Lagerkoller: Symptome + 10 Tipps für den Umgang mit Enge

Der Mensch ist ein soziales und aktives Wesen, braucht Kontakt zu anderen Menschen und Bewegung. Mangelt es daran, kommt es zum gefürchteten Lagerkoller: Ein Gefühl der Enge, des Eingesperrtseins und der Einsamkeit. In Zeiten von Corona ist die Angst vor dem Lagerkoller besonders groß. Man soll möglichst zuhause bleiben, zwischenmenschliche Kontakte reduzieren oder muss sich sogar in Quarantäne begeben. Das ist klug und wichtig – aber nicht leicht und kann sogar der Gesundheit schaden. Diese Tipps helfen gegen den Lagerkoller…

Lagerkoller: Symptome + 10 Tipps für den Umgang mit Enge

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Bedeutung: Was ist ein Lagerkoller?

Der Begriff Lagerkoller beschreibt einen psychischen Erregungszustand und die damit verbundene Belastung bei Menschen, die über einen längeren – aber vorübergehenden – Zeitraum allein oder gemeinsam mit anderen in begrenzten Räumlichkeiten untergebracht sind. Bekannt ist dieser Zustand in Notunterkünften, Kasernen, Gefängnissen, Flüchtlingslagern oder auch Psychiatrien.

Selbst in Ferienlagern oder in der gemeinsamen Freizeit, in der viel Zeit zusammen verbracht wird, kann ein Lagerkoller auftreten. Prominente Beispiele sind außerdem Fernsehformate wie „Big Brother“ oder „Dschungelcamp“, in denen Teilnehmer auf kleinem Raum zusammengepfercht werden – mit entsprechendem Konfliktpotenzial.

Symptome: Wie äußert sich ein Lagerkoller?

Anfangs zeigt sich ein beginnender Lagerkoller durch innere Unruhe, ein Gefühl von Stress oder Hilflosigkeit. Man ist mit der Situation überfordert, kann dieser aber nicht entkommen. Mit der Zeit entsteht durch den Lagerkoller eine große Wut, die zu unkontrollierten Ausbrüchen führt.

Neben Frust, Ärger und Ausrastern können auch Angst oder Verzweiflung Anzeichen eines Lagerkollers sein. Betroffene neigen bei diesen Zeichen teilweise sogar zu depressiven Phasen. Weitere Symptome, die mit dem Lagerkoller einhergehen können, sind:

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Ursachen für einen Lagerkoller

Die begrenzten Entfaltungsmöglichkeiten und das Gefühl, an einen Ort gebunden zu sein, können den Lagerkoller fördern. Per Definition ist der Zustand zudem eine Folge zunehmender Vereinsamung. Gerade in der aktuellen Corona-Krise spüren dies viele Menschen. Soziale Kontakte sind eingeschränkt, wir treffen Familie und Freunde nicht mehr so häufig und fühlen uns isoliert. Anrufe oder Videotelefonate helfen – sie ersetzen aber nicht den persönlichen Kontakt.

Auch der ständige, unausweichliche Kontakt zu anderen Menschen kann Ursache des Lagerkollers sein. Ständiges Aufeinanderhocken, kaum Rückzugsmöglichkeiten, um den anderen aus dem Weg zu gehen… Nach einiger Zeit nerven schon Kleinigkeiten und es kommt zu heftigen Streitigkeiten und Auseinandersetzungen. Psychologen sprechen von „Crowding“, was übersetzt so viel wie Gedränge oder Überbevölkerung bedeutet und mit dem Gefühl der räumlichen Beengtheit einhergeht.

Hüttenkoller durch Social Distancing?

„Social Distancing“ heißt der Anglizismus, der aktuell die Runde macht. Gemeint ist damit die bewusste räumliche Distanz von etwa anderthalb bis zwei Metern, die man zwischen sich und seine Mitmenschen, Freunde und Familie, bringen sollte. Da wo es möglich ist, kann es entscheidend für die Gesundheit sein. Risikogruppen wie ältere und immungeschwächte Menschen sind besonders darauf angewiesen, dass andere Menschen Abstand halten.

Aber für viele Menschen fühlt es sich wie eine Bestrafung an, geradezu als ob sie sich in einem Gefängnis befänden. Und gerade für alleinstehende Menschen – ältere, verwitwete Senioren, aber auch Singles – kann Social Distancing oder gar eine Ausgangssperre wie eine Isolationshaft empfunden werden.

Keine Privatsphäre und Vereinsamung sind zwei Seiten einer Medaille. Und worin das resultiert, kann momentan noch gar nicht abgeschätzt werden: Die einen erwarten einen Babyboom, die anderen einen Anstieg der Scheidungsrate. Beides ist denkbar. Einerseits rücken in Krisenzeiten die Menschen enger zusammen (und das ist wörtlich zu nehmen). Andererseits offenbaren sich unterschiedliche Werte.

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Lagerkoller in Zeiten von Corona

Das Thema Lagerkoller ist durch die Vorgaben und Einschränkungen zum Schutz vor Corona sehr aktuell. Neben den oben genannten Ursachen sehen Psychologen das Hauptproblem in der fehlenden Routine. Die Menschen hatten keine Chance, sich emotional oder im Blick auf ihre Alltagsroutine auf den Ausnahmezustand vorzubereiten. Unsere Abläufe vermitteln Sicherheit und Kontrolle. Genau diese werden durch die Pandemie aus der Bahn geworfen und so trifft der Lagerkoller noch härter.

Hinzu kommt externer Druck, mit dem jeder umgehen muss:

  • Das sind zum einen die medizinischen Erkenntnisse von Experten, die die meisten Menschen dazu veranlassen, sich zu schützen.
  • Das ist zum anderen ein gewisser Gruppenzwang, sich anzupassen.
  • Und das ist zum Dritten der Staat mit seinen Vollzugsorganen (Ordnungsamt, Polizei), die entsprechende Gesetze und Erlasse umsetzen und Verstöße ahnden.

Im Extremfall liegt überhaupt keine eigene, intrinsische Motivation vor und nun soll von heute auf morgen alles geändert werden. Kein Wunder also, wenn Menschen in eine Trotzhaltung verfallen. Das eigene Sicherheitsgefühl ist weg, stattdessen breitet sich Ohnmacht aus.

Hier liegt genau das Problem: Der Lagerkoller ist eine Folge des Festhaltens an alten Routinen, obwohl die meisten Menschen rational erfassen können, dass das derzeit nicht geht. Aber ihre Reaktion ist die eines kleinen Kindes: „Ich will aber!“ Umso mehr fühlen wir uns eingesperrt und leiden unter den Folgen des Lagerkollers.

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Tipps: So können Sie Lagerkoller vorbeugen

Ein Lagerkoller ist problematisch – ob nun aufgrund von Corona oder weil Sie im Winter bei schrecklichem Wetter zuhause sitzen und kaum vor die Tür kommen. Die gute Nachricht: Sie sind der Situation nicht hilflos ausgeliefert, sondern können etwas unternehmen. Die folgenden Tipps helfen, dem Lagerkoller vorzubeugen und diesen zu bekämpfen:

  • Tagesrhythmus implementieren
    Der Mensch ist ein Gewohnheitstier und so braucht es gegen den Lagerkoller einen festen Tagesrhythmus. Versuchen Sie so gut es geht, Ihre gewohnten Abläufe beizubehalten und Strukturen zu erhalten. Dies gilt besonders für Arbeitnehmer, die nun im Homeoffice arbeiten und sich umstellen müssen. Hilfreich kann ein schriftlicher Tagesplan. An diesem können Sie sich anfangs orientieren und Arbeits- sowie Pausenzeiten eintragen.
  • Absprachen treffen
    Vor allem, wenn mehrere Menschen unter einem Dach leben – ganz gleich ob WG oder Familie – müssen klare Regeln her. Das Zauberwort heißt hier Rücksicht: Wenn alle sich selbst ein bisschen mehr zurücknehmen, ist jedem gedient. Offene Kommunikation ist der beste Weg. So kann auf die Bedürfnisse eines jeden eingegangen werden. Zudem muss bei den Absprachen auf Auszeiten geachtet werden, in denen sich jeder für sich zurückziehen kann. So entsteht nicht das Gefühl, dauerhaft aufeinander hocken zu müssen.
  • Skype-Treffen veranstalten
    Vielleicht hatten Sie gerade einen Kurztrip zu Freunden ans andere Ende von Deutschland geplant – momentan schwierig bis unmöglich. Garantiert virenfrei und daher ein risikoloses Mittel gegen den Lagerkoller sind Treffen mit Freunden oder Familie via Skype und anderen Plattformen für Videokonferenzen. Es ist zwar kein vollständiger Ersatz zum persönlichen Austausch, doch hilft die digitale Unterhaltung und gemeinsame Zeit gegen Vereinsamung.
  • Online-Kurse buchen
    Gut gegen den Lagerkoller ist Beschäftigung und Ablenkung. Warum nutzen Sie die Zeit nicht für eine berufliche Neuorientierung oder ein Vorankommen im Job? Machen Sie eine Fortbildung, statt sich die Decke auf den Kopf fallen zu lassen.
  • Kulturangebote wahrnehmen
    In normalen Zeiten sind Zoos, Kinos, Theater oder Konzerthallen Möglichkeiten, um dem Lagerkoller zu entkommen. Aktuell sind viele Kulturangebote geschlossen oder nur mit Einschränkungen zugänglich – allerdings nur für reale Besucher. Machen Sie eine virtuelle Tour durch ein Museum, lernen Sie in einem Podcast mehr über Musik von Beethoven.
  • Gesellschaftsspiele entdecken
    Computerspiele und Gesellschaftsspiele sind ebenfalls ein gutes Mittel der Ablenkung. Je nachdem, für welche Art Spiele Sie sich entscheiden, werden taktische und analytische Fähigkeiten dabei trainiert. Aufpassen müssen Sie nur, wenn Sie mit Familienmitgliedern spielen, die nicht gut verlieren können…
  • Serien schauen
    Seit Monaten verschieben Sie Ihre Lieblingsserien? Jetzt ist die Zeit zum Binge Watching gekommen! Endlich hemmungslos die Couch Potato geben, ohne ein schlechtes Gewissen haben zu müssen. Wer weiß, wann Sie wieder dazu die Gelegenheit haben werden.
  • Spaziergänge genießen
    Solange es keine absolute Ausgangssperre gibt, sollten Sie – natürlich unter Einhaltung eines Abstands – spazieren gehen. Ein Spaziergang an der frischen Luft steigert nicht nur die Laune, sondern ist wichtig für Ihr Immunsystem. Außerdem ist kaum etwas besser gegen Lagerkoller, als dem empfundenen Lager zu entkommen.
  • Ordnung machen
    Um sich zuhause wohler zu fühlen, sollten Sie aufräumen und für Ordnung sorgen. Sortieren Sie Unterlagen, räumen Sie endlich den Schrank auf und putzen Sie das gesamte Haus. Das ist vielleicht nicht Ihre Lieblingsbeschäftigung – doch haben Sie etwas zu tun und freuen sich über das Ergebnis. Und wenn Sie schon viel Zeit in Ihren vier Wänden verbringen, dann wenigstens in ordentlichen Zimmern.
  • Hilfe annehmen
    Bei alledem sollte nicht vergessen werden: Funktionieren diese Tipps gegen Lagerkoller nicht, sollten Sie sich Unterstützung suchen. Auch wer sich ständig gereizt fühlt, unter Aggressionen oder Panikattacken leidet oder in Depressionen verfällt, sollte auf das professionelle Hilfesystem zurückgreifen:

    Unter der bundesweit einheitlichen Rufnummer 116 117 erreichen Sie den ärztlichen Bereitschaftsdienst der Kassenärztlichen Vereinigungen. Die Deutsche Depressionshilfe vermittelt Anlaufstellen in Ihrer Nähe und ist unter der Telefonnummer 0341/ 2238740 erreichbar. Rund um die Uhr erreichbar ist die Telefonseelsorge unter den folgenden drei Nummern:
    • 0800 / 111 0 111
    • 0800 / 111 0 222
    • 0800 / 116 123

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[Bildnachweis: o_shumilova by Shutterstock.com]
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8. Dezember 2020 Anja Rassek Autor: Anja Rassek

Anja Rassek studierte u.a. Germanistik an der WWU in Münster. Sie arbeitete beim Bürgerfunk und einem Verlag. Hier widmet sie sich Themen rund ums Büro, den Joballtag und das Studium.

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