Perspektive wechseln - das kann für Tunnelblicker ein Erfolgsrezept sein. Wenn man die neue Homepage ausnahmsweise aus der Sicht der User betrachtet und nicht aus Firmenperspektive - dann sähe sie vielleicht ganz anders aus. Auch in anderen Situationen hat der Perspektivwechsel vor allem eines: Vorteile. So wechseln sie zwischendurch mal Ihre Blickrichtung...

Perspektive wechseln Blickwinkel aendern Neublick

Perspektive wechseln: Wozu?

Für dieses einfache Experiment setzten sich mehr als 1000 Menschen vor einen Computer. Auf dem Bildschirm saß ihnen eine Person an einem runden Tisch gegenüber, vor sich eine Banane und ein Buch liegend. In wenigen Momenten würde die Person eines der beiden Objekte greifen.

Tat sie das mit der linken Hand, sollten die Teilnehmer ebenfalls mit der linken Hand eine Taste drücken. Griff sie mit der rechten Hand zu, dann sollten sie mit der rechten Hand die Taste drücken. Zweck dieser Übung: Der Mensch vor dem Monitor sollte die Perspektive seines virtuellen Gegenübers einnehmen.

Auf dem Bildschirm erschienen nun Fragen, zum Beispiel diese: "Wann war Einstein das erste Mal in den USA?" Die Person in der virtuellen Welt antwortete: "1939".

Jetzt sollten auch die Probanden aus Fleisch und Blut die Frage beantworten. Manche verorteten Einstein irgendwo im 19. Jahrhundert, andere bewegten sich sehr nah an der Antwort des virtuellen Männchens. Richtige Antwort übrigens: Einstein war von 1932 bis 1955 in den USA.

Nun wurde das Experiment geringfügig verändert. Die Teilnehmer mussten sich nicht mehr in die andere Person hineinversetzen - durch Drücken der Tasten - oder sie saßen ihr nicht mehr gegenüber, sondern an der gleichen Tischseite. Perspektivenwechsel also überflüssig.

Wieder erschienen nun Fragen, zum Beispiel diese: "Wie hoch ist der Kölner Dom?" Diesmal waren die Antworten der Teilnehmer viel weiter von den Antworten entfernt, die die virtuelle Person zuvor gegeben hatte.

Die Schlussfolgerung von Thorsten Erle lautet: Die visuelle und die psychologische Übernahme einer fremden Perspektive hängen zusammen. "Wer sich rein visuell leichter in eine andere Person hineinversetzen kann, ist auch stärker zu Empathie fähig", so der 31-jährige Sozialpsychologe von der Uni Würzburg, der das Experiment gemeinsam mit Sascha Topolinski von der Uni Köln durchgeführt hatte.

Das werde noch an einem anderen, ganz simplen Beispiel deutlich. Wenn man eine Tasse in die rechte Hand nimmt und fragt: "In welcher Hand habe ich sie?" Dann lautet die Antwort des Gegenübers: "Rechts".

Schon dazu bedarf es aber eines Perspektivwechsels. Denn um die richtige Antwort formulieren zu können, muss man sich in den anderen, den Tassenträger, hineinversetzen. Er trägt die Tasse in der - aus seiner Sicht - rechten Hand.

Die Sozialpsychologen sind überzeugt: Wer es sich leicht vorstellen kann, die Umgebung durch die Augen eines anderen zu sehen, ist auch eher zu Empathie fähig. Und die gilt als nicht gerade unwichtigste Eigenschaft in der Arbeitswelt des 21. Jahrhunderts.

Perspektive wechseln: Die Vorteile

Der Perspektivwechsel ist aber auch eine einfache - aber mutmaßlich zu selten genutzte - Taktik, um Zusammenhänge besser zu verstehen, um sein Produkt oder sich selbst zu verbessern. Er kann dabei helfen, den berühmten Tunnelblick auszuschalten.

Den kennen beispielsweise Studenten, die an einer Hausarbeit sitzen. Wer tagelang mit seinem Essay beschäftigt ist, entdeckt irgendwann die einfachsten Rechtsschreib- oder Logikfehler nicht mehr. Jetzt braucht es jemanden, der mit frischem Blick darauf schaut, einen Lektor, der der Arbeit den Feinschliff gibt. Es braucht einen Perspektivwechsel.

Anderes Beispiel: das Marketing. Es lebt geradezu vom Perspektivwechsel. Was denkt der Verbraucher, wenn er unseren Spot im TV sieht? Wie können wir ihn dazu animieren, unseren Schokoriegel zu kaufen? Wie Bedürfnisse und Begehrlichkeiten wecken? Wer hier die Ich-Perspektive nie verlässt, wird den Absatz kaum steigern können.

Zusammengefasst: Wer den Blickwinkel ab und zu ändert, entwickelt Empathie, verhindert Tunnelblick, findet unkonventionelle Lösungen und erweitert seinen Horizont.

Was daher auch sinnvoll sein kann:

  • Ein Chef, der sich in seine Mitarbeiter hineinversetzt. Wie würde ich mich selbst als Chef wahrnehmen?
  • Ein Mitarbeiter, der sich in seinen Chef hineinversetzt. Warum behandelt er mich so, wie er mich behandelt?
  • Ein SEO, der sich in die User hineinversetzt. Welche Keyword-Kombination würde ich eingeben, wenn ich die Lösung für Problem XY suche?
  • Ein Verkäufer, der sich in seine Kunden hineinversetzt. Würden mich meine eigenen Verkaufsargumente überzeugen?
  • Ein Unternehmer, der sich in seinen Konkurrenten hineinversetzt. Wie würde ich an seiner Stelle reagieren, nachdem wir gerade unser neues Produkt auf den Markt gebracht haben?
  • Ein Arbeitnehmer, der sich in einen Kollegen hineinversetzt. Warum reagiert er immer so, wie er reagiert?

Perspektivwechsel: Die besten Zitate

Die besten Entdeckungsreisen macht man nicht in fremden Ländern, sondern indem man die Welt mit neuen Augen betrachtet. (Marcel Proust)

Probleme kann man niemals mit derselben Denkweise lösen, durch die sie entstanden sind. (Albert Einstein)

Die Wahrheit ist wie ein Kronleuchter im Gerichtssaal. Alle sehen ihn, aber jeder aus einem anderen Blickwinkel. (Peter Ustinov)

Um klar zu sehen, reicht oft ein Wechsel der Blickrichtung. (Antoine de Saint-Exupery)

Perspektivwechsel: So sehen Sie die Dinge mal anders

Ein Perspektivwechsel ist aber kein Trick aus dem Zauberkasten, hat nicht ausschließlich etwas mit Vorstellungskraft zu tun. Er kann auch ganz konkret erfolgen, räumlicher und zeitlicher Natur sein.

Wenn man den Job oder die Branche wechselt oder ins Ausland geht, dann wechselt man automatisch die Perspektive.

Wie Sie Ihre Perspektive ganz konkret wechseln können:

  • Job Rotation

    Öfter mal den Job im Job wechseln - und damit die Perspektive. Die Job Rotation kann Bestandteil einer cleveren Personalstrategie sein.


  • Trainee

    Ausbildung mit eingebautem Perspektivwechsel. Der Trainee durchläuft mehrere Stationen, sieht das Innenleben unterschiedlicher Abteilungen. Nicht umsonst ein beliebter Berufseinstieg für Absolventen.


  • Hospitanz

    Praktikum für Fortgeschrittene. Beispiel aus dem Profi-Sport: Arbeitslose Bundesliga-Trainer, die in der englischen Premier League hospitieren. Ein Perspektivwechsel, der neue Einsichten bringt und frische Kontakte.


  • Auslandsaufenthalt

    Grundüberzeugungen können ins Wanken geraten, wenn man den Realitäten dieser Welt ins Auge blickt. Und ganz neue entstehen. Perfekt für einen Perspektivwechsel daher: der Auslandsaufenthalt - zum Beispiel während des Studiums oder als Au-pair.


  • Freiwilliges Soziales Jahr

    Auch der Freiwilligendienst bietet die Chancen auf einen Perspektivwechsel. Zum Beispiel für Schulabgänger, die pflegebedürftige Senioren betreuen. Welche Bedürfnisse haben sie? Was ist ihnen wichtig? Wie denken sie? Fragen, die sich viele Teens oder Twens sonst eher nicht stellen.


  • Networking

    Es muss nicht der große Sprung ins kalte Becken sein. Auch im Arbeitsalltag bieten sich viele Gelegenheiten, um zwischendurch den Blickwinkel neu auszurichten. Zum Beispiel durch innerbetriebliche Workshops. Durch die Übernahme eines neuen Projekts oder eine Präsentation, die man vor Laien halten muss. Oder einfach durch ein gemeinsames Mittagessen mit der anderen Abteilung.

Perspektive wechseln: Stellen Sie sich doch mal diese Fragen!

Perspektive wechseln: Stellen Sie sich doch mal diese Fragen!Wie nimmt man eine andere Perspektive ein, ohne Job, Standort oder Branche zu wechseln? Zum Beispiel, indem man sich diese Fragen stellt:

  • Wozu würde mir meine Großeltern oder Eltern in dieser Situation raten?
  • Was würde mein (unternehmerisches) Vorbild jetzt tun?
  • Wie würde mein Erzrivale reagieren, wenn er von meinen Plänen wüsste?
  • Wenn ich Mäuschen spielen könnten - in meinem eigenen Büro - was würde ich denken?
  • Welchen Eindruck hätte mein größter Konkurrent, wenn er einen Rundgang durch meine Firma machen würde?
  • Was würde ein Fremder von meinem Unternehmen halten, wenn er es zum ersten Mal betritt?
  • Was würde ein ehemaliger Klassenkamderad denken, wenn er mich nach all den Jahren heute wiedertreffen würde?

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