Eisbergmodell: Kommunikation zwischen den Zeilen

Was wir sagen und was wir nicht sagen, wird längst nicht nur durch Worte transportiert. Den deutlich größeren Teil machen der persönlichen Hintergrund, das Verhältnis zum Gegenüber und die aktuelle Situation aus. Das Eisbergmodell bringt in der Kommunikationspsychologie genau dieses Verhältnis zwischen sichtbarer Sachebene und unsichtbarer Beziehungsebene auf den Punkt. Wir erklären, was das Eisbergmodell in der Kommunikation bedeutet, geben zahlreiche Beispiele aus dem Alltag und zeigen, was Sie wissen müssen…

Eisbergmodell: Kommunikation zwischen den Zeilen

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Definition: Was sagt das Eisbergmodell aus?

Das Eisbergmodell (im Englischen Iceberg Theory oder Iceberg Model) ist ein bekanntes Kommunikationsmodell aus der Psychologie und Pädagogik. Es besagt, dass die zwischenmenschliche Kommunikation nur zu einem kleinen Teil von rund 20 Prozent aus bewussten, sichtbaren und rationalen Informationen besteht. Das sind Zahlen, Daten, Fakten und eindeutige Aussagen, die wir mit Worten ausdrücken. Dies ist die sogenannte Sachebene.

Viel größer ist der unsichtbare Teil der Beziehungsebene. Das sind Ängste, Gefühle und Erfahrungen (vorbewusste Ebene) ebenso wie Triebe, Instinkte und Traumata (unbewusste Ebene). Diese Faktoren zeigen sich in der nonverbalen Kommunikation.

Mimik und Gestik, aber besonders auch der Tonfall können einer Aussage eine völlig neue Bedeutung geben. Gerade deshalb ist die Beziehungsebene so wichtig. Sie überträgt Emotionen und Stimmungen, Wertvorstellungen, aber auch Absichten und Motive.

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Eisbergmodell: Freud und Hemmingway als Inspiration

Erstmals genutzt wurde die Metapher des Eisbergs von Ernest Hemingway. Er sagte:

Wenn der Schriftsteller nur aufrichtig genug schreibt, wird der Leser das Ausgelassene genauso stark empfinden, als hätte der Autor es zu Papier gebracht. Ein Eisberg bewegt sich darum so anmutig, da sich nur ein Achtel von ihm über Wasser befindet.

Als inhaltlicher Pate für das Eisbergmodell gilt der Psychoanalytiker Sigmund Freud. In seiner Persönlichkeitstheorie teilt Freud das menschliche Bewusstsein in drei Bereiche:

  • Es (Lustprinzip)
    Dieser Teil steht für Triebe, Wünsche und Bedürfnisse.
  • Über-Ich (Moralitätsprinzip)
    Das Über-Ich umfasst Werte, Normen und moralische Prinzipien.
  • Ich (Realitätsprinzip)
    Das Ich sorgt für einen Ausgleich der beiden Instanzen im Handeln eines Menschen.

Die Übertragung des Modells auf die Kommunikation wird Paul Watzlawick zugeschrieben. So stehen das Es und Über-Ich im Eisbergmodell für die unbewusste Beziehungsebene. Sie machen die 80 Prozent des unsichtbaren Eisbergs aus und haben großen Einfluss auf die Aussage. Das Ich steht wiederum für das, was ein Mensch tatsächlich durch seine Worte sagt.

Auch andere Wissenschaftler haben das Eisbergmodell genutzt und weiterentwickelt. Im Kommunikationsbereich Friedemann Schulz von Thun in seinem Vier-Ohren-Modell, ebenso ist das Zwiebelmodell des niederländischen Kulturwissenschaflers Geert Hofstede vom Eisbergmodell beeinflusst und wird in der Unternehmenskultur angewandt.


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Bedeutung des Eisbergmodells in der Kommunikation

In der Kommunikation steht das Eisbergmodell in erster Linie für die Bedeutung der unsichtbaren, nonverbalen Kommunikation. Um erfolgreich, ohne Missverständnisse und Probleme zu kommunizieren, reicht es eben nicht aus, sich lediglich auf das Gesagte zu konzentrieren. Dieser Teil macht schließlich nur rund 20 Prozent aus – der deutlich größere Teil der Botschaft versteckt sich in dem, was nicht gesagt, aber gemeint wird.

So ist das Eisbergmodell eine Erklärung für Konflikte im zwischenmenschlichen Bereich. Wird die Beziehungsebene ignoriert oder falsch interpretiert, werden 80 Prozent der eigentlichen Nachricht nicht oder falsch verstanden.

Eisbergmodell: Beispiele aus dem Alltag

Ein und dieselbe Aussage kann je nach Kontext und Beziehungsebene völlig unterschiedliche Bedeutungen haben. Im privaten und beruflichen Alltag wird deshalb stets gedeutet, was der Gesprächspartner tatsächlich meint. Wie sehr Sach- und Beziehungsebene auseinander liegen können, zeigen folgende Beispiele zum Eisbergmodell:

  1. „Wie schön, dass du befördert wurdest.“
    Auf der Sachebene eine nette, scheinbar unverfängliche Botschaft an einen Kollegen. Je nach Tonfall oder mit einem Augenrollen kombiniert, kann es aber auch ein abwertender Kommentar sein. Dann geht es nicht mehr um eine Gratulation, sondern die deutliche Botschaft: Du hast die Beförderung nicht verdient und ich gönne Sie dir nicht.
  2. „Du solltest die Aufgabe übernehmen.“
    Es kann ein echtes Kompliment dahinter stecken. Motto: „Du bist so gut darin, dass es auf jeden Fall ein Erfolg wird.“ Es kann aber auch der Versuch eines faulen Kollegen sein, sich vor einer unliebsamen Aufgabe zu drücken. Wie diese Aussage aufgefasst wird, hängt stark von der Situation und der Beziehung zwischen den Kollegen ab.
  3. „Weißt du, wie spät es ist?“
    Die Frage kann wörtlich gemeint sein, wenn Ihr Gegenüber gerade keine Uhr zur Hand hat. Die gleiche Frage kann aber auch eine direkte Anschuldigung sein. Kommt beispielsweise ein Mitarbeiter zu spät ins Büro und der Chef sagt „Weißt du, wie spät es ist?“, will er sicherlich nicht die Uhrzeit wissen.
  4. „Danke für deine Hilfe.“
    Auch hier können Sach- und Beziehungsebene komplett gegensätzlich sein. Vielleicht ist es echter Ausdruck von Dankbarkeit nach einer netten Geste der Hilfsbereitschaft. Mit passender Betonung wird daraus jedoch eine ironische Anmerkung, wenn das Handeln alles andere als hilfreich war oder der andere sich geweigert hat, überhaupt zu helfen.
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Eisbergmodell: Konflikte auf den Ebenen vermeiden

Konflikte sind für die Beteiligten nie angenehm. Sie lösen Kampf- oder Fluchtreflexe aus, rauben Zeit und Energie. Leider kommt es dabei immer wieder zur Eskalation eines Streits, es wird laut und gegenseitige Anschuldigungen fliegen durch den Raum. Wie leicht das passieren kann, zeigen die obigen Beispiele.

Das Eisbergmodell kann helfen, Missverständnisse und damit Konflikte zu vermeiden. Dafür muss zunächst identifiziert werden, auf welcher Ebene die Ursache des Problems liegt – denn Sach- und Beziehungsebene erfordern unterschiedliche Maßnahmen.

Konflikte auf der Sachebene

Ist es ein reines Sachproblem, kann das Missverständnis relativ leicht aus dem Weg geräumt werden. Ein solcher Fall liegt beispielsweise vor, wenn der Zuhörer das Gesagte falsch versteht oder nicht genügend Informationen hat, um die Aussage einzuordnen. Typische Gründe für Konflikte auf der Sachebene:

  • Falschinformationen
  • Zu wenig Informationen
  • Fehlinterpretationen
  • Unterschiedliche Gewichtung bei den Gesprächspartnern

Was können Sie tun?

  • Hören Sie aufmerksam zu.
  • Verwenden Sie klare und eindeutige Ausdrücke.
  • Fragen Sie bei Unklarheiten nach. Ermutigen Sie andere, das Gleiche zu tun.
  • Lassen Sie sich Rückmeldung geben.
  • Ziehen Sie gegebenenfalls neutrale Dritte hinzu.
  • Stellen Sie allgemein verbindliche Regeln für die Kommunikation auf.

Konflikte auf der Beziehungsebene

Wesentlich komplexer ist ein Konflikt auf der Beziehungsebene. Hier liegt das Problem tiefer und entsteht beispielsweise aufgrund einer bestimmten Erwartungshaltung an den Gesprächspartner. Zusätzlich gibt es weitere Ursachen, die zu Problemen auf der Beziehungsebene führen können:

  • Rollenkonflikte

    Gerade in Teams kommt es immer wieder zu Rollenkonflikten. Oft ist dabei die Aufgaben- und Kompetenzenverteilung unklar. Sind die Rollen nicht eindeutig geklärt oder verhält sich eine Person anders, als von seiner Rolle in der Gruppe erwartet wird, kommt es zu Konflikten.

    Tipp: Hier sind Selbstreflexion und Feedback probate Mittel, um eine Rollenverteilung zu gewährleisten, mit der jedes Teammitglied einverstanden ist. Wichtig ist auch, dass Sie als Teammitglied kommunizieren, wo Sie sich sehen.

  • Wertekonflikte

    Zwei Personen vertreten völlig unterschiedliche Haltungen in einem Punkt. An dieser Stelle müssen Sie sich klar machen, dass eine Einigung oftmals schwer ist, da Werte eine tiefe persönliche Ebene betreffen.

    Tipp: Vermeiden Sie Wertediskussionen, schauen Sie stattdessen auf Gemeinsamkeiten, den größten gemeinsamen Nenner. Und begreifen Sie unterschiedliche Ansichten als Bereicherung, da beide daraus lernen können.

  • Beziehungskonflikte

    Hier spielen Wahrnehmung, Interpretation und Unterstellung häufig mit hinein. Schnell werden Du-Botschaften und Vorwürfe formuliert. Ebenso kann es eine reine Frage der Sympathie sein – manchmal mag man einen anderen Menschen aufgrund seiner Art und Persönlichkeit einfach nicht.

    Tipp: Anschuldigungen lassen sich vermeiden, indem Sie möglichst offen Ihre Interessen und Position darlegen. So kann die andere Partei erkennen, an welcher Stelle möglicherweise fehlinterpretiert wurde. Hilfreich ist es zudem, den Konflikt auf der Sachebene zu lösen. Gerade bei fehlender Sympathie ist es schwierig bis unmöglich, auf der Gefühlsebene ein Problem zu beheben.

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Das Eisbergmodell in der Unternehmenskultur

Übertragen auf die Unternehmenskultur steht das Eisbergmodell ebenfalls für eine Unterscheidung in einen sichtbaren und einen unsichtbaren Bereich. Zu dem sichtbaren Bereich gehören in einem Unternehmen beispielsweise die Gestaltung der Büros, das Verhalten und Auftreten der Mitarbeiter, auch durch bestimmte Dresscodes. Auch direkte Kommunikation in Gesprächen oder schriftlich festgehaltene Regeln gehören dazu.

Noch wichtiger ist auch hier das Unsichtbare: Allen voran die Werte, Visionen und das gelebte Leitbild. Wofür steht das Unternehmen? Was ist sein Ziel und Purpose? Wie wird mit Kunden umgegangen? Und wie ist der interne Umgang mit den eigenen Mitarbeitern?

Auch die Grundbedürfnisse der Mitarbeiter nach Sicherheit oder der Wunsch nach Weiterentwicklung spiegeln die Unternehmenskultur wider.

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[Illustration: Karrierebibel.de]

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