Gewöhnungseffekt: Toleranz ist ein Karrierekiller

Kennen Sie den Gewöhnungseffekt? Ein Beispiel: Der Deutsche trinkt im Schnitt zwei Tassen Kaffee pro Tag. Damit ist Kaffee noch vor Bier das beliebteste Getränk der Deutschen. Zu verdanken hat das das Gebrüh zahlreichen positiven Eigenschaften: Kaffee schmeckt gut und belebt Körper und Geist. Doch der Vorteil des enthaltenen Koffeins ist zugleich sein Nachteil: Unser Körper gewöhnt sich an die Droge, und ihre Wirkung verpufft – es sei denn, wir steigern die Dosis…

Gewöhnungseffekt: Toleranz ist ein Karrierekiller

Gewöhnungseffekt: Die Gefahr der täglichen Dosis

Beim Kaffee funktioniert das so: Das Koffein darin hemmt die körpereigenen Adenosin-Moleküle. Die verhindern normalerweise die Ausschüttung von belebenden Botenstoffen wie Dopamin oder Noradrenalin. Deswegen regt Kaffee an.

Bei regelmäßigem Kaffeekonsum aber bilden die Nervenzellen immer mehr Rezeptoren für Adenosin – ihnen fehlt schließlich das Signal. Das geht solange, bis ein neuer, höherer Ausgleichspegel gefunden ist. Im Fachjargon heißt dieses Phänomen auch Toleranz. Es entsteht bereits nach sechs bis 15 Tagen starken Koffeinkonsums.

Setzt man den Kaffee dann abrupt ab, kann es zu regelrechten Entzugserscheinungen wie Kopfschmerzen oder Übelkeit kommen.

Warum ich Ihnen das erzähle?

Weil es diesen Gewöhnungseffekt ebenso im Job gibt – zweifach und zu Ihrem Nachteil.

  • In der ersten direkten Variante schaden Sie sich selbst. Denn jede noch so anspruchsvolle Tätigkeit wird irgendwann langweilig, weil man sich daran gewöhnt. Routinen schleichen sich ein, man arbeitet weniger sorgfältig, Schlampereien und Fehler häufen sich. Und irgendwann ist der Ruf des Leistungsträgers verspielt.
  • In der zweiten indirekten Variante wirkt der Gewöhnungseffekt besonders schlimm auf Arbeitspensum und Entlohnung: Chefs haben – leider – die Angewohnheit, ihren besten Mitarbeitern immer mehr Arbeit aufzuhalsen, weil sie wissen, dass diese sie gut erledigen. Das ist zunächst ein Kompliment. Wer dies aber stillschweigend toleriert, begeht einen folgenreichen Fehler: Mit der Zeit gewöhnt sich der Chef daran, dass er seine Leistungsträger ständig weiter belasten kann – und es wird ihm weniger wert. Oder aber sie erleiden unter der zunehmenden Last und Arbeitsverdichtung einen Burnout

Tatsächlich wird Leistung eher geschätzt, wenn sie rar ist. Das ist ein uraltes und ehernes Marktgesetz: Knappe Güter erzielen höhere Preise. Trotzdem halten sich die wenigsten daran.

Es ist das Prinzip der Reziprozität: Geben und Nehmen sollten sich die Waage halten. Man tut sich den größeren Gefallen, ab und an und wohl begründet Nein zu sagen. Oder einen entsprechenden (Lohn)Ausgleich zu fordern. Scham und Scheu sind hier völlig unangebracht. Sie mindern auf Dauer nur das Ansehen im Betrieb.

Umgekehrt passiert sonst dasselbe wie beim Kaffee: Sagt man zu spät Nein, setzen beim Chef unmittelbar Entzugserscheinungen mit vergleichbaren Symptomen ein. Allerdings sind Chefs dabei nie sonderlich tolerant…

[Bildnachweis: Luis Molinero by Shutterstock.com]
7. August 2016 Autor: Jochen Mai

Jochen Mai ist Gründer und Chefredakteur der Karrierebibel. Er doziert an der TH Köln über Social Media Marketing und ist gefragter Keynote-Speaker. Zuvor war der Diplom-Volkswirt als Journalist tätig - davon 13 Jahre als Ressortleiter der WirtschaftsWoche.

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