4-Ohren-Modell: Die vier Seiten einer Nachricht

Das Vier-Ohren-Modell (auch „Vier-Seiten-Modell“ oder „Nachrichtenquadrat“) ist ein Kommunikationsmodell von Friedemann Schulz von Thun. Danach enthält jede Nachricht nicht nur eine, sondern vier Botschaften gleichzeitig, die wir auf vier unterschiedlichen Ebenen wahrnehmen. Entscheidend in der Kommunikation ist dann, auf welcher Ebene die Botschaft vom Empfänger verstanden wird – beziehungsweise mit welchem der vier Ohren diese gehört und interpretiert wird.

Das 4-Ohren-Modell ist ein Klassiker in der Kommunikationsforschung und verdeutlicht zugleich, warum sich Menschen regelmäßig missverstehen oder aneinander vorbei reden. Wir zeigen hier, wie das 4-Ohren-Modell funktioniert, geben dazu praktische Beispiele sowie Tipps, wie sich Missverständnisse künftig vermeiden lassen…

4-Ohren-Modell: Die vier Seiten einer Nachricht

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Das 4-Ohren-Modell einfach erklärt

Der Hamburger Kommunikationswissenschaftler und Psychologe, Friedemann Schulz von Thun, entwickelte unter Zuhilfenahme von sprachtheoretischen Analysen von Paul Watzlawick und Karl Bühler das sogenannte 4-Ohren-Modell. Nach diesem Kommunikationsmodell besteht eine Nachricht grundsätzlich aus vier Botschaften und Ebenen:

1. Sachebene (worüber wird gesprochen)
2. Selbstoffenbarung (was denkt der Sprechende)
3. Beziehungsebene (wie steht der Sprechende zum Empfänger)
4. Appell (was will der Sprechende vom Empfänger)

Kurz: Jede Person spricht mit vier Schnäbeln und hört mit vier Ohren. Friedemann Schulz von Thun spricht dabei selbst von den „vier Seiten einer Nachricht“. Sie geben dem 4-Ohren-Modell auch seine weiteren Bezeichnungen, etwa als „Nachrichtenquadrat“, „Kommunikationsquadrat“ oder „Vier-Seiten-Modell“. Schulz von Thun selbst stellte die vier Ebenen 1981 in seinem Fachbuch „Miteinander reden“ als Quadrat dar. Mithilfe des 4-Ohren-Modells lässt sich anschaulich beschreiben, warum sich Menschen regelmäßig missverstehen. Oder eben Botschaften, die wir senden, auf vier unterschiedlichen Ebenen interpretiert werden können. Wer sich diese Ebenen im 4-Ohren-Modell bewusst macht, kann zukünftig Konflikte Missverständnisse in der Kommunikation leichter vermeiden.

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Wie funktioniert das 4-Ohren-Modell?

Schauen wir uns die vier Ebenen des Kommunikationsmodells genauer an. Danach kann jede Nachricht oder Botschaft auf vier unterschiedliche Arten verstanden werden – und zwar unabhängig davon, was jemand tatsächlich gesagt hat oder (mit seinen „vier Schnäbeln“) sagen wollte:

Sachebene

Im „ersten Ohr“ geht es um den reinen Sachinhalt. Welche Information wird durch die Nachricht übermittelt? Auf der Sachebene werden reine Fakten und Daten kommuniziert. Für den Empfänger stellt sich allein die Frage, ob die übermittelten Informationen wahr oder unwahr, relevant oder irrelevant sind beziehungsweise ob sie einer Ergänzung oder Nachfrage bedürfen.

Selbstoffenbarung

Diese Seite der Botschaft, die „Selbstkundgabe“, ist dem Sprecher oft nicht klar. Egal, was man sagt, man gibt immer zugleich etwas über sich und die eigene Persönlichkeit preis. Zum Beispiel eigene Emotionen, Werte, Ansichten und Bedürfnisse. Getreu dem Motto: „Was Peter über Paul sagt, sagt mehr über Peter als über Paul.“ Diese Selbstoffenbarung kann gewollt sein. Häufiger aber geschieht sie unbewusst – durch Wortwahl, Betonung, Gestik und Mimik. So spürt der Empfänger, dass im Subtext mehr mitschwingt.

Beziehungsebene

Auf der Beziehungsebene, dem dritten Ohr, erfährt der Empfänger, wie der Sender zu ihr oder ihm steht. Auch hier unterstützt die Körpersprache das Gesagte. Ein Stirnrunzeln, ein Lächeln oder ein koketter Augenaufschlag vermitteln, ob jemand irritiert ist oder beispielsweise mit uns flirtet. Je nachdem, ob der Empfänger die Nachricht vor allem auf der Beziehungsebene hört, kann er oder sie sich wertgeschätzt oder auch angegriffen fühlen.

Appell

Auf dieser Ebene verdeutlicht der Sender, was er oder sie vom Empfänger möchte. Das können an den Empfänger direkt gerichtete Bitten, Befehle, Wünsche oder Ratschläge sein. Der Appell kann sich aber auch zwischen den Zeilen verbergen – etwa, indem mit der Nachricht versucht wird, Einfluss auf den Empfänger auszuüben. Der Empfänger frag sich anschließend, was er tun oder unterlassen soll und ob er dem Appell folgt oder nicht.


Konflikte programmiert

Selbst wenn bei einem Dialog das Verständnis auf der Sachebene bei Sender und Empfänger identisch ist, kann es noch immer zu Unstimmigkeiten und Trugschlüssen kommen. Grund: Wenn Sender und Empfänger die vier Seiten einer Botschaft unterschiedlich gewichten, können sie dennoch aneinander vorbei reden. Möchte jemand zum Beispiel einen Appell an sein Gegenüber richten, während der oder die nur auf dem Beziehungsohr hört, entsteht leicht ein Konflikt.


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4-Ohren-Modell Beispiele

Kommunikation braucht stets einen Sender und einen Empfänger. Der Sender versucht seine Nachricht zu übermitteln und codiert sie, indem er die Nachricht per Sprache, Schrift oder Körpersprache übermittelt. Aufgabe des Empfänger ist es, diese Nachricht zu decodieren. Ist vom 4-Ohren-Modell die Rede, steht aber genau genommen nur der Empfänger einer Nachricht im Mittelpunkt. Es sind seine Ohren, die hören und interpretieren. Nicht was der Sender sendet, sondern was beim Empfänger ankommt, ist häufig das Problem gestörter Kommunikation. Oder wie man umgangssprachlich sagt: Auf dem einen Ohr hören wir nicht besonders gut oder sogar falsch.

4-Ohren-Modell Mann-Frau

Stellen Sie sich bitte folgende Situation vor als Beispiel: Ein Mann und eine Frau sitzen im Auto, sie fährt. An einer roten Ampel hält sie an. Als die Ampel von gelb auf grün schaltet, fährt die Frau nicht unmittelbar los, woraufhin der Mann sagt: „Es ist grün.“ Eine sachlich wahre Information. Eigentlich neutral. Auf der Bedeutungsebene im 4-Ohren-Modell aber kann die Nachricht komplett anders interpretiert werden, weil die Frau diese mit ihrem Sach-Ohr, Selbstoffenbarungs-Ohr, Beziehungs-Ohr und Appell-Ohr aufnimmt.

Was der Sender meinen könnte

  • Sachebene: „Die Ampel hat auf grün geschaltet.“
  • Selbstoffenbarung: „Ich habe es eilig und möchte losfahren.“
  • Beziehung: „Ich kann besser Autofahren.“
  • Appell: „Mach voran!“

Was beim Empfänger ankommen kann

  • Sachebene: „Die Ampel steht auf Grün.“
  • Selbstoffenbarung: „Du bist zu langsam.“
  • Beziehung: „Du kannst kein Auto fahren.“
  • Appell: „Das nächste Mal fahre ich wieder.“

Das Beispiel spielt natürlich mit einem klassischen Klischee. Es illustriert aber gut, wie das 4-Ohren-Modell funktioniert. Fassen beide Gesprächspartner die Aussage ungünstig auf und hören Sie die Nachricht nur auf dem „Beziehungs-Ohr“, ist Streit programmiert.

4-Ohren-Modell Mutter-Sohn

Ein weiteres Beispiel für das 4-Ohren-Modell: Ein Sohn bittet seine Mutter, sein Lieblingsdessert zu machen. Der Sohn probiert das Dessert und fragt: „Hast du das Dessert anders gemacht?“

Was der Sender meinen könnte

  • Sachebene: „Das Dessert schmeckt anders als sonst.“
  • Selbstoffenbarung: „Das Dessert besser/schlechter.“
  • Beziehung: „Ich möchte ehrliches Feedback geben.“
  • Appell: „Bitte mach das Dessert immer/nie wieder so.“

Was beim Empfänger ankommen kann

  • Sachebene: „Das Dessert schmeckt anders als sonst.“
  • Selbstoffenbarung: „Ich bin enttäuscht/begeistert.“
  • Beziehung: „Du kannst nicht/prima kochen.“
  • Appell: „Bitte keine/mehr Experimente!“
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4-Ohren-Modell im Beruf

Das 4-Ohren-Modell lässt sich natürlich auf alle Lebensbereiche übertragen: Familie, Schule, Beruf. Überall dort, wo Menschen regelmäßig miteinander reden, können sie sich auch – bewusst oder unbewusst – falsch verstehen. In Schule oder Beruf hat das jedoch oft negativere Folgen, weil hier eine geringere emotionale Bindung besteht oder generell weniger Vertrauen herrscht. Wenn Sie das 4-Ohren-Modell im Beruf nutzen, sollten Sie daher unbedingt folgende Punkte beachten:

  • Achten Sie auf eine präzise und eindeutige Sprache.
  • Die Aussagen sollten frei von Ironie und Sarkasmus sein.
  • Eine Bitte oder einen Wunsch sollten Sie klar formulieren.
  • Versteckte Hinweise sind tabu und können passiv-aggressiv verstanden werden.
  • Gleiches gilt für unterschwellige Vorwürfe.
  • Vergewissern Sie sich, dass die Botschaft richtig verstanden wurde.
  • Wenn Sie unsicher sind, fragen Sie aktiv nach.
    • Machen Sie sich bewusst: Trotz klarer Kommunikation und eindeutigen Worten liegt es nicht 100-prozentig in der Macht des Senders, ob der Empfänger eine Nachricht so empfängt wie es beabsichtigt war. Das liegt unter anderem an der Komplexität der Aussage, der Präzision der Formulierung, den kognitiven Fähigkeiten des Empfängers und dessen aktueller Tagesform. Hinzu kommt häufig die sogenannte nonverbale Kommunikation. Paraverbale Signale können bei der Übermittlung von Nachrichten ein Störgefühl auslösen oder die Aussage gar ins Gegenteil verkehren.
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      Warum aktives Zuhören immer wichtiger wird

      Die meisten Menschen hören nicht einmal mit zwei Ohren zu: Sie reden lieber. Von fast jedem vielversprechenden Mitarbeiter wird heute Kommunikationsstärke erwartet: Er oder sie soll präsentieren, argumentieren, überzeugen können – und das alles dank mitreißender Eloquenz und geschliffener Rhetorik. Alles nicht falsch. Doch wird dabei oft jene Eigenschaft vergessen, die weitaus weniger kräftezehrend wirkt und obendrein häufig viel schneller ans Ziel führt: das Zuhören. Das 4-Ohren-Modell erinnert und mahnt uns gleichsam dazu und daran.

      Zuhören ist eine Tugend – und ein wichtiger Erfolgsschlüssel obendrein. Wer zuhört, erfährt mehr und kann so bessere Entscheidungen treffen. Zuhörer können Wichtiges von Unwichtigem unterscheiden – und dies anschließend auch entsprechend kommentieren. Sie geben ihrem Gegenüber das Gefühl, respektiert und wertgeschätzt zu werden. Und: Wer mehr zuhört, kann auch weniger Quatsch erzählen. Kurz: Wer wirklich was zu sagen hat, hört erst einmal zu.

      Reden ist Silber – zuhören ist Gold

      Die positive Wirkung des Zuhörens konnte schon der Harvard-Professor William Ury nachweisen. Bei seinen Studien zeigte sich, dass Menschen, die ihrem Gegenüber aktiv zuhören, bessere Verhandlungsergebnisse erzielen als jene, die vor allem ihre eigenen Argumente und Ideen vorbringen. Bei Experimenten von Wissenschaftlern der Universität von Tennessee wiederum sprach ein Drittel der Probanden guten Zuhörern die größte Kommunikationskompetenz zu – einem der 10 wichtigsten Soft Skills.

      Erstaunlich, aber wahr: Es gibt zahlreiche Coaches, Trainer und meterweise Ratgeberliteratur darüber, wie wir bessere Reden halten, überzeugender präsentieren, besser verkaufen. Aber so gut wie keine Seminare, Trainings, Bücher über besseres Zuhören. Dabei lernen wir 85 Prozent dessen, was wir wissen, durch Zuhören. Um Fehlinterpretationen, Missverständnisse (im Job) und Konflikte unter Kollegen oder Freunden künftig zu vermeiden, ist es ratsam, mindestens mit zwei Ohren hinzuhören, besser aber noch mit vier Ohren. Und umgekehrt sich seiner vier „Schnäbel“ bewusst zu werden.

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      [Bildnachweis: Karrierebibel.de]
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7. September 2020 Jochen Mai Autor: Jochen Mai

Jochen Mai ist Gründer und Chefredakteur der Karrierebibel. Der Autor mehrerer Bücher doziert an der TH Köln und ist gefragter Keynote-Speaker, Coach und Berater.


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