Dunning-Kruger-Effekt: 4 Phasen der Selbstüberschätzung

Je inkompetenter die Person, desto größer oft ihr Selbstbewusstsein. Für dieses Phänomen gibt es einen Namen: den Dunning-Kruger-Effekt. Auch im Zusammenhang mit Corona lässt sich der Dunning-Kruger-Effekt beobachten, nahezu jeder ist ein Hobby-Virologe. Dahinter steckt eine gehörige Portion Selbstüberschätzung. Weshalb der Dunning-Kruger-Effekt nicht ganz unkritisch zu sehen ist. Was genau sich dahinter verbirgt und wie Sie ihn verhindern können…

Dunning-Kruger-Effekt: 4 Phasen der Selbstüberschätzung

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Was ist der Dunning-Kruger-Effekt?

Benannt ist der Dunning-Kruger-Effekt nach den US-Psychologen David Dunning und Justin Kruger, die 1999 die Experimente dazu initiierten. Sie wollten testen, wie Studenten der Cornell Universität ihre geistigen Fähigkeiten einschätzten – etwa im Bereich logisches Denken oder Grammatik. Das Ergebnis nach diversen Tests: Diejenigen, die besonders schlecht abgeschnitten hatten, schätzten ihren Lernerfolg und sich selbst besser ein als sie waren. Besonders intelligente Studenten dagegen unterschätzten ihre Leistungen regelmäßig. Die Wissenschaftler formulierten daraufhin einen vierstufigen Effekt, der seitdem ihren Namen trägt: den Dunning-Kruger-Effekt.

Im Zusammenhang mit dem Intelligenzquotienten wird auch vom „Downing-Effekt“ gesprochen (Englisch: „superiority illusion“). Die typischen vier Stufen:

  1. Stufe 1
    Inkompetente Menschen überschätzen regelmäßig ihr eigenes Können.
  2. Stufe 2
    Gleichzeitig sind sie nicht in der Lage, das Ausmaß ihrer eigenen Inkompetenz zu erkennen.
  3. Stufe 3
    Aufgrund ihrer Ignoranz können sie ihre Kompetenz nicht steigern und bleiben blind.
  4. Stufe 4
    Weshalb sie die überlegenen Fähigkeiten von anderen regelmäßig unterschätzen.

Zugegeben, das klingt ein wenig nach Populärwissenschaft, die es auch ist. Die beiden Psychologen bekamen deshalb für ihre „Entdeckung“ seinerzeit auch nur die satirische Auszeichnung des Ig-Nobelpreises. Dennoch muss man feststellen: Das beschriebene Phänomen lässt sich im Alltag (leider) nur allzu häufig beobachten. Ganz oft bilden Inkompetenz und Ignoranz ein siamesisches Zwillingspaar, das jeden Anflug von Kritik und (Selbst-)Erkenntnis im Keim erstickt.

„Ich weiß, dass ich nichts weiß.“ – Diesen Satz wird man von Betroffenen des Dunning-Kruger-Phänomens eher nicht hören. Sie sind vielmehr felsenfest von ihrer intellektuellen Überlegenheit überzeugt und versuchen dies auch regelmäßig anderen zu vorzuführen. Womit sie allerdings in gleicher Regelmäßigkeit das Gegenteil erreichen.

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Beispiele für den Dunning-Kruger-Effekt

Das wohl amüsanteste und zugleich eindrücklichste Dunning-Kruger-Effekt-Beispiel findet sich in der Kriminalgeschichte: Im Jahr 1995 beging McArthur Wheeler in Pittsburg kurz nacheinander zwei Banküberfälle. Dabei verzichtete er auf jegliche Maskierung, obwohl beide Banken kameraüberwacht waren. Als die Polizei die Aufnahmen zur Fahndung im TV ausstrahlen ließ, konnte Wheeler noch am selben Abend identifiziert und gefasst werden.

Allerdings fragten ihn die Beamten auch, warum er sich denn nicht wenigstens maskiert habe. Seine Erklärung: „Ich hatte extra Zitronensaft aufgetragen.“ Wheeler war der festen Überzeugung, dass wenn Zitronensaft als Geheimtinte tauge, ihn die Substanz auch für Videokameras unsichtbar machen müsste. Tja.

Es gibt noch weitere Beispiele für den Dunning-Kruger-Effekt:

  • Das Gros der Autofahrer glaubt, deutlich besser zu fahren als der Durchschnitt.
  • Die meisten Fußballfans halten sich für taktisch klüger und kompetenter als die verantwortlichen Trainer und Manager ihrer Lieblingsmannschaft.
  • Zahlreiche Wähler sind davon überzeugt, dass sie besser wissen, was für ihr Land das Richtige ist und dass sie das Land besser regieren könnten als die aktuelle Regierung.
  • Eine nicht zu unterschätzende Zahl der Facebook-Nutzer ist nicht in der Lage, zwischen Meinung und Wahrheit zu differenzieren. Oder anders formuliert: Sie sind davon überzeugt, dass alles, was sie meinen oder kritisieren, damit automatisch wahr und richtig ist.

Kurz: Halbwissen und Unkenntnis vermitteln den Betroffenen oft mehr Selbstsicherheit als wahres Wissen den Experten.

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Was ist das Gegenteil vom Dunning-Kruger-Effekt?

So wie es Menschen gibt, die sich permanent selbst überschätzen, gibt es auch das Gegenteil vom Dunning-Kruger-Effekt: Gemeint sind Personen, die tatsächlich über Expertise verfügen, allerdings voller Selbstzweifel stecken. Vom Impostor-Syndrom ist in solchen Fällen die Rede.

Dunning-Kruger-Effekt Gegenteil Impostor Syndrom Grafik

Das Impostor-Syndrom ist ähnlich wie der Dunning-Kruger-Effekt für Außenstehende nahezu unerklärlich. Wer darunter leidet, wirkt auf andere keineswegs inkompetent. Aber das Selbstbild der Betroffenen ist nunmal ein anderes.

Zwei Seiten des Dunning-Kruger-Effekts

Die geringe Selbstkritik ist nicht nur schädlich: Es führt bei vielen dazu, Dinge anzupacken, die sie sich bei nüchterner Betrachtung nicht zutrauen würden. Mit ein bisschen Glück funktioniert es dann doch. Je nachdem, wie stark der Dunning-Kruger-Effekt ausgeprägt ist, kann er also etwas Gutes haben. Zumal sich die Inkompetenz meist nur auf einen oder wenige Bereiche erstreckt. Das Phänomen sagt somit nichts über die generelle Intelligenz einer Person aus.

Auf der anderen Seite ist bei einigen Betroffenen ein ausgeprägter Narzissmus zu beobachten. Selbst bei augenscheinlichen Misserfolgen führen sie ihr Scheitern nur selten auf die eigene Inkompetenz, sondern vielmehr auf die Missachtung ihres Genies zurück. Das macht es auch mitunter so schwer, den Dunning-Kruger-Effekt zu verhindern.

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Feedback: Dunning-Kruger-Syndrom verhindern

Wer an Selbstüberschätzung leidet, wird dies nicht merken, bis ihm jemand (besser mehrere) die eigene Inkompetenz (in diesem Punkt) vor Augen führen. Einsicht ist beim Dunning-Kruger-Syndrom allerdings ein schmerzhafter Prozess, der meist von sogenannter kognitiver Dissonanz begleitet wird. Effekte: Abwehrhaltung, Vorwärtsverteidigung, Wut, Trotz, Rechtfertigungen…

Dagegen ist kaum ein Kraut gewachsen – außer beharrlich und konstruktiv Feedback zu geben beziehungsweise sich selbst in ehrlicher und schonungsloser Selbstreflexion zu üben. Und zu erkennen, dass Wissensaneignung in mehreren Etappen stattfindet.

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5 Stufen der Kompetenzsentwicklung

Eines der Kernprobleme der Kommunikation ist, dass Menschen etwas ganz anderes hören, sehen oder verstehen als tatsächlich gesagt wurde:

Dunning-Kruger-Effekt Kommunikation Sagen Verstehen Grafik

Dahinter stecken zementierte Weltbilder oder das Problem der selektiven Wahrnehmung. Es ist aber gerade diese Tendenz des Dunning-Kruger-Effekts, die eigenen Defizite nicht zu erkennen, die dafür sorgt, dass manche Menschen sich nicht weiterentwickeln und nichts lernen (wollen). Das lässt sich zum Beispiel gut an dem sogenannten Dreyfuss-Modell aus dem Jahr 1989 illustrieren. Danach gibt es fünf Stufen der Kompetenzentwicklung:

  • Anfänger
  • Fortgeschrittener
  • Kompetenter
  • Versierter
  • Experte

Tatsächlich aber glauben viele Fortgeschrittene schon mit dem Erwerb neuer Erkenntnisse (oder mit etwas Halbwissen) die Stufe des Kompetenten oder gar Experten erklommen zu haben. Dieser Irrglaube ist als Experten-Syndrom bekannt.

PS: Eine Zusammenfassung des Dunning-Kruger-Effekts als kostenlose PDF-Datei können Sie hier herunterladen:

Dunning-Kruger-Effekt (PDF)

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Das Plateauphasenmodell des Lernens

Der Aikido-Meister George Leonard beschrieb schon 1992 den Lernprozess als Plateauphasenmodell. Demnach lernen wir nicht linear, sondern von Ebene zu Ebene: Wenn wir beginnen, eine neue Software, die Vokabeln einer fremden Sprache oder einen frischen Golfschwung zu lernen, erfolgt zuerst eine Phase des schnellen Fortschritts.

Durch alte Verhaltensmuster erleiden wir jedoch irgendwann einen leichten Rückfall. Es geht vorerst nicht weiter, wir erreichen das erste Plateau. Ab hier heißt es üben, üben, üben, bis wir die Zwischenschritte intus haben. Durch Wiederholung schleifen sie sich ein. Erst dann erklimmen wir, durch weiteres Üben, das nächste Plateau.

Dunning-Kruger-Effekt Leonard Lernphase Plateaumodell

Auch dieses Modell ist recht simpel – ähnlich wie der Dunning-Kruger-Effekt. Dafür veranschaulicht es gut, warum einige wahre Meister werden, während andere nur den Dilettantenstatus perfektionieren. Letztere lassen sich übrigens fast immer in drei Typen unterscheiden:

  1. Die Ersten gehen anfangs euphorisch an die neue Aufgabe heran. Dann allerdings kommt der erste Rückschlag – und mit ihm verpufft die Euphorie. Sie brechen frustriert ab.
  2. Die Zweiten verharren auf dem ersten Plateau. Sie sind jetzt keine Anfänger mehr und das Halbwissen reicht ihnen, um durchzukommen. Wozu mehr Mühe? Diese Typen treffen ein bequemes, aber gefährliches Arrangement.
  3. Die Dritten nutzen die Chance des Plateaus nicht, um das Antrainierte zu vertiefen. Kaum haben sie die eine Ebene erreicht, klettern sie weiter und weiter – bis sie ausrutschen und abstürzen. Manche Dinge brauchen eben Zeit.

Der wahre Meister hingegen lässt sich von Rückschlägen nicht abbringen. Er behält sein Ziel im Auge, versucht es weiterhin, egal wie mühevoll das ist. Beherrscht er schließlich sein Metier, verlässt er die Routine, um seine Grenzen auszubauen. Bis zum Sensei.

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[Bildnachweis: Karrierebibel.de]

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27. November 2020 Jochen Mai Autor: Jochen Mai

Jochen Mai ist Gründer und Chefredakteur der Karrierebibel. Der Autor mehrerer Bücher doziert an der TH Köln und ist gefragter Keynote-Speaker, Coach und Berater.


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