Selbstoptimierung: Ist gut nicht mehr gut genug?

Wie kann ich noch besser werden? Für viele Menschen wird dies immer mehr zur zentralen Frage im Leben. Selbstoptimierung heißt der Trend, der sich in zwischen seit mehreren Jahren zunehmend in den Köpfen festsetzt. Die Mentalität des schneller, höher, weiter wird auf die Spitze getrieben. Gut zu sein reicht schon lange nicht mehr aus, das Ziel ist es, besser zu sein. Nicht nur besser als andere, sondern auch besser als man selbst noch vor kurzer Zeit war. Klingt erst einmal nach großer Motivation und dem Wunsch nach Entwicklung und Wachstum. Allerdings wird es mit der Selbstoptimierung regelmäßig übertrieben, was mehr Probleme als Vorteile mitbringen kann. Eine weitere wichtige Frage: Warum wollen wir uns selbst unbedingt optimieren, wenn es vielleicht gar nicht nötig wäre?

Selbstoptimierung: Ist gut nicht mehr gut genug?

Selbstoptimierung ist allgegenwärtig

Selbstoptimierung am Arbeitsplatz ist wichtig, um den Anforderungen des Arbeitstages gerecht zu werden, in Ihre Position hineinzuwachsen und wirklich gut in dem zu sein, was Sie tun. Sie passen Ihre Arbeitsweise an die Herausforderungen an, lernen dazu, verbessern Ihren Ablauf und erzielen mit wachsender Erfahrung bessere Ergebnisse.

Das ist jedoch nur ein sehr kleiner Teil der Selbstoptimierung. Der weitaus größere findet im Alltag und in der Freizeit statt. An vorderster Front dabei: Das Smartphone als größte Unterstützung und gleichzeitiges Kontrollorgan der Selbstoptimierer. Schrittzähler sagen Ihnen, ob Sie auch genug gelaufen sind, für jedes Nahrungsmittel können Sie Nährwerte und Kalorien abfragen, um am Ende des Tages ein Kaloriendefizit beibehalten und abnehmen zu können, nachts überwacht eine App die Dauer und die Qualität des Schlafes, Produktivitätshelfer sorgen dafür, dass Sie auch wirklich all die Ziele verfolgen, die Sie sich selbst gesteckt haben und ganz egal, was Sie sonst machen – es gibt die Möglichkeit, dass Sie es optimieren.

Immer mehr Menschen erfreuen sich daran, ihr gesamtes Leben in digitaler Form zu erfassen und Schritt für Schritt zu verbessern. Im Fachjargon wird dabei von Quantified Self – also etwa die Messbarkeit der eigenen Person.

Der ursprüngliche Gedanke ist dabei durchaus positiv. Vielen Selbstoptimierern geht es darum, das eigene Leben besser zu nutzen, so viel wie möglich aus jedem Tag herauszuholen und die eigene Zeit glücklich und erfolgreich zu nutzen. Technische Entwicklungen werden genutzt, um diesen Wunsch in die Tat umzusetzen.

Allerdings führt die Selbstoptimierung häufig nicht zu mehr Glück und Zufriedenheit mit dem eigenen Leben, sondern bewirkt das genaue Gegenteil.

Woher kommt der Wunsch zur Selbstoptimierung?

Selbstoptimierung Technik Trend Definition Kritik PsychologieNeben dem Ziel, durch die Selbstoptimierung das eigene Leben zu verbessern, kann es noch weitere Ursachen und Auslöser geben, die dazu führen, dass immer mehr Menschen sich selbst optimieren. Dahinter stehen in der Regel gleich zwei sehr menschliche Verlangen: Auf der einen Seite der Wunsch nach Perfektion und auf der anderen Seite der Drang, sich mit anderen zu vergleichen.

Die meisten Menschen sind – bis zu einem gewissen Grad – perfektionistisch. Gerade wenn es um die eigene Person geht, sollen Fehler und Schwächen vermieden oder gänzlich ausgemerzt werden. Selbstoptimierung schlägt genau in diese Kerbe und ermöglicht es, in jedem Bereich an sich selbst zu arbeiten, gleichzeitig den eigenen Fortschritt zu kontrollieren und beständig besser zu werden.

Oft noch stärker ist aber das Gefühl, sich mit anderen vergleichen zu müssen. Wir suchen regelrecht die Konkurrenz, wollen wissen, wo wir selbst stehen und wollen natürlich die anderen in den Schatten stellen, um das eigene Ego ein bisschen aufplustern zu können. Als soziales Wesen ist der Mensch darauf angewiesen, seinen Platz in einer Gruppe zu finden, sich entweder unterzuordnen oder über anderen zu stehen. Durch die Quantifizierung der Selbstoptimierung wird nahezu alles vergleichbar und kann so auch die Motivation steigern, besser zu sein als andere.

Der gefährliche Trend der Selbstoptimierung

Selbstoptimierung erfreut sich großer Beliebtheit, gerade durch durch die neuen Möglichkeiten, die die Technik in den letzten Jahren gebracht hat. Allerdings sollte dabei nicht vergessen werden: Sich selbst immer weiter optimieren zu wollen, kann ein schädliches und gefährliches Vorhaben sein.

Das ständige schneller, höher, weiter soll motivieren und dazu führen, mehr aus sich selbst herauszuholen. In der Realität bewirkt es aber häufig Überforderung und viel zu hohe Erwartungen an sich selbst, die einfach nicht erfüllt werden können. Große Ziele sind gut und wichtig, wer aber ständig mehr von sich verlangt, als er leisten kann, tritt das eigene Selbstwertgefühl mit Füßen.

Jeden Tag zeigen Sie sich selbst, dass Sie offensichtlich nicht gut genug sind, nicht mithalten können, dem Tempo und den Anforderungen nicht gewachsen sind. Was folgt sind Selbstzweifel oder sogar psychische Probleme oder Krankheiten. Der Wunsch nach Perfektionismus setzt Sie immer weiter unter Druck, bis Sie diesem nicht mehr standhalten können.

Auch körperlich kann die Selbstoptimierung kritisch sein. Einige gehen weit über die eigenen Grenzen hinaus, indem beispielsweise der eigenen Schlafrhythmus reduziert wird, um mehr vom Tag zu haben und in der zusätzlichen Zeit mehr zu schaffen.

Die Kritik an der Selbstoptimierung kann aber auch etwas abstrakter begonnen werden. So kann sie beispielsweise Narzissmus fördern, weil sich die gesamte Aufmerksamkeit nur noch darum dreht, den eigenen Körper oder die eigenen Eigenschaften zu perfektionieren. Das geht solange weiter, bis kein Zweifel mehr an der eigenen Unfehlbarkeit besteht – schließlich wurde entsprechend viel darin investiert.

Ein weiterer Aspekt vor dem Gesichtspunkt der technischen Helfer der Selbstoptimierung ist der Datenschutz. Mit jeder App die Sie benutzen, mit Ihren persönlichen Daten füttern und der Sie erlauben, Statistiken und Auswertungen über Ihren Lebensstil anzulegen, werden Sie zunehmend zum gläsernen Menschen.

Selbstoptimierung in Maßen kann durchaus sinnvoll sein

Trotz möglicher Gefahren bedeutet es nicht, dass die Selbstoptimierung in jedem Fall vermieden werden muss und keine Berechtigung mehr hat. Ganz im Gegenteil. Der Grundgedanke, mehr aus seinem Leben zu machen und eine bessere Version von sich selbst zu werden, sollte unterstützt und verfolgt werden.

Entscheidend ist jedoch, wie Sie dabei vorgehen. Ein wichtiger Kerngedanke sollte dabei lauten: Wenn Sie zu viel wollen, bekommen Sie am Ende noch weniger. Wer es mit der Selbstoptimierung übertreibt, verlernt dabei, zufrieden mit sich selbst zu sein. Erinnern Sie sich deshalb immer wieder selbst daran, dass gut eben doch gut genug sein kann. Es muss nicht immer alles perfekt und 120 Prozent sein. 95 Prozent können absolut ausreichend sein und machen oftmals viel glücklicher als alles, was der Versuch, irgendwie noch mehr möglich zu machen.

Außerdem sollte sich Selbstoptimierung immer an der eigenen Person orientieren. Will heißen: Fragen Sie sich, was Sie überhaupt erreichen wollen, warum Sie sich optimieren und wie weit Sie dabei gehen wollen. Was für andere sinnvoll ist, ist für Sie individuell vielleicht total unpassend und absoluter Quatsch. Selbstoptimierung als reiner Selbstzweck bringt gar nichts.

Glück lässt sich nun mal nicht erzwingen, auch nicht durch Selbstoptimierung. Manchmal ist es besser, die Dinge ein wenig lockerer zu sehen, einiges so zu akzeptieren, wie es ist und damit eine Last von den eigenen Schultern zu nehmen.

[Bildnachweis: KDdesignphoto by Shutterstock.com]
24. Oktober 2017 Nils Warkentin Autor Profilbild Autor: Nils Warkentin

Nils Warkentin studierte Business Administration an der Justus-Liebig-Universität in Gießen und sammelte Erfahrungen im Projektmanagement. Auf der Karrierebibel widmet er sich Themen rund um Studium, Berufseinstieg und Büroalltag.

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