Hindsight Bias: Warum wir selten aus Fehlern lernen

Hinterher sind immer alle klüger. Zumindest theoretisch. Egal, wie die Dinge ihren Lauf nehmen – geahnt haben wir das natürlich schon. Eigntlich sogar gewusst. Hindsight Bias nennen Psychologen dieses Phänomen – zu deutsch: den Rückschaufehler. Tatsächlich neigen wir dazu, uns retrospektiv zu überschätzen. Oder anders formuliert: Wir interpretieren solange unsere ursprüngliche Aussage um, bis sie zum tatsächlichen Ereignis passt…

Hindsight Bias: Warum wir selten aus Fehlern lernen

Hindsight Bias Definition: Was ist ein Rückschaufehler?

Hindsight Bias DefinitionDas Phänomen des sogenannten Rückschaufehlers wurde erstmals 1975 von Baruch Fischhoff an der Carnegie Mellon Universität in Pittsburgh untersucht. Dabei handelt es sich um eine Art kognitiver Verzerrung: Wir erinnern uns systematisch falsch an frühere Vorhersagen – mit dem Ziel diese treffend zum tatsächlichen Ereignis umzudeuten, Motto: Was nicht passt, wird passend gemacht beziehungsweise passend interpretiert. Teils geschieht dies, um Schuld zuzuweisen oder aus geringem Selbstbewusstsein heraus, teils aber auch aufgrund einer veritablen Profilneurose.

Tatsächlich hat die Persönlichkeit der Betroffenen erheblichen Einfluss auf diese Form der Selbsttäuschung.

Erwartungsgemäß behaupten Menschen, die einen starken Hang zur Selbstdarstellung haben, deutlich öfter als andere, die richtige Antwort vorher gewusst zu haben. Am stärksten aber zeigt sich der Rückschaufehler bei jenen, die zu einer Art Dogmatismus neigen – also Menschen mit einem ausgeprägten Bedürfnis nach Sicherheit und einer geordneten, vorhersehbaren Welt.

Heute taucht der Psychoeffekt in der Gedächtnisforschung immer wieder auf: 2003 erschien sogar eine Sondernummer der Zeitschrift Memory, die sich ausschließlich dem Rückschaufehler widmete.

Die Wirkung des Hindsight Bias ist allerdings fatal: Die Umdeutung und Verzerrung der Wirklichkeit sorgt dafür, dass die Betroffenen hinterher nicht mehr in der Lage sind, die Umstände und Gründe, die zu dem Ereignis führten richtig zu beurteilen. Kurz: Der Hindsight Bias verhindert, dass sie aus ihren fehlerhaften Voraussagen und Annahmen lernen.

Forscher am Max Planck-Institut in Berlin finden das Phänomen hingegen gar nicht schlimm. Sie halten den Hindsight Bias für einen kognitiven Mechanismus, der uns dabei hilfe, unnütze Informationen zu entsorgen. Ihre Hypothese: Wir belohnen uns mit dem künstlichen Feedback über die eigene Brillanz, um die tatsächliche Kausalität leichter zu lernen. Ein klassischer Selbstbetrug, jedoch mit bester Absicht.

Kann man so sehen, muss man aber nicht.

Hindsight Bias 3 Arten

Hindsight Bias Beispiel: „Ich hab’s euch gleich gesagt!“

Die Wissenschaft unterscheidet beim Rückschaufehler allerdings drei Arten:

  • Die Betroffenen können sich tatsächlich nur schlecht an ihre Vorhersage erinnern.
  • Er oder sie glaubt, es schon immer gewusst zu haben. Oder aber der Ausgang wird mit absoluter Unwägbarkeit entschuldigt: „Also damit konnte nun wirklich keiner rechnen.“
  • Die Beroffenen nehmen schlicht an, dass es unausweichlich so kommen musste, wie es kam.

Ein klassisches Beispiel für den Hindsight Bias im Joballtag wäre dann diese Szene:

Der Schuss muss sitzen. Der alte Lemberg überträgt seinem fähigsten Mitarbeiter die Aufgabe, eine wichtige strategische Entscheidung vorzubereiten.

Binnen fünf Tagen braucht er eine anständige SWOT-Analyse per Stärken/Schwächen-Chancen/Risiko-Profil. Müller hängt sich voll rein und ist nach drei Tagen fertig. Sein Konzept wird umgesetzt – und floppt.

Natürlich ist Lemberg fest davon überzeugt, dass man das alles hätte vorhersehen können, ja sogar müssen. Müller, dieser Galgenstrick, hat den Laden ganz allein in den Dung geritten. Daran, dass auch er den Flop nicht vorausgesehen hat, denkt Lemberg nicht mal im Traum…

Der Besserwisser an sich ist schon eine sehr nervige Spezies. Übertroffen wird er jedoch noch von einer weiteren Sorte Mensch: dem Rechthaber und Ich-habs-euch-allen-gesagt-Typ.

Es gibt Menschen, die glauben ein Abonnement auf die Weisheit zu besitzen. Dazu drücken sich allerdings so vage und geschickt aus, dass man sie so gut festnageln kann wie Eigelb.

Besonders an der Börse lässt sich der Rückschaufehler gut beobachten: Stürzt die Aktie überraschend ab, sagen viele, dass sie damit längst gerechnet haben – trotzdem haben sie ihr Depot zuvor weder verkauft noch eifrig Optionen auf sinkende Kurse geordert.

Ein typisches Experiment zum Hindsight Bias geht etwa so: Den Probanden werden zunächst verschwommene Bilder gezeigt, die zunehmend schärfer werden. Die Kontrollgruppe hat keine Ahnung, was auf den Fotos zu sehen sein wird.

Den eigentlichen Testpersonen aber verraten die Forscher schon im Voraus das Motiv und fragen sie dann, wann sie es frühestens erkannt haben. In nahezu allen Fällen schätzt die Versuchsgruppe den Zeitpunkt systematisch zu früh ein. Man könnte auch sagen, sie schummeln – nur um sich den Schein eines Durchblickers zu geben.

Sie schmunzeln darüber vielleicht. Aber stellen Sie sich jetzt bitte einen Arzt vor, der ein Röntgenbild betrachtet und entscheiden muss, ob der Tumor darauf hätte eher erkannt werden können oder nicht.

Entsprechend hat der Hindsight Bias in der Rechtsprechung bis heute erhebliches Gewicht – insbesondere bei der Frage: Handelte der Täter fahrlässig und wider besseren Wissens?

Barnum-Effekt: „Das trifft ja perfekt auf mich zu!“

Barnum-EffektPhineas Taylor Barnum war ein amerikanischer Zirkuspionier im 19. Jahrhundert – und ein wahres Marketinggenie. Den Begriff Barnum-Effekt prägte dann aber ein paar Dekaden später, in den Fünfzigerjahren, der amerikanische Psychologe Paul Meehl.

Zuvor trug das Phänomen den Namen Forer-Effekt – nach dem gleichnamigen Psychologie-Professor Bertram R. Forer.

Dieser gaukelte seinen Studenten 1948 vor, sie nähmen an einem Persönlichkeitstest teil. Nachdem alle seine Fragen beantwortet hatten, gab er ihnen eine angebliche Auswertung, deren Wahrheitsgehalt sie von 0 (überhaupt nicht zutreffend) bis 5 (sehr zutreffend) bewerten sollten.

Was die Studenten nicht wussten: Forer hatte allen ein und denselben Text gegeben. Darin enthalten: allerlei Allgemeinplätze wie „Sie sind tendenziell selbstkritisch“, „Sie überprüfen die Aussagen von anderen, bevor Sie sie glauben“ oder „Einige Ihrer Ziele sind eher unrealistisch“. Ergebnis: Im Schnitt vergaben Forers Studenten über vier Punkte.

Seltsam? Nein, gar nicht, resümierte Forer – und nach ihm zahlreiche weitere Psychologen, die das Experiment wiederholten. Wir Menschen neigen dazu, allgemeingültige Aussagen auf uns zu beziehen. Wir suchen sozusagen nach unserer eigenen Nadel im Heuhaufen der Charaktereigenschaften.

Dieses Prinzip lässt sich heute zahllose Male im Alltag beobachten. Denken Sie nur an die vielen Horoskope, die täglich in Zeitungen und Zeitschriften abgedruckt werden. Könnten Sie nur anhand des Inhalts sagen, ob dies ein Horoskop für Jungfrauen, Löwen, Stiere oder Wassermänner ist? Oder trifft der Text zufällig auch auf Ihre Lebenssituation zu? Eben: Es ist das trickreiche Spiel mit dem Barnum-Effekt, der Leichtgläubigkeit der Menschen und ihrer Sehnsucht, etwas Passendes über sich zu erfahren.

Rückschaufehler Hindsight Bias Entscheidung

Hindsight Bias: Die Gefahr der Faustformeln

Lange Zeit haben Forscher geglaubt, der Mensch verhalte sich bei seinen Entscheidungen rational. Heute weiß man: Das ist Quatsch. Ob bei der Wahl des künftigen Berufs oder baldigen Bundeskanzlers – entscheidend sind unbewusste Routinen, die wir über Jahre antrainiert und die sich bewährt haben.

Deswegen wählen manche Menschen seit Jahren CDU, kaufen grundsätzlich einen Mercedes, essen donnerstags Schnitzel-Pommes, und deswegen flirtet auch Dieter Bohlen seit Jahren mit dunkelhaarigen Schönheiten mit Schmollmund, schmalen Hüften und großen Augen…

Solche Stereotype erfüllen allerdings auch einen guten Zweck: Vernünftige Entscheidungen funktionieren nur, wenn alle Informationen bekannt sind und genügend Zeit zum Abwägen bleibt. In der Realität kommt das so gut wie nie vor. Zeitdruck oder Halbwissen dagegen schon.

Deshalb greifen wir dann auf bewährte Verhaltensmuster, auf Faustformeln zurück – und bleiben entscheidungs- wie handlungsfähig. Nur hat das mit Fortschritt eben herzlich wenig zu tun. Dazu kommt es erst, wenn wir uns darüber bewusst werden, dass wir Mustern und nicht unserem Verstand folgen.

Besser wäre das aber.

[Bildnachweis: turgaygundogdu, Doppelganger4 by Shutterstock.com]
19. Februar 2017 Autor: Jochen Mai

Jochen Mai ist Gründer und Chefredakteur der Karrierebibel. Er doziert an der TH Köln über Social Media Marketing und ist gefragter Keynote-Speaker. Zuvor war der Diplom-Volkswirt als Journalist tätig - davon 13 Jahre als Ressortleiter der WirtschaftsWoche.

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