Melancholie: Krankheit oder Kreativitäts-Kick?

Eines gleich vorweg: Melancholie ist keine Krankheit. Es ist ein Gemütszustand, der mal länger, mal kürzer dauert. Die einen erleben sie als große Traurigkeit. Andere erleben durch sie sogar einen regelrechten Kreativitäts-Kick.

Zahlreiche Künstler – ob Musiker oder Maler, Dichter oder Philosophen – wurden und werden immer wieder von melancholischen Phasen beflügelt. Unzählige Zitate, Gedichte und Bilder entstanden unter melancholischem Eindruck oder bilden die Melancholie auf schöne Art und Weise ab.

Die Grenzen sind dabei schwer auszumachen: Was ist noch Melancholie, wann ist es eine Depression? Was bedeutet es, melancholisch zu sein? Und kann, oder sollte man gar etwas gegen eine melancholische Stimmung tun? Über die Vorzüge und Schattenseiten des Wesensmerkmals…

Melancholie: Krankheit oder Kreativitäts-Kick?

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Was ist Melancholie?

Der Begriff Melancholie stammt vom Altgriechischen μελαγχολία / melangcholía ab und bedeutet übersetzt so viel wie Schwarzgalligkeit.

Dahinter steckt das antike Konzept der Humoralpathologie: Früher existierte die Vorstellung, der Mensch und seine Persönlichkeit seien durch einen Überschuss an bestimmten Körpersäften geprägt. Während dem Choleriker beispielsweise zu viel gelbe Galle bescheinigt wurde, ist es beim Melancholiker die schwarze Galle, die sich auf sein Wesen auswirkt.

Das ist zwar Unfug, wie die moderne Medizin heute weiß, erklärt aber ganz gut, warum viele auch heute noch eine melancholische Stimmung eher als düster und dunkel beschreiben. Oder eben als Katerstimmung.



Sprüche und Zitate

Melancholie ist eine Art Kater des Geistes, der sich übernommen hat.

Peter Rudl

Zugegeben, das Wesen der Melancholie zeichnet sich durch gedrückte Stimmung und Nachdenklichkeit aus. Als Synonyme zur Melancholie werden häufig genannt:

  • Bedrücktheit
  • Freudlosigkeit
  • Niedergeschlagenheit
  • Schwermut
  • Tristesse
  • Trübsinn
  • Verzweiflung
  • Wehmut
  • Weltschmerz

Im frühen Christentum wurde Melancholie noch so interpretiert, dass der Melancholiker offenbar nicht genügend Vertrauen in die göttliche Vorsehung hat. Er beging somit eine der sieben Todsünden.

Übersehen wird dabei, dass es – so paradox es auch klingt – glücklich machen kann, traurig zu sein. Mancher Melancholiker schwelgt in seiner Schwermut und genießt umso mehr die Erleichterung danach.



Sprüche und Zitate

Melancholie ist das Vergnügen, traurig zu sein.

Victor Hugo

Es ist nicht leicht eine Definition für Melancholie zu finden. Tatsächlich hat der Begriff im Laufe der Zeit viele Bedeutungswechsel erfahren. Auch in der Bewertung durch die Gesellschaft.

Wann ist jemand nur traurig, wann schon melancholisch – oder bereits depressiv?

Wenn der Schriftsteller Christian Morgenstern aus einer wehmütigen Stimmung heraus ein Gedicht über den Liebeskummer verfasst, das allseits großen Anklang findet, ist es Melancholie. Da werden auch gerne vornehme Synonyme wie Elegie oder Ennui verwendet.

Bläst hingegen Erna Kasuppke aus Wanne-Eickel wochenlang Trübsal, interessiert das nicht nur keinen. Sie bekommt womöglich noch den Stempel der Depression aufgesetzt.

Dauer und Merkmale in Abgrenzung zur Depression

Die psychologische Erforschung der Melancholie begann im 19. Jahrhundert. Sigmund Freud unterschied bereits zwischen Trauer und Melancholie und sah bei Melancholikern die Gefahr eines Suizids.

Wenn Melancholie mit Schwermut und Traurigkeit einher geht, dann wäre das Gegenteil der Optimismus, die Lebensfreude oder der Frohsinn.

Würde man es psychologisch beschreiben, so wäre eine manische Persönlichkeit das Gegenstück zu einer melancholischen.

In der Psychologie wird Melancholie meist folgendermaßen aufgefasst:

  • In der älteren Forschung ist Melancholie ein Synonym für Depression.
  • In der gegenwärtigen Forschung wird zwischen Melancholie und Depression unterschieden:
    • Melancholie: Ein Zustand vorübergehender Traurigkeit ohne bestimmten Auslöser.
    • Depression: Eine ernstzunehmende psychische Erkrankung, die endogene oder exogene Ursachen haben kann und behandlungswürdig ist.

Im Gegensatz zur Depression. Die liegt gemäß der Deutschen Depressionshilfe dann vor, wenn:

  • Zwei der drei Hauptsymptome (Freud- und Interesselosigkeit, depressive Stimmung, Antriebsmangel) vorliegen,
  • zwei der sieben Zusatzsymptome (Konzentrationsstörungen, geringes Selbstwertgefühl, Schuldgefühle, Pessimismus, Suizidgedanken, Schlafstörungen, Appetitlosigkeit) gegeben sind,
  • der Zustand mindestens über einem Zeitraum von zwei Wochen oder länger dauert.

Orientiert man sich an diesem Verständnis, sind gedrückte Stimmung, selbst Bedauern oder Trauer, Ausdruck einer Melancholie, aber nicht zwangsläufig einer Depression. Das gilt zumindest, wenn es sich nicht um eine langanhaltende Phase handelt.

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Melancholie: Die Fähigkeit zum Innehalten und Nachdenken

Entscheidend dafür, wie sich diese Stimmung bei einer Person auswirkt, ist die eigene Wahrnehmung und der Umgang damit. Christian Morgenstern hat beispielsweise einen ganzen Band mit Gedichten herausgebracht, den er als Melancholie bezeichnete. Folgendes Gedicht stammt daraus:

Melancholie Gedicht Morgenstern

Viele Dichter, aber auch andere Künstler, zum Beispiel der Maler Caspar David Friedrich, werden mit Melancholie in Verbindung gebracht. Ihre Werke rühren die Herzen vieler Menschen, weil sie sich darin wiedererkennen oder es einfach nur „schön“ finden.



Sprüche und Zitate

Statt mich in Verzweiflung gehen zu lassen, habe ich mich für die tätige Melancholie entschieden, insofern Tätigkeit in meiner Macht stand, oder, mit anderen Worten, ich habe die Melancholie, die hofft und strebt und sucht, einer Melancholie vorgezogen, die trübsinnig und tatenlos verzweifelt.

Vincent van Gogh

Themen und Motive wie Liebeskummer, Sonnenuntergänge und Vergänglichkeit haben häufig eine bittersüße Note:

  • Bitter, weil etwas vergangen ist, nie war oder sein wird.
  • Süß oder schön, weil vielleicht mit einer gewissen Dankbarkeit auf das zurückgeblickt wird, was man hatte.

Das gilt für gescheiterte Beziehungen, aber auch beim Verlust eines geliebten Menschen.

Von Symptomen lässt sich nur schwer im Zusammenhang mit Melancholie sprechen. Sie ist – wie gesagt – keine Krankheit.

Meist ist sie vorübergehend und eine Frage des Temperaments oder gar eine Charaktereigenschaft. Als solche zeichnet sie sich durch die Fähigkeit zum Innehalten und Nachdenken aus.

Daher geht es auch gar nicht darum, Melancholie zu „heilen“. Im Gegenteil: Oft werden solche Phasen von Künstlern willkommen geheißen. In diesen Zuständen ist ihre Schaffenskraft und Kreativität am höchsten.

Die Literatur kannte im Mittelalter sogar eine eigene Gattung dafür: Die hohe Minne. Oder wie Sine Maier-Bode es nennt, „das Glück der unglücklichen Liebe“.

In der hohen Minne erwiesen Ritter des Hochmittelalters höherrangigen – und somit unerreichbaren – Damen ihre Treue und Loyalität durch Minnesang.



Sprüche und Zitate

Es gibt eine Melancholie, die mit der Größe des Geistes zusammenhängt.

Nicolas Chamfort
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Tipps: Was tun bei zu viel Melancholie?

Melancholie kann nicht per se als gut oder schlecht bezeichnet werden. Entscheidend ist, ob sie Sie im Alltag begrenzt, sie daran hindert, voranzukommen. Dabei kann sowohl die private, aber auch berufliche Entwicklung betroffen sein.

Melancholie in Form von Nostalgie kann beispielsweise dazu führen, dass Menschen ihre Komfortzone nicht verlassen. Sie bewegen sich seit der Schule in festen, sozialen Kreisen und fühlen sich dort wohl. Menschen, Orte und Tätigkeiten sind vertraut und geben Sicherheit.



Sprüche und Zitate

Melancholie ist die masochistische Lust der Seele.

Lisz Hirn

Ein Studium wäre nach dem Schulabschluss vielleicht auch eine Option, ist aber mit zu viel Neuem und Ängsten verbunden. Der Wunsch, alles zu bewahren und sich nach der guten, alten Zeit zurückzusehen, überwiegt dann. Eine Weiterentwicklung wird gebremst und falls sie dennoch passiert, so wird sie von außen beeinflusst (beispielsweise durch wegziehende Freunde).

Ebenso kann ein Blick zurück in Wehmut auch radikales Umdenken bewirken. Beispielsweise wenn Sie feststellen, dass Sie einmal richtig sportlich/schlank/glücklich waren und das schon lange vermissen. Ein Anlass also, das Ruder herumzureißen.

Beide Beispiele haben ihre Berechtigung. Aufhorchen sollten Sie erst, wenn Sie einen Leidensdruck verspüren, ihre Trauer und Melancholie nicht zuordnen können. Das können Sie tun:

  • Nehmen Sie die Melancholie an.
    Über Dinge im Leben, den eigenen Lebensweg und Entscheidungen nachzudenken, ist nicht nur legitim, sondern wichtig. Melancholie kann zur Entschleunigung beitragen und dazu, dass wir uns für eine gewisse Zeit bewusst mit uns auseinandersetzen. Sie sollten dann achtsam mit sich umgehen und in stressigen Situationen einen Gang herunterschalten, bevor Sie im Burnout landen. Verschiedene Entspannungsübungen helfen Ihnen dabei.
  • Gehen Sie heraus.
    Wenn Sie allerdings merken, dass Sie in ein Gedankenkarussell abdriften, sollten Sie entgegensteuern. Das geht am besten, indem Sie raus gehen, beispielsweise in die Natur. Das Grün der Pflanzen und Bäume hat eine nachweislich beruhigende Wirkung auf den Menschen. Luft, Sonne, vielleicht auch leichten Regen auf der Haut zu spüren, hilft Ihnen, im Hier und Jetzt zu sein. Bewegung – gerne auch als Walking oder Jogging – unterstützt den Stressabbau und schüttet Glückshormone aus. Verabreden Sie sich mit anderen, verstärken Sie die Wirkung – oft hilft ein Gedankenaustausch, einen Perspektivwechsel hinzubekommen oder einfach auf andere Gedanken zu kommen.
  • Wandeln Sie die Melancholie um.
    Oder Sie machen es wie die großen Künstler: Sie versuchen das, was Sie fühlen, durch Gedichte, Bilder oder dergleichen auszudrücken. Es muss auch nicht immer das große Kunstwerk dabei herauskommen. Oft hilft die handwerkliche Beschäftigung mit einer Sache. Ein alter Küchenstuhl kann neu lackiert, mit Serviettentechnik verschönert werden. Oder Sie arrangieren Ihre Wohnung neu, pflanzen etwas Schönes im Garten. Die Beschäftigung mit den Händen hat in jedem Fall etwas Schöpferisches und verleiht ein Gefühl der Kontemplation und Zufriedenheit.
[Bildnachweis: Mary Long by Shutterstock.com]
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5. Juni 2020 Anja Rassek Autor: Anja Rassek

Anja Rassek studierte u.a. Germanistik an der WWU in Münster. Sie arbeitete beim Bürgerfunk und einem Verlag. Hier widmet sie sich Themen rund ums Büro, den Joballtag und das Studium.


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