Altruismus: Lohnt sich die Selbstlosigkeit?

Wir scheinen in einer Welt zu leben, in der jeder immer nur an sich denkt. Im Konkurrenzkampf mit Kollegen wollen wir uns um jeden Preis durchsetzen, manch einer ist sogar bereit zu lügen oder sich auf unfaire Art und Weise einen Vorteil zu verschaffen – Hauptsache am Ende profitiert man selbst. Für Altruismus scheint dabei kein Platz zu sein, ganz nach dem Motto: Wenn ich nicht an mich selbst denke, macht es überhaupt niemand. So steht hinter jeder guten Tat die Frage: Schaden Sie sich mit dem Altruismus möglicherweise selbst, weil jemand anders Ihre Selbstlosigkeit schamlos zum eigenen Vorteil ausnutzt? Betrachtet und versteht man das Konzept des Altruismus jedoch ein wenig genauer, zeigt sich schnell, dass die Antwort auf diese Frage gar nicht so wichtig ist, wie es zunächst scheint…

Altruismus: Lohnt sich die Selbstlosigkeit?

Was ist Altruismus?

Altruismus Definition Beispiel Definition Psychologie Synonym Gegenteil EgoismusAltruismus wird oftmals mit Hilfsbereitschaft gleichgesetzt. Diese beiden sind zwar miteinander verbunden und gehören teilweise zusammen, doch können sie nicht vollkommen synonym verwendet werden. Um den Zusammenhang korrekt zu beschreiben, müsste es heißen: Hilfsbereitschaft ist ein Teil des Altruismus, eine Ausprägung und ein Verhalten, durch die die altruistischen Absichten eines Menschen deutlich werden.

Altruismus lässt sich am besten als genaues Gegenteil von Egoismus begreifen. Es ist eine Einstellung und Denkweise, aber vor allem auch ein Verhalten, das sich nach außen zeigt. Über eine einheitliche und allgemeine Definition gibt es immer wieder Unstimmigkeiten, doch lässt sich der Kern des Altruismus durchaus prägnant zusammenfassen:

Altruismus ist die bewusste, absichtliche und freiwillige Verhaltensweise, etwas für jemand anderen zu tun, ohne selbst einen Nutzen davon zu erwarten.

Passende Synonyme, die im Sprachgebrauch häufiger genutzt werden, sind Selbstlosigkeit oder auch Uneigennützigkeit. Schon hier zeigt sich, warum die anfangs aufgeworfene Frage dem Altruismus nicht entspricht: Wer wirklich selbstlos handelt und dabei nur den Nutzen einer anderen Person im Sinn hat, kümmert sich nicht darum, ob er selbst möglicherweise einen Nachteil davon trägt.

Altruismus zeichnet sich dadurch aus, dass kein eigener Nutzen erwartet und in Kauf genommen wird, dass man selbst Aufwand oder Kosten (die nicht finanziell sein müssen) hat, ohne im Gegenzug etwas dafür zu erhalten. Einem wahren Altruisten ist es somit egal, ob ihm ein Schaden entsteht, solange er durch sein Handeln jemand anderem helfen konnte.

Klingt wahrlich edel, ist aber leider auch eine absolute Rarität.

Wahrer Altruismus ohne Hintergedanken ist selten

Längst nicht alles, was nach Altruismus aussieht, ist auch tatsächlich selbstloses Verhalten. Tatsächlich ist es in vielen Fällen sogar das genaue Gegenteil: Egoismus, Manipulation und Hintergedanken. Der Unterschied lässt sich an zwei einfachen Beispielen verdeutlichen.

Ein klassisches Beispiel für Altruismus ist ein Vater, der mit seinem Kind spazieren geht. Plötzlich fängt es in Strömen an zu regnen, doch die beiden haben nur einen kleinen Schirm dabei, der gerade so für einen von ihnen reicht. Ohne zu zögern öffnet der Vater den Regenschirm und hält diesen über das Kind, während er selbst komplett durchnässt wird. Sein ganzes Denken und Handeln ist darauf ausgerichtet, das Kind trocken und behütet zu halten. er selbst erwartet sich nichts davon, nicht einmal ein Dankeschön und auch dass er nass wird und sich möglicherweise erkältet, macht ihm absolut nichts aus.

Dabei handelt es sich um Altruismus in Reinform. Nun zum zweiten Beispiel: Ein Kollege kommt zu Ihnen und bietet an, Ihre Schicht am Wochenende zu übernehmen, weil Sie doch schon am letzten Samstag arbeiten mussten. Auf den ersten Blick handelt es sich auch hier um altruistisches Verhalten, schließlich profitieren Sie von der netten Geste und der Kollege hat nichts davon.

Ein paar Wochen später kommt aber genau dieser Kollege an und fragt Sie, ob Sie seinen Dienst am Wochenende übernehmen könnten. Er spricht es vielleicht nicht aus, aber natürlich erinnern Sie sich daran, dass er für Sie eingesprungen ist. Dahinter stand also von Anfang an der Gedanke, dass er selbst in einiger Zeit Ihre Hilfe braucht. Der Nutzen für sein Handeln war zwar nicht sofort ersichtlich, war aber sicherlich ein Hintergedanke.

Genau so verhält es sich in der Realität sehr oft. Durch scheinbaren Altruismus werden die eigenen Absichten getarnt, obwohl nur an den eigenen Vorteil gedacht wird. Ein solch berechnendes und hinterlistiges Verhalten ärgert die meisten Betroffenen noch mehr, da sie sich berechtigterweise manipuliert fühlen.

Selbst wenn Sie anderen helfen, um deren Dank und Wertschätzung zu erhalten, handeln Sie nicht mehr wirklich altruistisch, sondern verfolgen ein klares Ziel und erwarten sich auch einen Nutzen. So kann der Wunsch nach Anerkennung und Bestätigung den Anschein von Altruismus machen, obwohl es nur von mangelndem Selbstwertgefühl zeugt.

Sprüche und Zitate zum Altruismus

  • Selbstaufopferung ist das wirkliche Wunder, aus dem alle anderen Wunder entspringen. Ralph Waldo Emerson
  • Bis zu einem gewissen Grade selbstlos sollte man schon aus Selbstsucht sein. Marie von Ebner-Eschenbach
  • Soll es reichlich zu dir fließen, reichlich andre lass genießen. Johann Wolfgang von Goethe
  • Uneigennützigkeit erregt Verdacht wie jeder Sonderling, der sich uns unerwartet nähert. Emanuel Wertheimer
  • Der brave Mann denkt an sich selbst zuletzt. Friedrich Schiller
  • Nur dann, wenn man selbstlos ist, vermag man auch etwas für das Ganze zu leisten. Friedrich I.
  • Selbstlosigkeit ist ausgereifter Egoismus. Oscar Wilde
  • Die meisten Menschen verderben sich ihr Leben selbst durch einen gewissen ungesunden, forcierten Altruismus. Oscar Wilde
  • Der ideale Mensch verspürt Freude, wenn er anderen einen Dienst erweisen kann. Aristoteles
  • Der Eigennutz spricht alle Sprachen und spielt alle Rollen, sogar die der Selbstlosigkeit. François VI. Herzog de La Rochefoucauld

Warum Altruismus Ihnen nutzen kann

Es klingt widersprüchlich, denn beim Altruismus ist doch gerade alles darauf ausgerichtet, anderen zu nutzen ohne selbst etwas zu erhalten. Doch selbst wenn das Ihre volle Absicht ist und Sie tatsächlich keine eigenen Erwartungen an Ihr Handeln knüpfen, können Sie davon profitieren.

Zunächst einmal gilt: Helfen macht glücklich. Zu sehen, dass man selbst einen Beitrag leisten kann, damit es jemand anderem besser geht oder dieser sich freut, ist ein ungemein gutes Gefühl. Schon Kleinigkeiten, die anderen ein Lächeln aufs Gesicht zaubern, können zu mehr Glück und Zufriedenheit mit sich selbst führen. Für manch einen kann auf diese Weise sogar das eigene Handeln einen ganz neuen Sinn bekommen.

Hinzu kommt, dass Sie großen Einfluss auf Ihr Umfeld nehmen können. Vorgelebter Altruismus wirkt sich positiv auf die Menschen in Ihrer Nähe aus. In Anlehnung an Gandhis Zitat Sei selbst die Veränderung, die du in der Welt sehen willst können Sie mit gutem Beispiel vorangehen, die eigenen Bedürfnisse auch einmal hintenanstellen und selbstlos handeln.

Auch andere werden Ihr Verhalten wahrnehmen und möglicherweise das eigene Denken und Handeln reflektieren und daraufhin ändern. So entsteht ein reziproker Altruismus, der auf Gegenseitigkeit beruht. Indem Sie selbstlos sind, inspirieren Sie auch andere dazu, es Ihnen gleich zu tun – so können Sie den Altruismus fördern und ein Umfeld gestalten, in dem jeder bereit ist, auch uneigennützig etwas für den anderen zu tun.

Gefahren des Altruismus: Übertreiben Sie es nicht

Beim Altruismus lauern aber auch einige Gefahren, denen Sie mit der nötigen Vorsicht begegnen sollten. Allen voran sollten Sie aufpassen, sich selbst nicht vollkommen für andere aufzuopfern und dabei komplett die eigenen Bedürfnisse vergessen. Hin und wieder muss jeder auch einmal an sich selbst denken, schon für die eigene Gesundheit.

Auch sollten Sie hinterfragen, woher Ihr Altruismus kommt. Sind Sie vielleicht doch nur auf der Suche nach Anerkennung und Bestätigung und versuchen deshalb, es allen anderen recht zu machen? Ist dies der Fall, laufen Sie nicht nur Gefahr, sich selbst zu überfordern, weil Sie nicht Nein sagen können und sich somit immer mehr Lasten aufbürden, sondern auch ein ernsthaftes Helfersyndrom zu entwickeln.

Der beste Weg, den Risiken des Altruismus zu entkommen, ist eine gesunde Balance. Selbstloses Verhalten ist durchaus positiv zu bewerten, kann ein Teil Ihrer Persönlichkeit sein, macht sympathisch und kann Ihnen Zufriedenheit bringen. Er sollte allerdings immer in Maßen bleiben, denn permanenter Altruismus schlägt schnell ins Gegenteil um.

[Bildnachweis: Doppelganger4 by Shutterstock.com]
15. Februar 2018 Nils Warkentin Autor Profilbild Autor: Nils Warkentin

Nils Warkentin studierte Business Administration an der Justus-Liebig-Universität in Gießen und sammelte Erfahrungen im Projektmanagement. Auf der Karrierebibel widmet er sich Themen rund um Studium, Berufseinstieg und Büroalltag.

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