinterfragen darf. Umgekehrt hätte nahezu jeder Zweite gerne einen Vorgesetzten nach Art eines Trainers, der ihn individuell fördert und Aufgaben sinnvoll delegiert – den haben aber nur 23 Prozent. Häufig ist es so: Mitarbeiter kommen wegen des Jobs und gehen wegen des Chefs. Miese Manager und unfaires Verhalten sind die Hauptgründe für Demotivation und Jobfrust.

  • Fehlendes Feedback

    Lob und Kritik sind gleichermaßen wichtige Faktoren, um die Motivation und das Engagement der Mitarbeiter zu erhalten. Ohne den Wert der eigenen Leistungen zu kennen, bleibt die Lust an der Arbeit meist auf der Strecke.

  • Keine Karriereperspektive

    Wer sich im Unternehmen nicht weiterentwickeln und wachsen kann, verliert das Interesse an Zusatzleistungen und neuen Aufgaben, denn: Sie bringen ja auch nichts. Fehlen die Aufstiegschancen und Aussicht auf Beförderung, sinkt das Engagement der Arbeitnehmer. Die sprichwörtliche gläserne Decke oder Vetternwirtschaft untergraben jedes Engagement und jeden Extra-Einsatz.

  • Häufige Überforderung

    Laut der Flow-Theorie sind Mitarbeiter maximal motiviert, wenn sie minimal überfordert sind. Also dann, wenn unsere Fähigkeiten der Aufgabe gerade eben nicht mehr gewachsen sind und wir über uns ein kleines Stück hinauswachsen müssen – um kurz darauf ein Erfolgserlebnis zu haben. Dauerhafte Überforderung bewirkt das genaue Gegenteil: Egal, wie sehr man sich auch anstrengt, man kann den Ansprüchen und Erwartungen (des Chefs) nicht genügen. Scheitern wird zur Normalität – damit auch der Frust. Der Dienst nach Vorschrift wird zum puren Selbstschutz.

  • Starke Unterforderung

    Aber auch regelmäßige Unterforderung kann in die innere Kündigung führen. Vor allem dann, wenn die Aufgaben als „unter der eigenen Würde“ oder der eigenen Qualifikation empfunden werden. Oder wenn die Unterforderung letztlich in quälende Langeweile mündet (siehe auch: Boreout).

  • Ausbleibende Resonanz

    Die meisten Menschen sind von sich aus kreativ und wollen sich mit ihren Ideen im Team einbringen. Natürlich muss nicht jede Idee jedes Mal ein Knaller sein. Bleiben aber Rückmeldungen und Resonanz darauf generell aus, ziehen sich die meisten Menschen irgendwann zurück und sagen nichts mehr, Motto: „Interessiert ja keinen.“ Besonders negativ wirken in dem Zusammenhang Totschlagargumente vom Typ: „Das haben wir noch nie so gemacht!“ oder „Das funktioniert sowieso nicht!“. Wer auf seine Verbesserungsvorschläge und Ideen so etwas immer wieder hört, verliert schließlich die Lust am Job.

  • Kein Mitspracherecht

    Einer der größten Demotivatoren ist das Gefühl von Ohnmacht. Arbeitnehmer, die weder ihren Arbeitsplatz noch ihre Arbeitsinhalte mitgestalten können, fühlen sich ausgeliefert und letztlich als reine Befehlsempfänger und Handlungsgehilfen. Jedenfalls nicht als mündige Mitarbeiter. Wertschätzung und Mitspracherechte sind aber das Fundament für eine motivierende Arbeitsatmosphäre.

  • Kein Interesse

    Kurz gesagt: Es ist egal. Wenn niemandem auffällt, ob und dass man sich engagiert, dann tut es auch niemand. Es fehlen schlicht die Anreize für Leistung und Einsatzbereitschaft.

Dienst nach Vorschrift: Tipps, wie Mitarbeiter wieder aufblühen

Haben sich Mitarbeiter erst einmal soweit von ihrem Arbeitgeber emotional entfernt, dass sie innerlich gekündigt haben, ist es ein hartes Stück Arbeit, diese Kollegen wieder zurück ins Boot zu holen.

Entscheidend ist dann, dass diese wieder ihre Bedeutung für das Unternehmen spüren und sich nicht nur wie ein Rad im Getriebe fühlen. Und dass sie die eigenen Stärken und Talente einsetzen können, um sich (zum Teil) selbst zu verwirklichen und zu entwickeln (siehe Grafik):

Dienst Nach Vorschrift Mitarbeiter Engagement Maslow Pyramide

Insbesondere den Führungskräften kommt dabei eine wichtige Rolle zu. Sie tragen nicht nur maßgeblich dazu bei, dass Mitarbeiter nur noch Dienst nach Vorschrift schieben, sondern eben auch, dass diese wieder aufblühen. Hier finden Sie ein paar Empfehlungen, wie das gelingen kann:

  1. Hinterfragen Sie Ihr eigenes Verhalten

    Es ist leicht, den Mitarbeiter die Verantwortung dafür zu geben, dass sie nur noch Dienst nach Vorschrift leisten. Motto: Ich kann niemanden motivieren, der gar nicht will. Vielleicht war er oder sie aber früher motiviert – und Sie selbst sind der Auslöser. Hier hilft nur schonungslose Selbstreflexion: Setzen Sie vielleicht zu enge Grenzen? Können Sie schlecht Verantwortung delegieren? Oder neigen Sie dazu, alles kontrollieren zu wollen? Je mehr Freiräume Sie Ihrem Team einräumen und je mehr Sie die Kollegen fordern UND fördern, desto bessere Voraussetzungen schaffen Sie für eine erfolgreiche und engagierte Belegschaft.

  2. Gehen Sie besser mit Fehlern um

    Nobody is perfect. Jeder Mensch macht Fehler, entscheidend ist, was wir daraus lernen, um sie nicht mehr zu wiederholen. Wenn Chefs nur nur nach Schuldigen suchen, führt das in der Regel in eine Rechtfertigungskultur voller Misstrauen, Schuldzuweisungen und Verleugnungen. Zeigen Sie stattdessen, dass alle aus Fehlern lernen können. Stellen Sie dafür niemanden an den Pranger, sondern stellen Sie vielmehr die Erkenntnisse und Lösungen daraus nach vorne. So entsteht eine konstruktive und lösungsorientierte Atmosphäre, in der sich niemand fürchten muss.

  3. Machen Sie Informationen öffentlich

    Herrschaftswissen und Silodenken sind pures Gift für eine gute Zusammenarbeit. Wichtige Informationen, die eine ganze Abteilung betreffen, sollten daher auch für alle Beteiligten zugänglich sein – gute Nachrichten ebenso wie schlechte. Ehrlichkeit und Transparenz schaffen ein neues Gemeinschaftsgefühl und werten die Beschäftigten letztlich auf: Als mündige Mitarbeiter können sie sich entsprechend engagieren, um eine Krise (gemeinsam) zu überwinden.

  4. Seien Sie ein gutes Vorbild

    Um Ihr Team zu animieren, sich wieder mehr einzubringen und mit allen mehr zu kommunizieren, sollten Sie mit gutem Beispiel voran gehen. Suchen Sie das persönliche Gespräch und demonstrieren Sie Wertschätzung für unterschiedliche Meinungen und Ideen. Führen Sie beispielsweise dazu ein wöchentliches Team-Meeting ein oder nehmen Sie sich die Zeit, mit einem Kollegen zu sprechen, statt nur eine Mail zu schreiben.

  5. Fördern Sie Teamprojekte

    Ein guter Weg, um die Zusammenarbeit intern zu steigern, sind Teamprojekte. Lassen Sie beispielsweise mehrere Kollegen gemeinsam an einer wichtigen Aufgabe arbeiten und führen Sie ein Mentoren-Programm ein, um neue Kollegen mit erfahrenen Mitarbeitern zusammenzubringen.

Was Mitarbeiter bei innerer Kündigung tun können

Was Mitarbeiter bei innerer Kündigung tun können

  • Analysieren Sie die Situation

    Zunächst müssen Sie feststellen, was die Unzufriedenheit im Job hervorruft. Von da aus können Sie in weiteren Schritten nach Lösungen suchen.

  • Werden Sie selbst aktiv

    Gespräche mit Menschen, die Ihnen nahestehen, können helfen, sich ein Bild über die derzeitige Lage zu verschaffen. Dabei dienen die Unterhaltungen nicht nur dem Abladen von Ballast, sondern gleichzeitig können Sie wertvolle Tipps bekommen. Wer nicht direkt betroffen ist, hat oftmals einen anderen Blick auf die Dinge. Derart gewappnet lässt sich viel eher ein sachliches Gespräch mit dem Chef führen.

  • Warten Sie nicht zu lange

    Je länger Sie mit Ihrem Frust warten, desto mehr Ärger und Unwille kann sich aufstauen. Lösungsorientiert ist es, wenn Sie möglichst früh Ihre Beobachtungen ansprechen. Geht es um mehr Entscheidungsbefugnisse? Eine Neugestaltung oder Erweiterung von Tätigkeiten oder wünschen Sie sich von Ihrem Vorgesetzten mehr Rückmeldungen? Wer seine Wünsche nicht anspricht, kann nicht auf Veränderung hoffen.

  • Suchen Sie sich neue Betätigungsfelder

    Im Idealfall findet Ihr Chef gemeinsam mit Ihnen neue Bereiche und ist daran interessiert, Sie als Fachkraft zu behalten. In einem ersten Schritt wird dann über Ihre Fähigkeiten und Neigungen gesprochen. Lassen sich diese ausbauen? Ist eine Weiterbildung notwendig? Auch ein Abteilungswechsel kann neuen Elan bringen.

  • Ziehen Sie die Notbremse

    Wachsen Probleme und Unzufriedenheit trotz Ihres Einschreitens weiter, kann ein Jobwechsel der letzte Schritt sein. Wer absolut keine Begeisterung und Motivation mehr für seinen Job verspürt, ist in einem anderen Arbeitsplatz besser aufgehoben. Schauen Sie nach passenden Stellenangeboten, die zu Ihren Vorstellungen passen und Ihre Lust am Arbeiten wieder aufleben lassen.

Lesen Sie dazu auch, was andere Leser interessiert

[Bildnachweis: Stock-Asso by Shutterstock.com]
12. Oktober 2018 Autor: Jochen Mai

Jochen Mai ist Gründer und Chefredakteur der Karrierebibel. Er doziert an der TH Köln über Social Media Marketing und ist gefragter Keynote-Speaker. Zuvor war der Diplom-Volkswirt als Journalist tätig - davon 13 Jahre als Ressortleiter der WirtschaftsWoche.

Mehr von der Redaktion und aus dem Netz



Stellenanzeigen finden Sie auf www.karrieresprung.de.

Karrierefragen Hinweis Artikel Unten 1000px Fertig gelesen? Zurück zur Startseite!