Primacy-Recency-Effekt: Wie er die Wahrnehmung beeinflusst

Das Erste und das Letzte spielt in unserer Wahrnehmung häufig eine besondere Rolle. In der Psychologie ist vom Primacy- und Recency-Effekt die Rede, wenn dieses Phänomen beschrieben wird. Zu beobachten ist dieser Effekt im Alltag recht häufig. Wo immer uns Menschen begegnen, wir in Situationen geraten, zählt oftmals der erste Eindruck. Grund dafür ist, dass Informationen oftmals schnell verarbeitet werden müssen, um handlungsfähig zu bleiben. Gleichzeitig lässt sich häufig beobachten, dass das Letztgesagte leichter im Gedächtnis bleibt. Allerdings unterlaufen uns dabei auch Wahrnehmungsfehler. Wie der Primacy- und der Recency-Effekt uns im Beruf und im Alltag beeinflussen…

Primacy-Recency-Effekt: Wie er die Wahrnehmung beeinflusst

Primacy-und-Recency-Effekt: Zwei Phänomene mit ähnlicher Wirkung

Primacy Recency Effekt Erklärung Wahrnehmung Experiment BeurteilungsfehlerBeim Primacy- und Recency-Effekt handelt es sich genau genommen um zwei verschiedene Gedächtnisphänomene, die unter dem Oberbegriff Reihenfolge-Effekt zusammengefasst werden. Der Primacy-Effekt – auch Primäreffekt genannt – beschreibt das Phänomen, dass zuerst erhaltene Informationen stärker gewichtet werden als später erhaltene. Das bezieht sich auf Personen, Objekte oder Situationen.

Beobachten lässt sich dies häufig im Alltag. Nicht umsonst heißt es: Der erste Eindruck ist entscheidend. Begegnet Ihnen eine fremde Person, die Sie sympathisch finden, sind Sie viel eher geneigt, ihr zuzuhören.

Ist Ihnen umgekehrt die fremde Person vom ersten Augenblick an unsympathisch, werden Sie nur dann Ihr Urteil revidieren, wenn Sie umständehalber gezwungen sind, sich näher mit ihr auseinanderzusetzen.

Analog zum Primacy-Effekt gibt es den Recency-Effekt (auch als Rezenzeffekt bekannt). Dieser besagt, dass das Letztgenannte gegenüber den vorherigen Informationen besonders erinnert wird.

Was zunächst wie ein Widerspruch klingt, lässt sich dadurch erklären, dass von beiden Effekten der Primacy-Effekt der stärkere ist. Dennoch gibt es auch für den Recency-Effekt genügend Beispiele im Alltag.

Angenommen, Sie lesen einen Roman und dieser hatte einen fesselnden Einstieg, dann aber einen Mittelteil mit einigen Längen. Das fulminante Ende jedoch ist letztlich ausschlaggebend dafür, wie Sie das Buch bewerten – die Längen im Mittelteil sind dann unerheblich.

Erklärung: So funktioniert der Primacy- und Recency-Effekt

Sie können den Primacy- und Recency-Effekt ganz leicht an sich selbst testen.

Versuchen Sie einmal, sich zwanzig verschiedene Begriffe von einer Liste auf Anhieb zu merken. Sie haben 60 Sekunden Zeit, sich die Wörter einzuprägen, dann beschäftigen Sie sich mit etwas anderem und nach 15 Minuten versuchen Sie, die Gegenstände der Liste wiederzugeben.

Sehr wahrscheinlich werden Ihnen nicht alle Gegenstände wieder einfallen, aber an den ersten werden Sie sich erinnern. Die Erklärung dafür liegt darin, dass Sie den ersten Begriff deutlich häufiger gelesen haben werden. Er geht durch die Wiederholung ins Langzeitgedächtnis über.

Der letzte Begriff wird den meisten Menschen nicht mehr in Erinnerung sein, da so viele Begriffe davor lagen und in der 15-minütigen Pause eine Ablenkung erfolgte.

Experimente haben gezeigt, dass der Recency-Effekt nur funktioniert, wenn Sie kurz nach dem Lernen der Begriffe keine Pause einlegen. Denn der letzte Eindruck speichert Informationen im Kurzzeitgedächtnis ab.

Das gelingt vor allem deshalb so gut, weil keine nachfolgenden Informationen den letztgenannten Begriff gedanklich überlagern.

Experimente mit dem Gedächtnisphänomen

Primacy Recency Effekt Erklärung Wahrnehmung Experiment BeurteilungsfehlerEs hat bereits in der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts Experimente gegeben, die den Primacy- und Recency-Effekt nachweisen konnten. Der amerikanische Gestaltpsychologe Abraham S. Luchins führte eine Studie mit vier Versuchsgruppen (davon zwei Kontrollgruppen) durch.

Den Teilnehmern wurde jeweils eine Situation in einem Geschäft geschildert. In der einen Version ging es darin um eine extravertierte Person, in der anderen Version um eine introvertierte. Die Reihenfolge der Schilderungen wurde in den Versuchsgruppen geändert, in den Kontrollgruppen hingegen wurde nur eine Variante erzählt.

Es stellte sich heraus, dass der Eindruck der Teilnehmer in den Versuchsgruppen davon abhing, welche Situation als Erstes geschildert wurde.

Ein anderer Versuch lässt sich ebenfalls leicht nachstellen: Erzählen Sie Ihrem Kollegen von einer Person und schildern Sie ihre Eigenschaften:

  • Variante A: Die Person ist hilfsbereit, pünktlich, lustig und langsam.
  • Variante B: Die Person ist langsam, pünktlich, lustig und hilfsbereit.

Entscheiden Sie sich für Variante A, wird Ihrem Gegenüber vor allem im Gedächtnis bleiben, dass Ihr Bekannter sehr hilfsbereit ist. Wählen Sie hingegen Variante B, wird Ihr Bekannter als langsam im Gedächtnis bleiben – zumindest, sofern keine weiteren Informationen folgen.

Den Primacy- und Recency-Effekt nutzen

Das Wissen um den Primacy- und Recency-Effekt können Sie sich zunutze machen. Wann immer es darum geht, Informationen konkret an ein Gegenüber zu vermitteln, sollten Sie entsprechend priorisieren. Dem Erst- und dem Letztgenannten wird höhere Aufmerksamkeit geschenkt werden, als den Informationen, die dazwischen liegen.

Jeder hat das bereits bei sich selbst beobachten können. Sie sitzen in einem Vortrag, der Redner tritt ans Pult und begrüßt. Die Begrüßung und die Einleitung werden meist noch sehr bewusst wahrgenommen. Wie viel Sie vom Mittelteil aktiv aufnehmen, hängt von solchen Faktoren ab wie:

  • Struktur des Vortrages,
  • Inhalt,
  • Länge,
  • Tagesform der Zuhörer,
  • äußeren Rahmenbedingungen wie Luft im Raum.

Oder anders formuliert: Ein gut strukturierter, knackig formulierter Vortrag, dessen Inhalt auf grundsätzliches Interesse stößt und der von einem ausgeruhten Zuhörer in einem gut gelüfteten Raum verfolgt wird, wird besser erinnert werden. Aber unter diesen idealtypischen Bedingungen finden natürlich nicht alle Präsentationen statt, und so wird die Konzentration der Zuhörer im Laufe der Zeit nachlassen.

Die Aufmerksamkeitskurve steigt wieder, wenn der Zuhörer merkt, dass sich der Vortrag dem Ende nähert. Sie werden die letzten Worte und die Verabschiedung wieder genauer mitbekommen, können ein Fazit mitnehmen.

Den Primacy- und Recency-Effekt nutzt beispielsweise die Werbung, ebenso werden im Marketing oder Vertrieb Argumente so gewichtet, dass zum Schluss das Entscheidende beim potenziellen Kunden im Gedächtnis bleibt.

Gerade bei der Akquise ist es jedoch ebenso von Bedeutung, dass Sie mit einem starken Argument einsteigen – anderenfalls kommen Sie erst gar nicht dazu, Ihr Angebot am Ende zu unterbreiten, weil der potenzielle Kunde bereits aufgelegt oder Ihnen die Tür vor der Nase zugeschlagen hat.

Wahrnehmungsfehler im Berufsleben

Nicht nur bei inhaltlichen Argumenten ist der Primacy-Recency-Effekt entscheidend. Auch situationsbedingt haben Menschen ein großes Interesse, wie sie wahrgenommen werden. Sei es als Kandidat im Vorstellungsgespräch, sei es in Gesprächen mit Kollegen oder Geschäftspartnern.

Noch bevor Sie etwas gesagt haben, wirken Ihre Mimik, Gestik, Körperhaltung, Kleidung und womöglich der Geruch auf Ihr Gegenüber.

Als Bewerber in einem Vorstellungsgespräch haben Sie ein Interesse daran, besonders positiv wahrgenommen zu werden. Natürlich können Sie mit einem freundlichen Lächeln und einem gut sitzenden Anzug allein kein Vorstellungsgespräch gewinnen, der Primacy- und Recency-Effekt zeigt sich eben auch in dem, was Sie im Gespräch inhaltlich antworten.

Dennoch unterstreicht ein positiver Einstieg den Gesamteindruck, Sie haben insgesamt eine bessere Ausgangslage, auf der Sie aufbauen können. Trotz eines guten ersten Eindrucks können Wahrnehmungsfehler passieren. Wenn sich beispielsweise ein Personaler durch ein sicheres Auftreten blenden lässt, sich im Laufe der Probezeit aber herausstellt, dass der Bewerber nicht hält, was er versprochen hat.

Der letzte Eindruck kann ebenso trügen: Wenn ein langjähriger, angesehener Mitarbeiter aus Wut auf den Chef einen cholerischen Anfall bekommt und in einer sehr unschönen Szene das Unternehmen verlässt, wird der Recency-Effekt wirksam.

Dieser Ex-Mitarbeiter wird fortan – zumindest für einen langen Zeitraum – nur noch unter seinem letzten Verhalten erinnert werden, da keinerlei neue Informationen über ihn abgerufen werden können. Wer das Gedächtnisphänomen um den Primacy- und Recency-Effekt vor Augen hat, daher deutlich planvoller vorgehen.

[Bildnachweis: Karrierebibel.de]
27. November 2018 Autor: Anja Rassek

Anja Rassek studierte u.a. Germanistik an der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster. Sie arbeitete danach beim Bürgerfunk und einem Münsteraner Verlag. Bei der Karrierebibel widmet sie sich Themen rund ums Büro, den Joballtag und das Studium.

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