Erfahrungen: Bitte nicht mit Kompetenz gleichsetzen!

Es ist ein weit verbreiteter Irrglaube: Wenn man etwas nur lange genug macht, wird man mit der Zeit immer besser. Aber kann das wirklich so einfach sein und steigt mit mehr Erfahrungen automatisch die Kompetenz? Leider nein, denn selbst aus jahrelanger Erfahrung entstehen nicht zwangsläufig größeres Wissen und bessere Fähigkeiten – besonders dann nicht, wenn die Zeit nicht genutzt wurde, um Neues dazu zu lernen. Wir zeigen, warum Sie Erfahrung und Kompetenz nicht grundsätzlich gleichsetzen können und wie es Ihnen dennoch gelingt, von Ihren Erfahrungen zu profitieren und sich weiterzuentwickeln…

Erfahrungen: Bitte nicht mit Kompetenz gleichsetzen!

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Definition: Wann spricht man von Erfahrungen?

Es sagt sich so leicht dahin: „Damit habe ich gute / schlechte Erfahrungen gemacht.“ – Wie oft müssen Sie etwas ausprobieren, um von Erfahrungen sprechen zu können? Wer einmal beispielsweise ein neues Produkt testet und damit unzufrieden ist, wird vermutlich von schlechten Erfahrungen sprechen. Einleuchtend ist, dass diese Beschreibung nicht ohne weiteres aufs Berufsleben übertragbar ist. Nur weil jemand einmalig etwas erledigt hat, würde man ihm nicht automatisch Erfahrungen zusprechen. So betrachtet gibt es eine sehr weite Auslegung des Begriffes und eine recht enge, die vermutlich eher an Kompetenz herankommt. Man muss in bestimmten Bereichen offenbar etliche Erfahrungen sammeln, um sich selbst welche zusprechen zu können.

Der Duden definiert Erfahrung als eine bei praktischer Arbeit oder durch Wiederholen einer Sache gewonnene Kenntnis. Erfahrung wird hier mit Routine gleichgesetzt. Ebenfalls kann ein Erlebnis, durch das jemand klüger wird, als Erfahrung bezeichnet werden. Drittens wird in der Philosophie das Wissen als Erfahrung bezeichnet, was sich durch Anschauung, Wahrnehmung, Empfindung gewinnen lässt. Damit eng zusammen hängt auch die Formulierung „etwas in Erfahrung bringen“. Synonym zu Erfahrung (englisch = experience) beziehungsweise Erfahrungen sprechen manche von:

➠ Bildung
➠ Erfahrungsschatz
➠ Geübtheit
➠ Kenntnisse
➠ Know-how
Menschenkenntnis
➠ Praxis
➠ Sicherheit
➠ Übung
➠ Wissen


Seine eigenen Erfahrungen bedauern heißt, seine eigene Entwicklung aufhalten. (Oscar Wilde)


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Worin unterscheiden sich Erfahrungen und Kompetenz?

Oft werden Erfahrungen und Kompetenzen synonym verwendet. Aber Erfahrung sagt nichts darüber aus, wie Sie diese Arbeit ausführen – wie heißt es in dem Zitat von Kurt Tucholsky bereits so treffend? Erfahrung heißt gar nichts. Man kann seine Sache auch 35 Jahre schlecht machen. Es kann sich eine Routine durch die tägliche Anwendung entwickeln, an der Kompetenz allerdings ändert sich über die Jahre hinweg nichts.

Viele denken, Kompetenz wachse mit der Zeit. Näher dran wäre: Erfahrung kommt mit der Zeit. Entscheidend für die Kompetenz ist, was Sie in dieser Zeit gelernt haben. Für Kompetenz – und vor allem deren Wachstum – sind Sie selbst verantwortlich, Stichwort: lebenslanges Lernen. Wer untätig bleibt und wartet, hat am Ende keine zusätzlichen Fähigkeiten vorzuweisen. Nur wer mehr macht, als er schon kann, verfügt später auch über mehr Kompetenz.

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Wie wirkt sich die Gleichsetzung aus?

Die Gleichsetzung von Erfahrung und Kompetenz hat konkrete Auswirkungen auf Arbeitnehmer und Unternehmen. In Stellenanzeigen suchen Arbeitgeber gezielt nach neuen Mitarbeitern mit Berufserfahrung. Gerade Berufsanfänger sehen sich regelmäßig mit dem Permission Paradox konfrontiert: Kein Job ohne Erfahrung, keine Erfahrung ohne Job. Unternehmen hoffen so Zeit bei der Einarbeitung zu sparen. Allerdings übersehen sie zweierlei:

Erfahrene Mitarbeiter sind nicht immer kompetenter

Lange Berufserfahrung wird häufig – gerade von älteren Kollegen – mit einer größeren Kompetenz gleichgesetzt. Das ist aber eben nicht immer der Fall. Teilweise bringen junge Kollegen in einigen Bereichen das größere Wissen und Verständnis mit, obwohl man es ihnen nicht zutraut. Bewerber bekommen keine Chance, ihr Können unter Beweis zu stellen und die Bemühungen enden in einer Jobabsage.

Sie lernen nicht automatisch durch Ihre Erfahrung

Menschen neigen zur Selbstüberschätzung, das heißt, die eigene Kompetenz wird häufig über dem Durchschnitt angesiedelt. Dennoch sollten Sie hinterfragen, ob Sie sich nur auf Ihre Erfahrung berufen oder tatsächlich Ihr Wissen und Ihre Fähigkeiten erweitert haben.

Kompetenz kann Erfahrung natürlich nicht immer ersetzen:

  • Umgang mit Kunden
    Auch die größte Kompetenz in Sachen Kundengespräch hilft nicht weiter, wenn man es plötzlich mit einem schwierigen Kunden zu tun bekommt. Ein Kollege, der damit hingegen schon Erfahrungen hat, weiß in dieser Situation, was zu tun ist.
  • Abläufe im Unternehmen
    Erfahrene Mitarbeiter entwickeln ein Gespür für die Dinge, die bei Ihrem Arbeitgeber vorgehen. Sie wissen, wie mit Problemen umgegangen wird und haben oft wichtige Kontakte zur Führungsetage.

Erfahrungen Machen Definition Kreativitaet Grafik

Erfahrungen als Argument für Führungsstärke?

Es kommt noch dicker. Im Allgemeinen wird gerade für Führungskräfte angenommen, dass Erfahrungen aus einer Person eine gute Führungskraft machen. Die Wirtschaftspsychologen Uwe Peter Kanning und Philipp Fricke sind der Frage nachgegangen, inwieweit Erfahrungen als Führungskraft eine Person automatisch darin kompetent werden lassen. Für ihre Studie fertigten sie Potentialanalysen von 814 Mitarbeitern eines großen deutschen Unternehmens an. Ausgewertet wurde, wer bereits Führungserfahrung hat und wer nicht. Die Mitarbeiter hatten sich freiwillig zur Teilnahme an einem Assessment Center gemeldet. Neun Kriterien wurden herangezogen, um die Führungsfähigkeit zu beurteilen:

➠ Entscheidungsfähigkeit
Selbstreflexion
Kommunikationsfähigkeit
Konfliktfähigkeit
➠ Kooperationsfähigkeit
➠ Führungsfähigkeit
➠ Organisationsfähigkeit
Problemlösefähigkeit
➠ Überzeugungsfähigkeit

66,2 Prozent der Teilnehmer hatten bereits Führungserfahrung. Man rechnete also im Vorfeld damit, dass diese in den typischen Aufgaben eines AC – also Rollenspiele, Gruppendiskussion und dergleichen – deutlich besser abschneiden als diejenigen Probanden, die keinerlei Erfahrungen im Führungsdingen hatten. Pustekuchen! Alle gängigen Annahmen wurden ad absurdum geführt. Die Ergebnisse in Kürze:

Erfahrung
Völlig unerheblich war, ob jemand bereits Erfahrungen in der Mitarbeiterführung hatte oder nicht. Im Gegenteil: Der Punkt Führungsfähigkeit fiel bei Führungsanfängern deutlich besser aus als bei alten Hasen.

Teamgröße
Auch brachte die Teamgröße keinen Vorteil: Wer in der Vergangenheit große Teams geleitet hatte, schnitt nicht besser ab als diejenigen mit kleinen Teams.

Alter
Erfahrungen werden ja gerne der Zeit und dem Alter zugeschrieben. Hinsichtlich der Führungsleistung ergab die Studie: Je älter der Proband, desto schlechter seine Führungsperformance im Assessment Center.

Geschlecht
Eine bittere Pille für Männer: Die Frauen schnitten in allen Bereichen besser ab als die Männer – und das, obwohl ihr Anteil an den Probanden so gering ausfiel; gerade mal 14,4 Prozent waren Frauen.

Die Erklärung: Offenbar setzen auch Personaler Erfahrungen schnell mit Wissen, Menschenkenntnis und mit Kompetenz gleich. Dabei entpuppen sich viele Selbstbeschreibungen von Bewerbern als nichts anderes als leere Phrasen. Mangelnde Selbstreflexion und die typisch menschliche Eigenschaft, die Schuld für Leistungsversagen bei anderen zu suchen, begünstigen dies. Dagegen hilft den Wissenschaftlern zufolge nur dies:

  • Bei Mitarbeitern: Regelmäßige Feedbacksysteme, die den Austausch und die kritische Selbstbetrachtung fördern.
  • Bei Bewerbern: Nicht gleich jeder Bewerbung eine Absage erteilen, nur weil keine Erfahrungen in der Führungsverantwortung vorhanden sind. Außerdem können Intelligenztests klar belegen, wie lernfähig die jeweilige Person sei.
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3 wirkungsvolle Tipps für mehr Kompetenz

Ob es Ihnen gelingt, Ihre Erfahrungen in Kompetenz umzuwandeln, können Sie größtenteils selbst bestimmen. Voraussetzung dafür ist Selbsterkenntnis und die Motivation, sich über die Zeit weiterzuentwickeln. Mit diesen drei Tipps erarbeiten Sie sich tatsächlich neue Kompetenzen, anstatt nur Erfahrungen zu sammeln:

Bleiben Sie offen für Neues.
Bleiben Sie auch nach mehreren Jahren noch offen für neue Ansätze und verrennen Sie sich nicht in Routinen. Damit das gelingt, sollten Sie bisherige Herangehensweisen hinterfragen und bereit sein, Neues auszuprobieren.

Lernen Sie dazu.
Erfahrung bedeutet, dass man sich auf einem Gebiet sicher bewegt. Um Kompetenz zu erwerben, müssen Sie sich hinauswagen und neue Dinge lernen. Auf diese Weise lernen Sie neue Fähigkeiten, die Ihre Kompetenz tatsächlich steigern. Und lernen heißt in diesem Fall auch Erfahrungen sammeln, indem Sie Learning by doing anwenden. Verfolgen Sie einen spielerischen Ansatz – einfach mal probieren, sich was trauen und schauen, was passiert.

Haben Sie keine Angst vor Fehlern.
Gerade durch Rückschläge und die daraus gewonnenen Erkenntnisse lässt sich der richtige Weg finden. Wer aus Angst nur bei dem bleibt, was er schon kennt, kann auch keine Kompetenz entwickeln.

Kompetenz wächst in der Lernzone

Die nachfolgende Grafik veranschaulicht, in welchen Zonen wir uns bewegen:

Erfahrungen machen Komfortzone Verlassen Wachstumszone

Wer sich in der Komfortzone befindet, kann über große Erfahrung in vielen Bereichen verfügen. Die für den Berufsalltag erforderlichen Kenntnisse sind vorhanden und finden Anwendung. Vorteil: Solange das Arbeitspensum gleich bleibt, ist mit wenig Stress zu rechnen, die Routine verleiht Sicherheit. Nachteil: Keine Herausforderungen intellektueller Art lullen hervorragend ein, geben aber keine Möglichkeit zum persönlichen oder beruflichen Wachstum. Sie kann irgendwann zum gefühlten Hamsterrad werden.

Das bedeutet, Sie müssen irgendwann Ihre Komfortzone verlassen, um neue Erfahrungen machen zu können – nämlich in der Lernzone. Helfen können Fortbildungen, neue Aufgaben und Herausforderungen, sowie der Blick über den eigenen Tellerrand hinaus. Selbst Bereiche, die auf den ersten Blick Panik verursachen – für viele Menschen gehören ungewohnte oder peinliche Situationen dazu – können wertvoll sein: Beispielsweise wenn Sie die Erfahrung machen, dass sich vieles im Nachhinein auflöst. Die Abschlussprüfung war doch nicht so schlimm, das erste Mal freihändig auf dem Rad fahren hat besser geklappt als gedacht.

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[Bildnachweis: Branislav Nenin by Shutterstock.com]
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29. September 2020 Nils Warkentin Autor: Nils Warkentin

Nils Warkentin studierte Business Administration an der Justus-Liebig-Universität in Gießen. Auf der Karrierebibel widmet er sich Themen rund um Studium, Berufseinstieg und Büroalltag.


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