Definition: Was ist Narzissmus?
Narzissmus bezeichnet stark selbstbezogene Persönlichkeitsmerkmale. Betroffene haben ein ausgeprägtes Streben nach Anerkennung und Bedürfnis nach Bewunderung. Im gesunden Maß fördern diese Züge Selbstbewusstsein, Zielstrebigkeit und Ehrgeiz. Problematisch wird Narzissmus, wenn das übersteigerte Ego zu grandioser Selbstüberschätzung oder fehlender Empathie führt und damit das soziale Miteinander sowie Beziehungen dauerhaft belastet.
Der Begriff wird häufig mit Selbstverliebtheit, Egoismus oder Eitelkeit gleichgesetzt. Psychologisch ist die Bedeutung aber breiter: Narzisstische Eigenschaften können unterschiedlich stark ausgeprägt sein und bewegen sich auf einem Spektrum. Ein Narzisst ist deswegen nicht automatisch psychisch krank.
Wo liegt die Grenze zu krankhaftem Narzissmus?
Ein stabiles Selbstwertgefühl, Stolz auf eigene Leistungen oder der Wunsch nach Anerkennung im Job sind vollkommen normal. Das wünscht sich jeder. Mehr noch: Solche Eigenschaften sind enorm hilfreich, weil sich Menschen dadurch oft mehr zutrauen, ihre Interessen und ambitionierte Ziele verfolgen. In diesem Zusammenhang wird auch von „adaptivem“ oder „gesundem Narzissmus“ gesprochen. „Viele Eigenschaften, die man heute narzisstisch nennt, sind gesund“, sagt Claas-Hinrich Lammers, Narzissmus-Experte und Chefarzt für Psychiatrie am Asklepios-Klinikum Nord in Hamburg.
Die Grenze wird jedoch überschritten, wenn der eigene Wert ständig Bestätigung braucht und andere Menschen der eigenen Aufwertung dienen. Dann kippt eine realistische Selbsteinschätzung in Hybris, Grandiosität, starkes Anspruchsdenken oder geringe Rücksichtnahme gegenüber den Mitmenschen.
Gesunde Ausprägung |
Krankhafte Ausprägung |
| Realistisches Selbstvertrauen | Überhöhtes Selbstbild |
| Stolz auf Leistungen | Ständiges Bedürfnis nach Bewunderung |
| Eigene Interessen vertreten | Übermäßiges Anspruchsdenken |
| Kritik selbstkritisch prüfen | Sofortige Kränkung durch Kritik |
| Andere Bedürfnisse respektieren | Andere für eigene Ziele instrumentalisieren |
Laut Statistik haben etwa 0,4 % der Bevölkerung eine narzisstische Persönlichkeitsstörung – mehr Männer als Frauen und laut Studien besonders viele auf der Chefetage.
Welche Arten von Narzissmus gibt es?
Narzissmus hat verschiedene Erscheinungsformen. Besonders bekannt ist die Unterscheidung zwischen „grandiosem“ und „vulnerablem Narzissmus“. Daneben beschreibt die Forschung weitere Ausprägungen und sechs eigenständige medizinische Diagnosen, die sich überschneiden können:
Narzissmus-Art |
Typische Merkmale |
| Adaptiver Narzissmus | Gesundes Selbstvertrauen, Selbstständigkeit, Ehrgeiz |
| Grandioser Narzissmus | Dominant, selbstbezogen, selbstbewusst, sucht Bewunderung |
| Vulnerabler (verdeckter) Narzissmus | Unsicher, kritikempfindlich, defensiv, teils passiv-aggressiv |
| Kommunaler Narzissmus | Inszeniert sich als besonders hilfsbereit, moralisch und selbstlos |
| Antagonistischer Narzissmus | Stark wettbewerbsorientiert, abwertend, feindselig, wenig versöhnlich |
| Maligner Narzissmus | Ausgeprägt destruktiv, aggressiv, paranoid oder sadistisch |
Gibt es weiblichen Narzissmus?
Narzisstische Persönlichkeitszüge kommen bei Frauen wie Männern vor. Eine eigenständige psychologische Diagnose „weiblicher Narzissmus“ gibt es nicht. Geschlechtsspezifische Unterschiede zeigen sich eher in einzelnen Ausprägungen: Männer erreichen oft höhere Werte bei grandiosen oder antagonistischen Narzissmus, während vulnerable Eigenschaften ebenso stark bei Frauen vorkommen. Aussagekräftiger als das Geschlecht sind die individuellen Verhaltensmuster.
Was sind typische Narzissmus-Symptome?
Problematischer Narzissmus zeigt sich meist an einem wiederkehrenden Muster: Die eigene Bedeutung wird immer wieder überhöht, Anerkennung bekommt einen besonders hohen Stellenwert und die Bedürfnisse anderer treten in den Hintergrund. Hinzukommen können Fantasien von außergewöhnlichem Erfolg oder Macht. Betroffene zeigen nach außen oftmals Neid, Arroganz oder erwarten eine bevorzugte Behandlung. Umgekehrt reagieren sie äußerst empfindlich auf Kritik, Zurückweisung oder ausbleibende Anerkennung.
Häufige Narzissmus-Symptome
- Übersteigerte Selbsteinschätzung
- Ständiges Bewunderungsbedürfnis
- Mangelnde Empathie
- Ausgeprägtes Anspruchsdenken
- Ausbeuterisches Verhalten
- Neid und Abwertung anderer
- Arroganz und Überheblichkeit
- Kritikunfähigkeit
- Größenfantasien
Ursachen: Wie entsteht Narzissmus?
Narzissmus lässt sich nicht auf eine einzelne Ursache zurückführen. Nach heutigem Forschungsstand wirken genetische Voraussetzungen, Temperament und soziale Erfahrungen zusammen. Eine starke Rolle können frühe Beziehungen und Kindheitserfahrungen mit Bezugspersonen spielen. Ebenso emotionale Vernachlässigung, übermäßige Idealisierung, starke Leistungsorientierung oder überharte Kritik. All diese Erfahrungen führen jedoch nicht zwangsläufig zu einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung.
Ist Narzissmus angeboren oder vererbbar?
Genetische Einflüsse haben einen Einfluss, ja. Eine erbliche Veranlagung bedeutet aber noch keine Vorherbestimmung. Es gibt weder ein „Narzissmus-Gen“ noch lässt sich aus der Persönlichkeit der Eltern auf die spätere Entwicklung eines Kindes schließen. Persönlichkeit entsteht aus dem Zusammenspiel von Anlage und Umwelt. Deshalb können sich Menschen trotz familiärer Voraussetzungen unterschiedlich entwickeln.
Wann wird Narzissmus zur Persönlichkeitsstörung?
Von einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung (NPS) wird gesprochen, wenn entsprechende Muster tiefgreifend und dauerhaft ausgeprägt sind und zwischenmenschliche Beziehungen erheblich belasten. Damit unterscheidet sich die Störung grundlegend von gelegentlicher Selbstüberschätzung, Eitelkeit oder starkem Ehrgeiz. Das amerikanische Diagnosemanual DSM-5-TR beschreibt etwa neun Kriterien – etwa Grandiosität, ein starkes Bedürfnis nach Bewunderung, Anspruchsdenken, ausbeuterisches Verhalten und mangelnde Empathie. Für die DSM-Diagnose müssen mindestens fünf Kriterien erfüllt sein. Die internationale ICD-11 wiederum beurteilt eine narzisstische Persönlichkeitsstörung danach, welche Persönlichkeitsmerkmale dominieren. Eine eigene Diagnose mit der Bezeichnung „narzisstische Persönlichkeitsstörung“ führt die ICD-11 nicht.
Ist Narzissmus heilbar?
Narzisstische Persönlichkeitsmerkmale lassen sich nicht wie eine Krankheit heilen. Problematische Denk- und Beziehungsmuster lassen sich jedoch verändern – insbesondere durch eine Psychotherapie. Dabei lernen Betroffene beispielsweise, eigene Gefühle und Reaktionen besser zu verstehen und zu regulieren, andere Perspektiven einzunehmen und wiederkehrende Verhaltensmuster zu verändern. Welche Therapie geeignet ist, hängt aber stets von der individuellen Persönlichkeitsstörung und möglichen Begleiterkrankungen ab. Die Behandlung ist aber meist langwierig. Tief verankerte Persönlichkeitsmuster lassen sich leider nicht kurzfristig beheben.
Wie kann ich mit einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung umgehen?
Haben Sie einen Partner, Freund oder Familienangehörigen mit einer narzisstische Persönlichkeitsstörung? Entsprechende Wesenszüge können solche Beziehungen stark belasten. Für Nahestehende oder Angehörige ist hierbei wichtig, die eigenen Bedürfnisse nicht dauerhaft zurückzustellen. Setzen Sie klare Grenzen und benennen Sie konkret, welches Verhalten Sie nicht akzeptieren. Vermeiden Sie aber endlose Auseinandersetzungen darüber, wer „recht“ hat. Experten empfehlen in solchen Fällen:
-
Eigene Bedürfnisse ernstnehmen
Eine psychische Störung verpflichtet Sie nicht dazu, Kränkungen, Kontrolle oder wiederholte Grenzüberschreitungen hinzunehmen.
-
Grenzen setzen
Entscheiden Sie, welches Verhalten Sie akzeptieren und wo Ihre persönliche Grenze liegt.
-
Verhalten ansprechen
Bleiben Sie bei beobachtbaren Handlungen, beurteilen Sie nicht die Persönlichkeit des Gegenübers.
-
Unterstützung suchen
Sprechen Sie mit vertrauten Menschen oder holen Sie sich professionelle Beratung.
-
Abstand schaffen
Werden Grenzen wiederholt missachtet, ist es sinnvoll, entweder den Kontakt zu reduzieren oder die Beziehung zu beenden.
Sie können Betroffene oft nur unterstützen, aber nicht verändern. Ob eine Therapie begonnen und an eigenen Mustern gearbeitet wird, entscheiden die Narzissten selbst. Für Angehörige steht deshalb nicht die Behandlung, sondern der richtige Umgang im Mittelpunkt.
FAQ – häufige Fragen zu Narzissmus
Was ist Co-Narzissmus?
Mit „Co-Narzissmus“ wird häufig ein Beziehungsmuster bezeichnet, bei dem sich eine Person stark an den Bedürfnissen eines narzisstisch geprägten Partners orientiert und eigene Wünsche zurückstellt. Der Ausdruck ist keine eigenständige psychologische Diagnose, sondern eher eine Beschreibung eine Partnerschaft mit einem Narzissten.
Gibt es ein Narzissmus-Endstadium?
„Narzissmus-Endstadium“ ist kein medizinischer Fachbegriff und bezeichnet auch keine definierte letzte Krankheitsphase. Narzisstische Persönlichkeitszüge können sich im Laufe des Lebens verändern – positiv wie negativ. Einen festgelegten Verlauf mit einem „Endstadium“ gibt es aber nicht.
Kann Narzissmus im Alter stärker werden?
Weil sich Persönlichkeit auch im Erwachsenenalter noch verändert, kann auch Narzissmus im Alter stärker werden. Verluste, Ruhestand und nachlassende Anerkennung oder die Veränderung sozialer Rollen können manche Verhaltensmuster verstärken. Auch hier gilt aber: Menschen müssen im Alter nicht zwangsläufig narzisstischer werden.
Ist Narzissmus dasselbe wie Selbstliebe?
Gesunde Selbstliebe bedeutet, sich selbst anzunehmen und den eigenen Wert nicht von der Bestätigung anderer abhängig zu machen. Gleichzeitig bleibt aber Raum für die Bedürfnisse und Erfolge anderer Menschen. Ausgeprägter Narzissmus ist dagegen stärker von Selbstaufwertung, Anerkennungsbedürfnis und zwischenmenschlichen Schwierigkeiten geprägt.
Was andere dazu gelesen haben
- Narzisstischer Chef: Erste Anzeichen + Was tun?
- Toxische Menschen: Woran erkennen? Wie reagieren?
- Echoist: Das Gegenteil eines Narzissten?
- Was ist ein Soziopath? Symptome + typische Merkmale
- Psychopathen im Job: Erkennen und reagieren
- Dunkle Triade erkennen: Bedeutung, Test & Ursachen
