Sind Sie ambivertiert? Diese Indizien sprechen dafür

Würden Sie sich selbst als ambivertiert bezeichnen? Ambi… was? Nie gehört! Die Reaktion ist ganz natürlich. Tatsächlich ist der Begriff ein Kunstwort. „Ambivertiert“ beschreibt einen Zwischenzustand, zwischen introvertiert und extrovertiert sein. Irgendwie von beidem etwas, aber eben keine eindeutige Ausprägung. In den betroffenen Persönlichkeiten steckt sowohl Intro- als auch Extrovertiertheit – oder eben Ambivertiertheit. Klingt komisch. Dabei ist es aber gar nicht so unwahrscheinlich, dass Sie eine ambivertierte Persönlichkeit sind. Schließlich ist die Bandbreite zwischen Intraversion und Extraversion enorm groß. Immerhin: Es gibt ein paar gute Anzeichen dafür, dass Sie ambivertiert sind…

Sind Sie ambivertiert? Diese Indizien sprechen dafür

Ambivertiert Definition: Bin ich ambivertiert?

Ambivertiert Definition: Bin ich ambivertiert TestNur allzu oft ziehen wir klare Trennlinien und teilen unsere Welt in Schubladen ein: hier Schwarz, da Weiß. Bei Introvertierten beziehungsweise Extrovertierten ist das ähnlich:

  • Entweder man ist offen, gesellig, impulsiv, laut, sendungsbvewusst, ausdruckstark – extrovertiert eben.
  • Oder aber eine(r) ist zurückhaltend, ruhig, verschlossen, kontaktscheu, schüchtern, in sich gekehrt – introvertiert eben.

Entweder das Eine oder das andere. So einfach ist das aber nicht, auch wenn Psychotests das gerne so malen. Als der Wissenschaftler Adam Grant von der Wharton Universität das Phänomen jüngst untersuchte, stellte er fest: Ganze zwei Drittel der Menschen können sich keinem der beiden Lager eindeutig zuordnen. Sie haben beide Anlagen in sich und handeln und verhalten sich situationsabhängig – mal intro-, mal extrovertiert. Oder eben ambivertiert.

In der Psychologie ist der Begriff allerdings weitaus weniger populär. Obwohl C. G. Jung, der die Begriffe der Intro- bzw. Extraversion prägte, seinerzeit ebenfalls feststellte, dass es eine dritte und sehr breite Grauzone gibt – die der Ambiversion. Oder wie er es selbst fomulierte: „Es gibt niemanden, der vollkommen introvertiert oder extrovertiert ist. Ein solcher Mensch wäre im Irrenhaus.“

Klassisch aber werden bis heute Persönlichkeiten mithilfe der sogenannten Big Five“ Merkmale bestimmt, zu denen eben auch die Extraversion beziehungsweise Intraversion zählt:

Big Five Psychologie Persoenlichkeitsmerkmale Charakter

Der Begriff ambivertiert selbst ist demnach eine Wortschöpfung. Der hintere Wortteil – vertiert – ist letztlich der gemeinsame Nenner der beiden Pole. Der Begriff ambi wiederum leitet sich vom lateinischen Wort ambo ab und bedeutet beide. Ambivertierte Menschen vereinen also Eigenschaften beider Extreme in sich. Man könnte auch sagen, sie befinden sich in der Mitte: weder eindeutig intro- noch extrovertiert, sondern in einem Gleichgewicht dazwischen.

Genau in diese Balance findet sich laut Definition auch der Charakter der meisten Menschen wieder. Zwar schwankt das Verhalten je nach Gemütslage und Situation gerne auch einmal in eine der beiden Richtungen, doch das reicht nicht, um grundsätzlich als intro- oder extrovertiert zu gelten.

Ambivertiert sein: Was bedeutet das eigentlich?

Dass der Begriff Ambivertiertheit vergleichsweise unbekannt ist, obwohl er letztlich die Mehrheit der Menschen charakterisiert, lässt sich vermutlich damit erklären, dass sich extreme Ausprägungen wesentlich besser und schneller erkennen beziehungsweise zuordnen lassen, als sein situationsabhängiger Mischmasch.

Extreme sind einfach auffälliger und haben einen hohen Wiedererkennungswert. Mischformen sind dagegen weder Fisch noch Fleisch.

Allerdings hat Ambivertiertheit durchaus einige Vorteile, die sich eben hinter der wenig schimmernden Attitüde verbergen. Tatsächlich verbinden ambivertierte Charaktere vielfach einige Stärken beider Extreme, die sich je nach Stimmung und Gemütslage offenbaren:

  • Anpassungsfähigkeit

    Ambivertierte sind nicht auf einen bestimmten Weg festgelegt, sondern flexibel. Sie können beispielsweise die Kontaktfreude eines Extrovertierten nutzen und bei einer anderen Gelegenheit die Besonnenheit und Höflichkeit der Introvertiertheit an den Tag legen. Kurz: Sie können sich besser auf ihr Gegenüber einstellen und beweisen damit oft Empathie und soziale Kompetenz. Und das hilft bei der Karriere und im Berufsleben natürlich ebenso wie beim Knüpfen von Kontakten.

  • Stabilität

    Die Ausgeglichenheit der Ambivertiertheit bringt zugleich (emotionale) Stabilität mit. Während Introvertierte auf äußere Einflüsse empfindlich reagieren und Extrovertierte dafür schon mal unempfänglich bis ignorant sind, befinden sich Ambivertierte in der Balance zwischen diesen beiden Polen. Kritik und Ablehnung wirft sie nicht aus der Bahn;
    Applaus und Erfolg steigen ihnen aber auch nicht so schnell zu Kopf.

Ambivertiert zu sein, bedeutet also nicht, zwischen den Stühlen zu stehen, weil man nicht weiß, ob man nun in- oder extrovertiert ist oder eindeutig sagen kann: „Da gehöre ich hin“. Vielmehr stellt einem diese Eigenschaft den Raum zur Verfügung, um Kraft aus beiden Persönlichkeitsmerkmalen zu schöpfen. Geistige und emotionale Flexibilität und Anpassungsfähigkeit, die mal Geselligkeit beweist und mal Einsamkeit genießt; die mal zurückhaltend bleibt und mal auf den Putz haut und zeigt, was in ihr steckt.

Nicht zufällig sind ambivertierte Menschen oft erfolgreicher als lediglich extrovertierte und kreativer als introvertierte. Sie können jeder Lage etwas abgewinnen, fühlen sich wohl und strahlen das auch aus – was sie obendrein auch noch enorm sympathisch macht.

Test: Diese 10 Anzeichen sprechen dafür, dass Sie ambivertiert sind

Nachdem Sie jetzt schon einiges über diese Eigenschaft gelesen haben: Wie würden Sie sich selbst inzwischen einschätzen? Als ambivertiert oder introvertiert beziehungsweise extrovertiert?

Zugegeben, leicht ist das nicht. Glücklicherweise gibt aber ein paar typische Anzeichen und Verhaltensweisen, die für eine ambivertierte Persönlichkeit sprechen. Diese naturgemäß wieder weniger offensichtlich als bei den extremen Ausprägungen, aber sie sind dennoch vorhanden.

Wenn Sie also die zehn folgenden Muster an sich erkennen, spricht einiges dafür, dass Sie eine ambivertierte Persönlichkeit haben:

  1. Sie fühlen sich in den verschiedenen Situationen wohl.

    Ein Networking-Abend mit vielen neuen Gesichtern macht Ihnen ebenso wenig aus, wie ein gemütlicher Abend allein mit einem guten Buch. Sie fühlen sich in unterschiedlichen Umfeldern gleichermaßen wohl.

  2. Sie denken viel über alles nach.

    Wichtige Entscheidungen fallen Ambivertierten nicht leicht. Das liegt daran, dass sie auch hier Eigenschaften beider Extreme vereinen: Zunächst grübeln und analysieren sie für sich alleine. Wo Introvertierte danach aber eine Entscheidung fällen würden, konsultieren ambivertierte Menschen aber noch Freunde oder Kollegen und bitten diese um weitere Einschätzungen.

  3. Sie können andere gut einschätzen.

    Ambivertierte Menschen haben ein gutes Gespür für soziale Interaktionen und Beweggründe. Das hängt damit zusammen, dass sie eben beide Extremseiten kennen und verstehen. Entsprechend leicht fällt es Ihnen beispielsweise die Motive hinter einer Aussage zu erkennen oder sich auf Ihr Gegenüber (oder eine Gesellschaft) einzustellen. Hinter diesen feinen Antennen steckt letztlich auch noch eine andere positive Eigenschaft: die Fähigkeit zur Selbstreflexion.

  4. Man sagt Ihnen, Sie seien sympathisch.

    Insbesondere wenn Sie häufiger die Rückmeldung erhalten, ein sympathischer Zeitgenosse zu sein, spricht das für Ambiversion. Letztlich handelt es sich um die externe Bestätigung des Punktes davor: Eben weil Sie sich auf Ihr Umfeld so gut einstellen und anpassen können, empfinden Sie die anderen als angenehmen Zuhörer oder Gesprächspartner – je nach Situation.

  5. Sie haben Ihre Gefühle unter Kontrolle.

    Jeder ist mal wütend oder wird auch mal laut. Auch Ambivertierte. Allerdings bleiben diese Stimmungen mehrheitlich in der Balance. Launen leben Ambivertierte nicht einfach aus, sie halten ihre Stimmungsschwankungen in Schach und hauen nur auf den Tisch, wenn es sein muss. Als Mittel zum Zweck, nicht als Ventil. Danach ist aber auch alles wieder gut.

  6. Sie brauchen Zeit, um Vertrauen aufzubauen.

    Das wiederum kommt von der Intraversion, die in Ihnen steckt – eine gesunde Portion Misstrauen. Oder positiv ausgedrückt: Sie lassen sich Zeit, um echte Freundschaften zu knüpfen und Menschen gründlich kennenzulernen. Jedenfalls sind Sie mit dem Begriff „Freund“ nicht leichtfertig und wählen Ihr Umfeld sorgsam aus. Das kann aber auch bedeuten, dass Ihnen zum Beispiel stets gefasste und verschlossene Menschen suspekt sind, während sie andere schnell als aufgesetzt und künstlich empfinden – eben immer dann, wenn diese selbst eher zum Extrem neigen.

  7. Sie können anderen den Vortritt lassen.

    Ebenfalls eine Eigenschaft, die Extrovertierten eher schwer fällt. Weil Sie aber die nötige Flexibilität mitbringen, müssen Sie nicht jede Bühne besteigen, nur weil sich gerade etwas Rampenlicht auftut. Klar, wenn es geboten ist, können Sie auch zur Rampensau werden oder sich durchsetzen. Aber sie brauchen das nicht für Ihr generelles Wohlbefinden.

  8. Je nach Ort können Sie ein ganz anderer Mensch sein.

    Es gibt Tage oder Orte – das sind Sie wie ausgewechselt. Mancher Freund erkennt Sie womöglich kaum wieder. Eben noch im Job verständnisvoller Zuhörer und hilfsbereiter Kollege, aber am Freitagabend mutieren Sie zum Partytier oder zum Star im Sportverein. In Ihnen steckt eben beides – und beides braucht seine Zeit und seinen Raum.

  9. Sie können Ihre Batterien unterschiedlich aufladen.

    Und zwar sowohl durch einen ruhigen Abend vor Glotze oder mit einem Buch in der Badewanne, als auch durch einen quirligen Abend mit Freunden oder neuen Bekanntschaften. Oder kurz: Sie sind gerne mal alleine, aber eben auch nicht nur. Ab und an brauchen Sie einfach Menschen um sich herum.

  10. Sie passen in keines der Extreme.

    Das vielleicht beste Indiz dafür, eine ambivertierte Person zu sein, ist, dass Sie sich keinem der beiden Extreme zugegehörig fühlen. Längeres Alleinsein macht Ihnen zu schaffen, doch wenn um Sie herum zu viel los ist, wünschen Sie auch wieder mehr Ruhe. Da sich Ihr Charakter in der Grauzone dazwischen befindet, brauchen Sie die Balance zwischen beiden Polen. Erst wenn Sie dieses Gleichgewicht erreicht haben, fühlen Sie sich wirklich wohl.

[Bildnachweis: TierneyMJ by Shutterstock.com]
19. Juni 2016 Autor: Jochen Mai

Jochen Mai ist Gründer und Chefredakteur der Karrierebibel. Er doziert an der TH Köln über Social Media Marketing und ist gefragter Keynote-Speaker. Zuvor war der Diplom-Volkswirt als Journalist tätig - davon 13 Jahre als Ressortleiter der WirtschaftsWoche.

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