Backfire-Effekt: Wann Sie nicht auf Kritiker hören sollten

Das Netz ist voller Meinungen. In Foren, auf Twitter, auf Facebook, in Blogs und Kommentaren. Jeder kann zu allem etwas sagen, und viele tun das auch. Harsch zum Teil, anonym, unsachlich, unterstellend, polemisch und persönlich beleidigend. Es ist verführerisch im Stealth Modus mal ordentlich Dampf abzulassen. Keine Frage, solche ungefilterten Rückmeldungen – auch wenn sie den falschen Ton treffen – können dennoch wertvoll sein. Doch leider haben wir zugleich die Tendenz, Kritik ernster zu nehmen, wenn sie nur vehement und drastisch genug vorgebracht wird. Ein Fehler…

Backfire-Effekt: Wann Sie nicht auf Kritiker hören sollten

Hater, Trolle, Nörgler: Kritik im Netz ernst nehmen?

Hater Backfire Effekt SpruchIn Blogs lässt sich das besonders gut beobachten: Sobald kritische Kommentare besonders böse, polarisierend oder nur gehässig genug formuliert werden, geraten die Angegriffenen schnell in eine Rechtfertigungsspirale – und damit in den Strudel des sogenannten Backfire-Effekts.

Tatsächlich werden in Kommentaren, Foren und anderen Social Media Kanälen vornehmlich Meinungen ausgetauscht, die oftmals auf simplen (aber unbewiesenen) Annahmen, Klischees oder Vorurteilen beruhen. Die wenigsten bringen dabei sachliche Argumente, geschweige denn Belege vor oder gehen auf die Positionen der jeweils anderen ein.

Lediglich der Ton wird mit der Zeit LAUTER und die Sprache rüder. Erst recht, weil es dabei kaum einer schafft, einzusehen, dass sein Argument (wenn es überhaupt eines war) nicht mehr haltbar ist oder noch einen Sinn ergibt.

Das Ganze Hin und Her erinnert dann weniger an die Suche nach einer besseren und gemeinsamen Lösung, sondern vielmehr an intellektuelles Armdrücken oder ein Pokerspiel, bis einer die Karten hinwirft oder sagt: „Ich will sehen!“

Eine solche Diskussion lässt sich aber weder führen, noch gewinnen – sie kennt am Ende nur Verlierer. Und verschwendete Zeit.

Genau das ist der Backfire-Effekt:

Je mehr man sich bemüht, seine Sache zu begründen und sich zu rechtfertigen, desto schlimmer wird es.

Diese spezielle Sorte Kritiker will Argumente gar nicht hören, sie will nur sagen: „Du liegst falsch – und ich habe Recht.“ Egal wie. Dass es auch umgekehrt sein könnte, steht gar nicht erst zur Debatte (was diese damit zugleich sinnlos macht).

Oder wie es Forscher formulieren:

What should be evident from the studies on the backfire effect is you can never win an argument online. When you start to pull out facts and figures, hyperlinks and quotes, you are actually making the opponent feel as though they are even more sure of their position than before you started the debate. As they match your fervor, the same thing happens in your skull. The backfire effect pushes both of you deeper into your original beliefs.

Was tun gegen den Backfire-Effekt?

Die Quintessenz daraus ist denkbar simpel: Wann immer Sie merken, dass Sie es mit dem Backfire-Effekt zu tun haben, steigen Sie aus der Negativspirale aus, rechtfertigen Sie sich nicht, ärgern Sie sich nicht, ignorieren Sie das Gemosere – und sparen Sie sich wertvolle Kraft und Zeit.

Viele Menschen wollen eigentlich gar nicht diskutieren, sondern Recht bekommen. Sie sind gar nicht daran interessiert, ihre Meinung hinterfragen oder sich gar umstimmen zu lassen. Es geht nur darum, die eigene Sicht mitzuteilen und den Standpunkt bestätigt zu sehen.

Mit diesen Menschen kann man nicht wirklich diskutieren. Wer es dennoch versucht, wird sich zwangsläufig verzetteln, verliert sein Ziel aus den Augen und opfert obendrein wertvolle Zeit. Gefallsucht wirkt wie Nervengift: Erst vernebelt es, dann lähmt es.

Stattdessen helfen oft schon drei einfache Sätze:

  1. Du hast Recht.

    Schon dieser Satz nimmt den meisten allen Wind aus den Segeln. Nichts anderes wollten sie hören, aber – und das ist der Clou – manche sind jetzt bereit, doch noch eine Weile länger zuzuhören.

    Je schneller man zu diesem Punkt kommt, desto weniger Nerven und Konflikte muss man auf dem Weg dorthin lassen beziehungsweise auskämpfen.

  2. Ich verstehe genau, wie du dich fühlst und warum du das so siehst.

    Natürlich kann der Satz „Du hast Recht“ leicht ironisch klingen, Motto: Du hast Recht und ich meine Ruhe. Den notorischen Rechthaber stachelt das eher noch an. Es ist, als würde man einem Wüterich sagen: „Entspann dich mal wieder!“ Das hat noch nie funktioniert.

    Wichtig ist daher, Empathie zu beweisen und zugleich die eineindeutig Aussage zu bekräftigen. „Ich verstehe genau, wie du dich fühlst“ holt Ihr Gegenüber nicht nur auf der sachlichen, sondern eben auch auf der emotionalen Ebene ab. Denn mal ehrlich: In 99 Prozent aller Diskussionen haben tatsächlich beide Seiten Recht – nur eben jeweils aus ihrer persönlichen Perspektive.

    Dem anderen zu signalisieren: Ich sehe das mit deinen Augen – und in dem Fall hast du Recht (und das im Übrigen nicht nur zu sagen, sondern auch wirklich zu versuchen!), beweist zugleich Respekt ohne den eigenen Standpunkt zu verraten.

  3. Eine andere Möglichkeit die Sache zu sehen, wäre…

    Entscheidend hieran ist, dass Sie hierfür unbedingt eine neutrale Formulierung wählen. Nicht „Ich sehe es aber anders…“ Das baut nur wieder eine Front auf und betont Gegensätze. So aber bringen Sie Ihr Gegenüber sanft dazu, ebenfalls einen anderen Blickwinkel einzunehmen.

    Und womöglich erkennt er oder sie dabei, dass auch Sie Recht haben – so gesehen. Und das ist der Moment, in dem Sie die Diskussion gewinnen – nicht im Sinne von Ich hab also doch Recht und du nicht, ätsch!, sondern indem Sie den Grundstein für gegenseitiges Verständnis, einen Kompromiss oder vielleicht sogar eine Einigung gelegt haben. Und das ist dann sogar Win-Win.

    90 Prozent der Auseinandersetzungen konzentrieren sich ohnehin auf die Vergangenheit. Dabei verrennt man sich unweigerlich in Details. Konstruktiver ist, den Blick in die Zukunft zu richten: Wo führen die jeweiligen Perspektiven hin?

Klar, gibt es auch jene, die dazu partout nicht bereit sind. Da hilft dann nichts mehr – außer abbrechen… Mit Beton kann man nicht streiten.

Der Dümmere gibt nach

Extra-Tipp-IconSie kennen sicher die Parabel des deutschen Dichters Johann Peter Hebel von einem Vater, der seinem Sohn die Torheit der Welt zeigen will. Er führt dazu einen Esel aus dem Stall und alle drei wandern in das erste Dorf.

Die dortigen Bauern verspotten das Trio und rufen: „Seht doch, diese Narren! Haben einen Esel und keiner sitzt drauf.“ Kaum haben sie das Dorf verlassen, setzt sich der Vater auf den Esel, und der Sohn führt beide in das zweite Dorf.

Wieder spotten die Bauern: „Was für ein Gespann! Der Alte reitet und der arme Junge muss laufen.“ Kurz hinter dem Dorf tauschen Vater und Sohn die Rollen.

Nun reitet der Junge ins dritte Dorf. Auch hier kommen die Bauern zusammen und schimpfen: „Es ist nicht recht, dass der Alte laufen muss. Der Junge hat die kräftigeren Beine – soll er doch zu Fuß gehen!“ Auch dieses Dorf lassen sie hinter sich.

Nun setzen sich beide auf den Esel – der Vater vorn, der Junge dahinter. So reiten sie gemeinsam in die vierte Siedlung, und man ahnt es längst: Auch hier finden die Bauern Anstoß an den Gefährten: „Pfui, ihr Tierquäler“, rufen sie. „Ihr wollt wohl das arme Tier zu Tode reiten? Man sollte einen Stock nehmen und beide herunterschlagen!“

Da erreichen beide schließlich das fünfte Dorf. Noch vor dem Eingang binden sie die Beine des Esels zusammen, fädeln sie durch eine Stange und tragen so den Esel auf ihren Schultern durch den Ort. Als die Leute das sehen, verhöhnen sie Vater und Sohn und jagen alle drei mit Steinwürfen aus dem Dorf.

Auch wenn eine gewisse Anpassungsfähigkeit im Job heute Bedingung für persönlichen Erfolg ist und Flexibilität per se als positiver Wert gilt: Zuviel davon ist ungesund. Man verliert dabei leicht seine Individualität und Glaubwürdigkeit.

Keine Frage: Kritik ist wertvoll, sie gänzlich zu ignorieren wäre töricht.

Aber bei aller Nörgelei gilt es auch immer abzuwägen – zwischen deren Berechtigung, deren Zweck und hilfreichem Effekt.

Und manchmal ist es besser, sich selbst treu zu bleiben, Rückgrat zu beweisen und sich so seine Glaubwürdigkeit und den Respekt zu erhalten. Der Verdacht liegt ja auch nahe: Wer sich jedem Widerstand beugt, besitzt weder Standfestigkeit noch Durchsetzungskraft. So jemand wird nie andere anleiten können, im Gegenteil: Er wird bereits geführt – von allen!

Die Versuchung ist manchmal groß, sofort einzuknicken, nachzugeben, um nicht zu kämpfen oder zu Schaden zu kommen. Es ist bequemer. Die meisten Menschen aber verachten Anpasser und Wendehälse. Respekt und Anerkennung resultieren aber nicht aus dem Grad, wie sehr man sich verbiegen kann, sondern wie man Konflikte durchsteht.

Bücher wie Zeitschriften sind voll mit bewundernden Geschichten über Menschen, die für ihre Sache eingestanden sind – selbst wenn sie sich dabei irrten.

[Bildnachweis: ArtFamily by Shutterstock.com]
13. September 2016 Autor: Jochen Mai

Jochen Mai ist Gründer und Chefredakteur der Karrierebibel. Er doziert an der TH Köln über Social Media Marketing und ist gefragter Keynote-Speaker. Zuvor war der Diplom-Volkswirt als Journalist tätig - davon 13 Jahre als Ressortleiter der WirtschaftsWoche.

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